03.02.1975

ITALIENMama, warum?

Acht Monate nach ihrem Sieg im Seheidungs-Krieg kämpfen Italiens Antiklerikale nun für die gesetzliche Erlaubnis zur Abtreibung. Sie verlangen eine Volksabstimmung.
Die Nachbarn vermuteten "Sex-Orgien oder so was ähnliches". Denn zweimal wöchentlich, immer nur nachmittags, fuhren auffallend viele junge Frauen zu der eleganten Villa in der Via Dante da Castiglione Nr. 6 in Florenz.
Etliche Sittenwächter der neofaschistischen "Sozialbewegung" (MSI) schöpften gleichfalls Verdacht. Sie spionierten und erstatteten Anzeige. Kurz darauf nahmen die Carabinieri den Gynäkologen Giorgio Conciani fest: Der Dottore betrieb in der Villa eine
Abtreibungsklinik. Für den Eingriff in der "Engelfabrik" (wie Italiens -Presse sogleich schrieb) zahlten die Patientinnen rund 400 Mark, also nur ein Siebtel dessen, was italienische Mediziner sonst maximal dafür verlangen.
Conciani arbeitete mit der (linken) Radikalen Partei zusammen, die schon seit Jahren gegen das im katholischen Italien gültige totale Abtreibungs-Verbot kämpft. Ihr Parteisekretär erklärte sich denn auch
verantwortlich für die illegale Klinik -- und wurde prompt arretiert. Vorletzten Sonntag schließlich nahm die Polizei -- während einer Kundgebung der Radikalen in Rom -- auch Adele Faccio fest, Leiterin der "Informationszentren für Sterilisation und Abtreibung".
Die Verhaftungen lösten eine Protestwelle aus, entzündeten landesweit die Debatte über den "aborto". Tausende von Italienern demonstrierten -- zum Ärger des Vatikans -- dafür, den Schwangerschafts-Abbruch zuzulassen. Feministinnen in Mailand wetterten: "Wenn es die Männer wären, die schwanger würden, dann wäre Abtreibung schon längst ein Sakrament."
Nach dem geltenden italienischen Strafrecht, das zum Teil aus der Faschistenzeit stammt, gilt Schwangerschaftsabbruch als ein "Verbrechen gegen die Integrität und Gesundheit der Rasse". Es wird mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft.
Gleichwohl treiben in Italien, so schätzen Gynäkologen, alljährlich zwischen einer und drei Millionen Frauen ab. Jene, die sich's leisten können, fahren in Luxuskliniken, wo Diskretion zum Geschäft gehört. Mancher Arzt, nach außen hin wohl gar Anhänger der abtreibungsfeindlichen Christdemokraten, hat sich seine Villa am Meer angeblich nur durch derlei illegale Eingriffe verdient. "Die Heuchelei blüht. Das Ausschaben ist lukrativ", empören sich Mitglieder der italienischen Women's-Lib-Bewegung. "Es gibt eine richtige Mafia der goldenen Löffel."
Die Mehrzahl der abtreibungswilligen Italienerinnen geht statt zum Arzt zur "praticona", der Engelmacherin im Wohnviertel. Tausende von Frauen sterben an den Folgen unsachgemäßer Eingriffe.
Sizilianerinnen, so stellte Vincenzo Borruso, Arzt und Sexualerzieher in Palermo, fest, brechen durchschnittlich zwei- bis viermal in ihrem Leben unerwünschte Schwangerschaften ab. Manche Dörflerinnen der Südinsel greifen noch immer (oft vergeblich) zu primitiven Mitteln -- etwa Petersilie, Raute, Tollkraut und Mutterkorn.
Nur zehn Prozent der von Borruso befragten Palermitaner benutzen empfängnisverhütende Mittel. Zwar nehmen in Mittel- und Norditalien immer mehr Frauen gegen den Willen der Kirche nun die "pillola". Doch vorerst gilt noch, was eine Italienerin bei der Uno-Bevölkerungskonferenz 1974 in Bukarest erklärte: "Illegale Abtreibung ist bei uns die verbreitetste Methode der Geburtenkontrolle."
Linke und Liberale nennen diesen Zustand längst "unhaltbar". Der sozialistische Abgeordnete Loris Fortuna brachte 1973 einen Gesetzentwurf ein, der Abtreibung unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt -- etwa wenn Gefahr für die physische und psychische Gesundheit der Mutter besteht oder dem werdenden Kind Schäden drohen.
In den nächsten Wochen will die Gesundheitskommission des Parlaments den Gesetzentwurf endlich beraten. Dabei zeichnet sich dieselbe Frontenbildung ab wie bei der jahrelangen, erst 1974 mit dem Referendum beendeten Scheidungsdebatte: Den Parteien, die Schwangerschaftsabbruch bedingt legalisieren möchten (von der KP bis zu den Liberalen), stehen Christdemokraten und Neofaschisten gegenüber.
Außerhalb des Parlaments kämpft die einflußreiche Radikale Partei gemeinsam mit den Feministinnen für Freigabe der Abtreibung. Sie trommelt sogar für eine Volksabstimmung. Ähnlich wie in der Bundesrepublik erstatten viele hundert Frauen Selbstanzeige ("Ich habe abgetrieben").
Das römische Magazin "L'Espresso" heizte die antiklerikale Polemik weiter an -- indem es auf dem Titelbild eine schwangere, nackt ans Kreuz geschlagene Frau präsentierte. Staatsanwälte beschlagnahmten die (vom Vatikan sofort scharf kritisierte) Schock-Nummer wegen "obszönen Gehalts und Schmähung der Religion".
Italiens Oberhirten sind empört über die Kampagne. Der Florentiner Kardinal Florit sprach mit Blick auf die Abtreibungsklinik in seiner Stadt von einem "Verbrechen am ungeborenen, unschuldigen Leben". Das rechte Bologneser Blatt "Il Resto del Carlino" leistete Schützenhilfe. Ein Karikaturist der Zeitung zeichnete Engel, die vom Himmel direkt vor die Abort-Villa niederschweben. Sie tragen Protestplakate, auf denen geschrieben steht: "Nieder mit den Müttern", und: "Mama, warum?"

DER SPIEGEL 6/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Skydiving: Tanz im freien Fall
  • Ex-Mitarbeiterin des Nationalen Sicherheitsrates der USA: "Das ist die traurige Wahrheit"
  • SpaceX: Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter
  • Hongkong vor der Wahl: "Die Lage kann sich sofort wieder zuspitzen"