29.08.2005

NORDIRLANDAuf dem Karussell der Paranoia

In Belfast und Umgebung gibt es ein paar Inseln, in denen Protestanten neben Katholiken wohnen. Sie müssten mehr werden, damit der alte Hass nachlässt, aber daran haben die Bürgerkriegsparteien von gestern das geringste Interesse. Von Thomas Hüetlin
Eigentlich sollte es das letzte Haus sein, das Patricia McGaughey und ihr Mann Patsy bezogen, hier in den sanft dahinrollenden grünen Hügeln von Ahoghill, einem Idyll, viele Wälder und Golfplätze, entfernt von den Ghettos von Belfast.
Sie hatten es sich gemütlich gemacht. Ein Fässchen Whisky vor dem Kamin, zwei Fernseher, einer für Patsy, wo er seine Krimis schauen konnte und den Dokumentationssender Discovery Channel, einer für Pat und ihre Soaps. Es sollte Friede herrschen in den weißgetünchten Wänden.
Aber damit ist es nun vorbei. Es war um 23.30 Uhr. Patsy saß vor "Miami Vice", Pat lag schon im Bett, als die Scheiben so laut klirrten, als fahre jemand mit einem Bulldozer direkt in die gute Stube. Nach ein paar Schrecksekunden merkten sie, dass es drei Farbbomben waren, die jemand in ihr Haus geschleudert hatte. Möbel, Teppiche und die Bilder der Enkelkinder waren mit einer Art weißem Klebstoff überzogen.
Die Botschaft war eindeutig: Haut ab hier. Ihr habt in diesem Winkel Nordirlands nichts verloren, weil ihr Katholiken seid. Ein paar Wochen vorher hatte es einige Straßen weiter oben gekracht. Die Täter waren mit Brandbomben angerückt, mitten in der Nacht. Eine alleinerziehende Mutter und ihr Sohn konnten sich nur durch einen Sprung aus dem ersten Stock retten.
Mit blauen Hausschuhen steht Pat McGaughey jetzt auf dem lindgrünen Teppichboden ihres verwüsteten Heims. Dies sei eigentlich eine konfessionell gemischte Gegend, sagt sie. Man sei mit den Nachbarn gut ausgekommen, habe sogar eine englische Fahne, das Erkennungszeichen der Protestanten, im Garten aufgepflanzt und den Enkeln verboten, in den Fußballtrikots von Celtic Glasgow vorbeizukommen, dem Erkennungszeichen der Katholiken.
Umsonst.
"Sie haben es trotzdem rausbekommen", sagt Pat McGaughey. Es ist still hier draußen, die Luft frisch vom morgens gefallenen Regen. Manchmal winken Nachbarn über den Zaun, freundlich. Die meisten hier sind freundlich. Aber sie haben auch Angst, etwas zu unternehmen gegen jene, die weniger freundlich sind. Er könnte sie selbst treffen, vielleicht morgen schon, dieser unsichtbare Hass.
"Wir würden liebend gern bleiben", sagt Pat McGaughey, der Terroristen ihr Haus zerstören können, nicht aber ihren höflichen britischen Singsang. "Aber wir sind einfach zu eingeschüchtert. Wir ziehen hier weg."
Etwa 40 Kilometer weiter südöstlich trägt Jim Devlin den Sarg seines 15-jährigen Sohnes Thomas in die "Church of the Resurrection" in Nord-Belfast. Das braune Holz ist mit roten Rosen und weißen Lilien geschmückt, die Last ist auf sechs Männer verteilt, aber Vater Devlin wirkt trotzdem so, als sei das Gewicht zu viel für ihn. Auch die Devlins wohnen außerhalb der Ghettos, in einer gemischten Gegend, wo die Menschen, meist Anwälte, Lehrer und Ärzte, die Illusion hegen, sie könnten sich durch sorgfältig geschnittene Hecken und zivilisiert gestrichene Gartenzäune schützen vor dem Hass der Vergangenheit.
Aber am 10. August gegen halb elf abends fiel er trotzdem ein in die behüteten Straßen.
Thomas Devlin saß mit zwei Freunden vor dem Computer, und während sie spielten, raste die Zeit schnell dahin. Sie bekamen Hunger, zogen sich an, gingen zu einer Tankstelle, einen halben Kilometer weit, deckten sich ein mit Cola und Chips. Auf dem Weg zurück, vor der St. Patrick's-School, sprangen Unbekannte aus dem Dunkel. Sie stachen Thomas in den Rücken, fünfmal.
Das Opfer war ein Junge in der Pubertät, er hatte ein Schlagzeug in seinem Zimmer stehen, er trug gern schwarze Kleidung. Seine Lieblingsband war die Heavy-Metal-Gruppe Iron Maiden. Diese Leidenschaften haben mit seinem Tod nichts zu tun. Zum Verhängnis wurde ihm, dass in seinem Pass steht, er sei katholisch.
Die Brand- und Farbbomben von Ahoghill, der Mord an Thomas Devlin sind trostlose Normalität im nordirischen Friedensprozess, welcher sich seit elf Jahren hinzieht und vor vier Wochen noch einmal bekräftigt wurde, als die IRA erklärte, der Krieg sei für sie endgültig zu Ende. Die paramilitärische Organisation, die sich früher gerühmt hatte, "kein Gewehr, keine Patrone" freiwillig abzugeben, erklärte sich sogar bereit, die Waffen zu zerstören.
"Ein Schritt von beispielloser Größe", jubelte der britische Premierminister Tony Blair, der mit viel Geduld seit 1997 die Aussöhnung vorantrieb.
Als Gegenleistung kündigte er an, er lasse innerhalb von zwei Jahren die Hälfte aller Militärinstallationen abbauen und die Zahl der britischen Soldaten in der Krisenregion von 10 500 auf 5000 reduzieren.
Blair und Großbritannien und die Welt haben andere Sorgen mit anderen Terroristen. Nordirland und die IRA wirken seither noch anachronistischer als zuvor.
Es ist ein merkwürdiger Friede, der sich in Belfast ausbreitet. Die großangelegte, systematische Gewalt des Guerillakriegs ist konfessionsgebundenen, kleinteiligen Nachbarschaftsscharmützeln gewichen: Straßenschlachten, Anschläge mit Waffen, Brand- und Farbbomben, Vandalismus - Akte "sektiererischer Gewalt" nennt das Peter Shirlow von der University of Ulster.
Zwar ist die Zahl der Toten in den letzten Jahren rasant zurückgegangen. Gab es zu den Hochzeiten des Terrorismus, etwa 1983, 85 Opfer, wurden 2004 gerade noch fünf Menschen ermordet.
Aber Nordirland hat sich im Friedensprozess mehr denn je polarisiert: Die Zahl der Menschen, die in Ghettos wohnen, nimmt zu und die trennenden Mauern ebenfalls. "Leute werden verprügelt, man wirft ihnen die Scheiben ein oder schleudert ihnen eine Brandbombe ins Haus", sagt Adrian Guelke, Professor für Politik an der Queen's University Belfast. "Das hält sie davon ab, in einem gemischten Viertel zu leben."
Die Trennung in den Wohnquartieren findet ihre Fortsetzung in der Polarisierung der Wähler. Die gemäßigten Parteien des Zentrums verlieren. Ein Gewinner des alten, neuen Misstrauens ist "Sinn Fein", der politische Ableger der IRA, den Gerry Adams dirigiert. Auf der Seite der protestantischen Loyalisten feiert die erzkonservative Partei des Pastors Ian Paisley Auferstehung. Paisley hielt selbst Margaret Thatcher für eine Verräterin an der protestantischen Sache und bat seinen Herrn: "Take this wicked woman, oh Lord." - Lieber Gott, nimm diese böse Frau zu dir.
Der Friede in Nordirland trägt alle Zeichen eines Stellungskrieges ohne schwere Waffen. "Wenn die Männer mit den Gewehren verschwinden", sagt Professor Guelke, "ist es für die Zurückbleibenden viel einfacher, auf dem Niveau geringer Gewalt umso aktiver zu werden. Es ist ein Kampf um die Macht. Die Leute sagen sich: Warum sollen wir in der Minderheit sein in eurem Land, wenn ihr eine Minderheit sein könnt in unserem Land?"
Das Ghetto "Short Strand" im Osten von Belfast liegt wie eine Insel im protestantischen Gebiet. 3000 Katholiken siedeln hier, umgeben von drei hohen Mauern und einer sechsspurigen Straße. "Free Sean Kelly", steht auf einer der Wände - ein Andenken an einen Mann, der an einem Samstagmorgen im Oktober 1993, als die Menschen für ihren Wochenendeinkauf Schlange standen, eine Bombe in ein Fischgeschäft tragen half, die neun Menschen tötete. Er bekam dafür neunmal Lebenslang, kam aber nach sieben Jahren frei. Auch das gehört zum Friedensprozess.
In Short Strand steht die Zeit still. Die alten Parolen, die alten Feindbilder, der alte klaustrophobische Hass, der wie eine ewige Leitwährung verwaltet wird von der IRA, die Short Strand beherrscht, auch heute noch, Wochen nach ihrer Auflösung.
In einem Haus aus grauen, verwaschenen Ziegeln, umtost von der Schnellstraße, sitzt Paula McCartney. Hinten im kleinen, mit Brettern eingezäunten Hof spielen ein Junge und ein Mädchen mit zwei Spielzeugautos. Eines ist ein Jeep, das andere ein Krankenwagen. Selbst beim Kinderspiel ist der Frieden in Short Strand eine Fortsetzung des Krieges.
Die Mutter von fünf Kindern trägt eine grüne Militärhose und ist sehr blass. Seit acht Monaten führt sie ihren Kampf gegen die IRA. Sie verlangt viel, sie verlangt Gerechtigkeit.
Es war am 30. Januar dieses Jahres, als ihr Bruder Robert mit einem Freund in den Pub ging, auf ein paar Bier. Ein IRA-Mann beschuldigte Robert, der habe seine Frau mit einer rüden Geste beleidigt. Roberts Freund will sich bei dem IRA-Mann mit einem Drink entschuldigen. Das war nicht genug. Mit einer zerschlagenen Flasche
wurde der Hals des Freundes aufgeschlitzt. Als die beiden flüchteten, folgten ihnen ein Dutzend Männer. Vor der Tür des Pubs schlugen sie mit Eisenstangen auf die beiden ein, schlitzten sie mit Messern auf und traten McCartney immer wieder auf den Kopf.
Dann kehrten die Mörder in den Pub zurück, verwischten die Spuren und holten die Kassetten aus den Überwachungskameras. "Sie schlossen die Türen und sagten: Niemand hat etwas gesehen, dies hier ist eine Sache der IRA", erzählt Paula McCartney.
Der Freund überlebte, Robert starb im Krankenhaus. Von den etwa 70 Menschen, die an diesem Abend im Pub saßen, war keiner bereit auszusagen. Zu den drei Mauern in Short Strand kam eine vierte: die des Schweigens.
Die McCartney-Schwestern durchbrechen die Mauer. Als ihre Rufe nach Gerechtigkeit über Zeitungen und Fernsehsender weltweit immer lauter wurden, bot die IRA-Führung ihnen an, zwei Schuldige erschießen zu lassen. Die Frauen lehnten das obszöne Angebot ab. Sie wollten, dass endlich der Rechtsstaat einzieht in Short Strand. Zwei Männer warten jetzt auf ihren Prozess, aber die übrigen laufen immer noch durch die Gassen von Short Strand, und Paula McCartney kennt sie alle.
Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer auf einem roten Sofa und wirkt trotz des Kindergeschreis im Hinterhof verlassen wie in einer Bahnhofshalle. Sie will nur noch weg aus Short Strand, sie erträgt das Ghetto und seine Verlogenheit nicht mehr. Selbst wenn sie bloß einen Liter Milch braucht, überquert sie jetzt lieber die Schnellstraße und kauft ihn sich jenseits der Grenze im ehemaligen Feindesland.
Die meisten Leute in Short Strand halten zu den McCartney-Schwestern und lassen die Kinder weiterhin mit denen der McCartneys spielen. Aber das ist eine stille Sympathie. Nach außen dringt kein Laut. Alle haben sie Angst, Angst vor der IRA.
"Die IRA ist heute wie die Mafia", sagt Paula McCartney. "Auch die haben angeblich einmal angefangen, um den armen italienischen Bauern zu helfen. Aber heute unterdrücken sie nur noch die Menschen, für die sie vorgeben zu kämpfen."
Es sind Männer, die 30 Jahre gelebt haben für den Krieg und die nichts wissen wollen von Frieden. Einem Jungen, erzählt McCartney, der in eine Messerstecherei geraten war, hätten sie zur Strafe durch beide Hände geschossen. Die IRA ist die selbsternannte Polizei im Ghetto. "Zur richtigen Polizei", sagt McCartney, "gehen die Leute hier nur, wenn sie einen Autounfall haben, weil sonst die Versicherung nicht bezahlt."
Der Krieg gegen die Briten verlieh dem Leben Macht und Sinn, die IRA profitiert auch materiell davon. Sie ist heute eine hochkomplexe kriminelle Vereinigung, die in Nordirland Millionen verdient mit Benzin- und Zigarettenschmuggel, mit Banküberfällen, mit gefälschten CDs und DVDs. "Im Gegensatz zu ihren paramilitärischen Kollegen unter den Loyalisten", sagt Professor Guelke, "haben sie außerdem mehr Disziplin und mehr Führung."
Unter den Gangs der Protestanten ist ein schmutziger Verteilungskrieg um die Vorherrschaft im Schutzgeld- und Drogengeschäft ausgebrochen. Allein vier Mitglieder der Loyalist Volunteer Force (LVF) wurden in den letzten Wochen von den Paramilitärs der Ulster Volunteer Force (ULF) erschossen.
Es ist ein Kult des Gestern, des Opfers und des Blutes, der den nordirischen Konflikt durchzieht bis in den bizarren Frieden hinein. An den Mauern der Ghettos prangen bunte Wandmalereien voll mit finsteren Kapuzenmännern, Grabhügeln, Kreuzen und Forderungen nach Rache und Vergeltung. Niemand wischt sie weg, diese Graffiti des Hasses, niemand übermalt diese Mantras der immerwährenden Zerstörung.
Für die Bewohner der Ghettos ist es nicht einfach, auszusteigen aus diesem Karussell der Paranoia; für die Politiker dieser Bezirke ist es manchmal sogar lebensgefährlich. David Ervine, Chef einer probritischen Partei, tut es trotzdem. Am Ende dieser Woche der Farbbomben von Ahoghill, der Beerdigung von Thomas Devlin und dem Mord an einem protestantischen Bandenmitglied sitzt David Ervine in seinem Büro in East-Belfast. Das kleine Fenster ist aus Panzerglas. Der Blick geht auf ein Beerdigungsunternehmen.
Ervine kämpfte in den siebziger Jahren als Terrorist gegen die IRA, wurde mit einer Bombe erwischt und musste für fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis. Er behauptet, er habe sich geläutert.
Wenn Ervine von seinem Land spricht, klingt er, als rede ein Anonymer Alkoholiker über seine Sucht. "Ich bin 52 Jahre alt", sagt er, " und habe nie in einer normalen Gesellschaft gelebt. Wir sind abnormal." Nur Idioten könnten glauben, dass ein Handschlag unter Politikern ein Problem lösen könne, das tief aus dem 17. Jahrhundert herüberkommt. Nordirland sei abartig: die höchste Selbstmordrate im Vereinigten Königreich, besonders unter Teenagern, die höchste Quote psychischer Krankheiten.
"Wir leben zum Teil nur 50 Meter getrennt voneinander", sagt Ervine. "So nah, dass wir uns hören können. Aber wir kennen uns nicht." Ervine schaut aus seinem kugelsicheren Fenster hinaus auf das Bestattungsunternehmen. Draußen beginnt es zu regnen. Trotzdem versammeln sich viele Menschen in Schwarz auf dem Bürgersteig. Noch eine Beerdigung.
In diesem Land, sagt Ervine, müsse man für jedes hoffnungsvolle Zeichen dankbar sein. Sogar für die Ankündigung der IRA, dass der Krieg vorbei sei.
* Mit einem Foto, das sie und ihren Bruder Robert zeigt.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 35/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NORDIRLAND:
Auf dem Karussell der Paranoia

  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger
  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island