11.11.1974

VERBRECHENSchablone „X“

Durch eine ungewöhnliche Methode hat ein pfälzischer Kriminalist vermutlich eine Serie von Kindermorden der sechziger Jahre aufgeklärt.
Am 25. November 1960, einem Freitag, verschwand im pfälzischen Pirmasens der Schüler Walter Borschat, 9; das Kind wurde nie wieder gesehen.
Am 17. Januar 1964, einem Freitag, kam in Pirmasens der Schüler Klaus-Dieter Stark, 9, nicht mehr nach Hause; er ist seither verschollen.
Am 8. September 1967, einem Freitag, wurde in Pirmasens die Schülerin Eveline Lübbert, 10, vermißt; was nach einem Bummel durch die "Kaufhalle" mit ihr geschah, blieb ungewiß.
Die Kriminalpolizei konnte damals keinen der drei Fälle aufklären. Daß die Kinder jeweils freitags verschwanden, Eveline gegen 12, die Buben gegen 16 Uhr, jeweils in der Nähe des belebten Pirmasenser Messeplatzes -- das mochte Zufall sein oder auch nicht.
Die Suchaktionen förderten keine Spuren zutage, die jahrelang immer mal wieder vorgenommenen Routineprüfungen erbrachten keine Hinweise von Belang, die Vorgänge wurden als unerledigte Vermißtensachen abgelegt -doch Jahre später, als ein neuer Kriminalrat die alten Akten durchsah, elektrisierte die Lektüre.
Die merkwürdigen Übereinstimmungen fielen dem Kriminalrat Ernst Fischer auf, kaum daß er im Juni 1973 zum Kripo-Chef von Pirmasens berufen worden war -- ein Kriminalist mit frisch erworbenem Renommee, der soeben in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz mit einer ausgeklügelten Methode unter 260 Verdächtigen den Mörder der Kinderärztin Margot Geimer und deren Tochter Dorothea entlarvt hatte. Als er nun in Pirmasens, beim Prüfen einer Vermißtensache, auf die alten Fälle stieß, ließ es dem Kriminalisten "keine Ruhe mehr". Fischer machte sich, im August 1973, auf die Suche. Er nahm in allen drei Fällen die Ermittlungen wieder auf, ließ Woche um Woche recherchieren und brachte die Fälle nach einem guten Jahr jetzt ihrer grausigen Lösung nahe: Für die Kriminalisten zeichnet sich eine Serie von Kindermorden ab, die nach Täterpersönlichkeit und Tatumständen womöglich "den Fall des Jürgen Bartsch noch in den Schatten stellt" (Fischer).
Fahnder Fischer bediente sich dabei eines Check-out-Verfahrens, wie es auch Geheimdienste anwenden, wenn sie -- wie im Fall Guillaume -- Spione entlarven wollen. Frederick Forsyth beschreibt die Methode in Abwandlungen in seinem Thriller "Der Schakal"; der Kriminalrat von Pirmasens fand beim Schmökern "faszinierende Parallelen".
Nach dieser literarisch geadelten Methode fügte ein 15köpfiges Kripo-Team sowohl ermittelte als auch angenommene Tat/Täter-Merkmale, wie sie aus den Vermißtenakten zu rekonstruieren waren, zu einem Phantom-Bild der unbekannten Person "X" zusammen -- denn von Anfang an ging Fischer, die Gleichartigkeit von Tat-Tag und Örtlichkeit legte es nahe, von einem Täter aus.
Gesucht wurde ein intelligenter, 15- bis 45jähriger Mann, der sowohl 1960 als auch 1964 und 1967 in oder um Pirmasens lebte und im Stadtbild nicht als Fremder aufgefallen war, eine Person, die sich offenkundig häufig mit Kindern abgab und "irgendwie nicht normal war". Der Mann mußte am Freitagnachmittag Zeit gehabt haben, Jungen oder Mädchen auf den Straßen anzusprechen.
* Suche nach Eveline Lübbert, September 1967.
Auf diese Weise wurden die gleichartigen Umstände der Vermißtenfälle ebenso wie erkennbare Lebensgewohnheiten und Kripo-Vermutungen über Psyche und Physis des Täters so aufgegliedert, daß sich insgesamt 24 Einzelmerkmale ergaben -- eine Schablone, die sich mit den Personaldaten anderer leicht in Beziehung setzen ließ. Der Datenvergleich mußte jeweils um so aufschlußreicher sein, je mehr Einzelheiten die Schablone konturierten.
Fischers Team ging, auch dies Bestandteil der Schablone, davon aus, daß der Täter kein Alibi hatte, zum Zeitpunkt, da die Kinder verschwanden, also beispielsweise weder an einem Arbeitsplatz noch in einer Straf- oder Heilanstalt gewesen sein konnte. Er mußte alle drei Kinder und deren Lebenskreis gut gekannt haben, nicht unbedingt mit Sexualdelikten aufgefallen sein, doch eine schon "verdächtig starke Ausstrahlung" auf junge Menschen besitzen.
Die Polizei nahm an, daß sich "X" vor und nach dem Verschwinden der Vermißten häufig am nahen Eisweiher und "im Tal" aufgehalten hatte und dort auch dann und wann anderen Kindern nahegekommen war: eher in Wintermonaten als im Frühjahr, das nach einer Kripo-Faustregel "als die Zeit der Triebtäter" gilt. "Unser Mann", so Fischer, "mußte anders sein als ein einfacher Sittenstrolch."
Zunächst betrieb er eine Vorklärung: Bundes- und Landeskriminalamt überprüften ihre Computerkarteien und meldeten nach Pirmasens, daß "keine auswärtige Person" mit einschlägigem Vorleben und solchen fall- wie ortstypischen Merkmalen gespeichert sei.
Frankreichs Sûreté überprüfte alle Soldaten, die 1960 und zugleich 1964 wie 1967 in der Südpfalz stationiert waren, anhand der Fischer-Schablone im Armeeregister und meldete Fehlanzeige wie die US Military Police, die in den Staaten 150 pfälzische US-Soldaten jener Jahre durchleuchten ließ. Überprüft wurden auch französische Gastarbeiter, die täglich als Grenzgänger herüberkommen, durchgesehen wurden Sterberegister Pfälzer Standesämter wie alte Meldezettel Pirmasenser Hotels.
Jetzt war sich Fischer so gut wie sicher, es tatsächlich, wie anfangs angenommen, mit einem deutschen lokalen Täter zu tun zu haben: Mit einem "der etwa 7000" Männer der Stadt und der Randgemeinden, die "in den sechziger Jahren in einem mittleren Alter waren und schon damals am Orte gewohnt haben" (Kripo-Formel). Sie wurden alle überprüft, ihre Personaldaten wurden sämtlich mit der Kripo-Schablone verglichen.
Die Kriminalisten nahmen sich Lehrer und Pfarrer vor und auch die Geschäftsleute, Straße für Straße. Anhand alter Adreßbücher verglichen die Fahnder alle 15- bis 45jährigen Bewohner der Innenstadt mit einer Liste potentieller Täter: mit gut 30 Namen aus der lokalen Sexualdelikt-Kartei und mit 15 diskreten Hinweisen von Polizisten und Jugendamts-Sachbearbeitern "auf strafrechtlich noch nicht in Erscheinung getretene Verdächtige" (Kripo-Formel). Neu ausgeforscht wurde schließlich, wer früher schon einmal in den Vermißtenfällen als verdächtig gegolten hatte, und in gleicher Weise recherchierten Fischer-Kollegen in den Landkreis-Bezirken.
Arbeitsamt wie Krankenkasse, Personalbüros heimischer Schuhfabriken sowie die Staatsanwaltschaft halfen mit vertraulichen Fakten weiter: Wer von den rund 70 "als abnorm Verdächtigen" (Fischer) Alibis hatte, wurde -- unter Vorbehalt -- zunächst ebenso ausgeschieden wie Personen der Liste, deren Daten nicht auf die "X"-Schablone paßten.
Einer der beiden Mitbürger, die bei dem ebenso umständlichen wie langwierigen Auswahlverfahren übrigblieben, war ein Filmvorführer; er hatte letztlich doch sichere Alibis und konnte, so ein Ermittler, "bald vergessen werden". Der andere war der Gelegenheitsarbeiter Karl Remp*, 42, ein Pirmasenser Original.
Remp hatte, wie die Polizei heute nachweisen kann, an den fraglichen Freitagen nicht gearbeitet und war häufig am Eisweiher und "im Tal". Er hatte, was er lange bestritt, enge Freundschaften zu Walter, Klaus-Dieter und Eveline unterhalten -- an den Tattagen war er, wie sich nun ergab, nachweisbar mit dem jeweiligen Opfer zusammengewesen.
Er verstrickte sich bei den anfangs noch verdeckten Vernehmungen in Widersprüche und machte schließlich "so gravierende Aussagen", daß Fischer heute "von weit mehr als einem Verdacht sprechen muß". Ende Oktober verfügte ein Untersuchungsrichter in Zweibrücken -- statt eines Haftbefehls -- die Einweisung Remps in eine Heilanstalt.
Der lange gesuchte "X" von Pirmasens war ein Außenseiter der Kleinstadt-Gesellschaft, den alle, auch die Polizei, stets "für harmlos gehalten" hatten. Mal studierte er Philosophie und Psychologie, mal trödelte er als Hippie. Jedermann wußte, daß der sockenlose Einzelgänger, der bisweilen in Wäldern und gesprengten Westwall-Bunkern kampierte, Zehnjährigen bei den Schularbeiten half und am Lagerfeuer Geschichten erzählte. Kaum
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
einer wußte, daß Remp schon 1954 in einer Anstalt wegen Schizophrenie behandelt worden war.
Mehr als 1000 Zeugen -- so Nachbarn, die einstigen Mitschüler und Spielkameraden -- erhellen inzwischen mit Aussagen über Remps gespaltenes Leben "ein kriminologisches Bild", das für Fischer "absolut stimmig ist": Der Kranke, der so lange gesucht wurde, müsse alle drei Kinder beseitigt haben; den Fahndern scheint es "absolut ausgeschlossen", daß sie noch leben.
Ein Trick brachte die Polizei weiter: Sie lancierte ein Zeitungsphoto von angeblichen Knochenfunden in der Nähe eines Remp-Verstecks und filmte dann den Verdächtigen beim Betrachten der Bilder am Schaukasten eines Lokalblatts: In Remps Verhalten -- er zeigte Nervosität, schaute sich verschreckt um und ging eilig weg -- sieht Fischer "eine eindeutige Schuld-Reaktion". Doch, so Oberstaatsanwalt Wilhelm Sattler: "Wir haben nur eine Chance, wenn der Mann spricht."
Um seinen Erinnerungen nachzuhelfen, streifen Kripo-Beamte jetzt mit Remp bisweilen durch die Wälder ("Sie können uns vielleicht ein paar Höhlen zeigen") und beobachten seine Reaktionen. Auffällig ist sein Hang zu Friedhöfen; bemerkenswert scheinen seine, von Zeugen überlieferten, Aussagen aus früherer Zeit: "Ich suche den, der den Walter gefesselt hat -- ich werde ihn finden und ihm die Fesseln aufschneiden." Zum Fall Stark gibt es die vieldeutige Remp-Aussage: "Ich glaube, daß ich auf dem Klaus draufgelegen habe."
Doch so eng das Fischer-Netz um Remp auch gewoben scheint, so intensiv die Polizei seine einstigen Bunker, Feuerstätten und verwunschenen Höhlen absuchte: Sie fand alte Töpfe, eine Plastikfolie" Schnitzel einer Lohnsteuerkarte, aber keinen einzigen Sachbeweis für ein Verbrechen. Remp monoton: "Es gibt keine Leiche."
Wenn der Verdächtige nichts weiter sagt, hilft auch die Schablone nicht mehr weiter.

DER SPIEGEL 46/1974
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