29.08.2005

GENETIKGenies aus der Kälte

Vor 25 Jahren eröffnete eine Samenbank, die Spermien von Nobelpreisträgern und Olympiasiegern feilbot. Nun schildert ein Buchautor, was für Kinder dabei herausgekommen sind.
Robert Graham war so etwas wie das Groupie der Genies. Die begnadetsten Wissenschaftler seiner Zeit bombardierte er mit Briefen, nervte sie mit Telefonanrufen, besuchte sie überraschend im Labor. Bei alldem wollte er immer nur das eine: ihren Samen - versiegelt in einem kleinen, sterilen Plastikrohr.
Vor nunmehr 25 Jahren gründete der Multimillionär eine Samenbank, die er "Repository for Germinal Choice" nannte, die aber ganz Amerika nur unter einem Titel kannte: die Nobelpreis-Spermienbank.
Graham redete den Spendern ein, sie könnten das Schicksal der Menschheit in ihre eigene Hand nehmen und masturbieren: "Der Mensch muss die Kontrolle über die Evolution ergreifen", so Graham. Weil sich vor allem Arme, Kranke und Irre vermehrten, sei der Mensch auf bestem Wege, sich wieder auf die gleiche geistige Stufe wie sein nächster Verwandter, der Affe, zu stellen. "Intelligente Selektion" biete die einzige Alternative zum Niedergang.
215 Retortenkinder sind aus Grahams Samenbank hervorgegangen, bis sie im Jahr 1999 geschlossen wurde. Was aus ihnen geworden ist, hat der US-Autor David Plotz versucht herauszufinden. 30 der Genie-Sprösslinge konnte er aufspüren. Auch einige Spender hat der "Samendetektiv", wie er sich selbst nennt, interviewt.
Über seine Recherchen hat der Redakteur des Online-Magazins "Slate" jetzt ein Buch geschrieben, in dem er einer der großen Fragen der Wissenschaft nachgeht*:
Wie viel Macht steckt in den Genen, und welchen Anteil machen Erziehung, Bildung und Prägung aus?
Zunächst allerdings machte er eine ernüchternde Entdeckung: Unter den angeblich so genialen Samenspendern finden sich wohl nur drei Nobelpreisträger, die ihre Erbinformation in den Dienst der Weltverbesserung stellen wollten, darunter auch William Shockley, Erfinder des Transistors und überzeugter Rassist. Das Zuchtmaterial der Laureaten erwies sich offenbar als wenig tauglich. Kein einziges Kind ging daraus hervor.
Doch Graham hatte ja noch mehr im Angebot: Der Samenbankgründer, der seine vielen Dollars der Erfindung von bruchsicheren Plastikbrillengläsern verdankt, bat auch talentierte Nachwuchswissenschaftler, Olympiasieger und erfolgreiche Selfmade-Millionäre um ihr Wertvollstes.
Über die Kinder, die aus dem Kältetank kamen, gibt es durchaus Erfolgsgeschichten zu erzählen. So meldete sich bei Plotz die Mutter von Joy, deren genetischer Vater den Decknamen "Donor White" trägt und der Karteikarte zufolge ein brillanter Forscher sein soll. Das ist nicht einmal übertrieben, stellte Plotz bei seinem Treffen mit "Donor White" fest, und auch sein Kind Joy sei ein entzückendes Geschöpf.
Die 13-Jährige bringt nur beste Noten nach Hause, sie ist eine begabte Ballett-Tänzerin, hat lange Gliedmaßen und forsches Auftreten. "Sie ist der Typ Mädchen, den Lehrer gern in ihrer Klasse haben und Eltern gern als Tochter", so Plotz.
Ähnlich gut geraten sind auch die drei Wunderkinder von Lorraine, einer erfolgreichen
Neurologin. Ihr zehnjähriger Sohn und die sechsjährigen Zwillinge besuchen nur die besten Schulen mit vorzüglichen Resultaten. Sie seien so reizend, dass sich "die Leute darum gerissen haben, Babysitter zu spielen", sagt Lorraine.
Der Entschluss, sich aus der Nobelpreis-Samenbank zu bedienen, sei in ihr angesichts der abschreckenden Beispiele geistiger und körperlicher Gebrechen gereift, die sie tagaus, tagein in ihrer Praxis erlebe. Lorraine hält ihren elitären Anspruch für ganz natürlich: "Wer Früchte züchten will, wählt auch nicht die Samen der schlechtesten aus und lässt sie wachsen."
Doch verdanken Lorraines Kinder ihre Talente wirklich dem edlen Zuchtgut, das bei ihrer Herstellung Verwendung fand? Hätte eine so fördernde, engagierte und liebende Mutter nicht auch zum Spermien-Discounter gehen können, mit ebenso durchschlagendem Erfolg?
Das zumindest argwöhnt Plotz. Bestätigt sieht er seinen Verdacht durch das Beispiel von Tom und Alton. Die beiden Teenager sind Stiefbrüder, doch davon wussten sie lange nichts. Beide stammen sie von "Donor Coral" ab, einem Prachtexemplar aus der Genie-Farm: "Ein Wissenschaftler erster Güte, IQ von über 160, spielt Schach und Klavier und ist kinderlieb", so versprach der Auskunftsbogen.
Das sollte eigentlich reichen, um sowohl Tom als auch Alton an die Spitze ihrer Generation aufsteigen zu lassen. Doch in Wahrheit kamen die beiden Jungen ganz unterschiedlich voran.
Alton wächst in einem mondänen Vorort von Boston auf, besucht mit sehr guten Noten eine Spitzenschule. Er ist ein hervorragender Pianist und Tänzer. Eine von ihm gefertigte Skulptur wurde auf einer Kunstshow für Kinder in Harvard ausgestellt. Alton ist zielstrebig, selbstbewusst und ehrgeizig. Als seine Mutter ihm von seinem wahren Vater erzählte, nahm er das mit Gelassenheit auf.
Nicht so Tom, ein verstörter Teenager aus einem minder guten Viertel einer Stadt im Mittleren Westen. Er besucht eine durchschnittliche Schule mit mäßigem Erfolg. Statt Piano zu spielen, singt er düstere Songs in einer Rapband.
Sein genetisches Geheimnis hatte die Mutter ihm vorenthalten. Erst als Tom, um sie zu ärgern, ankündigte, auf eine Wrestlingschule wechseln zu wollen, sah sie den geeigneten Moment gekommen. Sie enthüllte ihm, dass er geniale Gene habe, um ihn von seinem Plan abzubringen.
Doch sie stürzte Tom nur noch tiefer in seine schwelende Identitätskrise. Verzweifelt machte er sich auf die Suche nach seinem Vater und wurde dabei selbst einer. Mit 17 Jahren schwängerte er eine illegal immigrierte Russin namens Lana. Seinen Selbstzweifeln half das wenig. Schwer litt Tom unter der Bürde seiner Gene. Hätte er nicht ein besserer Schüler sein müssen, dem IQ seines Vaters von 160 würdig?
Den Druck, den Verheißungen einer Turbo-DNA entsprechen zu müssen, war Tom dann nach der Begegnung mit seinem "Donor-Daddy" los. Gemeinsam mit Plotz, Lana und seinem Baby machte er sich auf nach Miami. Dort endete der Ausflug in einer verkommenen Hütte voller Kakerlaken, wo sein biologischer Vater als Untermieter mexikanischer Drogendealer lebte.
Coral hieß Jeremy und war ein noch immer gut aussehender Endvierziger, dessen Kinderliebe sich allerdings auf den Zeugungsakt reduzierte: Er hatte mehr als ein Dutzend Kinder von fast ebenso vielen Frauen. Dazu kommen noch mehr als 20 durch die Samenbank.
Es stellte sich heraus, dass Jeremy intellektuell weit weniger gut beleumundet war, als es seine Karteikarte ausgab. Weder war sein Vater ein herausragender Meeresbiologe gewesen, noch hatte seine Schwester bei Klavierwettbewerben gewonnen. Einen Intelligenztest hatte er nie gemacht.
Somit konnte auch Alton sein Klaviertalent nicht vom Vater haben. Ganz offensichtlich ist der Junge ganz und gar nicht nach seinen Genen geraten - zumindest nicht nach den väterlichen.
Auch für die anderen Retortenkinder, die Plotz aufspürte, gilt: Bis auf wenige Ausnahmen sind sie überdurchschnittlich erfolgreich in der Schule. Einige fallen durch sportliche und musische Talente auf.
Dass dies allerdings in der exklusiven DNA der Samenbank-Kinder begründet liegt, glaubt Plotz nicht. Er sieht den Grund eher in der Klientel, die um Spermien aus Grahams Bank nachsuchte. Meist waren es ehrgeizige, engagierte Frauen, die ihre Suche nach dem optimalen Paarungspartner auf diesem Wege abkürzen wollten. Auffällig sei, dass die Kinder, wenn überhaupt, dann ihren Müttern ähnelten, so Plotz.
Eines jedenfalls ist sicher: Das eugenische Großexperiment des Robert Graham ist gescheitert. Sogar das Kind, das seinen Erwartungen am nächsten kam, entwickelt sich nicht recht nach Plan. Doron Blake, mittlerweile 23, setzte sich schon mit zwei Jahren an den Computer, zitierte den "Hamlet" mit fünf und brachte es beim Intelligenztest auf sagenhafte 180.
Seine Mutter und Graham nutzten seine Begabung gleichermaßen aus - sie als Geldquelle und er zum Marketing. Vor unzähligen Kameras stellten sie ihn als Maskottchen der Samenbank aus. "Ich habe mich gefühlt, als würden mich die Leute ständig untersuchen und beproben", klagt Doron, der zum vereinsamten Sonderling wurde.
Statt die Computer der Zukunft zu entwickeln, wie es Graham von seinen Überkindern erwartet hat, studiert Doron vergleichende Religionslehre.
Mathematik und Physik hat Doron von seinem Lehrplan gestrichen. Plotz: "Es scheint so, als gehe er seiner Intelligenz absichtlich aus dem Weg."
GERALD TRAUFETTER
* David Plotz: "The Genius Factory". Random House, New York; 288 Seiten; 24,95 Dollar.
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 35/2005
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