29.08.2005

PSYCHOLOGIEDer verlorene Sohn

Viereinhalb Monate stellte der „Piano-Mann“ die Welt vor ein Rätsel, jetzt zeigt sich: Andreas G. war ein Mensch, der flüchten wollte. Aus seiner stickigen Heimat im Bayerischen Wald. Und vor einem Leben, wie es seine Eltern führten.
Im Sommer 2000 erscheint das "Chamäleon", die Schülerzeitung des Robert-Schuman-Gymnasiums im bayerischen Cham, mit einer neuen Rubrik: "Burn - Die Liste meiner Feinde". Der Schreiber, der sich "Scatman" nennt, erzählt von seinen Versuchen, im Fernsehen groß rauszukommen. Und wenn schon nicht groß raus, dann wenigstens weit weg. Aber weil das natürlich nichts wird mit einer eigenen TV-Show ("1995 vom ZDF leider abgelehnt"), nicht mal mit einem Preis beim Fotowettbewerb des "Straubinger Tagblatts" ("Eiskalt abgelehnt"), wächst sie schnell, die Liste seiner Feinde, die man für so viel Borniertheit eigentlich abfackeln müsste: Burn, ZDF, burn! Burn, "Straubinger Tagblatt", burn!
So geht das Jahr für Jahr, witzig, bissig, ironisch. Bis die Serie ein Jahr vor dem Abitur mit dem ratlosen Satz abbricht: "Was, bitte schön, soll ich mir denn in der finalen, endgültigen letzten Episode dieser fünfjährigen Reihe einfallen lassen, um ein grandioses Finale hinzuzaubern???"
Der Junge, der sich "Scatman" nannte, hat dieses grandiose Finale nie geschrieben, aber sein Wunsch rauszukommen aus Waldmünchen, seinem Heimatort, bekannt zu werden über den Kreis Cham hinaus, der hat sich vergangene Woche auf dramatische Weise erfüllt: "Scatman" ist der "Piano-Mann", der bekannteste Unbekannte der Welt. Aufgelesen an einem Strand im englischen Sheerness, ohne Papiere, völlig durchnässt, in einem Anzug, aus dem alle Etiketten herausgeschnitten waren. Danach viereinhalb Monate in verschiedenen englischen Kliniken begutachtet, ohne dass er ein Wort sagte. Stattdessen aber Klavier spielte.
Bis er am Freitag der vorvergangenen Woche plötzlich seinen Namen verriet, den Namen und auch, woher er kommt: von einem Bauernhof aus einem Flecken im Bayerischen Wald, ein paar Kilometer vor der tschechischen Grenze.
Viereinhalb Monate gab der "Piano-Mann" der Welt ein Rätsel auf, er verbarg ein Geheimnis, in dem jeder seine eigene Sehnsucht wiederfinden konnte, seine romantische Träumerei von Genie und Unschuld, von Einsamkeit und Hingabe. Nun heißt es, das Rätsel sei endlich gelöst. In Wahrheit aber sind mit dem Namen, Andreas G., dem Alter, 20, dem Wohnort der Eltern, Waldmünchen, Ortsteil Prosdorf, nur die ersten Lösungskästchen gefüllt.
Die Antworten darauf, was ihn auf eine Insel der englischen Grafschaft Kent trieb und, vor allem, was ihn hineintrieb in sein großes Schweigen, sie fehlen immer noch und werden vielleicht immer fehlen. Andreas G. versteckt sich irgendwo in Bayern und lässt seine Anwälte reden. Einen "psychotischen Schock mit Depressionen" attestieren sie, er könne sich nicht mehr an alles erinnern. "Simulantentum" machten dagegen englische Zeitungen anfangs aus.
Was bleibt, ist die Spurensuche im Leben eines Jungen, dem seine Welt zu klein wurde und der sich in der großen Welt, in die er hinausging, am Ende verirrte. Es ist eine Geschichte vom verlorenen Sohn, wie sie millionenfach passiert, wenn Eltern ihre Kinder nicht festhalten können in einem Leben, wie sie selbst es leben. Nur der Ausgang ist diesmal besonders.
Geboren wird dieser Andreas G. am 25. Oktober 1984, er wächst auf in Waldmünchen, einer Stadt mit 7200 Einwohnern, die so weit am Rand der Republik liegt, dass ein Zimmer für die Nacht 28 Euro kostet und das Parken auf dem Marktplatz gar nichts. Bonbonfarbene Häuser umringen ein grüngestrichenes Rathaus, dazwischen passiert tagein, tagaus nicht viel mehr, als dass zwei Brünnlein immerdar fließen und der heilige Nepomuk, in Stein gehauen, an ein gottesfürchtiges Leben gemahnt.
Eigentlich wächst Andreas G. aber nicht mal in Waldmünchen auf, wo es immerhin zwei Lokalzeitungen gibt und sogar einen Norma-Supermarkt. G. kommt aus dem Ortsteil Prosdorf, 71 Einwohner, einer Ansammlung von Wiesen und Feldern mit ein paar Bauernhöfen. Einer davon gehört seinem Vater Josef; ein Milchbetrieb mit 53 Stück Vieh, dazu Land für Heu und Silage.
Hier ist die Welt noch in Ordnung und rechtschaffen der Mann, der sich einfügt in das, was ja doch nicht zu ändern ist. In Prosdorf heißt das: schon in frühen Jahren hart mitarbeiten, dann heiraten, den Hof übernehmen, Kinder bekommen, den Hof übergeben, aufs Altenteil gehen, sterben. So gehört es sich, dem Herrn zum Wohlgefallen, dem Nachbarn zum Vorbild und der Ordnung gehorsam. Die wird in Prosdorf zum Beispiel aufrechterhalten durch die Freiwillige Feuerwehr, bei der auch Vater Josef seine Pflicht tut. Und im Hause G. vor allem durch die Mutter Christa. Nachbarn beschreiben sie als fromme Frau,
die jeden Sonntag in Waldmünchen in der Kirche St. Stephan sitzt, im rechten Seitenschiff, und oft noch werktags dazu in der Frühmesse um Viertel nach sieben.
Gott ist also groß im Hause G., umso kleiner aber machen sich die Eltern, wollen nicht anecken, kein Aufsehen erregen. "Die haben immer danach gelebt, bloß nicht irgendwie aufzufallen", sagt einer abends am Stammtisch im Schmidbräu in Waldmünchen, "die Mutter hatte ständig Angst, sich genieren zu müssen."
Je älter Andreas G. wird, umso mehr muss ihm das alles die Luft nehmen. Dem guten Schein nach fügt er sich, er schuftet mit auf dem Hof, so wie seine beiden Schwestern, und im Dorf sagen sie bewundernd: "Seht mal, wie die alle zusammenhalten." Vater Josef reißt das Wohnhaus ab und errichtet ein neues, er zieht ein neues Stallgebäude hoch, er baut und baut, für sich, für die Familie, für den Nachfolger. Der aber weiß schon bald, dass er den Hof nicht übernehmen will, auch wenn er der einzige Sohn ist. Weil einer wie er hier nicht leben kann, ohne sich selbst zu verleugnen. Einer wie er, der die Ruhe stört. Diese Ordnung.
Sein Weg nach draußen führt über das Gymnasium in Cham. Er gehört dort nicht zu der Sorte Schüler, die nur zur Schule gehen, um sich am Ende 13 Jahre Durchhaltewillen abstempeln zu lassen. In der Abiturzeitschrift seines Jahrgangs heißt es, er habe "wohl 98 Prozent seiner Schul- und auch Freizeit in der Schule verbracht", vorzugsweise im Gammelzimmer der Oberstufe, in dem er sich zu Hause fühlt: Musikkassetten, Bücher, Überraschungseifiguren, er bringt viel von daheim mit und lässt es dann liegen.
Der Schüler Andreas G. ist originell, manchmal brillant, aber auch schwierig, manchmal geradezu bockig. Es kann vorkommen, dass ein Lehrer Andreas G. eine Frage stellt und G. antwortet: "Die Frage interessiert mich nicht." Oder die Szene im Mathematikunterricht: Da soll Andreas G. aufgestanden sein, an die Tafel gegangen und dem Lehrer nachgewiesen haben, dass der sich gerade verrechnet habe. Durchaus hochnäsig wirkte sein Selbstbewusstsein, behauptet ein Mitschüler.
G. kann es sich leisten: Anfang der Zwölften übersetzt er eine Zeitschrift ins Lateinische, nur so zum Spaß, mit Musikcharts, Werbeanzeigen, die ganze Zeitschrift. Oder er löst in einer Deutscharbeit alle drei Aufgaben, obwohl er nur eine auswählen soll, gibt aber trotzdem als Erster ab - vorher hatte er noch ein Glas Rotwein getrunken, zur Beruhigung.
Für seine Leistungskurse muss er nicht viel tun, die Fächer sind sein Hobby: Französisch und Deutsch. Frankreich ist das Land, in das er sich hineinwünscht auf seinen Traumreisen in die Zukunft. Er spricht die Sprache fließend, Mitschüler berichten, dass er in der Oberstufe immer 13 Punkte hatte, eine Eins minus.
Brigitta Hirtreiter, seine Lehrerin, erinnert sich an Referate wie das über die französische
Umgangssprache Argot, hervorragend sei das gewesen. Und seine mündliche Mitarbeit: bestens. Ein Schweiger sei der Andreas nie gewesen.
Am Ende stellt ihm der Kollegstufenbetreuer ein Zertifikat aus, mit dem er an eine französische Universität gehen kann, ohne eine Sprachprüfung machen zu müssen. Französisch wolle er studieren, erzählt er Hirtreiter zum Abschluss, und genau das, denkt sie, tut er längst, als sie am vergangenen Mittwoch erfährt, wer der "Piano-Mann" ist: ihr Andreas.
Allerdings: So gut Andreas G. die Sprache beherrscht, er lässt das andere auch gern spüren. Dann wechselt er unvermittelt vom Deutschen ins Französische - ein Spleen, den nicht jeder komisch findet. Schon gar nicht, wenn ihn sich ausgerechnet ein Junge herausnimmt, der mit seinem Mittelscheitel, mit den Pickeln im Gesicht und der Gnaden-Vier im Fach Sport ohnehin nicht zu den Dreamboys der Klasse gehört. Manche halten ihn für einen Kauz, andere für eitel und arrogant.
Ihm ist offenbar egal, was andere über ihn denken, dass er mit dieser Art mehr und mehr zum Einzelgänger wird. Er schreibt scharf, frech, spitz, in der Schülerzeitung und auf der Jugendseite "kult" der heimischen Tageszeitung "Bayerwald-Echo". 76 Artikel werden dort zwischen November 2000 und Oktober 2002 gedruckt, über Britney Spears, Kelly Osbourne oder Franz Beckenbauer, Artikel voll satirischer Ätzkraft. Einmal macht er sich im "Chamäleon" auch über zwei Lehrer lustig, ganz so, als gehörten sie auch nur zu jener engen Welt, die er hinter sich lassen wird. Den Entschluss dazu hat er offenbar schon lange gefasst. Er schreibt an ProSieben, an die Sendung "Wünsche werden wahr" von Andreas Türck, der ihm ein Tagespraktikum beim Musiksender Viva in Köln beschaffen soll. Daraus wird nichts. Auch beim Casting für die Sat.1-"QuizShow" fällt er durch.
Aber er bewirbt sich um ein Schülerpraktikum beim Radiosender Bayern 3 und wird genommen; er meldet sich beim tschechischen Rundfunksender Ceský Rozhlas 7 und bekommt in einem deutsch-tschechischen Hörspiel eine 20-Sekunden-Rolle. Und er testet seine Chancen bei "jetzt", der Jugendbeilage der "Süddeutschen Zeitung". Er habe eine Zusage für die Internet-Seite jetzt.de bekommen, schreibt er, die findet er aber zu popelig.
Es ist nicht nur seine Vorliebe für Punkrock, die ihn von Waldmünchen wegzieht, oder sein Faible für subversiven Spott. Andreas G. weiß längst, dass er nicht so ist wie die anderen Jungs. Einem Mitschüler, der ihn fragt, welches Mädchen aus der Klasse ihm besonders gefalle, antwortet er angeblich: "Von den Mädchen keines." Und Dana Shano, die bis zur Elften in einer Clique mit Andreas G. war, behauptet, er habe ihr seine Homosexualität gebeichtet: "Seinen engeren Freunden hat er gesagt, dass er schwul ist."
Wer hätte das in Waldmünchen sonst noch verstanden? Und wie hätten seine Eltern reagiert? Der einzige Sohn eine Schwuchtel? Der Hoferbe ein Homo? Er hat eine Internet-Adresse, cachecache@web.de, cache-cache - das französische Wort für Versteckspiel.
Dana Shano erzählt, sie wisse nicht, ob die Eltern von Andreas geahnt hätten, dass er schwul sei. "Der kleine Ort, das war nicht seine Welt." Die Anwälte sagen nur, Andreas G. habe nicht vor, sich zu diesem Thema zu äußern.
Der Fluchtpunkt heißt Saarbrücken, rund 500 Kilometer entfernt von Waldmünchen. Andreas G. hat sich dort eine Zivildienststelle besorgt, bei der Reha GmbH, in einem Wohnheim an der Straße Am Staden, in dem 36 Geistes- und Körperbehinderte leben. Im Sommer 2004 beginnt er seinen Dienst, er wirkt auf seine Kollegen aufgeschlossen, umgänglich, nett. Er zieht mit ihnen abends durch die Musiklokale, geht in die Disco Kulturfabrik, geht zu Lesungen, er saugt aus dieser kleinen Landeshauptstadt alles Großstädtische heraus.
Da ist also endlich ein Leben, weit weg von Waldmünchen, ein Leben, in dem er auch sagen kann, dass er schwul ist, ohne sich umgucken zu müssen, wer zuhört. "Der Andreas hat uns gleich erzählt, dass er homosexuell ist", erinnert sich eine Arbeitskollegin; niemanden stört es, niemanden interessiert es. Auch nicht in dem Apartmenthaus an der Gaußstraße 79, in dem er gemeldet ist, einem grauen Betonblock, in dem die 150 Mieter kommen und gehen und sich keiner um seinen Nachbarn schert. Nicht um sein Vorleben, nicht um seine Vorlieben.
Andreas G. zahlt hier 260 Euro warm für ein Zimmer mit Kochnische und Duschbad; es hat nur 23 Quadratmeter, aber er genießt das, was er in der Abiturzeitung als einziges Wort in die Rubrik "Motto" geschrieben hatte: "Freiheit".
Und das soll nur der erste Schritt sein. Er freut sich darauf, in ein paar Monaten nach Frankreich zu gehen, zum Jobben. Frankreich, die große Verlockung, wo Frivolität angeblich zur Lebensart zählt und man sich nicht über deutsche Schwule, sondern deutsche Spießer aufregt.
Warum aber ist er dann in diesem März, nach der Zivi-Zeit, nicht in Paris gelandet, sondern ausgerechnet in Pornic, an der französischen Atlantikküste, 50 Kilometer von Nantes entfernt? In einem Ferienort, der im Winter zu einem Dorf ausstirbt, mit ein paar übrig gebliebenen Einheimischen, die Menschen ebenso streng in ordentliche und unordentliche Mitbürger einteilen wie die Waldmünchener?
"Schwule gibt es hier kaum", sagt der Wirt im Restaurant Le Grilladin, "und wenn einer von denen stirbt oder wegzieht, ist auch keiner traurig - Sie wissen, was ich meine." Andreas G. ist ihm nicht aufgefallen, dabei war er nur zwei Häuser weiter gemeldet, in einer gelbgetünchten Wohnanlage an der Straße Escalier Galipaud mit acht Apartments. Andreas G.? Ja, der war hier, sagt der Immobilienmakler Charles Henri Soulard. Einer der Apartmentbesitzer habe ihm erzählt, dass er Anfang des Jahres an einen Jungen aus Süddeutschland vermietet habe. Später hätten sich die Eltern erkundigt. "Die haben ihn gesucht und wussten nicht, wo er war."
Der Bub habe bald seinen Job verloren, erklärt der Regensburger Anwalt der Familie,
Christian Baumann. Er muss dann ins Taumeln geraten sein, warum auch immer. Brach hier plötzlich die Krankheit aus, die ihn die Orientierung verlieren ließ?
In Waldmünchen, wo man sich gegenseitig sehr genau beobachtet, beobachten die Nachbarn in dieser Zeit, dass die Mutter in der Kirche in sich gekehrt wirkt, so abwesend.
Die Familie müsste jetzt eigentlich eine Vermisstenanzeige aufgeben, aber da ist sie wohl wieder, die Angst sich zu genieren. Wenn das in Waldmünchen bekannt würde, der Sohn der G.s verschwunden, was für ein Gerede das gäbe. Dass fünf Monate später vor ihrem Haus Kamerateams aus Japan, Reporter aus Schweden, ein Dutzend Korrespondenten von englischen Blättern aufziehen, dass es zu jener "Belagerung von Prosdorf" kommt, von der ihr Anwalt sprechen wird, dass gerade sie der ganzen Welt vorgeführt werden - wie können sie das auch ahnen. Die Familie entschließt sich damals, einen befreundeten Polizeibeamten zu fragen, der mal bei den französischen Kollegen anrufen solle. Doch die Franzosen, so sagt Anwalt Baumann, hätten sich geweigert, den Jungen zu suchen, schließlich sei der ja volljährig gewesen.
Irgendwann Anfang April nimmt Andreas G. eine Fähre nach England. Reist er allein? Folgt er verzweifelt einem anderen? Oder ist er so verwirrt, dass er schon da nicht mehr begreift, was er tut, wie die Anwälte behaupten? Ob er an jenem 7. April, als er am Strand von Sheerness steht, tropfnass und verwirrt, wirklich Selbstmord begehen wollte, wie es hieß, nicht mal das weiß er angeblich noch.
Der Rest ist sowieso Legende, ein Mischmasch aus Wahrheit und Wunschvorstellungen. Angeblich sollte er ein Klaviervirtuose sein, ein gestrandeter Meisterpianist, vielleicht aus Tschechien, vielleicht aus Norwegen. Dabei kam er nur aus Waldmünchen und hatte sich zu Hause ein paar Stücke auf einem Keyboard beigebracht - es reichte für die "Mondscheinsonate" und "Für Elise".
Auch das Foto, das um die Welt ging, scheuer Mann mit Rehblick, das zu den romantischen Vorstellungen von einer zartzerbrechlichen Künstlerseele so gut zu passen schien - für die Anwälte der Familie nur ein retuschiertes Bild. Von der Akne sei nichts zu erkennen, das Haar viel zu hell, hochgebürstet statt in der Mitte gescheitelt. Vielleicht suchen die Anwälte aber auch nur nach einer Erklärung für alle, die einfach nicht glauben können, dass die Familie das Bild in den Zeitungen angeblich nie gesehen und ihren Sohn daher nie als den "Piano-Mann" erkannt haben will. So wie schließlich kein Mitschüler, kein Ex-Lehrer, kein Waldmünchener das Foto aus der Zeitung mit dem Menschen aus seinem Ort zusammenbringen konnte, obwohl sich in Waldmünchen doch sonst alle so genau beobachten.
Vor allem aber muss Andreas G. mit Zweifeln leben, den Zweifeln, er könnte doch nur simuliert haben, den selbst renommierte Ärzte nähren. Dieter Naber, Psychiatrie-Professor an der Hamburger Universitätsklinik, kennt keinen einzigen Fall, in dem ein Patient so lange geschwiegen habe. Möglicherweise, so Naber, habe Andreas G. zumindest schon länger mit sich gerungen, wieder zu reden, sich dazu aber erst entschlossen, als der Druck des Verheimlichens größer gewesen sei als der des Verdrängens.
Seine Anwälte sagen dagegen, Andreas G. habe nicht geschauspielert. Er habe zwar nie ganz die Erinnerung verloren, aber keine Brücke zu seiner Umwelt bauen können. Eine innere Kontaktsperre also, die der Regensburger Psychiatrie-Professor Helmfried Klein durchaus für möglich hält. "Der junge Mann war seiner Erkrankung, vermutlich einer Schizophrenie, hilflos ausgeliefert", glaubt Klein. "Er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr logisch denken und auch nicht mehr entsprechend handeln." Dass er dagegen alles nur gespielt habe - für Klein eine "absurde Vorstellung".
Aber was in diesem Fall ist schon so absurd, dass es nicht trotzdem wahr sein könnte? Wahr ist, dass Andreas G. von zu Hause aufgebrochen ist, um auszubrechen; absurd ist, dass die lange Flucht nun genau dort endet, wohin er so schnell nicht wieder zurückwollte: in Waldmünchen. Sobald die Kamerateams abgezogen sind, wird Andreas G. wohl fürs Erste wieder einziehen, in die kleine, beschützende, erstickende Welt seines Elternhauses. Und das ist absurd. Aber wahr. JÜRGEN DAHLKAMP,
GERALD DRISSNER, GUNTHER LATSCH, ROMAN PLETTER, ANDREAS ULRICH
Von Jürgen Dahlkamp, Gerald Drissner, Gunther Latsch, Roman Pletter und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 35/2005
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