24.02.1975

FERNSEHENIn der Dürre gestartet

Nach anfänglichen Technik-Pannen sollen nun die ersten Bildplatten auf den Markt kommen. Doch schon beim Start scheint das System technisch überholt.
Die Premiere begann mit einer Pleite. Schon vor einem Jahr wollte das deutsch-britische Electro-Trio Telefunken-Teldec-Decca dem Fernsehpublikum "ein neues Medium fürs ganze Leben" schenken: die TED-Bildplatte.
Doch kurz vor der Massenfertigung zeigte das angeblich "technisch ausgereifte" System plötzlich Mängel: Zwischen der wabbligen Kunststoffscheibe. ihrer Schutzhülle aus Papier und dem Abspielgerät kam es zu Reibereien, auf dem Fernsehschirm zu Bildstörungen. Der lauthals propagierte TED-Start wurde gestoppt, hohe Programm- und Werbekosten waren vertan, der verantwortliche Manager ging.
Am 17. März nun will Telefunken, "nach technischen Korrekturen und umfangreichen Tests", so Telefunken-Manager Rolf Schiering, ihr TED-System auf den Markt bringen. Doch "dem ersten marktreifen audiovisuellen System dieser Art in der Welt" (neuer Werbespruch) ist möglicherweise die neuerliche Pleite schon einprogrammiert: Die Technik der Telefunken-Bildplatte könnte schon bald durch eine bessere -- die beim Konkurrenzkonzern Philips entwickelt wurde -- wieder vom Markt verdrängt werden.
Das TED-System arbeitet mit herkömmlicher mechanischer Abtastung, wie die Schallplatte. Die zehn Gramm leichte, knautschbare Bildplatte von 21 Zentimeter Durchmesser wird im TED-Bildplattenspieler automatisch aus ihrer Schutzhülle gezogen; sodann rast ein kufenförmiger Diamant 1500 mal in der Minute durch ihre mikrofeinen Rillen -- Spieldauer: zehn Minuten. Trotz des technischen Aufwands bleibt die Platte anfällig für Störungen, Abnutzung ist unvermeidlich.
Anders hei der von Philips vorbereiteten Video-Long-PIay(VLP)-Platte: Bei dieser liest ein Laserstrahl die Bildinformation ab ("berührungsfreie Abtastung"): die Platte ist unempfindlich gegen Kratzer, Staub und Fingerabdrücke. Weiterer Vorteil: Die Spieldauer beträgt bis zu 45 Minuten.
Für "unter 1500 Mark" (Schieringl wollen die Telefunken-Leute ihr 14 Kilogramm schweres Abspielgerät anbieten, das mit dem herkömmlichen Fernsehgerät kombiniert wird; 30 000 Geräte sollen im ersten Jahr vom Band laufen. Ein schon zur Berliner Funkausstellung angekündigter Plattenwechsler ist noch immer in der Entwicklung; fürs erste muß also, wer einen 90-Minuten-Film betrachten will, neunmal die Scheibe wechseln.
Für zehn Mark, mithin auf den ersten Blick ziemlich billig im Vergleich zur normalen Schlager-Single, gibt es bei TED eine zehnminütige "Video-Show" mit Su Kramer, Jürgen Marcus und den Les Humphries Singers. Doch derlei billiger Tingeltangel dient vor allem als Lockspeise.
Denn das TED-Programm. das mit rund 50 Titeln gestartet und bis Jahresende auf über 350 Varianten erweitert werden soll, ist im Preis nach oben gestaffelt. Platten der höchsten Kategorie (25 Mark, bei unverändert zehn Minuten Spielzeit) summieren sich dabei zu Luxusgütern der Unterhaltungsbranche: Für das komplette Premierenangebot von bestenfalls 500 Programm-Minuten müßte ein IED-Fan rund 1000 Mark bezahlen.
Ein hoher Preis für ein Wiedersehen. Denn im ersten TED-Katalog stößt das Publikum zwischen einer Mischung aus Kultur und Cartoons, Fitness und Fußball, zwischen Sprach-, Bastel-, Computer- und Ikebana-Kursen immer wieder auf uralte Bekannte aus der deutschen Fernsehfamilie: den Tierforscher Sielmann und den Wissenschaftsprofessor Haber, den Trientiner Bergsteigerchor und, natürlich, Heinz Rühmann und Peter Alexander. Dick und Doof und Lolek und Bolek sind dabei, ja sogar die zu Recht als brutal angeprangerte Kinderserie "Speed-Racer" der ARD feiert auf TED ihr Comeback.
In diesem illustrierten Sammelsurium von Völkerkunde, Babypflege, Wunschkonzert und Märchenstunde fehlen neue Ideen oder gar mediengerechte Produktionen. Die Single "zum Gedächtnis an den Einzelgänger Caspar David Friedrich" soll wohl nur von dem unerwarteten Run auf die letztjährige Hamburger Friedrich-Ausstellung profitieren; der aus drei Platten gebündelte "Mediapack" "Helmut Qualtinger liest aus Hitlers "Mein Kampf"" verspricht bei häufigem Anschauen eher Überdruß als Kurzweil.
Zwischen den TED-Planern war der neue Premieren-Termin für TED mitten in einem Konjunktur-Tief heftig umstritten. Telefunken-Schiering jedenfalls hält es jetzt "nicht für verkehrt, etwas antizyklisch zu starten"; nach einer "Dürre-Phase", die "in jedem Fall vor uns liegt" und in der "große Umsätze sicher auf sich warten lassen", hofft er auf steigenden Absatz im Herbst.
Eile tut not. Denn die als Konkurrenz drohende VLP-Platte ist in den Labors der holländischen Philips-Zentrale Eindhoven schon bis zur Serienreife gediehen. Im März wird sie in New York amerikanischen Interessenten vorgeführt. Philips-Sprecher Alfred Lambeck: "Wir könnten sie Anfang 1976 auf den Markt bringen."
Aber noch halten die Philips-Manager das mit Laser-Technik abtastende Abspielgerät ("zum Preis eines guten Farbfernsehers") und die VLP-Platte ("ab 20 Mark") zurück. Lambeck: "Wir sehen keinen Sinn darin, VLP herauszubringen, bevor auf dem Bildplatten-Markt nicht eine weltweite Standardisierung erreicht ist."
Auf der Suche nach einer globalen Norm haben die Holländer inzwischen interkontinental vorgefühlt und auch schon erfolgreich paktiert. Der kalifornische Unterhaltungskonzern MCA stoppt die Weiterentwicklung seiner eigenen Bildplatte "Disco-Vision und übernimmt statt dessen VLP, Philips vertreibt über MCA seine Geräte in den USA. Clou der Allianz: Beim VLP-Start kann Philips auf mehrere tausend Kinofilme und TV-Programme aus dem Archiv der zu MCA gehörenden "Universal Pictures" zurückgreifen.
Nach Verhandlungen mit japanischen AV-Firmen und der französischen Elektronikfirma Thomson-CSF. die letzten Herbst in Cannes ebenfalls eine eigene mit Laser arbeitende Bildplatte vorführte, ist Philips zuversichtlich, die wichtigsten weltweiten Konkurrenten auf sein VLP-System einschwören zu können.
Wenn ihr das gelingt, durften die Wegbereiter des TED-Systems wohl auf der Strecke bleiben.

DER SPIEGEL 9/1975
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