19.08.1974

Georg Wolff über Rudi Dutschke: „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“Wo ist die Revolution?

Rudi Dutschke, 1940 in Schönfeld bei Luckenwalde in der heutigen DDR geboren, machte sich in den sechziger Jahren als Agitator des antiautoritären Lagers einen Namen. In vielen Reden formulierte er die Vorstellung eines herrschaftsfreien Sozialismus. Nach dem Attentat auf ihn am 11. April 1968 lebte er zeitweilig in der Schweiz und England. Heute wohnt er in Ärhus in Dänemark. Freunde hoffen, daß er nach der Promotion eine Professur in Berlin erhält.
Die russische Revolution von 1917 hat einen "halb-asiatischen Staats-Sozialismus" hinterlassen. "Der Sumpf zaristisch-bürgerlicher Verhaltensformen" ist geblieben; er "stinkt zum Himmel".
Die Partei des "Leninschen Typus" ist, wenngleich sozialistisch gewendet. weitgehend ein Ebenbild des despotischen Zarismus. Diese Partei hat, von Rußland aus, ihr "halb-asiatisches" Modell allen europäischen Kommunisten aufgezwungen. Lenin brach "mit dem revolutionären Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Nationen und Nationalitäten". Er preßte die Völker in einen "geduckten Gang zum Kommunismus" -- "ein Fehler. der noch bis in die Gegenwart reicht": Erkenntnisse Rudi Dutschkes, dargelegt in seiner Dissertation, die diese Woche unter dem Titel "Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen" im Buchhandel erscheinen wird.
Dutschkes Lenin-Kritik setzt bei jenem Problem der Geschichte der Russischen Revolution an, das die Marxisten seit nunmehr fast einem ganzen Jahrhundert umtreibt -- der Frage nämlich, ob Lenin überhaupt eine russische sozialistische Revolution planen durfte. obwohl Rußland nach marxistischen Vorstellungen dafür noch nicht reif war. Rußland hatte noch nicht die -- nach dem Marxschen Geschichtsschema notwendige -- bürgerliche Revolution hinter sich. Es war weder um 1900, als Lenin seine bolschewistische Partei aufzubauen begann, noch 1917, als er in Petersburg die Macht an sieh riß, ausreichend industrialisiert, und es besaß ein nur geringes Proletariat. Der Klassen-Antagonismus war noch nicht voll entwickelt. Wichtiger noch: Er entwickelte sich in Rußland anders als in Westeuropa.
Die Dissertation legt (unabhängig davon, wie man zu Thesen und Inhalt steht) Beweis dafür ab, daß Dutschke die Folgen des 1968 gegen ihn verübten Attentats überstanden hat und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist -- eine Wohltat, die auch dem Rezensenten zugute kommt. Falsche Nachsicht gegenüber dem Autor ist nicht vonnöten.
Die Dissertation imponiert durch die Masse ihrer Gedanken, durch den Fleiß, mit dem darin Daten zusammengetragen wurden, und durch die intellektuelle Kraft, mit der sie Dutschke bewältigt hat. Die Dissertation erschreckt aber durch ihre zitatenbeladene und auch sonst ungemein schwierige Sprache -- eine Tatsache, die erste Zweifel daran aufkommen läßt, ob dem Autor das gelungen ist, was er eigentlich mit seinem Buch will: die Revolution auf die "Füße" zu stellen. anders ausgedrückt: auf die Massen. Was immer Dutschkes Sprache ist -- Sprache der Füße ist sie nicht, ebensowenig wie, laut Dutschke, Lenins Revolution eine Massen-Revolution war. Lenins Fehler war -- laut Dutschke daß er "den Begriffsapparat, den Marx für die bürgerliche Gesellschaft (Westeuropas) entwickelt hatte, über die nichtbürgerliche russische Gesellschaft stülpte" (und das revolutionäre Potential der russischen Bauern mißachtete). Aus dieser ungeschichtlichen Überträgung ergab sieh zwangsläufig das Modell einer "pädagogisch-elitären" Partei, die nicht anders konnte, als ihre Revolution als eine "Revolution von oben" zu verstehen, die überdies nicht anders konnte, als die Marxsche "Diktatur des Proletariats" zu einer Erziehungsdiktatur" zu entwickeln, zu einer Herrschaft, die schließlich in eine Restauration "russischer Knechtschaftsverhältnisse" mündete.
Dutschke unterscheidet -- und das ist wichtig -- die russische und die westeuropäische Revolution. Er begründet das damit, daß nicht nur die "Verhältnisse" in beiden Gebieten unterschiedlich sind, sondern auch das "reale bewußte Sein" der Massen. Dabei sollen, so bemerkt Dutschke in Anlehnung an Marx, die Besonderheiten "klimatischer und territorialer Verhältnisse" ebensowohl eine Rolle gespielt haben wie die Besonderheiten der historischen Entwicklung -- Besonderheiten, die sich jedenfalls in der Nähe konservativer Vorstellungen bewegen: geopolitischer und historistischer Vorstellungen. An einer Stelle versteigt sich Dutschke sogar dazu, von der Unterschiedlichkeit halb-asiatisch-russischer und westeuropäischer "Produktions und Lebenstypen" zu sprechen.
In der Tat ist es die, äußerst überraschende, Lehre von den besonderen "Lebenstypen" in Ost und West, die Dutschkes Zorn über die Oberfremdung Europas und insonderheit Deutschlands durch den "halbasiatischen Staats-Sozialismus" Lenins in Gang setzt. Ihn empört, daß der deutsche Sozialismus von heute mit einem Bein "links" in Peking" und mit dem anderen Bein "rechts' in Moskau" steht -- und daß er nicht "auf beiden Beinen zu Hause" ist.
Dutschke wirft Lenin vor, die Russische Revolution "im Kopf antizipiert" zu haben, und plädiert seinerseits für eine Revolution, die auf den "Füßen" marschiert -- für eine Revolution also, die von den Massen getragen sein soll, und die, überdies, die jeweiligen regionalen, historischen und nationalen Besonderheiten berücksichtigen soll.
In der Tat ist dies eine zentrale Frage marxistischer Theorie: Wie soll, statt der Leninschen Revolution "von oben", eine Revolution "von unten" möglich sein? Wie ist glaubhaft zu machen, daß die "Massen", deren Bewußtsein, laut Dutschke und Marx, durch klimatische, geographische, nationale und historische Besonderheiten geprägt ist, dasjenige Subjekt darstellen, das die Revolution oder, wie Dutschke sagt, den "Prozeß der Menschwerdung des Menschen" vorantreibt?
Dutschke schreibt, daß dieses "Rätsel" für China durch Mao gelöst worden sei, durch dessen Bauern-Revolution also. Dutschke schreibt. Lenin hätte es für Rußland lösen können, wenn er sieh auf die "vorkapitalistischen Dorfgemeinden" Alt-Rußlands gestützt hätte. Dutschke schreibt, daß in Deutschland die Münchner Räterepublik den richtigen Weg gewiesen habe.
Lenin, schreibt Dutschke, "kennt das Wesen unserer Sache gar nicht, die Dialektik des "Reichs der Freiheit" und des "Reichs der Notwendigkeiten"". Kennt Dutschke diese "Dialektik"? Hat er, im Unterschied zu Lenin, eine Theorie der "historisch möglichen Realisierung des Reiches der Freiheit" -- eine Theorie also, die der emanzipatorischen Welt-Revolution die Spontaneität jener Massen zuführt, deren Bewußtsein durch nationale oder historisch gewordene Verhältnisse bestimmt ist?
In seinem Buch findet sie sich nicht. Seine Revolution-Thcorie bleibt, wie ein Freund bemerkt, "thetisch", stützt sich also auf bloße Behauptungen. Er hat die marxistische Theorie keinen Schritt vorangebracht. Auch er weiß nicht, wie man die Revolution den "aufrechten Gang" lehrt. Auch er hat die von alters her beklagte Lücke zwischen marxistischer Theorie und revolutionärer Praxis nicht schließen können.
Sollte es also doch so sein, daß diese Lücke nur durch die Gewalttat eines großen Einzelnen, wie Lenin es war, zu überspringen ist -- und das auch nur mit der schrecklichen Folge der Wiederherstellung von Herrschaft? Daß das heute in Westdeutschland übliche "Spielen mit Marxismus-Leninismus", wie Dutschke behauptet, "reaktionär" ist, mag richtig sein. Aber: Wo ist dann die Revolution?
Von Georg Wolff

DER SPIEGEL 34/1974
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