29.08.2005

LITERATURWühlarbeit im Haus der Ahnen

In diesem Herbst knüpfen zahlreiche deutschsprachige Autoren nach dem Vorbild der US-Amerikaner an die überholt geglaubte Form des Familien- und Generationenromans an. Herausragendes Beispiel ist das neue Buch des Österreichers Arno Geiger: „Es geht uns gut“.
Dieser Enkel will es gar nicht wissen. Er will nichts wissen von den alten Geschichten, seinen Vorfahren, der ganzen vergangenen Zeit, vom Trödel, vom Geerbten. Nur die Villa, die ihm die Oma vermacht hat, die möchte er schon gern in Besitz nehmen - nur eben ohne das ganze Zeug darin. Und ohne die Erinnerungen, die an diesem Haus hängen.
Da sitzt er auf der Treppe vor dem ererbten Haus, Philipp Erlach, ein Mann von Mitte dreißig, und weiß nicht weiter. Weder jetzt und hier noch in seinem Leben überhaupt. "Du mit deinem verfluchten Desinteresse", sagt seine gelegentliche Bettgefährtin Johanna, die ihn alle paar Tage besuchen kommt, aber verheiratet ist und ein Kind hat. Auch keine gute Aussicht.
Wien, Frühjahr 2001. Philipps Großmutter Alma ist mit 93 gestorben, die Letzte, die in diesem großen Haus übrig geblieben war - nun packen zwei tatkräftige Schwarzarbeiter an, die Johanna bestellt hat, und sie wissen, wie man einen Nachlass zu Geld macht. Leider geht dabei auch jener Schuhkarton verloren, in dem Alma all ihre Briefschaften gesammelt hatte. Philipp bedauert das, doch überwiegt bei ihm die Furcht, "dass er mehr erfährt, als er wissen will".
Was der Held in dem neuen Roman "Es geht uns gut" nicht wissen will, das interessiert den Österreicher Arno Geiger, 37, umso mehr*. Und daher erzählt der
Schriftsteller in diesem über weite Strecken großartigen Familienroman genau das, was sonst im Abfallcontainer des Enkels verschwunden wäre.
Geigers Roman, soeben erschienen, ist Vorbote und gewiss auch einer der Höhepunkte des in diesem Buchherbst auffälligen Bemühens junger deutschsprachiger Autoren - nämlich sich mit Hilfe des lange als konventionell und überholt verschrienen Familien- und Generationenromans die große epische Form zurückzuerobern.
Fast gleichzeitig kommt der Roman "Die Reise über den Hudson" auf den Markt, der wie eine Gegengeschichte zu Geigers Buch gelesen werden kann, geschrieben ebenfalls von einem österreichischen Autor: Peter Stephan Jungk, 52**.
Im September sollen die Romane "Die geheimen Stunden der Nacht" von Hanns-Josef Ortheil und "Kindbettfieber" von Sabine Schiffner folgen. Ortheil, 53, erzählt von einer Kölner Verlegerfamilie, bei der ein Generationswechsel im Verlag ansteht, die Prosadebütantin Schiffner, 39, von einer Bremer Kaufmannsfamilie, deren Zusammenhalt sich am Ende erschöpft hat. Im Frühjahr dieses Jahres sind schon der beachtliche Debütroman "Schattauers Tochter" von Arno Orzessek und die Firmen- und Familiensaga "Die Fabrikanten" von Sibylle Mulot erschienen.
Sowohl Geigers als auch Ortheils Roman sind in die 20 Titel umfassende "Longlist" des in diesem Jahr erstmals zu vergebenden Deutschen Buchpreises aufgenommen worden (siehe Tabelle Seite 156) - im September soll eine Auswahl von sechs Titeln folgen, und am 17. Oktober, einen Tag vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, soll dann im Kaisersaal des Frankfurter Römers der beste Roman deutscher Sprache aus der Produktion dieses Jahres gekürt werden.
Wie aber passt die neue Lust am Familienroman in unsere zunehmend kinderlose Gegenwart, die von hohen Scheidungsraten und Ängsten um die Rente geprägt ist? Wer möchte heute noch, fragt sich etwa die Kritikerin Sigrid Löffler, "fette Sippschafts-Schwarten lesen, opulente Chroniken von Geschlechterfolgen über mehrere Generationen hinweg?" Sie weiß aber auch: "Der Familienroman ist bequem wie ein abgetragener Pullover, und wie ein solcher ist er flexibel und dehnbar und hält die Leserseele warm."
Ihr Kollege Marcel Reich-Ranicki dekretierte vor zwei Wochen in der Lübecker Marienkirche aus Anlass von Thomas Manns 50. Todestag: "Der noch unlängst von manchen Kritikern verspottete Familien- und Generationenroman ist wieder modern." Die "alte Familien-Saga" sei einst vom "Buddenbrooks"-Autor aus dem 19. ins 20. Jahrhundert "hinübergerettet und kräftig modernisiert" worden und lebe auch noch im 21. Jahrhundert.
Tatsächlich sind es wieder einmal die US-Autoren, jüngere Schriftsteller wie Jonathan Franzen ("Die Korrekturen"), Jeffrey Eugenides ("Middlesex") oder Richard Powers ("Der Klang der Zeit"), die vorgeführt haben, dass sich Zeitgeschichte literarisch immer noch am besten als Familiengeschichte erzählen lässt, als Darstellung des vom großen Geschehen mehr oder weniger direkt betroffenen Alltags - über Jahrzehnte und mehrere Generationen hinweg. Und die gezeigt haben, dass solches Erzählen immer noch auf breites Leserinteresse stößt, übrigens gerade in Deutschland, wo die Amerikaner besondere Erfolge verzeichnen.
Das deutsche Publikum ist mit geglückten Familienepen eigener Provenienz nicht besonders verwöhnt, sieht man einmal vom Urmodell, von Thomas Manns "Buddenbrooks" (1901), ab. In den siebziger, achtziger Jahren gab es die "Deutsche Chronik" des unlängst mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichneten Walter Kempowski, in den neunziger Jahren Dieter Fortes "Das Haus auf meinen Schultern" - beides mehrbändige Romanzyklen.
Ein Familienroman aus Deutschland oder Österreich hat noch immer mit den brutalen Verwerfungen der Nazi-Zeit zu kämpfen. Einer ganzen Generation, der der heutigen Großeltern, kann die Frage nicht erspart bleiben, wozu der Einzelne zählte: zu den Gegnern, den Nutznießern, den Mitläufern oder den Schergen? Oder aber zu den Gefährdeten, Verhafteten und Deportierten?
In Geigers Roman "Es geht uns gut" sind Licht und Schatten auf die Großväter des Erben Philipp ausgewogen verteilt: Während der eine, väterlicherseits, schon vor 1938 in Wien ein Nazi-Sympathisant war, musste der andere, Almas Mann Richard, gleich nach dem Anschluss Österreichs für seine deutliche Gegnerschaft mit Drohungen und Einschüchterungen büßen - nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Politiker und war dabei, als "die alten Männer losgelegt und an ihrem besseren Österreich herumgebastelt haben", wie Alma ihm viel später im Pflegeheim nicht ohne eine Spur Spott in Erinnerung zu bringen versucht.
Leben von drei Generationen im Österreich des 20. Jahrhunderts: Die Aufräum- und Vernichtungsaktion Philipps bildet die lockere Rahmenhandlung des Romans. Eingehängt in diesen Rahmen sind Rückblenden aus der Zeit von 1938 bis 1989, jeweils auf einen Tag beschränkt und aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert: der von Alma, von ihrem zuletzt dement
dahindämmernden Mann Richard, von Philipps Vater Peter und Philipps früh bei einem Badeunfall gestorbener Mutter Ingrid, der Tochter von Alma und Richard.
In Jungks "Reise über den Hudson" sind die Zusammenhänge zwischen den Generationen gewaltsam durchschnitten: Die Mutter des Romanhelden Gustav ist ein Kind von Holocaust-Opfern - und das prägt das Leben der Familie. "Wir sind anders", hat der Junge von seinem Vater gehört, "wir haben keine Verwandten. Wir haben unsere Eltern überlebt und genieren uns dafür. Die Eltern deiner Mutter sind in Viehwaggons getrieben worden, während uns die Flucht geglückt ist, Rosa und mir."
So ist dieses eher schmale Buch konsequenterweise ein Kleinfamilienroman - das Gegenteil von einer Generationensaga: "Vater, Mutter, Kind. Wir drei, wir sind aus einem Fleisch erschaffen, wir sind siamesische Drillinge", so lautet das Credo, und Gustav trägt diese Bürde. "Du bist unser einziger Lebenssinn", hat ihm der Vater gesagt, der nicht mehr lebt, "deine Mutter und ich haben nur dich."
Die Folgen dieser erzwungenen und für den Sohn schwer erträglichen Nähe versucht Jungk (sein eigener Vater war der Zukunftsforscher Robert Jungk) im Roman zu schildern. Er hat dabei den unseligen Einfall, die Gewalt, die der Vater auch nach seinem Tod noch über den Helden ausübt, in einem grotesken und leider durchgängigen Bild zu verdeutlichen. Überlebensgroß der Vater: Während einer Autofahrt des Sohns mit seiner Mutter in den USA kommt es in der Nähe von Nyack auf einer Brücke über den Hudson zu einem längeren Stau - und sowohl der Sohn als auch die Mutter erblicken unter der Brücke den nackten Vater, "kilometerweit ausgestreckt". Das ist eine so penetrante wie unergiebige Idee, die Jungk breit auswalzt und mit der er sein Vaterporträt gründlich verdorben hat.
In diesem Frühjahr gab es ein vergleichbares, aber eben doch ganz anders konzipiertes literarisches Porträt (das übrigens auch für den Buchpreis nominiert ist): Gila Lustiger, 42, nähert sich in ihrem Buch "So sind wir" äußerst behutsam der Figur des eigenen Vaters, des Schriftstellers Arno Lustiger, der als Jugendlicher ins KZ kam und den Holocaust überlebte*. Auch hier geht es um die psychischen Auswirkungen, die das Erlebte auf die nach dem Krieg gegründete Familie hat - in einem Satz: "Wir waren und sind eine Familie, die schonend über die Vergangenheit schweigt."
Obgleich in dieser zarten und klugen Annäherung an den Vater, an das Verschwiegene nur wenig fiktionalisiert sein dürfte, heißt es selbstbewusst im Untertitel: "Ein Familienroman" - und zu Recht, denn dieses hervorragend geschriebene, um einzelne Motive kreisende Buch enthält den Stoff eines großen Romans. Und es ist auch ein "Familienroman" im Sinn von Sigmund Freud, der mit diesem Begriff Probleme beschrieben hat, die bei der "Ablösung des heranwachsenden Individuums von der Autorität der Eltern" auftreten können.
In diesem Punkt unterscheiden sich die verschiedenen Familiengeschichten nicht: Auch 60 Jahre nach Kriegsende müssen
die Kinder und Enkel allesamt sehen, wie sie mit den in der Tiefe nachwirkenden Folgen der Katastrophe leben und wie sie eventuell darüber schreiben können.
Seit einigen Jahren scheint es vor allem die Mischform von Sachbuch und Erzählung, von Dokumentarbericht und ergänzender Kommentierung zu sein, in der die Spurensuche, fragmentarisch und skizzenhaft oft, gelingt - in Büchern wie "Mein Kriegsvater" von Monika Jetter, "Meines Vaters Land" von Wibke Bruhns, "In den Augen meines Großvaters" von Thomas Medicus, "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm oder "Ein unsichtbares Land" von Stephan Wackwitz (auch als "Familienroman" deklariert).
Der Roman Arno Geigers aber beweist einmal mehr, dass auch die große erzählende Form hier noch ein Wort mitzusprechen hat. Vor allem die Kapitel, die um den Großvater, den einstigen Politiker Richard Sterk kreisen, ob aus seiner Sicht (zweimal: 1938 und 1962) geschildert, aus der seiner sich ablösenden Tochter Ingrid (1955) oder der Ehefrau Alma (1982 und 1989), gehören zum Bemerkenswertesten, was zurzeit in der Literatur deutscher Sprache zu lesen ist.
Seit der großartigen Eröffnungsszene in Franzens 2001 in den USA erschienenen "Korrekturen", wo der Zustand des verwirrten alten Familienoberhaupts Alfred Lambert geschildert wird, gehört der Niedergang des Patriarchen gewissermaßen zum literarischen Programm. Der Österreicher Geiger vermag die Stationen des langsamen Verdämmerns ebenfalls eindringlich zu schildern: von der Stufe der ersten, noch erträglichen Vergesslichkeit über die wachsende Unbeholfenheit bis zur völligen Hilflosigkeit.
Im vorletzten Kapitel des Romans "Es geht uns gut" besucht Alma, selbst 82, ihren kaum noch zu Reaktionen fähigen Richard im Pflegeheim und sinnt über all das nach, was er ihr verschwiegen hat: "Geheimnisse, die er gut gehütet hat. Und wofür? Für wen? Für niemanden. Um sich die Geheimnisse irgendwann selbst nicht mehr verraten zu können. Schätze, von denen er vergessen hat, wo sie vergraben sind."
Richard versteht das alles nicht mehr. Erst als Alma ihm ein Lied vorsingt, "da muss es in Richards Gehirn einen hellen Fleck geben, denn er beginnt, ihre Hand zu streicheln, und tut es während des ganzen Liedes".
Arno Geiger erzählt ohne Sentimentalität mal chronologisch, mal gegen die Chronologie, mit großer Könnerschaft. Der Buchherbst dieses Jahres beginnt mit "Es geht uns gut" verheißungsvoll. VOLKER HAGE
* Arno Geiger: "Es geht uns gut". Hanser Verlag, München; 392 Seiten; 21,50 Euro.
** Peter Stephan Jungk: "Die Reise über den Hudson". Verlag Klett-Cotta, Stuttgart; 228 Seiten; 19,50 Euro.
* Gila Lustiger: "So sind wir". Berlin Verlag, Berlin; 260 Seiten; 18 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 35/2005
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