02.12.1974

Film: Das große Reden

Immer mehr Regisseure neigen dazu, in Spielfilmen ihre Privat- und Eheprobleme darzustellen -- mit wenig Handlung und viel Dialog. Am überzeugendsten ist dies Ingmar Bergman in seinen „Szenen aus einer Ehe“ gelungen, die nach sensationellen Erfolgen in Schweden und den USA im Frühjahr auch nach Deutschland kommen.
Was einmal als Inbegriff von Kino galt, das Erzählen von bunten Geschichten in bewegten Bildern, fällt heute den Filmemachern immer schwerer. So stöhnt Robert Towne, der Autor des Drehbuchs von Polanskis "Chinatown": "Es ist wirklich schwer, noch etwas Abenteuerliches zu erfinden. Und dann ist da der geheime Drang, endlich etwas mehr Privates, Selbsterlebtes ins Kino zu bringen, weil wir unser individuelles Leben jetzt viel wichtiger nehmen als früher."
Genau diesem Drang zum Privaten und Bekenntnishaften geben nun immer mehr Filmregisseure nach. Selbst die jungen kommerziellen Regisseure Hollywoods träumen davon, "persönliche Filme zu drehen, die mit dem eigenen Leben zu tun haben". Diese in der Filmindustrie ungewohnte und nicht gern gehörte Sprache ist mittlerweile auch aus dem Mund älterer Regisseure und eingefleischter Vertreter des traditionellen Erzählkinos zu vernehmen.
Claude Chabrol will seinem Drehbuchautor Paul Gégauff die Möglichkeit geben, in einem Chabrol-Film "eine authentische Bilanz seines chaotischen Privatlebens" zu ziehen. Kollege Francois Truffaut stellt sich vor, daß "das Kino von morgen persönlicher und autobiographischer sein wird als eine Beichte oder ein intimes Tagebuch".
Diese Zukunft, die das herkömmliche, in eingefahrenen Erzählformen
* Mit Liv Ullmann, Eiland Josephson.
und -inhalten erstarrte Kino "revolutionieren könnte" (Truffaut), ist bereits angebrochen. In erstaunlichem Maß werden seit ein, zwei Jahren vor allem in Frankreich, Deutschland und in den USA private Spielfilme gedreht, die konkrete Wirklichkeit mit autobiographischem buch vermitteln, ohne in manieristische Underground-Selbstbespiegelungen á la Warhol zu verfallen.
Obwohl sie rigoros gegen die Kinogewohnheiten verstoßen, haben viele dieser Filme Erfolg. Sie kommen ohne viel Aufwand aus, lassen sich ohne kommerzielle Zwänge herstellen und an ein bestimmtes Publikum bringen, das, so klein es auch ist, eine schnelle Amortisierung der geringen Herstellungskosten garantiert.
Kennzeichnend für diese neuen Privatfilme ist ihr eklatanter Mangel an Handlung, ihre Beschränkung auf zwei, drei Personen, die meist nichts anderes tun, als auf enervierend hartnäckige Weise Ehe- und Liebesprobleme auszutragen. Was dabei gezeigt wird und passiert, ist vor allem Reden, ein großes, unentwegtes, endloses Reden. Das geht in der Regel zwei, drei Stunden lang, während die Kamera bevorzugt auf den Gesichtern verharrt.
In dem französischen Film "Die Mama und die Hure" von Jean Eustache werden in dreieinhalb Stunden rund 600 Seiten Text geredet. Kaum weniger dürfte es in dem 145 Minuten langen deutschen Film "Made in Germany und USA" von Rudolf Thome sein, der zur Zeit in unabhängigen deutschen Kinos läuft.
In Thomes Ehedrama, einer Art realistischerem Gegenstück zu Eustaches Film, wird ungeschlacht und improvisiert geschildert, wie eine Beziehung in die Brüche geht, während die Beteiligten sich immer quälender und verzweifelter in nutzlose Bekenntnis-Suaden und Sprachgefechte flüchten und verirren. In ihrer vertrackten Situation bleibt ihnen nichts, als bis zur Erschöpfung zu reden.
Wie Thome, der in seinem Film seine Frau und einen Freund agieren ließ, filmt nun auch Jean-Luc Godard ungeniert im engsten Kreis. Er arbeitet unter dem Titel "Ich persönlich" an einem Video-Spielfilm, in dem er und seine frühere Frau, die Schauspielerin Anne Wiazemsky, das Scheitern ihrer Ehe und ihre unterschiedliche Beziehung zur Realität nachzuzeichnen versuchen -- mit wenig Bild und viel Rede selbstverständlich.
Als Pionier dieses neuen Privat-Kinos hat sich ein prominenter Amateurfilmer hervorgetan: der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer. Er drehte von 1967 bis 1969 mit seinen Frauen und Freunden drei autobiographische Spielfilme, "Wild 90", "Beyond the Law" und "Maidstone", in denen er sich und seine Partner in wüste Rede-Orgien der Selbstentblößung hineinsteigert. Mailer beschreibt seinen "Blick ins Gesicht der Realität" als "ein wahres Panoptikum von Eitelkeiten, Bluffs, Ego-Korsetts und kompletten Zusammenbrüchen der Fassade".
Den Vogel hat auf diesem Gebiet aber Ingmar Bergman, 56, abgeschossen. 1973 zeigte das schwedische Fernsehen seine sechsteilige, aus jeweils fünfzig Minuten langen Episoden bestehende Fernsehserie "Szenen aus einer Ehe". Das ungewöhnliche Unternehmen, das halbdokumentarisch die Krise einer scheinbar harmonischen Ehe aufzeichnet, wird gegenwärtig in einer gekürzten Fassung in amerikanischen und englischen Kinos gezeigt.
Der Erfolg dieses Werkes, das alles andere als spektakuläres und kulinarisches Kino bietet und im Grunde ein reiner Redefilm ist, beweist, wie groß, zumindest beim bürgerlichen Publikum, das Interesse ist, individuelle Konflikte in persönlicher, intimer Form dargestellt zu sehen. Dieses Publikum nimmt geduldig zweieinhalb Stunden lang in Kauf, daß auf der Leinwand fast ausschließlich Großaufnahmen erscheinen und die Handlung hauptsächlich vom Dialog getragen wird.
Im Frühjahr nächsten Jahres werden Bergmans "Szenen aus einer Ehe" auch in Deutschland im Kino zu hören sein; die ARD überlegt noch, die komplette Fernsehversion auszustrahlen. Zugleich soll man den Film auch lesen können: Eine deutsche Buchfassung des Dialogs mit Kommentaren von Bergman ist in Vorbereitung.
Bergman präsentiert zu Beginn seines kritischen Ehe-Konversationsstücks -- er verarbeitete darin "lebenslange" eigene Erfahrungen -- ein von den renommierten Schauspielern Liv Ullmann (mit der er länger zusammenlebte) und Erland Josephson dargestelltes Paar in gutbürgerlicher Idylle. Die beiden sind, so Bergman, "konventionell, eingefahren in ihrer Lebensweise, und Vertrauen auf ihre eheliche Sicherheit". Marianne, die Frau, ist 35, vor allem Hausfrau und nebenberuflich juristische Beraterin für Scheidungsfragen. Johan, der Mann, ist 42 und Professor an einem naturwissenschaftlichen Institut. Sie haben zwei Töchter und sind seit zehn Jahren verheiratet.
Die "Tragikomödie des Banalen" ("The New York Times"), die dann durch das Auseinanderbrechen dieser Ehe in Gang kommt, kündigt sich zunächst in fast unmerklichen emotionalen Irritationen an. Die ersten kleinen Zweifel und Mißbehagen können noch durch spaßhafte und rhetorische Konversation unter Kontrolle gehalten werden. Über die deutlichen Anzeichen von Rissen und Unsicherheiten, die der Frau auffallen und die sie vage ängstigen, geht der Mann mit hohler rationaler Selbstsicherheit hinweg.
Ironischerweise ist er es, der sich schon länger auf schwankendem Boden bewegt; sein Leben kommt ihm vor wie "in lauter Kästchen eingeteilt". Doch je stärker er sich dessen bewußt wird, desto hartnäckiger nimmt er eine unerschütterliche, überlegene Pose ein. Die sensiblen Ahnungen und Überlegungen seiner Frau tut er als launische Stimmungen ab. Wie immer wird alles "unter den Teppich gekehrt" (Bergman).
Dann gibt's den großen Knall: Der Mann erzählt seiner Frau auf brutale Weise, daß er sich in ein 23jähriges Mädchen verliebt hat und mit ihm für längere Zeit verreisen wird. Enttäuscht und verzweifelt flüchtet sich die Ehefrau in eine Psychoanalyse und erkennt: "Ich habe nie gedacht, was will ich, sondern immer nur, was will er, daß ich will?"
Nach einiger Zeit trifft sich das Ehepaar wieder. Beklemmung und Feindseligkeit werden von ein paar schüchternen, hilflosen Versuchen der Berührung und Kommunikation unterbrochen. Die Frau erzählt, sie glaube, daß sie seinen Launen so blindlings gefolgt sei, wie sie sich früher den Wünschen ihres Vaters angepaßt habe. Der Mann schläft, während sie spricht, ein. Lange Zeit später, die Frau hat sich wieder gefangen, der Mann findet sich zusehends schwerer in der Realität zurecht, sehen sie sich wieder und beschließen die Scheidung. Als es soweit ist, bricht plötzlich, so Bergman, "alles Verdrängte, Verborgene, der Haß, die tägliche Langeweile, die stille Wut" ihrer vielen gemeinsamen Jahre hemmungslos hervor. Zug um Zug erniedrigen und beschimpfen sie sich, fallen wie Tiere übereinander her, schlagen sich die Nase blutig: Besessene in einem privaten Inferno. Sie wollen einander nur noch zerstören.
Zehn Jahre nach Beginn der Krise ein Wiedersehen, sie sind erschöpft von der "Schlacht der Geschlechter"; nichts ist besser geworden, vieles immer noch in Unordnung, kein Happy-End ist in Aussicht, aber ein Beginn für eine emanzipierte, offene Verständigung. Daß diese doch noch kommt, macht den Film um keinen Deut weniger pessimistisch: Die Frau ist inzwischen 45, der Mann 52, und beide beginnen im Zeichen der Resignation erstmals wirklich aufeinander einzugehen.
Das Dramatische dieses Films kommt ganz und gar in den Dialogen zum Ausdruck, das Reden hat die Kraft physischer Aktion und trifft meist schlimmer, direkter und tiefer. Manche Sätze brechen aus den oft oberflächlich dahinplätschernden Unterhaltungen mit monumentaler Wucht hervor.
Wenn die Frau vorsichtig zu verstehen gibt, daß ihre Ehe sie nicht mehr sexuell befriedigt und sie als Frau "eigentlich" auch ein Anrecht auf sexuelle Freiheit habe, dann stürzt mit wenigen Worten die ganze vorgespielte Eheharmonie wie ein Kartenhaus zusammen.
Am brutalsten wird die Sprache des Films immer dann, wenn es um Erinnerungen an Sexuelles geht: Da spricht oft nur noch blinder, irrer, unbegreiflicher Haß. Der Mann erinnert während eines Streits seine Frau. wie sie. nachdem sie "unbeteiligt" mit ihm geschlafen hat, dann nackt auf dem Bidet sitzt und "dieses häßliche Zeug fortwäschst, das du von mir bekommen hast und das, sagtest du, so gemein riecht. Da konnte ich nur noch denken: Ich hasse sie, ich hasse ihren Körper, ich hasse, wie sie sich bewegt. Ich hätte dich am liebsten geschlagen".
Solche Grobheiten verhinderten nicht, daß die "Szenen aus einer Ehe" in Schweden Ingmar Bergmans populärster Film wurden.,, Zum ersten Male", fand Bergman, mochten viele Schweden "wirklich etwas, was ich gemacht hatte". An den sechs Tagen, in denen das schwedische Fernsehen seine Eheszenen ausstrahlte, waren die Straßen leer, die Restaurants verlassen und nach jeder Sendung die Leserbriefspalten der Zeitungen voll.
Die Zuschauerzahlen für jeden Teil betrugen zweieinhalb Millionen (Schweden hat acht Millionen Einwohner); doppelt so viele Frauen wie Männer sahen die Serie. Auf die 35 Familienberatungsstellen des Landes lösten die "Szenen aus einer Ehe" einen stürmischen Andrang aus, die Wartezeiten erhöhten sich von normalerweise drei Wochen auf drei Monate. Bergman selbst wurde mit Telephonanrufen, in denen Leute seinen Rat in privaten Eheproblemen suchten, bombardiert.
Weniger Erfreuliches passierte dem Darsteller des Ehemanns, dem Schauspieler Erland Josephson, Chef des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm. Er wurde glattweg mit der Rolle identifiziert, und Freunde warfen ihm vor, er habe Seiten seines Ichs entblößt, die er lieber hätte verheimlichen sollen.

DER SPIEGEL 49/1974
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