17.03.1975

IRAKVor uns der Tod

Für ein Stück Wasserlauf hat der Schah von Persien die im Nordirak kämpfenden Kurden ihren irakischen Todfeinden ausgeliefert.
Applaus auf der Gipfelkonferenz der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) in Algier: Zwei ehemals feindliche Brüder lagen sich in den Armen.
Dann -- am Donnerstag, den 6. März -- stiegen Irans Schah Resa Pahlewi und Iraks Vizepräsident Saddam Hussein auf das Podium, um Algeriens Präsidenten Boumedienne, den Vermittler ihres frischen Friedens, gleichzeitig zu umschlingen. Der Jubel kannte kaum noch Grenzen.
Der Handel befriedigte beide: Schah Resa sicherte sich die Hälfte des (vorher irakischen) Zusammenflusses von Euphrat und Tigris, des Schaft el-Arab -das gibt ihm ungehinderten Zugang vom Persischen Golf zu seinen größten Erdölfeldern und -raffinerien um Abadan. Und Bagdads starker Mann Saddam Hussein holte sich die Garantie, daß der Schah das gemeinsame Grenzgebiet von "jeglicher subversiver Infiltration" freihält.
Keiner der 13 Absätze des Kommuniqués erwähnte die Opfer des Handels: Die irakischen Kurden, die sich seit März vergangenen Jahres unter der Führung ihres legendären Generals Mullah Mustafa el-Barsani, 71, in das zerklüftete Rawandus-Gebirge im Nordosten des Landes verzogen haben und von dort aus gegen 75 Prozent der Streitkräfte des Irak einen opferreichen Krieg um mehr Autonomie führen. Die Kurden gewärtigen "das Jüngste Gericht", schrieb Londons "Guardian", ein "Völkermord" stehe bevor, warnte Jean Claude Luthi, Generalsekretär der Internationalen Vereinigung für Menschenrechte in Genf. Jedenfalls ist die iranische Grenze, über die Barsani seinen Nachschub erhielt, seit dem 7. März für die Kurden geschlossen.
Vom Schah, dem bisherigen Hauptbefürworter des irakischen Kurdenkampfes, kommen jetzt keine schwere Artillerie, keine Panzer-Abwehrkanonen, keine Hawk-Raketen, keine Ausbilder mehr. Und auch anderer Nachschub, etwa aus Israel oder konservativen Öl-Staaten, die dem linkssozialistischen Baath-Regime in Bagdad nicht wohlgesinnt sind, wird stocken. Schon seit dem vergangenen Jahr ist die türkische Grenze im Kurdengebiet hermetisch abgeriegelt.
Damit sind die etwa 20 000 kurdischen Krieger samt ihrem Anhang von rund 500 000 Flüchtlingen, Bauern, Studenten, Professoren, Ärzten, Lehrern, Frauen und Kindern umklammert. Denn vom Süden her sind sie von 800 Bagdad-Panzern eingekesselt, werden sie, seit zehn Tagen, wieder verstärkt mit Bomben belegt.
"Die Kurden haben keine Freunde", besagt ein Sprichwort des kriegerischen Gebirgsvolks, das sich als Nachkommen der Meder bezeichnet. Seine viertausendjährige Geschichte hat diese Weisheit kaum jemals Lügen gestraft. Seine angestammten Siedlungsgebiete teilen sich heute fünf Staaten. Zwei Millionen Kurden leben derzeit im Iran, zwei Millionen in der Türkei, 500 000 in Syrien, 90 000 in der Sowjet-Union. Und im Irak gibt es außer General Barsanis eingekesselter Partisanenarmee Peschmerga ("Vor uns der Tod") und ihrer Anhängerschaft noch rund eine Million Stammesmitglieder.
Auch dort sind sie nicht vereint: Ein Teil der jüngeren Kurden im Irak bekämpft den greisen Barsani mit maoistischen Parolen. Andere wiederum huldigen offen den Baathisten in Bagdad, wo fünf Kurden als Minister amtieren. Für einen von ihnen ist "revolutionärer Kampfgeist heiliger als Vaterliebe". Sein Name: Übeidallah Barsani.
Dem SPIEGEL gegenüber bezichtigte der älteste Barsani-Sproß seinen Vater des "Hochverrats" und versteht nicht, warum der Mullah es vorzog, seine Stammeskinder in den Bergen zu Tausenden sterben zu lassen, anstatt den vom Baath-Regime angebotenen Autonomie-Vertrag anzunehmen.
In der Tat bietet der Vertrag, für den schon in den sechziger Jahren Ströme von Blut geflossen sind, den Kurden weitergehende Zugeständnisse als etwa die Türkei, wo der Stamm nicht einmal beim Namen genannt werden darf, sondern "Bergtürken" heißt, oder auch Persien, dessen Schah in den Kurden vor allem potentielle Rebellen sieht.
Die Bagdader Autonomie-Regelung, die bereits in den von Rebellen verlassenen Gebieten eingeführt wird, sieht Kurdisch als Amts- und Unterrichtssprache vor und sichert den Kurden finanzielle Unabhängigkeit sowie eigene Verwaltungskörper zu. Doch der alte Häuptling in den Bergen mißtraut den unberechenbaren Herrschern in Bagdad, wo seit 1958 fünf Putsche stattfanden; er will mehr: eine eigene Armee, Abschaffung der arabischen Sprache, Umsiedlung der arabischen Bevölkerung aus seinem Landstrich und -- Öldollars.
Zwei Drittel der irakischen Ölförderung sprudeln aus den Quellen bei Kirkuk und Mossul im Kurdenland, und die Erlöse aus diesen Vorkommen -- 1974 waren es gut vier Milliarden Dollar -- verlangt er für seinen Nationalstaat.
Da trat Bagdad lieber den Schatt el-Arab jenseits seines Talwegs an den Iran ab. Seither "steht es sehr schlecht um Kurdistan", telephonierte in der vergangenen Woche ein Rebell nach Persien: Zwei Staaten der Dritten Welt verweigerten einem Volk den Nationalstaat, so brutal, wie es einst die Kolonialmächte taten.
"Der Kurdenkrieg", versicherte ebenfalls vergangene Woche ein irakischer Diplomat, "wird sehr bald vorüber sein."

DER SPIEGEL 12/1975
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