29.08.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDer Bettkampf

Wieso zwei Frauen an einem Tag mit 115 Männern schliefen
Am Morgen letzte Vorbereitungen. Nathalie Schorn rasierte sich die Beine, flocht sich das Haar zu zwei steifen Zöpfchen, packte den Koffer: das schwarze Kleid, die Hochhackigen. Sie aß ein Croissant, obwohl ihr übel war. Um neun Uhr klingelte Uschi. Sie lachte und tröstete sie: Die Aufregung würde vergehen, sobald die Kerls auf der Matte stünden.
Und wenn keiner kommt?
Die kommen, sagte Uschi.
Sie fuhren von Lünen nach Herne, um Tine abzuholen, dann auf die A1 Richtung Wuppertal, Köln. Keine Staus, sie würden pünktlich sein.
An diesem 8. August 2005, von 12 Uhr mittags bis in die Nacht, so ihr Plan, wollten Nathalie und Tine mit so vielen Männern schlafen wie möglich - sie würden einen Wettkampf inszenieren, und: Sie würden den Männern Geld geben, 50 Euro pro Mann und Akt, es gab eine Annonce, ins Netz gestellt, die "Bild"-Zeitung wusste Bescheid.
Ein PR-Fake? Ein "Bild"-Komplott?
Die Hornstraße führt durch ein Misch- und Gewerbegebiet im Norden Kölns, links ein blaues Hochhaus, elf Etagen: das "Pascha". Laut Eigenwerbung ist dies "Europas größtes Laufhaus", ein Bordell, mit Zimmern, die tageweise vermietet werden, an Huren, die auf eigene Rechnung arbeiten. Am Eingang sieht es aus wie vor einem altmodischen Kino. Eintritt fünf Euro, lange Flure, dumpfes Licht. Sessel mit vergoldeten Tatzen. Gerüche nach Schweiß, Chemikalien, Triebabfuhr. 135 Betten, 135 Alarmknöpfe.
Nathalie Schorn, 19 Jahre jung, ledig, Mutter einer Tochter von drei Jahren, und ihre Freundin Tine, rund zehn Jahre älter, hatten sich in der Annonce als "Nymphomaninnen" bezeichnet. Sie bewegen sich in der "Gang-Bang-Szene" der Republik, eine Spielart der organisierten Promiskuität. Gang-Bang heißt: viele Männer, eine Frau. "Die Anonymität, die Masse", sagt Nathalie Schorn, "ich mag das." Uschi, Nathalies ältere Freundin und provisorische Managerin, veranstaltet gemeinsam mit ihrem Mann derartige Partys, sie machen DVDs, verkaufen sie. Nathalie Schorn sagt selbst, sie spiele mit dem Gedanken, professionell einzusteigen.
Aber erst mal berühmt werden, findet Uschi.
Im "Pascha" hatten sie zwei Zimmer reserviert. Tine bezog 105, Nathalie 106, Tine stülpte sich ihre Perücke über, Nathalie zog ihr schwarzes Kleid an und stieg in die hochhackigen Schuhe. Tine übergab das Geld an Karl von der "Pascha"-Security, der würde auszahlen, 50 Euro pro Mann und Akt. Stefan, der "Pascha"-Liliputaner, führte die Strichliste.
Punkt zwölf Uhr wurden die ersten Männer vorgelassen, es warteten sehr, sehr viele. Und es kamen immer mehr.
Nathalie wuchs auf in Dortmund, sie schaffte ihren Hauptschulabschluss, die wichtigsten Lektionen lernte sie jedoch aus dem Fernsehen, dem Internet. Erstens: Man kann alles kaufen. Zweitens: Sex regiert die Welt. Drittens: Um seinen Wert zu steigern, muss man auffallen, dann sitzt man bald in einer Talkshow.
Allerdings hatten fast alle Zeitungen und TV-Sender abgewinkt; zu irre, zu unglaubwürdig das Ganze. Warum sollten Frauen so etwas tun?
Warum nicht?, sagt Nathalie Schorn.
Nathalie war Tine in einem Dortmunder Sex-Club begegnet; Tine war dort Gast gewesen, Nathalie hatte hinter der Bar gestanden. Die Frauen mochten sich. Tine erzählte von ihrem Lebensgefährten, der im Ausland lebte und ihr ordentlich Geld schickte. Als sie nach Mallorca reisen wollte, um Männer aufzureißen, und Nathalie für zwei Wochen einlud, sagte die: Ach, lass uns lieber was Verrücktes machen.
Was denn?
Wir kaufen uns Männer.
Du spinnst.
Wart's ab, ich rede mit Uschi.
So soll es gewesen sein. "Bild" habe nichts gezahlt, das "Pascha" habe nichts gezahlt, Tine finanzierte die bizarre Idee, das beteuern, beschwören alle. Wahrscheinlich sagen sie die Wahrheit, und das Geheimnis an dieser Geschichte ist, dass es keines gibt. Kein Geheimnis, keine Moral, nur ein schaler Beigeschmack.
Im "Pascha", am 8. August, wurden Nathalie und Tine im Laufe des Abends immer routinierter: Im Schnitt benötigten sie etwa neun Minuten pro Akt. Die Männer kamen und gingen in Serie, Schuhe aus, Hose auf, in Nathalies Erinnerung verschwimmt es. Die meisten Kerle waren jung. Einer fand dann seine Brille nicht. Einer war schwarz. Alle hatten irgendwie dasselbe Deo.
Nathalie erlebte keinen Orgasmus, dennoch fühlte sie sich großartig. Wie eine Königin, unendlich mächtig, unendlich begehrt, und wenn sie den einen Kerl verabschiedete und nackt vors Zimmer trat und den nächsten hereinwinkte - dann klatschten alle, johlten, machten die Welle, "La Ola", und sie verbeugte sich, sie war der Star.
Die Reporter der "Bild"-Zeitung kamen spät, sie staunten. Mehr als 1400 Männer, heißt es, warteten inzwischen, viele Männer hatten telefoniert, es hatte sich herumgesprochen, dass es Sex gab und Geld. Gegen 19 Uhr machte Nathalie eine Pause. Sie bekam Bockwurst, Pommes frites, Cola.
Gegen 23 Uhr, nach 11 Stunden und insgesamt 115 Männern, war Tine bleich wie eine Blumenzwiebel, auch Nathalie fühlte sich wund und kaputt. Uschi beendete die Show. Die Frau von der "Bild"-Zeitung sagte noch, dass die Story jetzt wohl auf die Titelseite käme.
Nathalie wartet seitdem auf Angebote, Uschi sagt, das wird schon. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 35/2005
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
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