03.02.1975

SCHAUSPIELERSchmerzhafte Quetschlaute

Ein Opernsänger gab Hitler Schauspielunterricht. Demnächst erscheinen seine Memoiren.
Zur ersten Lektion kam er zu spät. Adolf Hitler, "vor einem flackernden Herdfeuer sitzend, die nackten Füße in einer altertümlichen Waschschüssel", bellt ihn an: "Welches Recht haben Sie, mir meine Zeit zu stehlen?"
Nur wenn er "schwöre, in Zukunft stets pünktlich zu erscheinen", könne er ihn akzeptieren -- den Schauspieler und Opernsänger Paul Devrient, der den Parteiführer Hitler 1929/30 die Kunst der weithin schallenden Rede und markanten Gestik lehrte.
So, wenigstens, beschreibt es ein Buch, an dem gegenwärtig im bayrischen Neuötting der Devrient-Sohn Hans Stieber, 59, arbeitet und das Ende Mai im Münchner Ilmgau-Verlag erscheinen soll. Titel: "Schauspielschüler Hitler". Es wird, so der Verlag, "manches Rätsel lösen".
Tatsächlich liegt jener sonderbare Nachhilfe-Unterricht weitgehend im dunkeln. Ernst "Putzi" Hanfstaengl, 88, letzter lebender Augenzeuge des damaligen Hitler-Environment, kann sich "nicht daran erinnern". Auch in den Standardwerken von Fest und Maser steht nichts darüber; Maser hält Material dazu in seinem Archiv.
Satirisch ist Hitlers zweiter Bildungsweg von Brecht dargestellt. Im "Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui" (alias Hitler) lernt der Gangsterboss bei einem Schauspieler ("Am besten, Sie legen die Hände vor dem Geschlechtsteil zusammen") und donnert dann die aufwiegelnde Antonius-Rede aus "Julius Cäsar".
Den Opernsänger Paul Devrient (bürgerlich: Paul Stieber-Walter) hatte der Ruf des Führers über einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt erreicht. Der Führer leide an einer "drohenden Stimmbandlähmung infolge Überanstrengung". Devrient, auch "Stimmbildner und Sprechlehrer", sollte dem von Rede zu Rede Rasenden Luft verschaffen.
Er bekam 1000 Mark Monatssalär, einen Ausweis ("Inhaber ist Teilnehmer der Wahlreise des Führers"), und was der damals hochgeschätzte Sänger sich notierte, das bringt sein Sohn, selbst Schriftsteller, nun in leicht lesbare Form; Devrient, 1973 in Ruhpolding verstorben, wollte die Tagebücher vor seinem Tod nicht preisgeben.
Des Führers Stimme, so erzählt das Buch, fand Devrient in desolatem Zustand. Der "gravierendste Fehler, ein gaumig-gutturaler Ton, unterm landläufigen Ausdruck "Knödel' bekannt", entstand, weil "sich der Zungenrücken nach hinten bäumt" und so "schmerzhafte Quetschlaute" produzierte. Die dadurch "bis zum Krampf sich steigernde Hochspannung" führte zu einem "besessenen Hin- und Herspringen, Händefuchteln, Zähnefletschen, Augenrollen" -- ein "wildes Schmierentheater" mit "abnormal nasser Aussprache". Kurzum: "Podiumshysterie schlimmster Unnatur."
So schnell wollte der Führer, der mehr an seine "Eingebung" als an "Technik" glaubte, jedoch von seinem Stil nicht lassen. Erst als er sich einmal stummgebrüllt hatte, nahm er die Lehren Devrients an; freilich, nicht ohne vorher die Sterne zu befragen.
Aus einem alten Kartenspiel, das einst Wallensteins Leibastrologe Seni besessen und Hitler von einer französischen Schloßherrin zum Geschenk bekommen haben soll, las er, an einem 13., die günstige Konstellation ab. Fortan, so Devrient, "war er intensiv bei der Sache".
Er lehrte ihn auch die Gesten, die man für große Opern braucht -- linke Hand am Koppel. die Rechte zum Firmament gereckt; und Hitlers "schauspielerisches Talent" erhellte sich ihm blitzschnell an einem "einzigen Wort":
Auf dem Podium einer ostpreußischen Dorfschänke bittet er Hitler zur "Auflockerung" um ein "Stegreifspiel". Hitler wählt eine Szene aus der verschollenen Tragödie "Der Wildschütz vom Höllental", den er "als Jüngling" gegeben habe. Er extemporiert, berichtet Devrient, die Rolle "mit wachsendem Feuer" -- und als Höhepunkt "entringt sich ihm der Schrei: ,Rache!' und nochmals: ,Raaache!"'

DER SPIEGEL 6/1975
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