29.08.2005

Boomender Spaß mit Stäbchen

Die Digitalisierung des Antennenfernsehens beschert dem Handel einen überraschenden Boom. Doch was wird aus dem Kabel-TV?
An Pannen und Problemen mangelte es nicht, als im Frühjahr 2003 in Berlin der große Wechsel begann. Von "TV fatal" und "TV-Salat" war da die Rede, "Kummerkasten statt Flimmerkiste" und "Chaos beim Digi-TV", titelten die Lokalblätter und berichteten genüsslich darüber, dass die neue Technik sogar von Kühlschränken und Alarmanlagen gestört werde.
Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt. Das digitale Fernsehen per Antenne, das unter dem Kürzel DVB-T den veralteten Analog-Empfang ablöst, erobert immer weitere Regionen und entwickelt sich zu einer echten Erfolgsgeschichte. Zusätzlich zum Fernsehen mit bis zu 30 Programmen kommt von September an über die sogenannten Set-Top-Boxen und ihre bisweilen winzigen Stäbchen-Antennen sogar ein Paket von zwei Dutzend Radioprogrammen ins Haus. Vorerst allerdings nur im Raum Berlin.
Und anders als von Kritikern erwartet, machen die Zuschauer von dem neuen Angebot reichlich Gebrauch. Das Antennenfernsehen, das als Auslaufmodell galt und nur noch von rund zwei Millionen Haushalten genutzt wurde, erlebt eine erstaunliche Renaissance.
Der Generationswechsel hat der Geräteindustrie einen Boom beschert, der selbst optimistische Erwartungen übertrifft. Schon bis Ende vergangenen Jahres verkaufte der Handel 1,7 Millionen Empfangsboxen, die fürs Digitalfernsehen notwendig sind - noch Anfang 2004 hatte die Branche nur mit einem Absatz von 1,1 Millionen gerechnet. Inzwischen, so schätzt die Branche, sind bereits rund 2,5 Millionen DVB-T-Boxen in Betrieb. Bei vielen neuen Fernsehern, die im Herbst in die Läden kommen, gehört der Digitalempfänger schon zur Standardausrüstung - die Box ist dann überflüssig.
"Blöd, wer jetzt noch Kabelfernsehen braucht", heizt die Handelskette Media Markt den Boom an. Doch trotz des deutlich attraktiver gewordenen Gratisangebots per Antenne blieb die von vielen Experten erwartete Kündigungswelle bei den Kabelnetzbetreibern bislang aus. Denn in vielen Haushalten werden mit DVB-T nur die Fernseher im Kinderzimmer oder in der Küche betrieben - das Programm für die Glotze im Wohnzimmer kommt weiter aus dem Kabel, das rund 56 Prozent aller TV-Haushalte versorgt.
"Unsere Befürchtungen", sagt Ralf Heublein, Geschäftsführer des Deutschen Kabelverbands, der die größten Netzbetreiber vertritt, "haben sich zum Glück nicht bestätigt." Allenfalls von einigen hundert Kündigungen ist bei den meisten Netzbetreibern die Rede. Schließlich biete das Kabel mit mehr als 35 TV-Programmen und etwa gleich vielen Radiosendern immer noch mehr Vielfalt als DVB-T, behauptet Heublein.
Nicht nur die größere Auswahl hält die Kabelkunden, die mit rund 15 Euro pro Monat zur Kasse gebeten werden, bei der Stange. Viele Haushalte können gar nicht frei wählen, da der Kabelempfang für sie fester Bestandteil des Mietvertrags ist und gar nicht separat gekündigt werden kann.
Dennoch kommen die Kabelfirmen immer stärker unter Druck. Da sie ihre Programme in der Regel noch analog verbreiten, lässt sich das Angebot nicht weiter ausdehnen. Und die Digitalisierung, die das Angebot vervierfachen könnte, kommt nicht voran, weil die Verhandlungen mit den großen Privatsenderfamilien RTL und ProSiebenSat.1 seit langem stocken.
Immer mehr Bundesbürger, die die ganz große Auswahl wollen, schrauben sich deshalb eine Schüssel ans Haus und empfangen ihr Programm per Satellit. Dort lockt TV global - mit weit mehr als 100 frei empfangbaren Sendern. KLAUS-PETER KERBUSK
Von Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 35/2005
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