21.10.1974

Vatikan intim

Papst Paul VI. hat die katholische Kirche in eine Krise manövriert. Selbstherrlich von Natur und Amt, wird der Papst durch die Funktionsträger seines Apparates immer mehr eingeengt. Wie die Glaubensmacher der Kurie den multinationalen Konzern Kirche organisieren und manipulieren, beschreibt der SPIEGEL in einer Serie.
Christentum darf nicht mit einem Schau- und Rauschgeschäft verwechselt werden. Theologie-Professor Hans Kong in seinem Buch Christ sein"
Den Papst braucht niemand zu wecken. Um halb sieben steht er auf, oft nach nur fünf Stunden Schlaf, eine Stunde später liest er schon die Messe in seiner Privatkapelle im dritten Stock des Päpstlichen Palastes.
Bei Milchkaffee und Marmeladentoast verschafft sich der Heilige Vater dann den ersten Überblick über die Aktualitäten der diesseitigen Welt: Neben seinem Gedeck am Frühstückstisch im schlichten Eßzimmer liegen die liberalen Tageszeitungen "La Stampa", "Corriere della Sera" und "Le Monde", vom Leibdiener Franco Ghezzi besorgt, einem ehemaligen Lkw-Fahrer.
Mit seinen Tischgenossen, den Sekretären Don Macchi und Don Bossi, spricht Paul VI. ein paar Sätze über die wichtigsten Artikel in der Zeitung, "Ungenauigkeiten" unterstreicht er rot und blau. Dann hört er noch die Nachrichten im Radio, bevor er im Privatlift in seine Dienstwohnung, einen Stock tiefer, hinunterfährt.
Spätestens um zehn Uhr sitzt er an seinem mächtigen Schreibtisch in der sogenannten Privatbibliothek, dem offiziellen päpstlichen Arbeitszimmer. Hier, in diesem eher bürgerlich ausgestatteten Saal mit den drei Fenstern zum Petersplatz, empfängt der Stellvertreter Christi alimorgendlich die ersten Besucher: Beamte einer Vatikan-Behörde, die "Staatssekretariat" heißt.
Zweimal in der Woche, jeden Montag und jeden Freitag, erscheint der Chef des Sekretariats selbst, der ranghöchste Untertan Pauls VI., Premierminister und nomineller Außenminister des Vatikans, Mitglied der wichtigsten römischen Kongregationen und außerdem Kämmerer der Heiligen Römischen Kirche, der nach dem Tod eines Papstes und bis zur Neuwahl des Nachfolgers die Katholiken aller Welt zu regieren hat: Jean Kardinal Villot.
Der liebenswürdige Franzose ist, mit einer Körpergröße von 193 Zentimetern, eine der dekorativsten Erscheinungen der Kurie. Doch nicht nur das. Als Kardinalstaatssekretär verkörpert er Macht und Einfluß des Vatikans.
Kardinal Villot hat einen ebenso einfachen wie diskreten Zugang zum Chef; als Leiter des Staatssekretariats genießt er das Vorrecht, in jenem Gebäudekomplex zu wohnen und zu arbeiten, der unmittelbar mit dem Papst-Palast verbunden ist. Im Papstpalast selbst kann er über eine separate Treppe und einen eigenen Aufzug in die Diensträume des Papstes gelangen.
Aber nicht nur räumlich ist Villots Staatssekretariat die vatikanische Behörde, die dem Pontifex am nächsten steht. Im Zuge einer Kurienreform, mit der Paul VI. den vatikanischen Verwaltungsapparat wie kaum zuvor in der Kirchengeschichte zentralisierte. ließ er das Staatssekretariat zur Schlüsselbehörde werden, die über alles, was im Vatikan vor sich geht, die Oberaufsicht hat (siehe Graphik auf Seite 162).
Ohne die Zustimmung seines Amtes kann im Vatikan keine wichtige Entscheidung getroffen werden. Auch ein Empfang beim Heiligen Vater selbst -- eine Gunst. die den Chefs anderer Kurienbehörden manchmal monatelang nicht gewährt wird -- nützt nicht viel. Paul VI. überweist alle Angelegenheiten dem Staatssekretariat.
Kardinal Villot: mal progressiv, mal konservativ.
Die Aufgaben des administrativen Superdings formulierte Paul VI. bewußt ungenau. Dem Staatssekretariat obliegt
* die "Sorge für die Gesamtkirche"; > die Koordination aller Kurienbehörden;
* "alles, was der Papst ihm überträgt";
* "all das, wofür keine andere kuriale Behörde ausdrücklich zuständig ist".
Auch personalpolitisch stärkte Paul dem Staatssekretariat, in dem er selbst 30 Jahre lang gearbeitet hat, den Rücken. Während die leitenden Beamten der anderen römischen Kurienorgane nach fünfjähriger Amtszeit automatisch ihren Rücktritt einreichen müssen, gilt dies nicht für die Spitzen des Staatssekretariats (ebenfalls nicht für die des Rota-Gerichts und der Apostolischen Kammer. dem Büro des Kämmerers).
Die Aufwertung des Amtes führte zu einer beträchtlichen Expansion: Das Staatssekretariat wuchs auf 140 Mitarbeiter an (im Vatikan arbeiten insgesamt rund 3000 Personen, darunter 253 Frauen, und wohnen etwa 700). Seine Büros sind über viele Säle im Bereich des päpstlichen Palastes verstreut.
Um die Früchte seiner Reform zu genießen, brauchte Paul Männer, die vom Zentralismus ebensoviel und von den demokratischen Tendenzen seit dem Konzil ebensowenig hielten wie er selbst. Kardinal Villot, der Spitzenmann des Staatssekretariats, brachte alle nötigen Voraussetzungen mit: Er ist Franzose -- Paul selbst spricht gut Französisch und hegt eine irrationale Vorliebe für Frankreich -, er gilt als Mann der Mitte, und er hat ein Talent zur Repräsentation.
Die Karriere des 1905 in der Auvergne geborenen Jean Villot begann, als er mit 44 Jahren Sekretär der französischen Bischofskonferenz wurde. Er verstand es, Menschen anzusprechen, vor allem jene, die es mit der Amtskirche schwer hatten, so etwa die Arbeiterpriester.
Dem Papst fiel Villot später durch seine ungewöhnliche Anpassungsfähigkeit auf: Der inzwischen zum Erzbischof von Lyon und Primas von Gallien avancierte Franzose besaß die Gabe, stets da progressiv oder konservativ zu sein, wo es der Papst auch war.
1965 machte Paul ihn zum Kardinal, 1967 zum Präfekten der Kleruskongregation. Seither erhielt Villot Amt um Amt. Und heute gibt es nur wenige vatikanische Institutionen, in denen er nicht Vorsitzender oder zumindest Mitglied ist. Villot ist auch der erste Staatssekretär, der mit dem Papst einen Sommerurlaub in Castel Gandolfo, dem päpstlichen Landsitz. verbringen durfte.
Dabei lebt der passionierte Gauloise-Raucher durchaus nicht, um zu arbeiten. Während sein Stellvertreter oft bis zwei Uhr nachts im Büro sitzt, geht Villot pünktlich um 20 Uhr. Danach liest er gern, meist französische und meist keine theologische Literatur. Wie die meisten Kurialen ist auch er kein Fachtheologe. Dafür gilt er als perfekter Gastgeber, der gutes Essen, gute Weine und geistreiche Plaudereien liebt.
"Dieser Mann ist für die Kirche gefährlich."
Trotz seiner zahlreichen Kontakte geschieht jedoch in Rom vieles, was Villot nicht überblickt. Er ist zwar offiziell der erste Mann nach dem Papst. Aber der mächtigste ist ein anderer: Villots Untergebener Giovanni Benelli, 53, mit dem irreführend bescheidenen Titel "Substitut" (Stellvertreter).
Benelli hat im Vatikan die Funktion eines Oberbefehlshabers. Alle an den Papst gerichtete Post läuft durch seine Finger; er vermittelt zwischen dem Papst und denen, die mit ihm sprechen möchten. Zu ihm gehen die Mitglieder des Diplomatischen Corps ebenso wie die Vertreter des Heiligen Stuhls im Ausland, wenn sie zur Berichterstattung nach Rom kommen, Mitarbeiter der römischen Kurie wie die Politiker fremder Staaten. So besucht der bundesdeutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl, Alexander Böker, gewöhnlich jede Woche einmal Benelli in dessen offener Diplomaten-Sprechstunde.
Benelli ist Korrespondenzpartner der Nuntien, er bereitet die Ernennung des diplomatischen Personals und der wichtigsten Mitarbeiter der Kurie vor. Kein Bischof irgendwo rund um den Globus wird ernannt, ohne daß Benelli auf den -- Namen einen kritischen Blick geworfen hätte.
Alle vatikanischen Abteilungen sind ihm praktisch untergeordnet. Jedenfalls handelt Benelli danach. Selbst die Glaubenskongregation, einst die erste und gefürchtetste Behörde des Vatikans, mußte wichtige Kompetenzen an Benelli abtreten: Die Nuntien, die über unorthodoxe Bischöfe oder Theologen berichten, müssen sich auf jeden Fall zunächst an das Staatssekretariat wenden.
Immer häufiger kommt es auch vor. daß in anderen Abteilungen Briefe entworfen werden müssen, die Benelli als die seinen unterzeichnet. Das Staatssekretariat fordert laufend Gutachten oder längere Studien. So hatte es drei Kurienorgane mit dem Studium des Schwangerschaftsabbruchs beauftragt: die "Glaubenskongregation", den "Rat für die Laien" und die Kommission
Benelli ist verantwortlich für die Chiffre des Vatikans -- sie beruht auf einer Einheit aus fünf Buchstaben, die jeweils für einen Buchstaben des normalen Alphabets stehen -- und für das gesamte Pressewesen. Nur wenige Kurienmitglieder können es sich leisten, eine Rede zu halten, ein Interview zu geben oder einen Text zu veröffentlichen, ohne Benellis stillschweigende oder ausdrückliche Zustimmung.
An diesen Realitäten der Macht ändern auch Benellis Lippenbekenntnisse nichts. Im Juli vergangenen Jahres gab er öffentlich zu, die Zentrierung der Macht in Rom sei ein "Ergebnis menschlicher Umstände" und "objektiv eine Anomalität". Er versicherte, im Vatikan bestehe die "Tendenz", den Bischöfen künftig mehr Spielraum zu lassen,
Aber ein paar Sätze später nahm er dies alles zurück, indem er hinzufügte, natürlich bleibe der Papst stets "oberster Hüter der ursprünglichen Überlieferung". Wenn also die örtlichen Strukturen den Belastungen nicht standhiellen, müsse der Heilige Stuhl "mit geeigneten Mitteln den Bedürfnissen entgegenkommen und die Lücken füllen". Wann und wie dies zu geschehen hat, bestimmt Benelli.
Einen solch wendigen und zugleich energischen Mann brauchte Paul. Seit 1946 kannte er den kleinen Toskaner aus Poggiole di Vernio bei Pistoia, der an der päpstlichen Universität Gregoriana studiert hatte, 1943 Priester wurde und danach die Pontificia Accademia Ecclesiastica, die päpstliche Diplomatenschule, besuchte. Damals machte der Substitut Montini, später Papst Paul VI., den 25jährigen zu seinem Privatsekretär. Ihm imponierte der intelligente, fleißige und dynamische Kleriker.
Mit 29 Jahren durfte Benelli an die Nuntiatur in Dublin, in den folgenden 15 Jahren nach Paris, Rio de Janeiro und Madrid. Dort zog er sich den Zorn des Franco-Regimes zu, weil er mit katholischen Gegnern Francos sympathisierte. Von Madrid kehrte er nach Paris zurück, als vatikanischer Beobachter bei der Unesco, der Erziehungs- und Bildungsorganisation der Verein ten Nationen.
Im September 1966 ließ Paul seinen Schützling zum Titularerzbischof des tunesischen Tussuro, einer Oase mit 15 400 Einwohnern und 320 000 Dattelpalmen, weihen und schickte ihn als Pro-Nuntius nach Senegal und als Apostolischen Delegaten nach Westafrika. Aber das afrikanische Intermezzo dauerte nur zehn Monate. Mit 46 Jahren stieg Benelli zum Substituten in der römischen Zentrale auf.
Heute, nach sieben Herrschaftsjahren im Vatikan, hat er noch andere, weniger schmeichelhafte Titel: "Stier von Pistoia", "Carabiniere", "Berliner Mauer", "Vize-Papst", "Gauleiter". Johannes Schütte, der tödlich verunglückte Vize-Chef der päpstlichen Kommission "Iustitia et Pax", war der Meinung: "Benelli ist für die Kirche gefährlich."
In der Kirchen-Zentrale ist alles geheim.
Wie gefährlich Benelli ist, bekam beispielsweise Ende 1972 Paolo Kardinal Bertoli, damals Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. zu spüren. Der Kardinal erschrak eines Nachmittags, als er im "Osservatore Romano" las, sein Sekretär (Amtschef) sei abgesetzt und ein neuer bereits ernannt. Ohne den Kardinal gefragt oder auch nur informiert zu haben, konnte es sich Benelli leisten, dessen engsten Mitarbeiter auszuwechseln. Bertoli trat sofort zurück. Benelli blieb.
"We must streamline the curia", sagte er der US-katholischen Nachrichtenagentur "NC News Service". Und in den Büros des Vatikans befürchtet man, daß die Kurie dem Substituten noch längst nicht stromlinienförmig genug ist.
Der Stromlinienschliff bedeutet vor allem für Benellis eigene Mannschaft einen permanenten Zwang zu Höchstleistungen. Der vatikanische Chef-Dynamiker machte aus seinem Amt die Behörde mit den jüngsten und fleißigstenMitarbeitern derKurie. Die Hauptlast tragen seine vier Sekretäre: zwei Italiener, ein Franzose und der Deutsche Dr. Karl-Josef Rauber.
Benelli weiß im Vatikan alles oder fast alles. Ein englischer Zeitungsverleger, der vom Papst in Audienz empfangen wurde und dabei mit dem Papst und einem Dolmetscher allein sprach, war völlig verblüfft, als Benelli nach der Audienz zu ihm kam und sagte: "Das war eine höchst zufriedenstellende Audienz. Ich bin so froh, daß Sie X ... erwähnt haben." Der Verleger hatte nicht einkalkuliert, daß der Übersetzer des Staatssekretariats seinem Chef Benelli bereits den Inhalt des Gesprächs berichtet hatte.
Selbst den Papst hat Benelli häufig fest im Griff. Ein Erzbischof wollte mit Paul Vi. über ein Gutachten sprechen, das er erstellt hatte. Es wurde ihm mitgeteilt, Seine Heiligkeit kenne die Akte bereits und habe nicht den Wunsch, sich darüber zu unterhalten.
In einer bald darauf gewährten Audienz brachte der Erzbischof schließlich das Gespräch doch auf sein Gutachten. Dabei stellte sich heraus, daß Paul das Dossier nicht gelesen hatte. Darauf der Bischof pikiert zum Papst: "Ich verstehe die Notwendigkeit der Koordination, aber nicht der Obstruktion." Der Papst antwortete: "Wenden Sie sich an Monsignore Benelli." Der Erzbischof: "Das ist ja gerade die Schwierigkeit."
Über ähnliche Manipulationen Benellis erregte sich Ende September dieses Jahres der Patriarch der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche, Maximos V. Hakim: Um den Papst herum gebe es Leute, die meinen, sie selbst seien der Papst. Und selbst der Herausgeber des treukatholischen "Rheinischen Merkur", Otto B. Roegele. kam vor wenigen Wochen zu der Erkenntnis, "daß der Papst faktisch unter Zensur gestellt wird. Als Beispiel nannte er eine Rede des Papstes im Januar. von der die vatikanischen Übersetzer angeblich wichtige Passagen unterschlugen.
Aber Benelli belustigen solche Klagen eher. Dafür ist sein Umgang mit dem Papst zu vertraut: Die Chefs der Kongregationen sprechen das Oberhaupt nicht einmal jeden Monat, der Staatssekretär mindestens zweimal die Woche" Benelli täglich, sooft es erforderlich ist. Obendrein hat er eine telephonische Sonderleitung zum Papst, die von der Zentrale nicht angezapft werden kann.
Den Ruf, die graue Eminenz im Hintergrund zu sein, tut Benelil öffentlich mit barscher Handbewegung ab, handelt aber danach. Für die Umwelt erließ er strenge Richtlinien. Wird der Besucher zu den anderen Kurienbehörden in der Regel ohne Formalitäten zugelassen, so gleicht der Gang zum Staatssekretariat einem Grenzübertritt.
Der direkte Zugang führt durch das antike Bronzetor im rechten Kolonnadenbogen des Petersplatzes. Kann ein Besucher dem Schweizergardisten, der dort postiert ist, einen plausiblen Grund nennen, etwa die Verabredung mit einem Monsignore, darf er ins "Uffficio Permessi", ein Sicherheits- und Zulassungsbüro. weitergehen.
Dort nimmt ihn ein Sicherheitsbeamter in Zivil unter die Lupe. Zuerst erkundigt er sich bei dem angegebenen Monsignore, ob die Verabredung tatsächlich getroffen worden sei. Erhält er das bestätigt, werden die Personalien des Besuchers samt Beruf, Namen und Amt des Besuchten sowie die Uhrzeit notiert. Damit wird gleichzeitig aktenkundig, welcher Angestellte des Staatssekretariats mit welchem Besucher gesprochen hat. Journalisten schreiben deshalb oft lieber "Angestellte" in die Rubrik "Beruf". Es erspart dem Monsignore Unannehmlichkeiten.
Mit einem blaugrünen Laufzettel darf der so Durchleuchtete über die Treppe zum zentralen Hof des Papstpalastes, dem Damasus-Hof, bis zum Lift, der ihn in die Loggia des Staatssekretariats trägt. Zweimal kann er dabei angehalten werden: im Hof von Schweizergardisten und im Aufzug vom Liftbeamten" der sich gelegentlich noch einmal erkundigt, ob der Eindringling auch wirklich vorzulassen sei. Auf dem Flur zum Staatssekretariat sind zwei letzte Kontrollen zu überwinden: ein Posten der Schweizergarde und der interne Pförtner des Amtes.
Eigentlich gibt es im Staatssekretariat nichts, was nicht geheim wäre. Benellis Mitarbeiter sollen nicht einmal erzählen, in welcher Abteilung sie sitzen oder mit welchen Aufgaben sie betraut sind. Selbst beim Mittagessen in den vatikanischen Kantinen werden sie abgeschirmt. Dennoch kennen die anderen Kurienbehörden die Zuständigkeit der Monsignori im Staatssekretariat. Damit die Namen jedoch nicht allzuleicht bekannt werden, zieht man von Zeit zu Zeit immer wieder andere Beamte heran. So verhindert Benelli außerdem, daß die Monsignori allzu mächtig werden.
Nachdem 1973 ein Kurienmitglied ein geheimes Schreiben des Bonner Nuntius Corrado Bafile an Kardinalstaatssekretär Villot mit Angriffen gegen den Limburger Bischof Wilhelm Kempf abgelichtet hatte und in Deutschland publizieren ließ, ersann Benelli einen besonderen Eid zur Wahrung des "Secretum Pontificium" (Päpstliches Geheimnis). Zusätzlich zum kurialen Amtseid muß seither jeder, der in Vatikan-Büros tätig ist -- vom Kurienkardinal bis zum untersten Dienstgrad -, diesen Extra-Eid ablegen.
Retuschen am
pro-jüdischen Text.
Wer das "Secretum" verletzt, sündigt "schwer" und verfällt dem Urteil einer "Sonderkommission", die "entsprechende Strafen verhängt" (als härteste Strafe die Entlassung). Dementsprechend wenig dringt denn auch vom Alltag des Staatssekretariats nach außen. In dem offiziösen Berichtsband über die Tätigkeit der römischen Kurie, "L'Attività della Santa Sede", findet sich 1973 unter den 975 Seiten eine einzige Seite über das Staatssekretariat, während für die Tätigkeit der vatikanischen Sternwarte acht Druckseiten nicht zuviel waren.
Nicht zuletzt dieser vatikanischen Mentalität des Verschweigens und Vertuschens ist es auch zuzuschreiben, daß das vatikanische Geheimarchiv -· rund 40 Kilometer Regale voller Dokumente -- noch immer weitgehend unzugänglich ist: Die Akten der letzten hundert Jahre sind für den öffentlichen Gebrauch ganz gesperrt, die Dokumente der Glaubenskongregation, der Selig- und Heiligsprechungsprozesse sowie der außenpolitischen Angelegenheiten auch für die Zeit davor.
Offiziell Gesperrtes öffnet sich nur jenen, die die Kirche verteidigen wollen. So erhielten Jesuiten den Auftrag, an Hand von sonst unzugänglichem Archivmaterial das Verhalten des Papstes Pius XII. gegenüber den Juden im Zweiten Weltkrieg zu rechtfertigen. Kein neutraler Wissenschaftler jedoch konnte nachprüfen, was sie möglicherweise unterschlagen haben.
Und selbst die offiziell zugänglichen Teile des Geheimarchivs öffnen sich nicht jedem uneingeschränkt. "Die Möglichkeit, im Archiv wissenschaftlich zu arbeiten, gilt als eine besondere Gunst und nicht als ein Recht" -- so Maria Luisa Ambrosini in ihrem vatikanfreundlichen Buch "Die geheimen Archive des Vatikans". Nur mit Empfehlung und unter genauer Angabe der Gründe erhält man Zutritt zum Geheimarchiv, und selbst dann sagen die Archivare noch lange nicht jedem, was sie zu einem bestimmten Thema in den Regalen liegen haben.
Mit derselben Geheimniskrämerei betreibt Benelli auch, was er unter Pressepolitik versteht. In einer Presse-Auswertungsstelle läßt er den italienischen Monsignore Cacciavillan die Außerungen zu kirchlichen, vor allem zu vatikanischen Problemen in über 60 Zeitungen und Magazinen verfolgen und einen internen Pressedienst herausgeben, in dem dann vor allem Romfreundliche und konservative Beiträge veröffentlicht werden.
Besonders dringlich erschien ihm solche Manipulation in der Zeit unmittelbar nach der Veröffentlichung der Ehe-Enzyklika "Humanae vitae". Weil im Staatssekretariat damals gerade der Mann fehlte, der die deutschen und skandinavischen Eingänge zu behandeln harte, mußten Angestellte von Radio Vatikan einspringen. Sie erhielten von Benellis Behörde einen Stoß Telegramme mit der Bitte, auf alle Äußerungen, die sich für die Enzyklika aussprachen, ein "P" (positiv) und auf alle, die dagegen sprachen, ein "N" (negativ) zu malen. Die Angestellten von Radio Vatikan erledigten die Hausaufgabe vorbildlich und gaben die gekennzeichneten Telegramme zurück. Es dauerte nicht lange, da erhielten sie alle "P"-Telegramme zurück, mit dem Auftrag, in den kommenden Wochen während der Nachrichtensendungen drei Schreibmaschinenseiten lang positive Äußerungen zur jüngsten Enzyklika auszustrahlen. Ähnliche Methoden wurden angewandt, als die Zölibats-Enzyklika erschien und vorn Klerus draußen verrissen wurde. Die Geistlichen an Radio Vatikan, wie etwa Jesuit und Nachrichtensprecher Francesco Farusi, wagen keinen Einwand gegen solche Täuschungsmanöver.
Ein besonders wachsames Auge wirft Benelli stets auf die publizistischen Gehversuche anderer kurialer Behörden. Pressekommuniqués der Kongregationen, Kommissionen, Ämter und Sekretariate dürfen nur, so wünscht es der "Vize-Papst", nach Prüfung in seinem Amt publiziert werden.
In wichtigen Fällen scheut sich das Staatssekretariat nicht, Retuschen anzubringen, so etwa beim Kommuniqué über die erste Tagung einer offiziellen Delegation der Kurie und der Juden vom 20. bis 23. September 1970. Aus Rücksicht auf die empfindlichen Araber reduzierte man die Begegnung auf ein "ökumenisches Treffen" zwischen Katholiken und Juden, ließ die Sitzungen nur noch in Rom, nicht mehr im Vatikan stattfinden, sprach nicht mehr von Repräsentanten der katholischen Kirche, sondern nur noch von einer Delegation des Sekretariats für die Einheit der Christen.
Der Bonner Nuntius bringt deutsche Kirchenblätter auf Trab.
Auch inhaltlich wurde geändert: In dem Text, der vom gemeinsamen Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und alle Formen der Diskriminierung sprach, fehlte plötzlich das Wort Antisemitismus.
Wo das Staatssekretariat selbst nicht manipulieren kann, versucht es zumindest, die Presse zu Artikeln mit der gewünschten Tendenz zu bewegen. Das wichtigste Mittel dazu sind die Kollaborateure.
Als zu Beginn des Jahres 1972 ein Mitarbeiter des Einheitssekretariats, der Schweizer Theologe Dr. August Bernhard Hasler, zuständig für die Kirchen der Reformation, in einem SPIEGEL-Interview als einen Grund seines Ausseheidens aus den Diensten des Vatikans angab, Papst und Staatssekretariat wollten die ökumenische Bewegong auf Eis legen, reagierte der Vatikan sofort.
Der Bonner Nuntius Bafile brachte westdeutsche Kirchenblätter und den Journalisten Lipp auf Trab. Lipp polemisierte in der Katholischen Nachrichtenagentur. Das Staatssekretariat selbst beauftragte den Jesuitenpater Hoff mann, damals bei Radio Vatikan, mit einem Gegenartikel in der deutschen Wochenausgabe des "Osservatore".
Um der Welt und den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Journalisten zu zeigen, wie hoch der Vatikan dennoch die Presse einschätzt, gibt es ein besonderes -- vom Staatssekretariat abhängiges -- Propagandaamt: die "Pontificia Commissione per le Comunicazioni Sociali". Alle Versuche, diese "Päpstliche Kommission für die soziale Kommunikation" zum Instrument wirklicher Information zu machen, wußte Benelli zu vereiteln.
Das Amt sitzt im Palazzo San Carlo. Sein Chef ist der polnische Titular-Bischof André-Marie Deskur; Sekretär der italienische Pater Romeo Panciroli, ein Schützling des päpstlichen Geheimsekretärs Macchi; neuer Untersekretär der deutsche Jesuit Karlheinz Hoffmann,
Von dem päpstlichen Propagandaamt hängt wiederum die "Sala Stampa", das Presseamt des Heiligen Stuhls, ab. Benelli verbannte es aus dem Vatikan in die Vatikan-nahe Via della Conciliazione und nahm den Journalisten damit eine Gelegenheit mehr, sich im Vatikan umzusehen.
Das heutige vatikanische Presseamt (im Journalisten-Jargon "L'ufficio di nulla risulta" -- das Amt ohne Informationen) geht zurück auf einen Pressedienst des "Osservatore Romano". Einer der Redakteure dieser Zeitung hatte den akkreditierten Journalisten die offiziellen Informationen zu übermitteln.
Der erste Sprecher war der kleine, wendige Monsignore Fausto Vallainc aus dem Aosta-Tal. Ihm folgte 1970 einer der bekanntesten katholischen Journalisten Italiens, bis dahin steilvertretender Chefredakteur des "Osservatore Romano", Professor Federico Alessandrini.
Doch weder Vallainc noch Alessandrini konnten bei allem Verständnis für die nachrichtenhungrigen Journalisten wirkliche Pressesprecher werden. Klassische Antwort Alessandrinis auf telephonische Anfragen von Journalisten: "Mein Lieber, zu Ihrer Frage ist wirklich nichts zu erfahren." So übten sich beide vor allem in den Tugenden der Geduld und Demut, wofür Vallainc bereits mit der Bischofsweihe belohnt wurde.
Angst vor zuviel Information hatte der Vatikan selbst bei so weltweit beachteten Ereignissen wie den drei Bischofssynoden 1967, 1969 und 1971 in Rom. Da gab es zwar lebendige Pressekonferenzen nach Sprachengruppen; aber als der Luxemburger Professor Fischbach die Zahl der abgegebenen Stimmen für den Bischofsrat der Synode verriet, wurde er zurückgepfiffen.
Auch die für die Journalisten aufgestellten Akkreditierungsnormen dienen nicht gerade der Wahrheitsfindung. Punkt 8 der Normen würde die Journalisten zu beruflicher Impotenz verurteilen, hielten sie sich daran: "Die Direktion des Pressesaales ist der direkte Vermittler zwischen den Journalisten und den Organen des Heiligen Stuhls."
Wollen die Journalisten mehr erfahren oder früher erfahren, was Alessandrini erst Tage später oder gar nicht preisgeben darf, so müssen sie sich "ihre" eigenen Monsignori als Informanten warinhalten.
"Einzigartiges Beispiel fur überlegte Irreführung."
Kommt auf diese Weise einmal eine peinliche Nachricht in die Presse, reagiert der Vatikan mit einer erprobten Taktik: Er übergeht sie so lange wie möglich mit Schweigen. Paul VI. empfahl diese Methode bereits als Substitut: "Der Heilige Stuhl braucht nichts zu dementieren. Die Zeit besorgt das für ihn."
Hin und wieder erscheint allerdings selbst den Herren im Vatikan ein Dementi unausweichlich, was nicht unbedingt besagt, daß es dann auch auf Wahrheit beruht. So etwa, als der holländische Europa-Parlamentarier Vredeling behauptete, der Vatikan habe 1969 aus der Bundesrepublik 69 200
* Auf dem Katholikentag in Trier. 1970; links: Kardinal Döpfner.
Kilogramm und aus Frankreich 1 239 000 Kilogramm Butter eingeführt -- umgerechnet auf die damals etwa 900 Bezugsberechtigten: vier Kilogramm Butter pro Person und pro Tag. Da etwa Deutschland die Butter an den Vatikan billiger als an Italien verkaufen konnte, vermutete Vredeling, daß die Billig-Butter aus dem Kirchenstaat auf den italienischen Schwarzmarkt wanderte.
Kaum hatte der Tadel aus Holland den Vatikan erreicht, da verbreiteten die vatikanischen Meister des Dementis in ihrem Pressesaal an der Via della Conciliazione am 9. Dezember 1969 eine Erklärung, in der sie zunächst einmal rundweg abstritten, daß der Vatikan überhaupt Butter in den EWG-Ländern kaufe. Der Vatikan hole sich seine Butter nur in Österreich und Dänemark.
Am nächsten Tag mußten sie zugeben, doch aus Deutschland Butter gekauft zu haben, freilich weniger, als die Journalisten verbreitet hätten, und selbstverständlich komme die Butter nur den Angestellten des Heiligen Stuhls und deren Familien zugute. Kein Wort über die Menge der Butter.
Erst eine Woche später erzählten sie im Hofblatt "Osservatore" vom 16. Dezember die genauere Buttergeschichte: Bei den angeblich 1 239 000 Kilogramm Butter handele es sich um Zucker, und der Butterberg aus Deutschland wiege, der Genauigkeit halber, 60 200 Kilogramm, nicht etwa 69 200 Kilogramm -- also nur noch 200 Gramm pro Vatikan-Kopf und -Tag.
Trotzdem blieb der Verdacht des Schwarzhandels. Eine gewiefte Händlerkette unter Beteiligung einiger Monsignori soll billige Vatikanbutter, die für Waisenhäuser, Krankenhäuser, Armen- und Altenspeisung bestimmt war, auf dem italienischen Schwarzmarkt versilbert haben.
Die Butterstory bewies den Journalisten erneut: das vatikanische Presseamt ist für Informationen unbrauchbar. Was dort offiziell mitgeteilt wird, steht ohnehin wenige Stunden später im "Osservatore Romano" ("Römischer Beobachter").
Diese Tageszeitung des Vatikans (60 000 bis 70 000 Auflage; erscheint dienstags bis sonntags; auch Moskau bezieht fünf Exemplare und bezahlt in englischen Pfund), die ebenfalls der Aufsicht des Staatssekretariats untersteht, ist der täglich gedruckte Beweis für das, was man im Vatikan unter Wahrhaftigkeit versteht. Urteil der englischen Zeitschrift "The Economist": "Das päpstliche Blatt ist ein einzigartiges Beispiel für wohlüberlegte Irreführung; im Vergleich zum "Osservatore" ist die russische "Prawda" voller Informationen und Klatsch."
Im "Osservatore" kann man beispielsweise unter der Rubrik "Nostre Informazioni" lesen: "Der Heilige Vater hat Dr. Franz Pfyffer aus Altishofen zum Capitano Comandante der Päpstlichen Schweizergarde ernannt." Was aber progressive Katholiken in Holland oder Deutschland denken, erfährt der Leser des "Osservatore" nicht, es sei denn indirekt im Kommentar eines Redakteurs, der angewiesen wurde, solche Kritiken abzuschmettern.
Die Wortgewalt eines vatikanischen Kommentars trug dem "Osservatore" Anfang des Jahres eine Verleumdungsklage des italienischen Ordinarius für Humangenetik Professor Adriano Buzzati Traverso ein. Der theologische Mitarbeiter des Blattes, der Franziskanerpater Gino Concetti, hatte dem Professor vorgeworfen, er habe "erniedrigende Vorschläge" gemacht und eine "Anarchie des Dschungels und der Verbrennungslager" ausgebreitet, "Frucht eines perversen Hirns. Der Grund: Buzzati hatte im "Corriere della Sera", Italiens größter Tageszeitung, für eine beschränkte Freigabe der Abtreibung und einen großzügigeren Einsatz der Pille plädiert.
Der "Osservatore" antwortete bislang auf die Klage einsilbig: Sein Anwalt bestreitet die Kompetenz des italienischen Gerichts, da auf Grund der Verträge zwischen Italien und dem Vatikan "Veröffentlichungen der kirchlischen Obrigkeit jeglicher Zensur von seiten des italienischen Staates entzogen" seien, getreu der vatikanischen Maxime: "Der Heilige Stuhl wird von niemandem gerichtet."
Entsprechend sieht auch Benellis journalistisches Konzept für den "Osservatore" aus. Die Entschließungen zahlreicher Bischofskonferenzen zur Pillen-Enzyklika verfälschte das Blatt, indem die kritischen Passagen der Bischöfe gegen die Enzyklika einfach herausgestrichen wurden. Den 82. Deutschen Katholikentag in Essen, der den Papst um eine Revision der Pillen-Enzyklika gebeten hatte, erwähnte der "Osservatore" erst vier Monate danach. Dabei sollte die päpstliche Zeitung. als sie 1861 unter Papst Pius IX. gegründet wurde, zuerst "Der Freund der Wahrheit" heißen. Der Name wurde klugerweise vor dem Erscheinen der ersten Ausgabe wieder verworfen. Den Ruf, objektiv zu sein, genoß die Zeitung nur während der beiden Weltkriege: Damals druckte sie die Kriegsberichte beider Seiten ab.
Aber das änderte sich. Heute gibt sich Vatikan-Pressesprecher Alessandrini in leutseligen Momenten kritisch: Am "Osservatore" sei weniger bedeutsam, was er sage. als das, was er auslasse. Und selbst Papst Paul mäkelte als Kardinal von Mailand zum 100jährigen Bestehen der Zeitung, sie berichte weniger, was sich ereignet habe, als das, was sich ereignen müsse.
Paul übte häufiger Kritik an seiner Zeitung, als den Redakteuren lieb war. Allerdings bezogen sich seine Seitenhiebe fast immer auf den Stil. "Zuviel Emphase, zuwenig Substanz" besaß dem Substituten Montini schon 1947 ein Manuskript" das er schließlich selber umschrieb. Und den Mailänder Kardinal ärgerte "die relative Anspruchslosigkeit" der Berichte wie der penetrante Hofstil.
Auf ein Photo vom 21. Januar 1966 (Paul auf seinem Thron in der Benediktionsaula) reagierte der Papst mit einem schriftlichen Verweis: "Papstphoto im Osservatore: zu häufige Exhibitionen vermeiden (dafür Photos von Persönlichkeiten, Gruppen, Szenen etc. aus den Audienzen bringen)."
Erfolgloser blieb bislang Pauls Order" weniger "Daten und Fakten" seines Lebens abzufeiern und Papstreden nach Beliehen zusammenzustreichen oder gar nicht iii veröffentlichen. Vor allem sollten Berichte über den Papst knapper und nüchterner sein -- eine sympathische Abneigung Pauls gegen Personenkult.
Trotz der Informations-Misere im eigenen Haus findet Papst Paul bei offiziellen Anlässen nichts dabei, Maßstäbe für die Presse aufzustellen. Aber sie werden eher in nichtchristlichen als in christlichen Bijittern verwirklicht. Paul befürwortet eine Pressezensur -- im Vatikan selbstsverständlich -- "nur im äußersten Notfall"; jeder Mensch habe das Recht auf objektive Information.
Unbequeme Zeitschriften werden unterdrückt.
Der Papst verspricht sogar mehr: "Die verantwortlichen kirchlichen Obrigkeiten werden dafür sorgen, daß sich innerhalb der Kirche auf der Basis der Meinungs- und Redefreiheit der Austausch legitimer Ansichten lebendig entfaltet."
Kurz nach der Veröffentlichung dieses Textes setzten kirchliche Obrigkeiten das päpstliche Wort auf ihre Weise in die Tat um: Sie lösten in Italien die unbequeme linkskatholische Zeitschrift "Il Regno" und in Deutschland "Publik" auf.
Aber auch die bischöflichen "Pubtik"-Killer können sich auf päpstliche Worte berufen. Denn vor dem Rat der Katholischen Internationalen Union der Presse (UCIP) bat Papst Paul die katholischen Journalisten, die Berichte über "ungeordnete Initiativen" in der Kirche dies: progressive Katholiken) "auf ihr rechtes Maß zurückzuführen" dies: zu verurteilen oder zu verschweigen), statt dessen jedoch mehr die "Richtlinien der Hierarchie bekanntzumachen".
Zwar stellte Paul sich den Journalisten einen Tag vor seiner Krönung als "Freund und Kollege" vor, der diesen Beruf an seinem Vater -- er War Verleger und Chefredakteur erlebt habe. Aber in den elf Jahren seines Pontifikates gewährte er nur zwei Journalisten ein Gespräch.
So bleibt der Verdacht, daß Paul VI. in Wirklichkeit nicht viel weiter ist als einer seiner Vorgänger, Gregor XVI. Der lehrte 1832 in seiner Enzyklika "Mirari vos", die Pressefreiheit sei "die unheilvollste Freiheit, vor der man sieh nicht genug entsetzen kann".
Und Papst Paul ermahnt seine Gläubigen stets, den päpstlichen Enzykliken zu gehorchen.
Im nächsten Heft
Machtkämpfe im Apparat der Sekretäre und Kardinäle -- Privatsekretär Macchi, die "kleine Maus" des Papstes -- Das Staatssekretariat boykottiert Maßnahmen des Papstes

DER SPIEGEL 43/1974
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