24.02.1975

Regierender mit beschränkter Haftung

Ich bin Klaus Schütz, und das ist gut so", hat er mal gesagt, im Scherz natürlich. Aber selbst im Ernst fällt Schütz zu Schütz viel mehr nicht ein.
Den Berlinern, die er regiert, allerdings auch nicht. Sie mögen ihn eben, und zwar mehrheitlich. Wenn nächsten Sonntag bloß der Regierende Bürgermeister gewählt würde, dann hätte die Berliner SPD bestimmt keine Trauer. Klaus Schütz ist (mit zuletzt 60 demoskopisch ermittelten Sympathiepunkten) im achten Amtsjahr beliebter als Willy Brandt in dessen besten Berliner Zeiten -- und viel beliebter als seine Partei.
Ein Regierender mit beschränkter Haftung, sozusagen. Da kann mittlerweile passieren, was will -- es passiert nicht ihm. Er ist "gut so".
Aber wie? Es läßt sich wirklich leichter sagen, wie (oder was) Klaus Schütz nicht ist. Er ist durchaus kein Volkstribun" kein mitreißender Redner, auch keine Fernseh-Persönlichkeit.
Hinter den zweimal sieben Dioptrien seiner mittelschweren Hornbrille funkelt nicht das Feuer der Inspiration, und rundherum sind kaum Konturen. Das ganze Gesicht erscheint merkwürdig muskelschwach, gibt keine Auskunft über den Mann, dem es gehört.
Diesem zuzuhören hilft auch nicht weiter. Jenseits amtsbedingter Standardreden, deren Fertigteile er magna voce, aber sonst ohne allzuviel Anstrengung vor dem Publikum aufbaut, ist Schütz verbaliter entweder karg oder keß; lieber letzteres: "Für das neue Jahr verspreche ich Ihnen, daß das meiste beim alten bleibt. Mit anderen Worten: Wir werden auch im neuen Jahr vom Modell einer modernen Großstadt reden, und hoffen, daß irgendeiner weiß, was das ist:" Scherz. Satire, Ironie oder tiefere Bedeutung?
Eines jedenfalls nicht: Zynismus. Klaus Schütz kann sarkastisch sein, aber der waschechte Zyniker, den selbst wohlwollende Betrachter in ihm sehen, ist er keineswegs. Sein Zynismus ist sein Visier; ist, nicht anders als sein gewollt unreflektierter Optimismus, ein Hilfsmittel -- eine Prothese seiner Selbstdarstellung.
Was da überwunden oder zumindest kompensiert werden muß, ist eine Hemmung, deren Basis in der Tiefe der Biographie verborgen bleibt, deren äußerer Anlaß dafür um so deutlicher sichtbar ist: der Arm, der fühllos und so gut wie lahm zur Rechten des Regierenden Bürgermeisters baumelt.
Klaus Schütz war erst achtzehn, als italienische Partisanen ihm 1944 die rechte Schulter zerschossen und dabei (unter anderem) buchstäblich den Nerv töteten. Seither muß er vieles mit Links machen, was er von Rechts wegen so nicht machen möchte. Händeschütteln zum Beispiel. Darum vor allem hat er über die entnervte Rechte eine Zeitlang einen schwarzen Handschuh gezogen. solchermaßen sein Gebrechen signalisierend; und hat dies dann wieder bleiben lassen.
Heute noch, wenn der Wähler werbende Schütz, der sowieso an keinem Portier und keiner Putzfrau ohne Shakehands vorbeikommt, mit der ausgestreckten Linken auf einen überraschten Passanten zueilt -- heute noch wirkt er dabei wie ein Belagerter, der einen Ausfall wagt.
Ganz frei von Hemmungen -- und von dem Zwang, sie wettzumachen -- ist dieser Mann nur in kleiner Besetzung; und völlig sicher weiß er sich überhaupt bloß daheim, in Familie. Klaus Schütz, geboren 1926 in Heidelberg, einziger Sohn frühzeitig geschiedener Eltern, von der (dominanten) Mutter erzogen, vom Krieg um seine Jugend gebracht, schöpft Sicherheit und Selbstvertrauen aus dem Born seines Privatlebens. Sein Heim ist sein Nest, und die Familie ist ihm Freistatt -eine geschlossene Gesellschaft. Chez Schütz kann man zwar Verwandtschaft antreffen, auch noch den festen Freund seiner 18jährigen Tochter, aber nicht politische Freunde des Hausherrn (und private Freunde hat er "vielleicht einen oder zwei").
Ober die branchenübliche Aushäusigkeit des geplagten Gatten hat Frau Adelheid, eine patente Pastorentochter von stiller Effizienz, mit Klaus Schütz verheiratet seit 22 Jahren, bestimmt nicht zu klagen. Denn Schütz zählt zu den wenigen Inhabern repräsentativer Ämter, die trotz Spaß an der Freud" immer ein Ende finden. Nach Mitternacht wird ihn niemand mehr auf der Piste antreffen.
Dafür schafft er vor Mitternacht manchmal drei Veranstaltungen pro Stunde. Präsenz, so breit gestreut wie ein Schuß aus der Schrotflinte, ist das Vehikel seiner Popularität, und er fährt gut damit. Wo immer er auftritt, macht er aus Kegelbrüdern und Kaninchenzüchtern kurzfristig einen Schütz-Verein. Und den (zahlreichen) Berliner Rentnern erscheint er an sogenannten Senioren-Nachmittagen, den schlaffen Arm mit dem rechten Daumen in der Hosentasche festgeklinkt, gar als launiger Conférencier.
Reine Repräsentation, sofern sie multiplikatorisch nichts einbringt, meidet er hingegen. Einmal hat er sogar den Berlin besuchenden Bundespräsidenten Heinemann nicht in Tempelhof abgeholt, weil der an einem Samstag kam, und samstags "begeht" Schütz regelmäßig die Berliner Wochenmärkte. Die Variationsbreite seiner Anreden an die verehrte Kundschaft reicht dabei von "Grüß Gott! Geht"s gut?" bis zu "Geht"s gut? Grüß Gott!", kontrapunktiert allenfalls von einem munteren "Alles in Ordnung?"
So einfach ist das? Ist Klaus Schütz bei den Berlinern nur deshalb so populär, weil er sich als ein Virtuose des Trivialen präsentiert? Eher im Gegenteil: Der harte Kern seiner Popularität ist Konflikt und nicht Keep-smiling. Er hat begriffen, mindestens gespürt, daß für Insulaner die äußere Bedrängnis weit wichtiger ist als der Zustand der Insel selbst. Ergo weiß er auch, daß die auf Entspannung und Konzessionsbereitschaft ausgerichtete Bonner Ostpolitik für den Berliner Bedarf mit Kalter-Kriegs-Bemalung ausgestattet werden muß, weil sie anders dort nicht zu verkaufen ist.
Entsprechend verhält er sich -- gegegenüber der DDR und auch vis-~-vis Bonn. Wenn seine Bonner Genossen ostwärts lächeln, zeigt Schütz in Berlin die Zähne; wenn Bonn enttäuscht und ruhebedürftig schweigt, fordert Schütz von Ost-Berlin lauthals die "Rückkehr zur Geschäftsgrundlage". Er macht sozialliberale Deutschlandpolitik" aber er artikuliert sie gewissermaßen christdemokratisch.
Für ihn ist solche Querlage zu Bonn weniger eine Frage des Kalküls als vielmehr eine Folge seiner Funktion: "Wir sind hier die Leute am Ort, und dort wird der große Überblick gepflegt." Er ist ein Berliner. Hier steht er, er kann nichts anders.
Die Funktion formt ihn, sie bestimmt auch sein Bewußtsein. Der Orientierungsrahmen des Klaus Schütz ist die Praxis. Theoretische Perspektiven motivieren ihn nicht. Amt und Ambition sind nahezu identisch.
Das ist, was Schütz und Berlin betrifft, nicht immer so gewesen. Schützens schönste Zeit war das Jahr im Außenministerium (1966/67) als Willy Brandts Staatssekretär. Zwei Jahre später, während in Bonn die erste Regierung Brandt gebildet wurde, wartete Schütz im schmerzhaften Clinch mit der Berliner Apo ebenso dringlich wie vergeblich auf einen Ruf nach Bonn. als Chef des Kanzleramts. Auch noch nach Willys Wahlsieg 1972 wäre Schütz bestimmt gern Außenminister geworden (falls Walter Scheel und die FDP auch nur im Traum daran gedacht hätten, das Amt herzugeben). Und wenn er selber sich schon mal erlaubt, zu träumen, dann sieht er sich in einem großen gläsernen Büro hoch über dem Hudson als Uno-Generalsekretär.
In Wirklichkeit hat er sich im Zehlendorfer Bezirk Wannsee ein modifiziertes Okal-Fertighaus mit überdachtem Swimming-pool für summa summarum 480 000 Mark hingestellt und ist heute auch politisch ganz darauf eingerichtet, in Berlin sein eigener Herr zu sein -- jedenfalls nicht mehr nur der Nachkömmling Willy Brandts.
Was er im Grunde nie war, gerade im Grundsätzlichen nicht. Schon als aktives Mitglied der Berliner Brandt-Truppe, in den frühen sechziger Jahren, ist Schütz zuweilen schlicht ausgestiegen aus der Debatte, wenn Brandt und Bahr die großen Perspektiven aufgerissen haben. Er ist später dann auch nicht bei den Fahnenschwingern der Reformpolitik zu finden gewesen; euphorisch kann er gar nicht sein.
Klaus Schütz ist und bleibt ein instrumentaler Typ: der eigentliche "Macher". Er hat auch gar nichts gegen diese Bezeichnung, er reklamiert sie sogar für sich. Effektivität ist für ihn ein Prinzip und Opportunität kein Schimpfwort. Klaus Schütz, der als erster hochrangiger Politiker der Bundesrepublik 1969 mitten im Wahlkampf die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze propagiert hat, ist ein Opportunist aus Überzeugung.
Was an dieser Überzeugung spezifisch sozialdemokratisch sei -- dies zu definieren fällt ihm freilich schwer. Er hätte damals, als Student, ebensowohl in die CDU eintreten können; nicht Weltanschauung war sein Motiv, sondern Aktionismus. Und daß es gerade ihm gelungen ist, aus der völlig zerrauften Berliner SPD wieder so etwas wie eine Partei zu machen, hat auch mehr mit Fleiß und Funktionalität denn mit ideologischer Führung zu tun.
So weit, so gut. Aber werden auch die Wähler nächsten Sonntag diesem Klaus Schütz zuliebe ihre Stimmen den bundesweit benachteiligten Sozialdemokraten geben?
Eine Weile hat er erwogen, im Wahlkampf zu verkünden, er werde nur dann Regierender Bürgermeister bleiben, wenn die SPD in Berlin wieder die absolute Mehrheit bekomme.
Und hat es dann doch lieber nicht getan.

DER SPIEGEL 9/1975
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