25.11.1974

Mit Beulen nach Athen

Nur noch die halbe Weltmeister-Elf verteidigt die Fußball-Europameisterschaft. Die Torjäger traten verärgert zurück.
Unter den Ruinen der Akropolis in Athen empfand Bundestrainer Helmut Schön auch die Vergänglichkeit auf dem Fußhallrasen. Seine Weltmeisterelf hatte keine 135 Tage überdauert.
Zum ersten Spiel in der Europameisterschaft. die sich bis 1976 hinzieht, fehlten letzte Woche gegen Griechenland fünf Weltmeister. Drei hatten abgedankt. einer war ausgewandert: der fünfte ist gesperrt, weil er jüngst wegen Foulspiels vom Platz gestellt wurde. Jene fünf hatten allein 11 der 13 bundesdeutschen Tore während der Weltmeisterschaft erzielt.
"Die deutsche Nationalelf ist eine Landkarte mit weißen Flecken", unkte die "FAZ". Mannschaftskapitän Franz Beckenbauer, befragt, wie lange es dauerte, bis eine neue Mannschaft stünde, antwortete wie das Orakel von Delphi: "Manchmal geht es über Nacht. manchmal geht es nie."
Über Nacht klappte es nicht. Ängstlich setzte Schön gegen die international drittklassigen Griechen von den verbliebenen Weltmeistern auch die formschwachen Hoeneß und Schwarzenbeck ein. Dazu stellte er gleichfalls seit Wochen in der Bundesliga versagende Altstars wie Heynckes und Wimmer auf. Hingegen blieben Neuentdeckungen wie der Düsseldorfer Sed und der Duisburger Dietz auf der Ersatzbank. Resultat: ein 2:2.
Nur eins bestand wie eh und je: die Reiselust der deutschen Fußballherren. Mehr als 20 Verbandsobere, auch Mitglieder aus dem Schulfußball- und Sozialausschuß. reisten mit nach Athen. Denn je schöner der Spielort, desto höher die Anteilnahme. Sie verdoppelten die Reisekosten der "Spedition" (griechisches Programm) auf fast 70 000 Mark.
Einige saßen, vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) neu eingekleidet, an der Bar im King-George-Hotel und rissen Witze über "Peseten-Paule", den linken Verteidiger Paul Breitner, 23, aus der Weltmeisterelf, der jetzt zwar für Real Madrid kickt. aber ebenso gern wieder in der Nationalmannschaft spielen würde, "allerdings nur, wenn sich an der Führung was ändert".
"Er spielt auch bald", höhnten DFB-Zecher wie Alf Riemke zu vorgerückter Stunde. "Aber in der Klostermannschaft Escorial, Schlips und weißes Oberhemd trägt er ja schon wieder." Bundestrainer Schön wünschte. nicht mit Breitner zusammenzutreffen, als beide unlängst im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF zu Gast waren. Breitner: "Mindestens 16 von den 20 Spielern für Athen denken so wie ich."
Während sich im Funktionärsstab allenfalls durch Todesfälle etwas ändert, verjüngt sich die Nationalmannschaft von Jahr zu Jahr; die Kluft zwischen den Generationen wächst immer mehr. Deutschlands erste Fußball-Weltmeister von 1954 hatten fast 20 Jahre lang vom Ruhm gezehrt. Der damalige DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens pries die Spieler als "Helden von Bern". Sie gaben sich mit 2000 Mark Ehrensold für den Titelgewinn zufrieden und gehorchten den DFB-Funktioiiären. Daß auch ihre Mannschaft schon bald auseinanderfiel, lag an der Gelbsucht.
Jetzt entzweit Geld- und Geltungssucht die Spieler und Führungskräfte des Weltmeisters von 1974. Schon vor dem ersten WM-Spiel hatten Deutschlands Nationalspieler im Lager Malente mit Streik gedroht. "100 000 Mark für den Titelgewinn", überbrachte Beckenbauer die Forderung. Lagerleiter Deckert, 63, tobte: "Erpressung."
Bundestrainer Schön zog sich schmollend auf sein Zimmer zurück. Sein Assistent Jupp Derwall schimpfte: "Halunken." Breitner empörte sich: "Der Linkmichel, er hat uns vorher noch ermuntert." DFB-Vizepräsident Hermann Neuberger handelte einen Kompromiß aus: insgesamt 75 000 Mark pro Spieler für den Titelgewinn.
Doch Stunden nach dem Triumph entstand neuer" tiefgreifender Ärger. Die Weltmeister verlangten, daß auch ihre wartenden Frauen und Bräute mitfeiern dürften. Zum Bankett geladen waren nur die Damen der Ehrengäste und Funktionäre. DFB-Funktionär Deckert wies eine Spielerbraut aus dem Saal.
Anderntags erklärte Müller, 29, seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft" wegen "dem Herrn Deckert". Später folgten ihm der Kölner Wolfgang Overath und der Frankfurter Jürgen Grabowski" die allerdings Altersgründe angaben. Breitner wechselte zu Real Madrid. Ohne ihn fiel Bayern in der Tabelle weit zurück.
Bundestrainer Helmut Schön klagte: "Für uns kommt die Europameisterschaft viel zu früh." Ursprünglich wollte er seinen 1975 auslaufenden Vertrag mit dem DFB nicht mehr verlängern.
Doch Mannschaftskapitän Beckenbauer stimmte ihn um. "Herr Schön, wenn Sie nicht weitermachen, höre ich auch auf." Die Nationalspieler mißtrauten vor allem Schöns Stellvertreter Jupp Derwall.
Fast hätten Schön und Beckenbauer auch Gerd Müller und Jürgen Grabowski überredet, ihren Rücktritt zurückzunehmen, da übte Neuberger auf dem DFB-Bundestag abermals Kritik an den Spielern, die sie als unfair empfanden: "Wir laufen niemandem hinterher, und jeder ist zu ersetzen." Athen verriet das Gegenteil.
Dennoch schnappte Müller, von Ehefrau Uschi bestärkt" endgültig ein: "I spiel net mehr bei dene." Ebenso verhielt sich Grabowski. Als Breitner im ZDF seine Gegenschelte vortrug, ohne allerdings Namen zu nennen. kanzelte ihn Neuberger ab: "Wir lassen uns nicht erpressen." Daß auf dem Fußballfeld nicht Neuberger und Deckert, sondern Breitner und Müller zählen, weiß auch Neuberger (Neckname: "Schlauberger"). Drum lenkte er ein: "Der DFB-Vorstand hatte Kritik an den Spielern gewünscht." Deckert darf an Länderspielreisen allerdings nicht mehr teilnehmen.
Breitners Madrider Trainer Miljan Miljanic: "In Brasilien müßte die Regierung zurücktreten, würde man einen Weltklassespieler wie Breitner nicht aufstellen."

DER SPIEGEL 48/1974
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