11.11.1974

Vatikan intim

Überall wo die Kirche statt Dienst an den Menschen Macht über die Menschen ausübt, überall wo ihre Institutionen, Lehren und Gesetze Selbstzweck werden, überall wo ihre Sprecher persönliche Meinungen Lind An-, liegen als göttliche Gebote und Anordnungen ausgeben: da wird der Auftrag der Kirche verraten, da entfernt sich die Kirche von Gott und den Menschen zugleich, da gerät sie in die Krise.
Hans Kung in seinem Buch "Christ sein. Der Pontifex maximus auf der Loggia der Peterskirche, die Mitra auf dem Kopf und die Hand um den Krummstab, mit mahnender Stimme an die "verantwortlichen Politiker" appellierend, "keine Anstrengung zu unterlassen, um einen gerechten Frieden herbeizuführen" -- in dieser Pose kennt die Welt den Papst.
Aber hinter den wohlmeinenden Friedenstönen steckt noch ein anderer Papst: jener Mann, der im Ritus der Papstkrönung "Lenker des Erdkreises" genannt wird und diesen Anspruch insgeheim bis heute hegt.
Anders als gegenüber dem Ostblock, wo Paul sich bescheidet, versucht er in der westlichen Kirche und Welt selber zu diktieren -- mit Mitteln und Methoden, die selbst bei romfreundlichen Katholiken Anstoß erregen.
Nicht so recht ins Bild des unparteiischen Friedensfürsten paßt beispielsweise das Verhalten Pauls im Streit zwischen Arabern und Israelis. Nur mühsam vermochten Paul und seine Mannschaft zu verschleiern, daß ihre Sympathien auf seiten der Araber liegen.
Die Gründe für die proarabische Haltung der Kurie sind vielschichtig. Im Vatikan selbst verteidigen sich hohe Kleriker entweder mit dem Hinweis auf das Schicksal der geschundenen palästinensischen Flüchtlinge oder mit der Rücksicht auf die etwa eine Million Katholiken in den 20 arabischen Ländern, die angeblich bei einer ausgewogeneren Haltung der römischen Zentrale gefährdet seien. Andere nennen als Motiv für Pauls Araberfreundlichkeit die uneingestandene, aber tief verwurzelte antijüdische Haltung im Vatikan -- der naheliegendste Grund.
Paul hat sie als vatikanisches Erbe von seinen Vorgängern übernommen. Schon 1904 drohte Pius X. dem Gründer der zionistischen Bewegung, Theodor Herzl, an: "Wenn Sie nach Palästina gehen und Ihr Volk dort ansiedeln, werden wir Kirchen und Missionare bereithalten, um Euch zum Christentum zu bekehren."
Als es schließlich 1948 trotz vatikanischer Vetos zur Gründung des Staates Israel kam, polemisierte der "Osservatore Romano": "Der moderne Zionismus ist nicht der wahre Erbe des biblischen Israel, sondern ein weltlicher Staat ... deshalb gehören das Heilige Land und seine geheiligten Stätten der Kirche, die das wahre Israel ist."
Im Sommer 1948 schwieg Papst Pius XII. wochenlang, als arabische Artillerie Jerusalem beschoß. Aber kaum hatten Israels Truppen die Jerusalemer Neustadt besetzt, erließ er eine Enzyklika ("In multiplicibus curis"), in der er für die Internationalisierung Jerusalems eintrat, da die Sicherheit der Heiligtümer unter den Juden nicht gewährleistet sei -- ganz im Sinne des heiliggesprochenen Papstes Pius X.: "Es ist nicht angenehm, daß die Türken unsere Heiligtümer besitzen, aber die Juden in der Erlangung unserer heiligen Stätten zu begünstigen, das können wir nicht."
Im Mai 1949 wiegelte der Vatikan einige katholische Staaten gegen die Aufnahme Israels in die Uno auf, "weil das Land den vollen Internationalisierungsplan nicht durchgeführt hat". Daß auch Jordanien -- wie damals alle arabischen Staaten -- die Internationalisierung Jerusalems kategorisch ablehnte, kritisierte der Papst nicht, obwohl mehr als 90 Prozent aller heiligen Stätten Jerusalems in der Hand der Jordanier waren.
Gebete für die "treulosen Juden".
Und die Tatsache, daß die Juden die einzigen Pilger waren, die 19 Jahre lang ihre heiligen Stätten nicht besuchen konnten, überging der Vatikan mit Schweigen.
Auch unter Pauls Regierung war die Kurie stets darauf bedacht, die Araber auf Kosten Israels zu hofieren. Der Staat Israel wird vom Vatikan noch immer nicht offiziell anerkannt. Als der Papst 1964 zehn Stunden in Israel weilte, vermied er für das israelische Staatsoberhaupt die Anrede "Herr Präsident".
Im Sechstagekrieg von 1967 erklangen aus Rom harmlose Friedensappelle, solange die Jordanier noch den Ostteil Jerusalems besaßen. Als Israel dann am 7. Juni ganz Jerusalem eroberte, packte der Vatikan den Internationalisierungsplan aus, den selbst die Uno 1952 von der Tagesordnung gestrichen hatte. Bis heute hält der Vatikan an einer Internationalisierung wenigstens der Heiligen Stätten fest.
Und als Golda Meir, Israels damalige Ministerpräsidentin, zu Beginn des Jahres 1973 den Papst besuchte, brüskierte seine Behörde die Regierungschefin im nachhinein mit der Erklärung, es werde sich an den (schlechten) Beziehungen zu Israel nichts ändern.
Dagegen pflegt der Vatikan vollgültige Beziehungen mit einer Reihe von Gegnern des jüdischen Staates. Beim Heiligen Stuhl sind Vertreter des Libanons, Syriens, Ägyptens und des Irak akkreditiert. In Ägypten, Syrien und dem Irak wirkt ein Pro-Nuntius für den Vatikan, im Libanon ist der Nuntius traditionsgemäß Doyen des Diplomatischen Corps.
Ein Nuntius in Israel aber erscheint der Kune undenkbar -- nicht nur aus politischer Rücksicht, sondern auch aus uralten theologischen Vorurteilen: Für die Bekehrung der "ungläubigen" und "treulosen Juden", denen der Tod Jesu und damit ein Gottesmord angelastet wurde, ließen die Päpste ihre Katholiken noch bis in die sechziger Jahre beten.
Das Staatssekretariat hält eine projüdische Erklärung zurück.
Dann nahmen katholische Theologen Anlauf, den antijüdischen Graben zu überspringen. Eine Kommission des Zweiten Vatikanischen Konzils arbeitete unter Kardinal Bea eine Erklärung aus, die den Juden die Schuld am Tode Christi absprach. Doch konservative Kurienkardinäle erhoben prompt Einspruch, und in der endgültigen Fassung der Erklärung war dann doch wenigstens wieder ein Teil der Juden am Tode Christi schuld.
Vom Staatssekretariat wird ein Dokument zurückgehalten, das die halbherzige Judenerklärung des Konzils endlich durch einen klareren Text ergänzen würde, Der Entwurf, 1969 von einer Kommission des Sekretariats für die Einheit der Christen vorgelegt, verurteilt den Antisemitismus in aller Form. Textprobe aus der Einleitung: Nachdem so zahlreiche Generationen ein schmerzhaftes Exil erlebt und erfahren haben, ein Exil, das oft noch bitterer durch Verfolgung und moralische Unterdrückung gemacht wurde, wofür die Christen ihre jüdischen Brüder um Verzeihung bitten, heben die Juden tausendfach ihre Anhänglichkeit an das Land bewiesen, das ihren Vorfahren seit der Berufung des Abraham verheißen ist. Es erscheint notwendig, daß die Christen versuchen, die religiöse Bedeutung dieses Bandes zwischen dem Volk und dem Land zu verstehen und zu respektieren. Die Existenz des Staates Israel soll nicht von dieser Perspektive getrennt werden
Erregte schon diese zahme Erklärung beim Staatssekretariat Anstoß, so erscheint ein katholisch-jüdischer Dialog erst recht als Zumutung. Substitut Benelli halbherzig: "Man muß ihn halten, er läßt sich nicht vermeiden."
So kam es tatsächlich im Herbst 1970 zu einer ersten offiziellen Zusammenkunft mit Juden im Einheitssekretariat. Doch sogleich dämpfte Benelli den Eifer. Sprach die gemeinsame Kommission vom Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und alle Formen der Diskriminierung, so strich das Vatikanische Hofblatt "L'Osservatore Romano" auf Geheiß des Staatssekretariats das Wort "Antisemitismus".
Das Arbeitsprogramm hatte Unterschiede zwischen katholischer Kirche und Judentum als legitim bezeichnet und damit neben der katholischen auch andere Religionen akzeptiert. Sogleich konterte das Staatssekretariat im "Osservatore": "Kann man in diesem Fall von legitimen Unterschieden sprechen? Während in der Tat die fundamentalen Punkte unseres Glaubens als legitim betrachtet werden können, scheint es unmöglich, das Zurückweisen dieser Punkte von jüdischer Seite als legitim, d. h. auf der Wahrheit beruhend, anzuerkennen."
Christengut darf nicht an Juden verkauft werden.
Wie schwer es dem Staatssekretariat fällt, überkommene antijüdische Positionen aufzugeben, bewies ein weiterer Zwischenfall: Der Orden der Assumptionisten hatte das an der ehemaligen Grenze zu Jordanien gelegene Haus "Notre Dame de France" mit Genehmigung der Vatikanischen Kongregation für die Ostkirchen an die jüdische Universität von Jerusalem verkauft.
Da besann sich Benelli auf den katholischen Rechtsstandpunkt: Christengut, noch dazu sakrales, darf nicht an Juden verkauft werden. Benelli, eigens im Heiligen Land, um den Kauf rückgängig zu machen, erklärte das Geschäft für nichtig und ging vor jüdische Gerichte, um sich seine Auffassung bestätigen zu lassen.
Aus der Politik des Staatssekretariats zog der Leiter des vatikanischen Büros für katholisch-jüdische Beziehungen, der holländische Professor Cornelius Rijk, Anfang 1973 die Konsequenzen: Er trat zurück. Auch die Juden merkten sehr bald, daß im Vatikan für ihre Anliegen keine Unterstützung zu bekommen war, und wandten sieh immer seltener an das für sie gedachte Büro.
Die entscheidenden Manager des Vatikans scheinen das nicht als Nachteil zu empfinden. Offenbar verzichten sie lieber auf das Wohlwollen Israels als auf das arabischer Staaten.
Grundsätzlich ist der Vatikan allerdings leidenschaftlich darauf aus, von anderen Staaten anerkannt zu werden. Innerhalb der ersten zehn Jahre seines Pontifikats nahm Paul mit 24 Staaten diplomatische Beziehungen auf. Im Jahr 1973 gab es fast 100 Vertreter im "Exzellenten Diplomatischen Corps beim Heiligen Stuhl".
Zu den wenigen Aufgaben der Vatikanbotschafter gehört die Vorbereitung von Staatsbesuchen. Die Großen der Welt sind im Vatikan willkommen. Sie helfen dem Papst, in der Weltöffentlichkeit präsent zu bleiben und als Großer unter Großen zu gelten.
Umgekehrt sonnen sich die Staatsbesucher im Glanz des höfischen Zeremoniells und der moralischen Autorität des Papstes. Sie drängen sich zum Papst-Thron, um bei ihren katholischen Wählern als Freunde moralischer und religiöser Werte zu erscheinen -- ein Effekt, der mit dem Schwinden der päpstlichen Autorität unter Katholiken allerdings immer schwächer wird.
Trotzdem empfing Paul in den ersten zehn Jahren seines Pontifikates allein 54 Staatsoberhäupter persönlich. Und in diesem Jahrhundert wagten es nur vier Staatschefs, anläßlich ihres Italienbesuchs den Papst zu schneiden: der französische Staatschef Loubet (zu Beginn des Jahrhunderts), Hitler (1938), der polnische Präsident Ochab (1967) und Zaires Staatschef Mobutu (1973).
Aber auch die vatikanischen Gastgeber wissen in ihrem Protokoll abzustufen, wen sie mehr und wen sie weniger ehren wollen. Auf den deutschen Bundeskanzler Brandt warteten 1970 in der "Sala Clementina", einem Empfangssaal im zweiten Stock des Papstpalastes, nur deutsche Journalisten, umsorgt von vatikanischen Polizisten in Zivil.
Bei Brandts Vatikan-Besuch leistete sich die Kurie auch andere, bislang sorgfältig verschwiegene Pannen. Die beiden höchsten vatikanischen Renommier-Orden wollte die Kurie dem Kanzler nicht verleihen, weil er sozialdemokratisch, nicht katholisch und weil er geschieden ist. Und da er nach katholischem Kirchenrecht in wilder Ehe lebt, wurde dem Kanzler bedeutet, es sei besser, er erscheine vor dem Papst ohne Ehefrau Rut, die währenddessen Rom besichtigen durfte.
Den pikanten Höhepunkt des Brandt-Besuchs jedoch bildete das päpstliche Geschenk. Als Brandt es vor dem Papst auspackte und besichtigte, breitete sich Verlegenheit aus. Es war ein Ölgemälde mit dem Thema: Jesus und die Ehebrecherin am Brunnen.
Zwei Jahre zuvor hatte sich der katholische Bundeskanzler Kiesinger weitaus größerer Wertschätzung erfreut. Für ihn fanden sich Patres, Studenten und Schwestern ein, um "Großer Gott, wir loben Dich" zu singen. Und 1973 wurde der aktive Protestant Heinemann, dessen Tochter Uta Ranke-Heinemann katholische Theologin ist, mit außergewöhnlichen Ehren empfangen.
Während der Papst aus Besuchen von Ostblock-Diplomaten nur einen sachlichen Arbeitsbesuch macht, gestattet er westlichen Staatsmännern werbewirksamere Auftritte. Als Nixon am 28. September 1970 im Vatikan war, wurde für ihn, dessen Land keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zum Vatikan unterhält, keine Mühe gescheut. Eigens für den Nixon-Besuch war eine Klimaanlage in der "Sala Cle-
* Argentinien, Deutschland, Dominikanische Republik, El Salvador, Haiti, Italien, Jugoslawien, Kolumbien, Österreich, Philippinen, Portugal, Schweiz, Spanien, Tunesien, Ungarn, Venezuela.
mentina" eingebaut worden, wofür in einem Nebenraum eine Wandmalerei aus dem 16. Jahrhundert zerstört werden mußte.
Allerdings genoß auch der sowjetische Staatspräsident Podgorny bei seinem Vatikan-Besuch im Jahr 1967 ein Privileg: Der Kettenraucher durfte als erster und bislang einziger Gast Pauls während der Audienz in der Privatbibliothek rauchen.
Immer jedoch sorgt das Protokoll der Staatsbesuche dafür, daß der Papst im Mittelpunkt bleibt. Auch wenn er mit seinem Besucher unter vier Augen spricht, bestimmt er die Gesprächsthemen. Wer zum Papst geht, hat diese Regel zu akzeptieren. Trotzdem kommt der Besucher hier wenigstens zu Wort, während er in den übrigen vier Arten einer Audienz (Massenaudienz, Händeschütteln danach, Handkußaudienz, Spezialaudienz) meist nur die Gelegenheit erhält, den Papst anzustrahlen.
Dennoch begnügt sich Paul nur ungern mit den mehr oder weniger unverbindlichen Staatsbesuchen oder den häufig sehr oberflächlichen diplomatischen Beziehungen. Für ihn sind die Staatsmänner erst dann akzeptabel, wenn sie sich und ihre Länder auf katholische Wertmaßstäbe verpflichten. Ein vom Vatikan besonders gern beschrittener Weg, dies zu erreichen, sind schriftliche Garantien, etwa in Form von Konkordaten (umfassenden Vereinbarungen). Paul drängt vielleicht mehr noch als sein Vorgänger darauf. Allein zwischen 1964 und 1969 schloß der Vatikan 24 Vereinbarungen mit 16 Staaten. Zur Zeit haben 16 Staaten mit dem Heiligen Stuhl Konkordate abgeschlossen*. Der Vatikan scheut sich dabei nicht, auch mit totalitären Regierungen zusammenzuarbeiten (so geschehen in den Konkordaten mit Mussolinis Italien, Hitlers Deutschland, Francos Spanien und Salazars Portugal) und so in fragwürdige Komplicenschaft zu geraten.
In Italien gilt beispielsweise nach wie vor das im Jahre 1929 zwischen Mussolini (für den italienischen König) und Kardinalstaatssekretär Gasparri (für Papst Pius XI.) abgeschlossene Konkordat -- ein Musterbeispiel dafür, wie sich der Vatikan die Welt eigentlich wünscht: Artikel 1 erklärt Rom zur Heiligen Stadt, eine Bestimmung, die noch in den letzten Jahren dazu mißbraucht wurde, die Aufführung von Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" in Rom zu untersagen.
Der dritte Absatz des Artikels 5 dekretiert: "Auf jeden Fall können abgefallene oder mit einer kirchlichen Zensur belegte Priester zu einem Lehramte, zu einem Amte oder einer Anstellung, bei denen sie unmittelbar in Berührung mit dem Publikum kommen, nicht angenommen noch darin gehalten werden." Nach diesem Recht könnte ein ehemaliger Priester nicht einmal Straßenkehrer der Stadt Rom werden.
Papst Paul empfängt afrikanische Guerillaführer.
Artikel 8 bevorzugt straffällige Kleriker: "Im Falle der Verhaftung wird der Geistliche oder Ordensangehörige mit der seinem Stande und seinem hierarchischen Rang zukommenden Rücksicht behandelt. Im Falle der Verurteilung ... wird die Strafe nach Möglichkeit in Räumen verbüßt, die von den für Laien bestimmten getrennt sind."
Die italienische Regierung drängt darauf, über das Konkordat neu zu verhandeln. Aber etliche Kurien-Männer und viele italienische Bischöfe sind dem vatikanischen Außenminister Casaroli gegenüber mißtrauisch. Sie argwöhnen, der Kirchendiplomat werde bei den bevorstehenden Verhandlungen über eine Revision des Konkordats dem Druck der antiklerikalen Parteien nachgeben und viele Kirchenprivilegien opfern. Sie wünschen einen härteren Verhandlungspartner als Casaroli.
Ähnlich umstritten wie das italienische Konkordat ist das heute noch gültige deutsche Reichskonkordat, das Pius XI. 1933 mit Hitler schloß. Der Münsteraner Professor für katholisches Kirchenrecht, Horst Herrmann, hält von den 34 Artikeln des Konkordates 32 Artikel für überholt oder reformbedürftig. In seinem neuen Buch über Kirche und Staat urteilt Herrmann so scharf wie bislang kein Kleriker vor ihm: "Die im Reichskonkordat gefundene "Lösung" des "Verhältnisses" von Staat und Kirche ist heute nur noch als unmoralisch zu
Der Züricher Staatskirchenrechtler Albert Gnägi ist der Meinung, in Staaten wie der Bundesrepublik, die sich zur Freiheit der Religionsausübung bekennen, erübrige sich ein Konkordat ohnehin, weil es der Kirche zusätzliche
* Horst Herrmann: "Ein unmoralisches Verhältnis". Patmos-Verlag, Düsseldorf: 160 Seiten: 16 Mark.
Rechte verbriefe, die sich kleinere Religionsgemeinschaften in dieser Form nicht sichern lassen können.
Obwohl die Konkordate den Vatikan häufig ins Zwielicht brachten, hält die römische Zentrale aus Angst vor Machteinbußen selbst an fragwürdigen Konkordaten fest. So, als vor allem junge Kleriker den Vatikan nach den Massakern in Moçambique und vor dem Sturz des Caetano-Regimes drängten, Rom solle das 1940 mit Lissabon geschlossene Konkordat kündigen.
Dieser Vertrag sichert der katholischen Kirche in Portugal und den portugiesischen Kolonien weitgehende Privilegien zu, beschränkt aber gleichzeitig die Möglichkeiten einer politischen Intervention des Vatikans.
Viele Geistliche in Portugal hatten sich längst gegen den Kolonialismus entschieden. Wer von ihnen jedoch offen revoltierte, wurde mit kirchlicher Sanktion Opfer der portugiesischen Unterdrückungsmaschinerie. Eine Bilanz der Guerilla-Kämpfe besagt. daß innerhalb von drei Jahren zwei katholische Priester ermordet wurden; 11 evangelische und 16 katholische Pfarrer kamen ins Gefängnis. Der Bischof von Oporto, António Ferreira Gomes, der die Diktatur seines Landes schon 1958 offen verurteilt hatte, mußte elf Jahre in der Verbannung leben. Den Bischof von Nampula (Moçambique), Manuel Vieira Pinto, der für die Unabhängigkeit der afrikanischen Völker
eintrat, zwang Caetano zum verlassen seiner Diözese.
Aber die Mehrheit der portugiesischen Bischöfe hielt zuerst zum Diktator Salazar und später zu dem (im April gestürzten) Regime Caetano. Verbrechen gegen Freiheit und Menschenwürde registrierten die Oberhirten einfach nicht. Der Bischof von Lourenço Marques veröffentlichte seine Adventsbriefe von 1970 gar in der Zeitschrift "Continuidade", einem Blatt der rücksichtslosen Geheimpolizei "PIDE".
Der Heilige Stuhl war über all dies informiert. Gleichwohl scheute er vor einem möglichen Bruch mit Lissabon zurück. Pauls Absicht blieb spürbar, es mit den Mächtigen nicht zu verderben.
immerhin machte Paul 1970 einen bescheidenen Versuch. Er empfing -- für vatikanische Maßstäbe eine selten mutige Geste -- die Guerillaführer Agostinho Neto (Angola), Marcellino dos Santos (Moçambique) und Amilcar Cabral (Guinea-Bissau) nach einer Generalaudienz in einem Nebenraum des Petersdomes. Dauer des Gesprächs: sieben Minuten.
Im selben Jahr urteilte Paul milder denn je über die sonst von ihm bitter beklagte Revolution. "Die sogenannte "Theologie der Revolution' entspricht nicht dem Geist des Evangeliums", begann der Papst zwar. Aber Gewalt und Terror seien gerechtfertigt, wenn die bestehende Ordnung "die klaren gewalttätigen und ungerechten Formen einer unerträglichen und auf andere Weise nicht heilbaren Unterdrückung aufweist".
Lissabon drohte daraufhin, es betrachte jede Parteinahme der kirchlichen Hierarchie als unrechtmäßige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Portugals. Seither taktierte der Vatikan betont vorsichtig. Eine Kündigung des Konkordats schien unter Caetano ausgeschlossen.
Geradezu fortschrittlich mutet demgegenüber der Versuch des Vatikans an, das 1953 mit Spanien geschlossene Konkordat grundlegend zu revidieren. Seit 1969 versucht Pauls Außenminister Casaroli, die Kirche aus der totalen Umklammerung des Staates (Spanien ist laut Verfassung ein "katholischer Staat") zu lösen und sich eine Reihe eigentlich selbstverständlicher Rechte von Spaniens Regierung garantieren zu lassen: volle Arbeits-, Versammlungs- und Redefreiheit für die kirchlichen Verbände, die Priester und die Kirchenpresse, volle Lehrfreiheit an kirchlichen Schulen und Hochschulen sowie kirchliche Richtlinienkompetenz für den Religionsunterricht.
Casarolis wichtigstes Anliegen verlagert die bisherige Einseitigkeit jedoch nur von Madrid nach Rom: Spaniens Regierung soll zugunsten des Papstes auf das Vorschlagsrecht bei der Besetzung von Bischofsstühlen verzichten.
Casaroli wollte all dies am liebsten gar nicht in einem neuen Konkordat, sondern zunächst in Einzelverträgen fixieren. Aber Spanien spielte nicht mit. Die Regierung drängte auf ein Gesamt-Konkordat, weil sie nur auf diese Weise Druck ausüben kann. Ihr Faustpfand: Falls die Kirche dem Staat bei Konkordatsverhandlungen keine Konzessionen macht, sperrt der Staat der Kirche die Subventionen (in Spanien gibt es keine Kirchensteuer).
Spaniens klerikale Linke haben ihre vatikanischen Unterhändler allerdings bereits links überholt. Sie forderten den Vatikan Ende 1973 mit Sit-ins in der Madrider Nuntiatur und im Konkordatsgefängnis (einer Haftanstalt für straffällige Kleriker) auf, alle Verhandlungen mit dem spanischen Staat der Bischofskonferenz zu überlassen.
Im Vatikan in Mißkredit geriet dabei Spaniens Nuntius Luigi Dadaglio, dessen Abberufung Spaniens Ultrarechte ebenso wie die spanische Regierung fordern. Vorwurf: Dadaglio habe am 10. und 11. November 1973 etwa 100 Demonstranten in der Madrider Nuntiatur Asyl gewährt.
In der Tat hat Dadaglio erheblichen Anteil am neuen Wind in Spaniens Kirche. Kaum war er 1968 in die Nuntiatur eingezogen, veranlaßte er Papst Paul zu einem Brief an General Franco. Inhalt: Franco möge auf sein im Konkordat garantiertes Recht verzichten, bei Bischofsernennungen drei Kandidaten vorzuschlagen, von denen der Papst einen nehmen müsse.
Franco konterte geschickt: Er schlug eine Revision des gesamten Konkordats vor und deutete an, der Staat könne seine Zahlungen an die Kirche überdenken. Paul umging eine direkte Antwort. Er behalf sich damit, daß er nur sieben Bischöfe (unter Francos Kontrolle) ernannte, dafür aber 15 Weihbischöfe und 6 Apostolische Administratoren (ohne Francos Kontrolle).
Mitte dieses Jahres erzielte der Vatikan schließlich einen Durchbruch: Im Juni verhandelte Casaroli mit dem spanischen Außenminister Pedro Cortina Mauri in Madrid; im Juli kam Cortina in den Vatikan und verließ ihn nach einer Woche zäher Verhandlungen vermutlich mit einer Neufassung des Konkordats von 1953. In dem Entwurf, der noch geheim ist, scheint sich die Kirche in wesentlichen Punkten durchgesetzt zu haben: Ein Vetorecht des Staates bei Bischofsernennungen soll es danach nicht mehr geben; trotzdem wird der Staat die Kirche weiterhin finanziell unterstützen.
Wird der Vatikan also auch in Zukunft nicht auf Konkordate verzichten müssen, so gleichfalls nicht auf ein anderes, ebenso bewährtes wie überholtes Instrument: auf die Nuntien. Um in möglichst vielen Ländern den Staat zu beeinflussen und die Ortskirche zu kontrollieren, unterhält der Heilige Stuhl 84 Nuntiaturen und 22 Apostolische Delegaturen in allen Teilen der Welt.
Häufig genießt er sogar ein besonderes Privileg: Durch das Wiener Abkommen von 1815 wurde festgelegt, daß der Rang der diplomatischen Vertreter nach ihrem Dienstalter bestimmt wird, dem Vertreter des Papstes jedoch stets der erste Platz zuzubilligen sei.
Der Heilige Stuhl ist in dieser Frage äußerst empfindlich. Räumt ein Land dem Vatikan-Vertreter nicht das Amt des Doyens ein, ernennt der Vatikan statt des Nuntius -- gewissermaßen zur Strafe -- nur einen Pro-Nuntius, im Rang eine Klasse tiefer als der Nuntius.
Durch seine Nuntien hat sich der Papst ein weltweites System der Überwachung und Leitung geschaffen. Es wird getragen von unbedingt ergebenen Beamten, meist Italienern. Zur Zeit gibt es nur 17 nicht-italienische Nuntien und Delegaten.
Der augenblicklich einzige deutsche Nuntius ist der wegen seines flotten Lebensstils unter Kurienklerikern geschätzte Rheinländer Bruno Wüstenberg, 62. Der heutige Titular-Erzbischof arbeitete als Kanalarbeiter jahrelang im Staatssekretariat mit dem heutigen Papst zusammen, der damals leitende Posten in dieser Behörde bekleidete. Ihm und der Empfehlung des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke verdankt Wüstenberg seine Karriere. So wurde er vor acht Jahren Pro-Nuntius im katholischen Randgebiet Tokio und Anfang dieses Jahres Pro-Nuntius in den afrikanischen Republiken Elfenbeinküste und Dahomey, gleichzeitig Apostolischer Delegat für Togo und Guinea.
* Mit Bundeskanzler Adenauer, 1951
Seiner Lebenslust blieb er stets treu. Als er zum Nuntius von Tokio ernannt wurde, vertraute er einem Freund an: "Das wird eine höchst vergnügliche Sache!" Im gesellschaftlichen Leben des katholischen Tokio fehlte er nur selten. In Afrika freundete er sich bereits mit dem Staatspräsidenten der Elfenbeinküste, Felix Houphouët-Boigny, an. Ihm besorgte er von Papst Paul die Genehmigung für eine Privatkapelle. Die Baupläne für die Kapelle wie für Wüstenbergs Nuntiatur erstellt der Sohn von Italiens Star-Architekt Nervi, der den römischen Hauptbahnhof und die päpstliche Audienzhalle baute.
Dienstlich jedoch blieb Wüstenberg der Typ des undurchsichtigen Kurienmannes, der sein Soll gegenüber Rom stets erfüllt.
Zu den offiziellen Aufgaben der Nuntien gehört es, "den Apostolischen Stuhl regelmäßig in Wahrheit und Billigkeit zu informieren über die Verhältnisse der Kirchen, zu denen er entsandt wurde, wie auch über alles, was sich auf das kirchliche Leben und das Wohl der Seelen bezieht".
Der päpstliche Botschafter hat zu berichten über die Ansichten und Wünsche der Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien seines Gebietes. Die Rechtgläubigkeit wird überwacht durch genaue Beobachtung der Presse und anderer Publikationen. Jede Abweichung vom offiziell festgelegten Kurs wird genau registriert und das entsprechende Material an das Staatssekretariat weitergeleitet.
Die Nuntien führen Dossiers über Bischofskandidaten.
Die Nuntiatur allein schafft das nicht. Sie ist auf Mitarbeiter und Denunzianten angewiesen. Es gibt genug davon. Jede Nuntiatur schafft sich mit der Zeit ihre Gewährsmänner. In der Regel sind sie konservativ, wenn nicht reaktionär.
Die Kompetenzen des Nuntius sind so weit gesteckt, daß er sich praktisch in alles einmischen kann. So darf er an der Eröffnungssitzung der Bischofskonferenz teilnehmen, ferner an allen folgenden Sitzungen, wenn der Heilige Stuhl oder die Bischöfe es wünschen. Er hat Einsicht in alle Unterlagen.
Der Vatikan hält -- allen Realitäten zum Trotz -- seine Gesandten auch für seine besten Theologen. Wird jemand für eine vatikanische Kommission gebraucht, befragt Rom nicht zuerst die Bischofskonferenz über seine Eignung, sondern den Nuntius. Bei der konservativen Einstellung der Nuntien zu theologischen Fragen steht meist von vornherein fest, wie sie sich entscheiden.
So gilt zum Beispiel der Nuntiatur in Bonn ein Großteil der deutschen Theologen als verdächtig und für die internationalen theologischen Kommissionen nicht mehr brauchbar. Das ist allerdings nicht erst heute so. Bereits in der ehemaligen Münchner Nuntiatur galt vor hundert Jahren als Hauptmerkmal deutscher Theologen ihr Stolz.
Die Nuntien bestimmen auch entscheidend mit, wer in einer Diözese Bischof wird. Sie führen Buch über die möglichen Anwärter und erkundigen sich über Vorleben, Tugenden und Untugenden der Bischofskandidaten. Oft setzt der Nuntius seinen Favoriten gegen Bischöfe und Domkapitel durch.
Die Katholiken, vor allem die Kleriker, sind dabei zur geheimen Auskunft laut päpstlichem Gesetz verpflichtet: "Aus verständlicher und schuldiger Rücksichtnahme auf jene, die Rat erteilen, sowie auf jene. die ihn erfragen, wie auch aus der Natur der Befragung selbst, ist ihnen die Pflicht der Geheimhaltung aufzuerlegen."
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben die Nuntien keinen leichten Stand: Ihr Ansehen sank mehr und mehr. Die Konzilsbischöfe wünschten eine Einschränkung ihrer Kompetenzen. Joachim Ammann, emeritierter Abt des Benediktinerklosters Ndanda in Tansania: "Es sind nicht wenige, denen diese Institution heute eher zu jenen Schatten zu gehören scheint, die den Menschen unseres Zeitalters das wirkliche Gesicht der Kirche verhüllen." Er wünschte die Nuntiaturen "an jenem Sammelplatz zu deponieren, wo man Geschichtsakten und ehrwürdige Reliquien konserviert".
Noch schärfer kritisierte der belgische Kardinal Suenens am 15. Mai 1969 die vatikanischen Botschafter:
* Sie hören nicht die Stimmen der Armen, sondern nur der Mächtigen.
* Sie sind "ständige Aufseher neben dem Episkopat", "eine Art negative Polizei", deren "tägliche Arbeit den Geheimdiensten der Regierungen ähnelt".
* Sie sind Männer, bei denen "mau seine Klagen einreicht -- Briefkästen für Angebereien", die "Menschen und Situationen aus der kurialistischen Theologie" beurteilen. Ähnlich charakterisierte der Tübinger katholische Kirchenrechtler Johannes Neumann die Nuntien als "päpstliche "Hohe Kommissare"", eine "Art Geheimpolizei", "die graue Exzellenz im Hintergrund" mit dem Qualifikationsmerkmal "bedingungslos gehorsamer Beamter".
Wie schwer es Pauls Aufpassern fällt, die geistige und geistliche Situation ihrer Umwelt zu verstehen, zeigte sich erst im vergangenen Jahr, als ein Brief des Bonner Nuntius Bafile an Kardinalstaatssekretär Villot publik wurde, in dem der Nuntius die sofortige Absetzung des toleranten Limburger Bischofs Wilhelm Kempf forderte.
Andere Bafile-Spezialitäten aus seiner 14jährigen Bonner Amtszeit: Des öfteren stemmte er sich vor allem auf dem Schulsektor längst notwendig gewordenen Neuerungen entgegen. Das Niedersachsenkonkordat war schon antiquiert" als es von Nuntius Bafile unterzeichnet wurde.
Und als selbst kirchentreue Katholiken sich von der Konfessionsschule abwandten, protestierte Bafile in einem Brief an den damaligen Außenminister Willy Brandt im April 1967 gegen die "sehr bedenkliche Verletzung des Reichskonkordats", weil in mehreren Bundesländern die Konfessions- durch Gemeinschaftsschulen ersetzt wurden.
Aber Bafile ist nicht der erste deutsche Nuntius, der das Land, in dem er lebte, mißverstand. Einer seiner Vorgänger, Cesare Orsenigo, Nuntius in Berlin von 1930 bis 1946, klagte in einem Brief vom 10. Juli 1940 dem Vatikan: "Ich erlaube mir, mitzuteilen daß bisher kaum ein katholischer Pfarrer, im Gegensatz zu den protestantischen Pfarrern, es für notwendig gehalten hat, einen Dankgottesdienst für die vielen und großen Blitzsiege der deutschen Wehrmacht ... abzuhalten."
Die permanenten Fehlleistungen seiner Wächter an der Glaubensfront veranlaßten den Vatikan zu einer Gewissenserforschung eigener Art. Am 24. Juni 1969 ordnete Papst Paul mit dem Erlaß "Sollicitudo omnium ecclesiarum" das Gesandtschaftswesen neu. Allerdings tat er genau das Gegenteil dessen, was die Bischöfe gefordert hatten: Er verstärkte die Stellung der Nuntien und erweiterte ihre Kompetenzen.
Papst-Besuch im Elendsquartier gestrichen.
Weltweiter Protest folgte -- vergeblich. Der Tübinger Kirchenrechtler Neumann nach der Reform: "Die Bischöfe sind praktisch zu Oberpfarrern degradiert worden."
Die Bischöfe vieler Länder versuchen, den Einfluß der Nuntien durch direkte Kontakte mit vatikanischen Stellen zu unterlaufen. Den deutschen Bischöfen gelang das in einigen Fällen deshalb, weil sie in Rom aktive Verbindungsstellen haben -- zum Beispiel im deutschen Kolleg "Anima" oder im "Camposanto Teutonico".
Erheblich zurückgedrängt haben die Bischöfe auch den politischen Einfluß der Nuntien. Halbwegs gut organisierte Episkopate unterhalten zur Regierung ihres Landes eine eigene Verbindungsstelle, so die deutschen Bischöfe zur Bundesregierung in Bonn durch das Katholische Büro oder zu verschiedenen bundesdeutschen Landesregierungen durch eigene Länderbüros.
Wenn es um den Platz der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit geht, ist deshalb immer mehr Kardinal Döpfner als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz der Gesprächspartner des Bundeskanzlers, erst in zweiter Linie der Nuntius.
Solcher Schwund päpstlichen Einflusses rief im Vatikan Mißtrauen hervor. Um die Wirkung seiner Nuntien in Zukunft zu verstärken, wacht neuerdings über die Kontrolleure ein Kontrolleur. Auf Vatikan-Geheiß sorgt seit vergangenem Jahr ein "Generalinspektor", der ehemalige Londoner Delegat Domenico Enrici, für "größere Kohärenz bei der Durchführung vatikanischer Richtlinien" (Katholische Nachrichten-Agentur) zwischen Außenposten und römischer Zentrale.
Und um weitere Kritik an den päpstlichen Nuntien zum Schweigen zu bringen, äußerte sich Erzbischof Benelli unmißverständlich. Zwar sei "Kritik an überholten Formen des Instituts der päpstlichen Vertretung selbstverständlich gestattet". Unerlaubt jedoch bleibe nach wie vor, "Gültigkeit und Wesen dieses Instituts in Zweifel zu ziehen".
Benelli nannte auch den Grund; Die Nuntiaturen gründen auf der "unanfechtbaren Sendung des Papstes".
Zweifel an der Wirkung seiner Sendboten müssen allerdings auch Paul hin und wieder gekommen sein. So häufig wie kein anderer Papst vor ihm begann er selbst zu reisen, um in der Welt nach dem Rechten zu sehen und sich ins rechte Licht zu rücken: zehnmal innerhalb Italiens, neunmal ins Ausland, davon sechsmal außerhalb Europas -- 133 000 Kilometer im Flugzeug.
Mit Vorliebe reiste er dorthin, wo die Massen zwar arm waren, aber ihn noch feierten: nach Indien, Portugal, Kolumbien, Uganda, Indonesien. Wirklich begegnen, geschweige denn helfen konnte er den Armen jedoch nicht.
In Bogota (Kolumbien) beispielsweise hatte die Polizei vor der Papst-Visite Bettler und herumstreunende Kinder entfernt. Um die Studenten an Demonstrationen gegen den Papst zu hindern, verlängerte die Regierung die Semesterferien bis zum Ende der Papstreise. Und der Besuch im Elendsquartier Las Colinas wurde vorsichtshalber gestrichen.
Während seiner Asienreise 1970, der "größten Missionsreise, die je unternommen wurde" (Radio Vatikan), redete er auf roten Teppichen und zwischen lächelnden Diktatoren (von Marcos bis Suharto) über Brüderlichkeit. Einen ausgesuchten Slumbewohner von Manila tröstete er mit einem Vers aus Lukas 12: Das Leben sei mehr wert als Nahrung und Kleidung.
Nach der Uganda-Reise des Papstes 1969 schilderte der Kurien-Bischof Jacques Martin seinen stärksten Eindruck: "Die Freude auf Tausenden und aber Tausenden Gesichtern, die sich voranstürzten, um dem Statthalter Christi Beifall zu spenden. Man sah geradezu die Glückseligkeit." Paul selbst bezeichnete die Reise als eine der tröstlichsten Erfahrungen seiner Amtszeit.
Aber die einzige nützliche Aufgabe dieser Reise, im Konflikt zwischen Nigeria und Biafra zu vermitteln, scheiterte.
Im nächsten Heft
Geheimniskrämerei um den Haushaltsplan des Heiligen Stuhls -- Der Vatikan verdient an Raketen und Pillen -- Pauls kostspieliges Bau-Hobby

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