02.12.1974

DAIMLER-BENZLebt in der Enge

Ein ungewöhnlich hoher Schuldenberg trieb die Quandt-Gruppe zum Verkauf ihres Pakets Daimler-Benz-Aktien. Bis zuletzt wußte selbst der Mercedes-Vorstand nichts von dem Milliarden-Deal.
Als die Herren sich am Donnerstagmittag letzter Woche im siebten Stockwerk des Daimler-Benz-Verwaltungshauses in Stuttgart zu Ehren des sechzigsten Geburtstages ihres Kollegen Heinz Schmidt trafen, hatte nur einer von ihnen Ahnung: Chef Joachim Zahn war wenige Minuten zuvor von seinem Großaktionär Herbert Quandt informiert worden, die Quandt-Gruppe habe ihre Daimler-Aktien (knapp 15 Prozent des Grundkapitals) an "eine Regierung in Nahost" verkauft. Zugleich wies Quandt seinen Zahn an, den Kollegen nichts zu sagen: Am Abend desselben Tages werde der Handel bekanntgegeben.
Deutschlands unauffälligster Milliardär, der Homburger Großindustrielle. hatte, gemeinsam mit Frau Inge Quandt, der Frau seines verstorbenen Halbbruders Harald, wieder einmal auf äußerste Diskretion Wert gelegt. Nur das Topmanagement der Dresdner Bank und einige wenige Quandt-Vertraute waren eingeweiht, als der Konzern-Bastler jene knapp 15 Prozent Daimler-Aktien losschlug, die ihm und Frau Inge gehören -- zu einem Preis von, mindestens 750 Millionen, vermutlich aber mehr als einer Milliarde Mark. jedenfalls einem Mehrfachen jenes Betrages, den der Schah von Persien im vergangenen Sommer für sein Krupp-Engagement ausgeworfen hatte.
Mit ihrem Jahres-Schlußverkauf stießen die Quandts ein Aktien-Paket ah. das sie unter der Hand schon seit Monaten feilboten. Denn flaue Konjunktur, hohe Zinsen und das Finanzierungskonzept des Konzerns hatten der Industriellen-Dynastie hart zugesetzt. Hatte schon Vater Quandt viele seiner Beteiligungen auf Pump gekauft, so blieben die Söhne dieser Familientradition treu: Sie kauften Aktienpakete oder auch ganze Firmen mit Krediten, die sie zum Teil aus den laufenden Erträgen -- mit inflationsentwertetem Geld zurückzuzahlen versuchten.
Ging diese Rechnung in Boom- und Wachstumsphasen auch fast immer auf -in Rezessions- und Krisenzeiten bedroht der Schuldenberg den Konzern mit Kurzatmigkeit, vielleicht Schwindsucht. Quandt, so Walter Hesselbach, Chef der Bank für Gemeinwirtschaft, "lebt schon lange in der Enge".
Das Spiel mit dem Risiko schätzte insbesondere Herbert, der ältere der Quandt-Brüder. Schon als er Anfang der sechziger Jahre bei BMW einstieg, belieh er Teile seines Industriereiches, um an Bares für den Aktienerwerb zu kommen. Auch als er vor gut zwei Jahren die Konsumgüterindustrie drängte -- etwa beim Babykostproduzenten Milupa, bei der Kosmetikfirma Mouson oder der Pharmaziefirma Helfenberg -, befolgte er die bewährten Finanzierungsmethoden seines Hauses.
Und weil auch die schon seit Jahrzehnten im Quandtschen Familienbesitz gehaltenen Unternehmen wie die Industriewerke Karlsruhe-Augsburg oder die Busch-Jaeger Dürener MetallwerKe zu Sanierungsfällen absackten und über hundert Millionen Kapitalnachschub erforderten, türmte sich der Schuldenberg schließlich auf Rekordhöhe: Rund zwei Milliarden Mark schuldet die Quandt-Gruppe nach Schätzungen der Großbanken inzwischen ihren Gläubigern im In- und Ausland. Mit einigen hundert Millionen dieser Summe sind sogar die persönlichen Vermögen der beiden Quandt-Stämme belastet.
Als schließlich die Großgläubiger unruhig wurden, kamen die beiden überein, sich von den Aktien jenes Unternehmens zu trennen, das Herbert Quandts Topmanager Hans Graf von der Goltz noch im letzten Jahr "eine glänzende Geldanlage für das Haus" nannte. Doch weder die Deutsche Bank, ohnehin im Besitz von 28,5 Prozent des Daimler-Benz-Kapitals, noch die Flick-Gruppe (39-Prozent-Eigentümer in Stuttgart) mochten einschlagen. Die einen befürchteten, ihnen werde eine weitere Aufstockung ihrer Industriebeteiligungen politisch übelgenommen; den anderen fehlte es an dem notwendigen Großgeld.
Als dann schließlich Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, das Interesse der Öl-Milliardäre anmeldete, willigten die beiden Pakethalter ein, Schwägerin Inge mit ihren zwölf Prozent, Schwager Herbert mit seinen 2,6 Prozent am Daimler-Benz-Stammkapital.
Doch so wenig Kenner der Familienverhältnisse über den Verbleib dieser Einnahmen nachdenken (ein Freund des Hauses: "Was interessiert eine lustige Witwe mehr als Geld?"), so beunruhigt sind Großbankiers und -industrielle über die neuen Besitzer im Renommierunternehmen der Republik.
Auch die verschworene Verschwiegenheit der Hauptakteure empörte die Creme der westdeutschen Wirtschaft. Derlei Geheimbündelei gegen Großaktionäre, Aufsichtsräte und Vorstand, so klagten einige Großkopfeten, sei bei Transaktionen dieses Kalibers nicht zu vertreten -- zumal nicht auszuschließen sei, daß Quandts Käufer ihren Besitz durch den Zukauf von weiteren elf Prozent zu einer Sperrminorität ausbauen, um so das Unternehmen besser kontrollieren zu können.
Und während die Deutsche Bank sich vornahm, auch gegenüber großzügigen Offerten hart zu bleiben (Vorstandssprecher Franz Heinrich Ulrich: "Für uns kommt ein Verkauf nicht in Frage, jetzt schon gar nicht"), blieb ungewiß, ob die Flick-Erben ebenso standhaft sein würden.
Doch auch den neuen Mercedes-Aktionären könnte die Freude an ihrem frisch erworbenen Eigentum rasch vergehen -- sei es das Ölmilliarden-schwere Saudi-Arabien, das ohnehin sich von den Stuttgartern ein Lkw-Werk bauen lassen will, oder der Schah von Persien, dessen Land 70-Prozent-Teilhaber an einer Daimler-Lkw-Fabrik im Iran ist.
Denn noch in dieser Woche entscheidet sich, ob Daimler-Benz, die feinste und bislang am besten beschäftigte Automobilfabrik des Kontinents, den Weg aller anderen Firmen der notleidenden Branche gehen und beim Arbeitsamt für den Februar Kurzarbeit anmelden muß.

DER SPIEGEL 49/1974
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