24.02.1975

KRIMINALITÄTBereits Ihr Nachbar

Gutes Geschäft macht in München eine private Polizeitruppe mit den Ängsten der Bürger. Dem Polizeipräsidenten Schreiber mißfällt das „cowboyartige Gehabe“ der schwerbewaffneten Konkurrenz.
Wenn der Münchner Regierungsrat Elmar Lossau, Eigenheimer im ehemaligen Olympischen Dorf, mit seinem Achtjährigen im Olympiapark spazierengeht, dann freut sich der Junge immer wieder mal: "Papa, da sind die großen Sheriffs."
Die Sheriffs tragen schwarze Hosen, schwarze Lederjacken und schwarze Schildmützen, sternförmige Abzeichen an der Brust und auf dem Kopf. Sie fahren schwarze Opel Commodore GS/E, 200 km/h schnell und mit Funkausrüstung versehen. An ihren Hüften baumeln sechsschüssige Trommelrevolver im offenen Futteral. Patronen, Kaliber 38, stecken griffbereit im Gurt.
Dach diese schwarzen Großen, die aussehen, als entstammten sie der Statisterie eines amerikanischen Serienkrimis, sind gar nicht von der Polizei, sondern von der Firma "Oh-Do-Kwan C. Wiedmeier", Abteilung "Ziviler Sicherheitsdienst" (ZSD). Das private Bewachungsunternehmen sichert unter anderem im Auftrag der Münchner Olympiapark GmbH das eine Million Quadratmeter große Gelände rings um die Sportarenen und den Fernsehturm gegen potentielle Gesetzesbrecher, Penner und Ruhestörer -- so gut, daß Firmenchef Carl Wiedmeier, 39, ehemaliger Judo-Meister, zufrieden sagen kann: "Die Kriminalität ist unter unserer Überwachung fast auf den Nullpunkt gesunken."
Da kommt es denn schon mal vor. daß die ZSD-Aufpasser -- laut Eigenwerbung lauter "junge professionelle Kräfte anstelle betagter Wachmänner" -anständig hinlangen. Beispielsweise Ende letzten Jahres: Der Versicherungskaufmann Andreas Glahn, 28, der eine Oldtimer-Ausstellung verbotswidrig mit seinem Hund besuchen wollte, wurde nach eigenen Angaben daran so unsanft gehindert, daß er eine Gehirnerschütterung davontrug. Glahn, der Anzeige erstattete: "Ich hab" nicht gleich pariert, aber die sind es offenbar gewohnt, daß man sofort springt."
Nicht erst seit diesem Zwischenfall sind die Münchner Behörden entschlossen, Arbeitsweise und Werbemethoden der Firma Wiedmeier "genau unter die Lupe zu nehmen" -- so Gewerbeamts-Direktor Karl Fries. Den Polizeipräsidenten Manfred Schreiber irritiert ohnehin seit langem das "cowboyartige Gehabe" und die "pseudopolizeiliche Aufmachung" der Privattruppe. Schreiber: "Das kontrollierte Machtmonopol muß der Staat behalten, jede Ausweitung auf private Träger unterbunden werden."
Was unterbunden werden kann und was nicht, wird jedoch schwer zu klären sein. Auf dem Gelände eines Auftraggebers üben ZSD-Männer wie alle Wachunternehmen das Hausrecht aus -- Ermessensfrage, wann und wie sie Hand oder gar ihre umstrittenen Handschellen anlegen dürfen; Waffenscheininhaber dürfen Waffen tragen. wie sie wollen -- Ermessensfrage, wann geschossen werden darf, um eine drohende Straftat zu verhüten; Wachpersonal soll erkennbare Berufskleidung tragen -- Ermessensfrage, ob die schwarze Kluft des Münchner ZSD unter Paragraph 132a des Strafgesetzbuches fällt (der das öffentliche Tragen solcher Uniformen verbietet, die zum Beispiel den Trachten der Polizei "zum Verwechseln ähnlich" sehen).
Firmenchef Carl Wiedmeier, der von einer USA-Reise "einschlägige Erfahrungen" mitbrachte, bewegt sich jedenfalls an den Grenzen des Machbaren. Er ist, so Münchens Oberkriminalrat Georg Schmidt, "in eine Marktlücke gestoßen". Vor allem aber trifft sein Sheriff-Service auf eine in Institutionen wie bei Bürgern offenbar weitverbreitete Angst vor Gewalt-Kriminalität und Rowdytum.
Seine Ordnungsmacht, Durchschnittsalter 27, rekrutiert Wiedmeier vorwiegend aus seinen mittlerweile fünf
"Oh-Do-Kwan"-Kampfsportschulen für Karate, Judo und Ken-Jitsu" deren Emblem -- Schlagstock in geballter Faust -- auch die ZSD-Sheriffssterne dekoriert. Das Schießen aus der Hufte üben seine "Combat-Schutzen" auf der ehemaligen Olympia-Anlage; Theorie in Rechtsfragen oder "Gruppenpsychologie" vermitteln ihnen angeblich in erster Linie "freiberufliche Referenten aus Polizeikreisen", denn laut Wiedmeier arbeitet die Firma mit der Polizei gut zusammen, "vor allem mit dem unteren und mittleren Management". Polizeichef Schreiber weiß nichts davon: "Kein Beamter hat eine Genehmigung. bei Wiedmeier zu unterrichten."
Gleich wie -- Wiedmeier hält nicht nur seine Schulung und technische Ausrüstung wie etwa Anti-Abhöranlagen ("So was finden Sie allenfalls noch beim Landeskriminalamt"), sondern "unsere ganze Konzeption für vorbildlich" in der Bundesrepublik.
Kundschaft des ZSD (Motto: "Wir vermieten keine Nachtwächter") nennt der Chef nur beim Motiv: "Viele Firmen", glaubt er, "sind mit ihrem Werkschutz nicht so glücklich, da fehlt's an der Ausbildung, und da redet doch immer der Betriebsrat rein." Aber auch Privatleute zählen zu seiner Klientel: "Es gibt immer mehr Leute, nicht nur prominente, die Angst um Leib und Leben oder um ihr Eigentum haben."
Aufträge der öffentlichen Hand
neben dem Olympiapark die staatliche Hochschulsportanlage in München und die Bezirks-Nervenheilanstalt in Haar -- nutzt die Beschützer-Firma ungeniert zur Werbung. "Wir sind bereits Ihr Nachbar in Sachen Sicherheit", erfuhren unlängst in ZSD-Hauswurfsendungen die Eigenheimer im noch immer unterbewohnten Olympischen Dorf. und "wir meinen, daß in dieser modernen, wohnfreundlichen Anlage die Sicherheit bedrohlich zu kurz kommt. Das Dorf hat Großstadtprobleme ... Kellereinbrüche, Autoaufbrüche, unbefugte Übernachtungen ... noch Kleinkram vielleicht, aber die Kleinkriminalität von heute kann zum Straßenraub, Sittlichkeitsdelikt und Totschlag von morgen werden".
Da aber die Polizei "unmöglich ständig vorbeugend anwesend sein" könne und in Sorge, "daß der Wert Ihrer Wohnung konstant bleibt", empfahlen die Absender den so verängstigten Adressaten "Eigeninitiative gegenüber den Bauträgern" -- mit denen der ZSD vergeblich über einen Bewachungsvertrag verhandelt hatte.
Den Bangemache-Briefen waren Fragebogen ("Wie oft wurden Sie oder Ihre Mitbewohner von Sicherheitspannen konfrontiert?") samt Freiumschlag beigefügt. Und die Antwort kam in prompten Protestaktionen einer Bürgerinitiative -- gegen die "angewandten "Werbemethoden".
Denn verunsichert fühlten sich Münchens Olympiadorfbewohner anscheinend weniger von der Kriminalität in ihrem Viertel -- die nicht schlimmer ist als in anderen Stadtteilen -- als von den schwarzen Sheriffs" denen sie im benachbarten Park begegnen. "Gestatten unsere Gesetze", empörten sich die Protestler, "den Aufbau und das Unterhalten einer karateübenden, handschellenanlegenden, uniformierten und bewaffneten Privatpolizei?"
Darüber ist noch nicht entschieden. Für Initiativen-Sprecher Hans Mayer aber steht fest: "Die sind ein Ärgernis wie in Riem der Fluglärm."

DER SPIEGEL 9/1975
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