21.10.1974

„Wenn wir wüßten, wer sie sind ...“

Was seit Capone-Zeiten in den USA zum Polizei-Alltag gehört, zeichnet sich jetzt -- in Teilbereichen der Kriminalität -- auch in der Bundesrepublik ab: das organisierte Verbrechen. Fahnder sehen neuerdings kriminelle Gruppen am Werke, die international operieren, mitunter wie Geheimdienste organisiert sind und wie Wirtschaftsunternehmen arbeiten. Polizisten, Strafverfolger und Politiker, bislang eher hilflos, beraten in dieser Woche im Bundeskriminalamt hinter verschlossenen Türen, wie der „organisierten Gegenmacht“ beizukommen sei.
Als das Bundeskriminalamt (BKA) Signal gab, griffen die Kripotrupps in Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, Wiesbaden und Offenbach zu. Sie verhafteten 27 Männer und drei Frauen, das komplette Stammpersonal einer Diebes- und Hehlerbande.
Die Beamten stießen auf eine Art kriminelles Dienstleistungsgewerbe, auf eine Bande, die "wie ein weitverzweigtes Wirtschaftsunternehmen arbeitete", so der Frankfurter Staatsanwalt Volker Kramer. Spezialität: Villen- und Ladeneinbrüche, Waffen- und Rauschgifthandel. Sortiment: Rauchwaren und Schmuck, Teppiche und alte Meister, Beretta-Pistolen und Heroin.
Das Unternehmen wurde zentral gesteuert, "Boß" Ernest Sepec, 35, aus Zagreb, residierte in Stuttgart; es hatte, wie jede gewöhnliche größere Firma, ein mittleres Management. "Akquisiteure" baldowerten bundesweit die Tatorte aus, "Handwerker" besorgten die Brüche, "Vertriebsleute" brachten heiße Ware auf den Markt.
Solche "Discountgeschäfte des Verbrechens", wie BKA-Abteilungspräsident Karlheinz Gemmer es nennt, zeigen Fahndern und Strafverfolgern einen neuen Kriminalitätstrend
an. Es ist eine Variante, wie sie in der Bundesrepublik noch vor einem halben Jahrzehnt von führenden Kriminalisten schlichtweg in Abrede gestellt wurde: das organisierte Verbrechen.
Doch was seinerzeit in der höchsten Kriminalbehörde stets als "nicht existent" bewertet wurde, etwa vom damaligen BKA-Präsidenten Paulinus Dickopf, gibt nun im selben Haus schon das Thema für eine voluminöse Tagung her. Von Montag bis Freitag dieser Woche diskutieren im Bundeskriminalamt zu Wiesbaden mehr als 300 in- und ausländische Polizisten und Richter, Staatsanwälte und Abgeordnete über "organisiertes Verbrechen". Das Schlagwort etikettiert für viele Bundesbürger eine Unterwelt, die sie nur aus dem Kino kennen und vom Bildschirm: Mafia-Umtriebe wie im "Paten", Gangster-Machtkämpfe wie in "Al Capone kehrt zurück", Verfilzung von Crime" Geschäft und Politik, wie es sie bislang nur in Amerika gab und nach einhelliger Meinung von Kriminalisten in Mitteleuropa nicht gibt und vielleicht nie geben wird.
Aber wie amerikanische Zustände die spezielle amerikanische Form des organisierten Verbrechens hervorbrachten, so formt sich auch, auf andere Weise und mit weniger Brutalität, ein organisiertes Verbrechen mitteleuropäischen Zuschnitts aus. Ansätze sind für Kriminalisten klar erkennbar.
Während der Recherchen zu einem inzwischen vom BKA herausgegebenen polizeiinternen Lehrbuch machte der Tübinger Kriminologe Hans-Jürgen Kerner den "Aufbau der ersten Stufe einer spezifischen Verbrecherindustrie" in Mitteleuropa aus. Kerner stieß auf die Spuren "multinational besetzter Gruppen von Großhehlern", die zwischen Stockholm und Athen, dem Ostblock, Arabien und Nordafrika "mit wenigen hundert Personen den Markt dirigieren". Sie organisierten den weitverzweigten "Diebstahl auf Bestellung" sowie die "anschließende geschäftsmäßige Verwertung von hochwertigen Konsum- und Luxusgütern".
Daß zunehmend "ganz bestimmte Leute ein breites Arbeitsfeld haben und mal hier, mal da tätig sind", daß immer wieder "bestimmte Rechtsanwälte auftauchen", daß für Festgenommene "hohe Kautionen" gestellt und Angehörige von Einsitzenden von einer schützenden Hand aus dem dunkeln "versorgt" werden -- das deutet nach Meinung von BKA-Gemmer auf kriminelles Management hin. Der Kriminalist schätzt, daß im organisierten Verbrechen Westdeutschlands "ein paar tausend Leute" tätig sind, sei es in leitender Position oder als Handlanger.
Und seit eine zentralisierte, hochtechnisierte Fahndung Zug um Zug die Möglichkeiten der Polizei bei Verfolgung und Prävention verbessert, rechnet das BKA mit zunehmender Aufrüstung und Intellektualisierung des organisierten Gegners. "Je mehr unsere Computer die soziale Kontrolle verfeinern und das Dunkelfeld aufhellen", ahnt BKA-Präsident Horst Herold, "um so mehr drängen wir das Verbrechen zum Syndikat."
Wo die "subkulturelle, organisierte Gegenmacht" (Herold) sich formiert, haben Kriminalisten geortet.
* Organisierter Kraftfahrzeugdiebstahl kommt, so der Kölner Kriminaloberrat Franz Hochscherff, "bei den professionellen Gangstern immer mehr in Mode". Aufgrund gezielter Bestellungen -- Typenangabe und Baujahr -- kriminellen Großkaufleute stehlen kriminelle Handlanger zu Tausenden Personenkraftwagen und Lieferfahrzeuge. Mit Hilfe von Schleusertrupps oder auf regulärem Transportwege werden die Wagen, mit neuen Kennzeichen und entsprechend gefälschten Papieren versehen, in den Nahen Osten, nach Westafrika und auch Südosteuropa "exportiert". > Stehlen und Hehlen von Teppichen, Juwelen und hochwertigen Ledersachen werden zunehmend nach dem ordentlichen kaufmännischen Prinzip von Angebot und Nachfrage abgewickelt. Gestohlene Pelze etwa werden aus der Bundesrepublik in südeuropäische Länder gebracht, dort zu neuen Einzelstücken verarbeitet und als Rückimport in den legalen Handel geschleust. > Herkömmliches Verbrechen wird rationalisiert -- beim Kunstdiebstahl je nach Entwicklung auf dem Kunstmarkt (Madonnen aus bayrischen Kirchen, Gemälde aus italienischen Schlössern); neue Grime-Bereiche werden erschlossen -- wie Diebstahl hochwertiger Fracht, seien es Goldbarren oder Platinstaub auf Flughäfen, seien es elektronische Güter samt Container ab Fabrik.
* Der Rauschgiftmarkt konzentriert sich zunehmend in den Händen von immer weniger Händlern, die das Geschäft auf Massenbasis und mit hohem Kapitaleinsatz betreiben; ein vom Zoll an der deutsch-österreichischen Grenze angehaltener türkischer Laster etwa hatte 230 Kilogramm Morphinbase im Schwarzmarktwert von rund drei Millionen Mark an Bord.
Wo organisiertes Verbrechen anfängt und wo es aufhört, ist Thema des Wiesbadener Kriminalkonzils, das sich, um Prävention wie Bekämpfung zu erleichtern, um eine "möglichst enge Definition" (Tagungsleiter Gemmer) bemühen will. So ist strittig, ob auch Anarcho-Fraktionen wie Baader-Meinhof, im Verbund operierende Währungsspekulanten oder ein Kartell krimineller Giftmüll-Beseitiger unter der Sparte zu führen sind.
Sicher sind sich die Experten andererseits, daß weder Bankräuber-Gangs, die sich zu einem Überfall oder zwei Coups zusammentun, unter das Rubrum fallen noch Vertretertrupps" die mit windigen Angeboten hausieren gehen. Dem Genre sind weder Scheckbetrüger zuzurechnen noch Zuhälterklubs, die sich zur Wahrung ihrer Geschäftsinteressen organisieren und sich -- wie vor vier Jahren in der Berliner Bleibtreustraße -- mit rivalisierenden Gruppen bisweilen sogar blutige Straßenschlachten liefern. "Das Merkmal "Bande'", grenzt Gemmer ab, "genügt nicht, es muß sich schon um syndikatähnliche Unternehmungen handeln."
Im Rauschgiftring kennt keiner mehr als zwei Kontaktpersonen.
Kennzeichen solcher Syndikate sind nach Kriminalisten-Definition eine "dauerhafte Personalorganisation" mit mindestens dreistufiger Hierarchie -- zum Beispiel: Planung, Ausführung, Absatz -- sowie "das planmäßige Betreiben vornehmlich illegaler Geschäfte" (BKA-Regierungsdirektor Hans Kollmar). Typisch können auch sein: feste Normen für das Verhalten der Mitglieder, ein eigener Strafkodex und "die Abschottung" (Kollmar) der verschiedenen Ebenen der Hierarchie gegeneinander -- Hehler kennen die "Handwerker" nicht, "Akquisiteure" nicht die Bosse, und auch parallel an der Basis tätige Arbeitsgruppen wissen voneinander nichts.
Perfektioniert wurde das System der mehrstufigen Hierarchie und vor allem der Abschottung im Bereich des Rauschgiftumschlages -- mit Lieferanten und Finanziers, Transporteuren, Großhändlern und Dealern, die den Stoff an den süchtigen Mann bringen.
Wer immer Hasch, Heroin oder Roh-Opium aus Asien heranschafft, ob unwissentlich wie mancher Fernlastfahrer, dem nächtlich Konterbande in den Dieseltank gehängt wurde, ob angeheuert als Schmuggler wie Gastarbeiter oder Touristen -- alles verläuft nach Plan. Oft sitzen im Fernzug oder im Flugzeug gleich mehrere Kuriere ein und desselben Unternehmens, die nichts voneinander wissen, aber meist von einem Begleiter observiert werden, der sich nicht zu erkennen gibt, keine Ware bei sich hat und deshalb auch nie zu belangen ist.
Die Handeisketten werden geführt wie Geheimdienste: Wer immer von der Polizei herausgegriffen wird, kann nicht viel preisgeben, selbst wenn er wollte -- keiner kennt mehr als zwei Kontaktpersonen. Für die Zentralen. die ihren Sitz nicht auf der Reeperbahn oder in Schwabing, sondern weit hinten in der Türkei, jedenfalls dort haben. wo Hanf für Hasch und Mohn für Herom gedeihen, ist es deshalb kein großer Schaden, wenn die Polizei einzelne Ring-Mitglieder ausschaltet.
Zum Know-how der Branche gehört es auch, sich Konkurrenz, so oder so, vom Leib zu halten durch Absprache, durch Druck oder, wenn es anders nicht geht, auch durch Anzeige. In Hanau, einem Großhandelsplatz der frühen siebziger Jahre, wurden auf Konferenzen. zu denen rivalisierende Gruppen ihre Bevollmächtigten -- meist gelernte Kaufleute -- entsandten, verbindliche Preise abgesprochen.
Wer sich nicht daran hielt, hatte mit Stadtverbot, das heißt Versetzung in ein anderes Absatzgebiet zu rechnen. Wer nicht freiwillig verschwindet, dem wird mit einer "Luftfixe" oder einer "Kugel" (Frankfurts Kripo-Vize Erich Panitz) gedroht -- oder es passiert. Wie viele der am Rauschgiftgeschäft Beteiligten von Berufs wegen umgebracht worden sind, weiß die Polizei nicht genau, aber, so ein Hamburger Kripo-Fachmann, "es gibt eine ganze Anzahl unaufgeklärter Todesfälle".
Wer schießen läßt, wer das kriminelle Geschäft an der Spitze betreibt, ist äußerst schwierig auszumachen, so es überhaupt gelingt -- ein weiteres Merkmal des organisierten Verbrechens. Letzte Belege für die Existenz und Identität der Hintermänner, die im syndikatsverdächtigen Bereich -- und vermutlich häufig in mehreren Sparten gleichzeitig -- als Planer und Manager tätig sind, müssen Polizei und Justiz zumeist schuldig bleiben.
"Wenn wir wüßten, wer sie sind", so ein leitender westdeutscher Kripomann, "gingen wir auch an sie ran." Was der Polizei meist nur nachbleibt, sind "sorgfältig nach oben abgeschottete untere Dienstgrade" der Hierarchie; die Erkenntnisse über die Organisationsstrukturen bleiben zwangsläufig lückenhaft, Ermittlungen enden oft in "undurchdringlichem Dickicht".
"Meist zuerst in die Beine geschossen."
So ist zwar Rauschgift-Rechercheuren bekannt, daß sich, sobald Haschisch-Importe mit Privatflugzeugen via Kreta und Lyon oder per Schiff in Neapel zu erwarten sind, die Großverteiler Westdeutschlands zur geheimen Vorbesprechung treffen: Perser, Türken und Libanesen, die den Markt in Hamburg, Frankfurt und München kontrollieren. Aber die Identität konnte bislang nicht ermittelt werden.
In der Autoschieber-Branche machte die Polizei Hintermänner aus, die den Export von Mercedes-, BMW- und Porsche-Wagen auf breiter Basis dingieren: "Gut aufeinander eingespielte Teams von zehn bis 20 Beteiligten" (Kerner) entwenden von der Zentrale gewünschte Typen, Vertrags-Werkstätten liefern gefälschte Papiere, Schlüssel und Kennzeichen; Erstaufkäufer und Vermittler operieren in Österreich, Belgien oder der Schweiz, und auf Absatzmärkten wie Athen oder Istanbul agieren dann wieder Leute, die, so Kerner, "die Verbindung "zu den jeweils zuständigen Stellen im Landesinneren haben".
Aber die Erkenntnisse haben ihre Grenzen, wie der Frankfurter Staatsanwalt Wolfgang Heinrich erfuhr, der letzthin eine offensichtlich gesteuerte Gang von Auto-Dieben auffliegen ließ; bei Recherchen nach Hintermännern in Nahost stieß er auf Prominenz: "Wenn man da etwa den Bruder des Innenministers entdeckt, dann beißt man sich vor Wut sonstwohin."
Eine Serie von Fracht-Diebstählen auf dem Frankfurter Flughafen, bei der nach Ermittlungen Heinrichs ein stellvertretender Frachtleiter der Haupttäter war, wurde nach Ansicht der Strafverfolger ebenso von oben gesteuert wie 300 Einbrüche einer 85-Mann zählenden Gruppe (Beute: Gold, Diamant-Schmuck, Elektromaschinen und ganze Wagenladungen Textilien), die kürzlich im Raum Köln! Aachen gefaßt wurde.
Als die Polizei in Niedersachsen eine weiträumig operierende Gang enttarnte, wurde die Strategie deutlicher sichtbar: Die "Handwerker" einer Diebstahlsserie waren nach Kripo-Ermittlungen "Hehler bei einer zweiten, leisteten Beihilfe bei einer dritten, waren Informanten bei einer vierten und Autoverleiher bei einer fünften Serie". Die Strategen selbst blieben ungeschoren.
Exemplarisches Beispiel für Struktur und Modus operandi organisierten Verbrechens in der Bundesrepublik ist, mangels völlig aufgeklärter aktueller Fälle, nach wie vor die schon vor drei Jahren zerschlagene "Eurogang". Erstmals, und noch nicht wieder seither, gelang es damals, Organisation und Arbeitsweise "eines fast nach kaufmännischen Gesichtspunkten betriebenen Syndikats" (BKA-Kriminaldirektor Erich Strass) bloßzulegen:
Der Frankfurter Barbesitzer Felix Lesca, ein Franzose aus dem Elsaß, und Freunde aus Marseille, Paris, Genua, Neapel, Amsterdam und Brüssel hatten ein kriminelles Unternehmen aufgebaut, das in der Vielfalt und Härte der Geschäfte ohne Vorbild war. Einbruch und Diebstahl, Waffen- und Rauschgifthandel gehörten zum Repertoire ebenso wie das Fälschen von Geld, Pässen und Kfz-Papieren, aber auch Prostitution und Zuhälterei.
Zum abgeschirmten Kreis der Geschäftsleitung hatte nur eine Handvoll italienischer Gang-Funktionäre Zutritt, die wiederum das Fußvolk, meist Landsleute, befehligten -- beispielsweise, indem sie Handlanger mit vorgehaltener Pistole zwangen, in Pelz- oder Juweliergeschäfte einzusteigen. Einbruch-Spezialisten wurden zum Tatort "am Vorabend eingeflogen und waren am nächsten Tag schon wieder fort", wie BKA-Kriminaldirektor Erich Strass berichtete; andere Fachleute machten Diebsgut unkenntlich und brachten es neu verarbeitet auf den Markt.
Außenstellen in Paris, Amsterdam und Brüssel befolgten strikt die telephonischen Anweisungen aus der Frankfurter Zentrale, Lescas "Babalu"-Bar. Aufmüpfigen Belegschaftsmitgliedern wurde zur Disziplinierung "meist zuerst in die Beine geschossen, dann in den Unterleib" (Gemmer).
Solche Bräuche halten zwar den Vergleich mit den harten Sitten im westdeutschen Vergnügungsmilieu aus, etwa mit Hamburgs St. Pauli, wo Zocker und Zuhälter einander "schon mal die Fresse polieren", wie ein Kripomann von der Davidswache es ausdrückt; wo Rollkommandos schon mal eine Bar zerlegen und den Keeper auch, und wo schon mal mit dem "Ballermann" kassiert wird.
Aber für die Polizisten gibt es triftige Gründe, die bodenständige Kriminalität der halbseidenen Größen vom Kietz abzugrenzen gegenüber den internationalen Aktivitäten der Großkriminellen. Die strenge hierarchische Gliederung, wie sie für das organisierte Verbrechen typisch ist, gibt es nicht an der Reeperbahn -- auch wenn hin und wieder die Lokaipresse einen milieutüchtigen Gastronomen oder einen Rausschmeißer mit berüchtigter Handkante zum " König von St. Pauli" emporstilisiert. Und das Prinzip der Abschottung gilt nichts hinterm Millerntor, wo jeder Polizist jede Hure samt Beschützer kennt und jeder Kellner jeden Taschendieb.
Allerdings gilt den Kriminalisten ein Lotterviertel mit Nepp-Lokalen und Bordellen, Messerstechern und Hasch-Händlern als wichtige Randzone des organisierten Verbrechens: weil sich dort Ganoven für Handlangerdienste leicht anwerben und bestimmte Diebswie Schmuggelgüter leicht absetzen lassen -- kein Zufall, daß die Zentrale der Eurogang eine Bar im Frankfurter Bahnhofsviertel war.
Unter anderem anhand der Erfahrungen, die sie im Umgang mit der Eurogang machten, wollen Gemmer, Gang-Cbeffahnder Strass und Heinrich nun auf der Wiesbadener Tagung die Schwächen der Strafverfolger offenlegen. Denn Strafrecht und Strafprozeßordnung erwiesen sich im Kampf gegen das organisierte Verbrechen zuweilen als wenig hilfreich, Technik und Taktik der Polizei dem Potential des Gegners kaum gewachsen.
So erkannte das Landgericht Frankfurt Tonbandaufzeichnungen etwa von mitgeschnittenen "Babalu"-Telephonaten nicht als Beweismittel gegen Leseas Garde an. Mitglieder wie der italienische Kellner Franco Della Puppa, "ein anerkannter Unterweltsfürst" (Heinrich), wurden deshalb -- teils gegen prompt gezahlte hohe Kautionen wieder auf freien Fuß gesetzt.
Heinrich verzichtete auf Beschwerden gegen die Entlassungsverlügungen des Landgerichts, weil die Freigelassenen bis zur Entscheidung des Oberlandesgerichts "genügend Zeit gehabt hätten, entweder zu fliehen oder zu verdunkeln". Fast die Hälfte der Gang wurde schließlich ins Ausland abgeschoben, und die Gruppe, meint Heinrich, so "nur verscheucht und nicht restlos gesprengt".
Gezielte Vorfeldermittlungen. etwa durch Telephonüberwachung, durch konsequente Observation von Intensivtätern (Gemmer: "Wie bewegen sich die Jungs, welche Autos fahren sie, wie sind die Verbindungen?") und -- bei Ausländern -- eine rigorose Abschiebepraxis in begründeten Fällen brachten gleichwohl Erfolge in der Prävention. "Vielfach verhindert", so ein BKA-Mann, "wurde schon die Möglichkeit, daß sich die Leute hier legalisieren und Geschäfte betreiben können."
"Eine Gang darf man nicht vorzeitig hochgehen lassen."
Und seit BKA und Großstadt-Kripo "nicht immer gleich Fall-orientiert handeln" (Gemmer), sondern Informationen aus dem organisierten Untergrund langfristig, wie auch in verstärkter internationaler Kooperation, auswerten, sind Überraschungs-Coups der Polizei lohnender geworden. Eine Kripo-interne "Schwachstellenforschung" (Herold) legte frühere Fahndungsmängel bloß. "Man darf halt", so erläutert Gemmer, "eine lang observierte Gang nicht vorzeitig wegen eines falschen Führerscheins hochgehen lassen."
In Kooperation mit der Justiz sind sich die Fahnder einig, daß Strafverfahren gegen Nebenfiguren einer Gang, falls kriminaltaktisch nötig, zurückgestellt werden sollten, bis die Hintermänner geortet sind. Anderes besorgt die Datentechnik: Wenn 1976 das Computersystem des BKA mit einer bis dahin eingespeisten kompletten "Straftaten/Täterkartei" eine neue Stufe zur Vervollkommnung der Fahndung erreicht, "kriegen wir", prophezeit Herold, "das organisierte Verbrechen zumindest technisch in den Griff".
Eher skeptisch sind da Juristen von der Front, die Bürokratisches noch im Wege sehen. Heinrich und sein Kollege Kramer etwa, der zur Zeit gegen den Jugoslawen Sepec und Genossen ermittelt, fühlen sich "bei der Zusammenfassung solcher Fälle" vor allem immer wieder von "den engen Grenzen eines Landgerichtsbezirks behindert". Und zur Klage über die vom EG-Recht garantierte Freizügigkeit für Ausländer fügt sich der Kriminalisten-Jammer über die personelle Unterbesetzung der Sonderkommissionen. Kramer. "Alle Nase lang könnten wir einen Trupp hochgehen lassen, wenn wir nur die Kräfte dazu hätten."
Welche Art Polizei da vor allem gebraucht wird, diskutieren die Fachleute am liebsten intern. BKA-Chef Herold: "Wir müßten etwas Verfassungsschutzähnliches haben. Wir müßten in die Syndikate rein in einer Form, die der Spionage gleichkommt."

DER SPIEGEL 43/1974
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