21.10.1974

DDRBlume in der Sonne

Die Lausitzer Sorben, slawische Minderheit in der DDR, fühlen sich von ihren Mitbürgern und der ostdeutschen Presse verkannt -- als „immerfort trachtentragende, ostereiermalende“ Randgruppe.
Sieghard Kosel, DDR-Bürger und SED-Mitglied, mochte kein Deutscher sein. Auf der Schreibstube reklamierte der Rekrut der Nationalen Volksarmee die Nationalitätsbezeichnung in seinem Wehrpaß -- mit Erfolg. Seither lautet die Eintragung im Armee-Ausweis des Reservisten korrekt: "Nationalität: Sorbe".
Kosel, heute Chefredakteur der obersorbischen Tageszeitung "Nowa Doba" (Neue Epoche) gehört jener kleinen slawischen Minderheit zwischen Chosebuz und Drjezdzany, Lubnjow und Budysin* in Deutsch-Ost an, die sich von den Einheitssozialisten bislang nur zögernd vereinnahmen läßt. Der SED-Ableger Domowina, die "Sozialistische nationale Organisation der Lausitzer Sorben", beharrt darauf, ihre Landsleute seien DDR-Bürger sorbischer Nationalität.
Die Hartnäckigkeit der DDR-Sorben hat zählebige Tradition. Die von ihrer deutschen Umwelt meist Wenden titulierte elbslawische Minderheit, die seit mehr als 1000 Jahren als Bauernvolk an der oberen und mittleren Spree ansässig ist, überdauerte die Mordbrennereien der deutschen Ostlandreiter des Mittelalters ebenso wie den SS-Reichsführer Heinrich Himmler, der die Ur-Lausitzer "als führerloses Arbeitsvolk ... für besondere Arbeitsvorkommen" (Straßen, Steinbrüche, Bauten) eingeplant hatte. Die Sorben übernahmen von den deutschen Oberherren zwar den Glauben, nicht aber deren Kultur. Sie behielten ihre Sprache, dem Polnischen und Tschechischen verwandt, ihre eigenen Sagen, ihre Volkslieder und entwickelten eine eigenständige Literatur.
DDR-Menschen abseits der Lausitz freilich wissen von den Nachfahren der Wenden meist wenig oder nichts. So traf etwa ein sorbisches Autoren-Kollektiv überall in der Republik auf verdutzte Mitbürger, die "verwundert fragen: in welcher Volksrepublik liegt denn das Sorbenland?"
Die Befreier von 1945 wußten es. Sowjet-Marschall Iwan Stepanowitsch Konjew gab nach der Einnahme von Görlitz, Bunzlau und Bautzen seinen Armeen per Tagesbefehl strikte Anweisung, "ein gutes, brüderliches Verhältnis" zu den Lausitzer Sorben zu schaffen. Denn, so Konjew 20 Jahre später: "Das kleine Volk, das auf dem Territorium Deutschlands lebt und im Faschismus soviel erdulden mußte, verdiente es, unterstützt zu werden."
Zu jener Zeit war es gut, wenn man eine blau-rot-weiße Binde mit den sorbischen Nationalfarben am Arm trug oder in kyrillischen Buchstaben ans Scheunentor schreiben konnte: "Freundschaft. Hier wohnt eine slawische Familie." Noch bevor es den besiegten Deutschen erlaubt war, wieder Organisationen zu gründen, erhielten die Sorben am 17. Mai 1945 -- neun Tage nach der Kapitulation -- die vorläufige Genehmigung der sowjetischen Militäradministration, ihren Heimatbund Domowina neu zu beleben -- "zur Erhaltung und Förderung des sorbischen Volkstums und seiner Kultur auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens".
Getreu der Nationalitätenpolitik Stalins, der den Völkern der Sowjet-Union nicht politische, wohl aber eine gewisse kulturelle Autonomie zubilligte, beeilten sich die aus der Ost-Emigration heimgekehrten deutschen Kommunisten, die vom "großen slawischen Brudervolk" (Sorben-Funktionär Hans Nowusch) Befreiten ihrerseits zu umwerben. Die SED rief alle Sorben auf, sich unter ihrer wahren Nationalität registrieren zu lassen. Der sächsische Landtag beschloß auf Antrag der SED-Fraktion im Frühjahr 1948 ein "Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung", und Altkommunist Wilhelm Koenen, Erster Sekretär der sächsischen Partei-Organisation, erklärte es zur "Ehrenpflicht eines jeden Deutschen", die "bisher im Schatten gestandene schöne Blume der sorbischen nationalen Kultur in die Sonne zu stellen" -- zur "Verschönerung unseres gemeinsamen Vaterlandes Deutschland".
Die nationalbewußteren Landsleute unter den Sorben indes tendierten in den ersten Nachkriegsjahren eher zum Anschluß an die Tschechoslowakei.
Vertreter des in Prag wiedergegründeten "Sorbischen Nationalausschusses" (Narodny Wuberk) plädierten auf der Londoner Außenminister-Konferenz 1947 leidenschaftlich, wenn auch vergeblich, für eine weitgehende Autonomie im tschechischen Staatsverband. Da diese Pläne die Chance geboten hätten, das Sudetenland mit einer dritten slawischen Nation zu besiedeln, unterstützten tschechische wie slowakische Bürgerliche und Kommunisten die Forderung.
Auch die Polen zeigten zeitweilig Interesse an der slawischen Minderheit im Westen. So konstituierte sich in Warschau ein Befreiungskomitee" dem zwar kein einziger Sorbe angehörte, das aber gleichwohl den Sorben-Anschluß an Polen forderte und die Oder-Neiße-Linie zuungunsten Ostdeutschlands in eine "Oder-Elster-Linie" verwandeln wollte.
Die Sowjets förderten die separatistischen Tendenzen nicht, zeigten sich gleichwohl aber an einer Re-Slawisierung der Lausitz interessiert. Sie führten sorbische Ortsnamen wieder ein und erklärten das Sorbisch zur Amtssprache in den zweisprachigen Gebieten Sachsens. Zeitungen erschienen ebenso wie Adreß- und Telephonbücher in Sorbisch, und sogar die Bautzener Kinos waren gehalten, ihre Programme in Sorbisch zu annoncieren, obwohl kaum mehr als drei Prozent der Stadtbevölkerung der Sprache mächtig waren. Zeitweilig ließen die Besatzungsbehörden sogar die Übergänge zur CSSR für einen kleinen Grenzverkehr öffnen -- in der Hoffnung, das slawische Bewußtsein in der Lausitz dadurch zu heben.
Die Ur-Lausitzer indes blieben gegenüber derlei Appellen an ihre nichtgermanische Herkunft mißtrauisch. Als 1952 die ersten Gerüchte über ein "sorbisches Aktionsprogramm" der SED umliefen, wonach alle deutschen Familien in die Niederlausitz um Cottbus, alle wendischen in die Oberlausitz um Bautzen umgesiedelt werden sollten, gingen die Sorben auf die Barrikaden.
Bauern prügelten sich mit den Umsiedlungskommissaren, kippten deren Fahrzeuge um, boykottierten das von der SED gesteuerte Blatt "Nowa Doba" und mieden jeglichen Kontakt zu kommunistischen Domowina-Leuten. Beim Aufstand von 1953 war, durchaus nicht zufällig, eines der Widerstandszentren die sorbische Hochburg Niesky. Und als die SED die Lage wieder unter Kontrolle hatte, mußten einige Domowina-Mitglieder, die schon von den Nazis verfolgt worden waren, wieder ins republikweit bekannte Zuchthaus des heimatlichen Bautzen einrücken.
Dabei hatte sich gerade der von den Kommunisten umgemodelte Sorben-Bund als besonders tauglich für die von den Sowjets verordnete Slawisierungs-Kampagne erwiesen. Während sich noch 1928 kaum 25 000 Lausitzer zum Wendentum bekannt hatten, präsentierte die Domowina schon kurz nach Kriegsende eine halbe Million angeblich waschechter Sorben.
Um diese -- häufig genug freilich nur auf dem Papier existente -- Sammlungsbewegung nicht zusätzlich zu stören, tolerierte die SED sogar den starken Einfluß der katholischen Kirche unter den Obersorben -- etwa im Kreis Kamenz, wo noch heute Parteifunktionäre wie selbstverständlich am geschlossenen Kirchgang des Dorfes teilnehmen. Domowina-Funktionär Nowusch weiß, daß derlei Anpassungsfähigkeit auch heute noch längst nicht jeden älteren Sorben überzeugt hat: "Für manche sind und bleiben wir eben die rote Dornowina -- da kann man nichts machen."
Journalist Kosel gibt sich optimistischer. In der preußischen Niederlausitz, so sagt er, sei schon den Sorben-Kindern von ihren deutschen Lehrern beigebracht worden: "Rede deutsch, als Wende kommst du nicht weit." Kosel: "Und sie kamen nicht weit; allenfalls wenn sie Mädchen waren und den entsprechenden Busen hatten -- als wendische Ammen an den Königshof nach Berlin." Heute sei das Verhältnis zu den Herrschenden jedoch ganz anders: Sorbische Abgeordnete säßen in der DDR-Volkskammer, über 2000 Vertreter repräsentierten die slawische Minderheit in anderen Volksvertretungen, und 119 Sorben versähen gar ein Bürgermeisteramt.
Zu detaillierterer Auskunft über den tatsächlichen Einfluß der SED-gelenkten Domowina ist jedoch auch Kosel nicht bereit. So hütet die Domowina beispielsweise ihre Mitgliederzahlen wie ein Staatsgeheimnis. Kosel: "Die erfahren auch DDR-Journalisten nicht." Auch die Auflage seines Blattes mag der "Nowa Doba"-Chefredakteur nicht preisgeben: "Es ist doch noch zuwenig." Selbst die Gesamtstärke der Kosel-Landsleute ist unbekannt. Domowina- Funktionäre sprechen lediglich vage von mehr als 100 000.
Kenner der sorbischen Minderheits-Situation in der DDR vermuten, daß kaum mehr als 5000 von ihnen in der Domowina sind -- und daß es eher weniger als mehr werden. Selbst Jan Kosk, Leiter der Sektion sorbische Kultur im DDR-Kulturministerium, räumt ein, "daß es noch einen nennenswerten Prozentsatz von Sorben gibt, die keine Domowina-Mitglieder sind".
Die Sorben-Sorgen der SED könnten sich indes in absehbarer Zeit von selbst erledigen. Denn die slawische Minderheit in den zehn zweisprachigen DDR-Kreisen -- sieben im Bezirk Cottbus, drei im Bezirk Dresden -- scheint der Diaspora müde zu werden. Immer mehr Sorben assimilieren sich ihrer sozialistisch-deutschen Einheitsgesellschaft. Denn sie wissen, daß man -- trotz des in der DDR-Verfassung verankerten Minderheitenschutzes -- auch im SED-Staat zuerst einmal Deutscher sein muß, um voranzukommen.
Immer mehr Sorben fühlen sich zudem zum folkloristischen Zierat der Ost-Republik degradiert. Sorbische Lieder, sorbische Bräuche, sorbischer Volkstanz -- all das wird vom sozialistischen Neupreußen subventioniert und gefördert. Und was immer die DDR-Presse über die Sorben vermeidet, allemal sind es "bunte Röcke, weiße Hauben, ornamentbestickte Bänder und Volksbräuche wie Osterwasserschöpfen" ("Neues Deutschland") oder "Tänze in farbenfrohen Trachten" (Ost-"Berliner Zeitung").
Sorben-Funktionäre empfinden die Festlegung als Ärgernis. "Wir führen einen ständigen Kampf", so Detlev Kobela, Musikdramaturg des "Staatlichen Ensembles für sorbische Volkskultur", "das klischeehafte Folklore-Bild der Sorben abzutragen" Und: "Wir müssen herunter vom Image der immerfort trachtentragenden, ostereiermalenden Minderheit."
"Sorbisch", bekennt denn auch ein junger Maurer aus Bautzen freimütig. "das wäre nichts für mich" -- allenfalls noch etwas für seine Schwester, die im sorbischen Ensemble tanzt und singt, denn "die kommt natürlich ganz schön rum". Und der Schriftsteller Jurij Koch ahnt bereits: "Unser Ende ist absehbar geworden."
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* Sorbische Ortsbezeichnungen für Cottbus, Dresden, Lübbenau und Bautzen.

DER SPIEGEL 43/1974
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