28.10.1974

GULAG II: FRAUEN IM LAGER

Ja, wie hätte man nicht schon bei der Untersuchung an die Frauen denken sollen? Saßen ja irgendwo in den Nebenzellen! Im selben Gefängnis, unter demselben Regime! Und hatten die gleichen unerträglichen Verhöre durchzustehen! -- wie denn, sie, mit ihren schwachen Kräften?!
Kein Laut dringt aus dem Gang. Ob ein weibliches Wesen vorbeigeht, ob ein Rock vorbeiraschelt -- du hörst es nicht. Doch da klemmt mal das Schloß, der Aufseher bringt die Tür nicht gleich auf und läßt die Männergruppe ein halbe Minute lang im oberen hellen Korridor stehen, und wir, wir lugen zwischen den Fensterblenden hindurch in den grünen Garten hinunter, bis plötzlich ebenso in Zweierreihen aufgestellte, auf dem Asphaltfleckchen ebenfalls aufs Türaufsperren wartende Füße in Damenschuhen in unser Blickfeld geraten.
Nur die Knöchel sehn wir und die Schuhe, Stöckelschuhe gar darunter'
und wie der Orchestereinsatz zu Wagners "Tristan und Isolde" hallt es in uns wider! Höher hinauf können unsere Blicke nicht wandern, schon treibt uns der Aufseher in die Zelle, wir tappen hinein, beglückt und bedrückt, haben uns das übrige hinzugemalt, haben uns himmlische Geschöpfe, gebrochene, sterbende Opfer hinzugedacht. Wie mag es ihnen gehen? Ihnen!...
Doch es scheint, daß es sie nicht härter, nein, eher leichter ankam als uns. in den Berichten weiblicher Untersuchungsgefangener fand ich bislang keinen Hinweis darauf, daß sie durch die Verhöre schlimmer entmutigt worden wären als die Männer.
Der Gynäkologe N. 1. Subow, der selbst seine zehn Jahre abgesessen und in den Lagern viele Frauen beobachtet und behandelt hat, meint allerdings, daß die Frauen, statistisch gesehen, unmittelbarer und stärker von der Verhaftung und der damit verbundenen Trennung von der Familie betroffen würden. Die Frau sei in ihrem Innersten verwundet, und es träten in den meisten Fällen Störungen der anfälligsten weiblichen Funktionen auf.
Mich hingegen frappiert in den Erinnerungen meiner Schicksalsgefährtinnen gerade jener Umstand. daß es so viele Nichtigkeiten gab, die sie sogar noch beim Verhör beschäftigten. Nadja Surowzewa, hübsch und noch jung, zog in der Eile zwei verschiedene Strümpfe zum Verhör an, und nun wird sie verlegen, als der Richter nach ihren Beinen schielt.
Alexandra Ostrezowa, die 1943 in der Großen Lubjanka saß, erzählte mir
C) 1974 Alexander Solschenizyn. Gesamtdeutsche Rechte beim Schert Verlag, Bern und München.
später im Lager, wie sich die Frauen dort die Zeit vertrieben: Mal schlüpfte eine unter den Tisch, und der aufgeschreckte "Wärter stürzte herein, die Fehlende zu suchen; dann wieder neben sie sich die Wangen mit roten Rüben ein und marschierten in diesem Aufzug in den Spazierhof; ein anderes Mal gab es erregte Debatten in der Zelle: Ob sie sich zum bevorstehenden Verhör was Einfaches anziehen oder im Abendkleid erscheinen sollten?
Zugegeben, die Ostrezowa war dazumal ein verspieltes Dämchen, saß zudem mit der blutjungen Mira Uborewitsch in der gleichen Zelle. Aber hier ein anderes Beispiel: die N. 1. P-wa, eine gelehrte und bereits betagte Frau. Mit dem Schärfen eines Aluminiumlöffels war sie beschäftigt. Um sich damit umzubringen? Nein, um sich die Zöpfe abzuschneiden (was sie auch tat)!
Später dann, im Hof der Krasnaja Presnja, kam ich neben einem Schub eben abgeurteilter Frauen zu sitzen und stellte staunend fest, daß sie nicht so abgemagert, nicht so erschöpft und blaß wie wir Männer waren. Die genauso karge Gefängnisration. die gleichen Haftentbehrungen ertragen die Frauen in der Regel leichter und lassen sich vom Hunger nicht so schnell unterkriegen.
Es ist jedoch für uns alle und insbesondere für die Frauen das Gefängnis erst eine Kostprobe von der Haft. Die volle Kelle Elend bekommst du im Lager. Dort ist es der Frau beschieden. zu zerbrechen oder sich anzupassen, was ihr nur gelingt, wenn sie durch eine Kehrtwendung -- eine andere wird.
Im Lager ergeht es der Frau in allem schlimmer als uns. Schon mit dem Schmutz beginnt es. Sie hat auf dem Transport schon genug darunter gelitten und sucht nun auch im Lager vergeblich nach Sauberkeit. Falls sie in einem Durchschnittslager sitzt, in einer Frauenbrigade arbeitet und folglich in einer allgemeinen Baracke lebt, wird es ihr kaum je gelingen, sich wirklich sauberzubekommen.
Und die Banja? Ha, ha! Mit der Banja beginnt ja gerade die Empfangsprozedur im Lager -- wenn wir vom Entladen der Viehwagen und vom Abtrieb der bepackten Häftlinge, Konvoi, Hundegebell und Schneegestöber inbegriffen, absehen. In der Lagerbanja. wo denn sonst?, wird die nackte Ware Weib in Augenschein genommen.
Ob es Wasser in der Banja gibt oder nicht, die Läusekontrolle wie auch die Rasur der Achsel- und Schamhaare bieten den Friseuren (die in der Lagerhierarchie zu den Aristokraten zählen) Gelegenheit genug, die neuen Weiber zu begucken. Bald werden auch die übrigen Pridurki [Sonderhäftlinge] zu der Musterung herbeieilen.
Von den Strafinseln Solowki stammt diese Tradition, doch war sie dort, an der Wiege des Archipels, durch eine GULAG-unspezifische Schamhaftigkeit kaschiert: Man besah sich die Frauen in Kleidern, während sie allerlei Hilfsarbeiten verrichteten. Der Archipel versteinerte indes, und die Musterung ging alsbald forscher vonstatten.
Lachend erinnern sich heute Fedor S. und seine Frau (eine Fügung des Schicksals, daß sie auf diese Weise zusammenfanden!), wie die männlichen Pridurki zu beiden Seiten des schmalen Gangs Aufstellung nahmen, den die eingelieferten Frauen nackend entlanggejagt wurden, nicht alle auf einmal freilich, sondern jede einzeln. Danach knobelten die Pridurki untereinander aus, wem welche zufiel. (Laut Statistik der zwanziger Jahre kam auf sechs bis sieben einsitzende Männer eine Frau. Nach den Verordnungen der dreißiger und vierziger Jahre wurde dieses Verhältnis weitgehend ausgeglichen, doch so weit auch wieder nicht, daß eine Frau. namentlich eine hübsche, im Lager ihren Wert verloren hätte.)
In manchen Lagern wurde beim Empfang die Etikette gewahrt: Man führt die Frauen bis zu ihrer Baracke, dort erst betreten die satten, fein herausgeputzten, selbstsicheren und schnoddrigen Pridurki die Szene. (Im Lager erscheinen einem nichtgeflickte, nichtverschmutzte Kleider sofort als Triumph der Eleganz!) Sie stolzieren gemächlich zwischen den Liegen umher, prüfen, wählen. Setzen sich zu einer hin, beginnen ein Gespräch. Laden die Erwählte "auf einen Sprung" zu sich ein. Zumal sie nicht in einer gemeinsamen Baracke, sondern in "Kabinen" zu einigen wenigen Mann wohnen und sogar eine Elektrokochplatte ihr eigen nennen und eine Bratpfanne dazu.
Da setzen sie ihre Bratkartoffeln vor o Wunschtraum der Menschheit! Fürs erste einfach als Leckerbissen, des Kontrastes halber: damit sich die Frau langsam der Maßstäbe des Lagerlebens bewußt wird. Die Ungeduldigen pochen gleich nach den Kartoffeln auf die "Bezahlung". die Dezenteren begleiten ihren Gast zurück und malen die Zukunft aus. Liebes Kind, mach es dir in der "Zone" wohnlich, Gentlemen mit guten Angeboten laufen dir nicht jeden Tag übern Weg. Es sei alles dein -- ein sauberes Bett, ein Bottich zum Wäschewaschen, anständige Kleider und eine Arbeit, bei der du dich nicht übernimmst.
In diesem Sinne gilt das Los der Frauen im Lager als "leichter". Leichter fällt es ihr, das nackte Leben zu retten. Es ist der "Geschlechterhaß", mit dem manche Verkümmerer jene Frauen betrachten, die nicht zum Mülldurchwühlen hinabgesunken sind, und der einen zu der natürlichen Schlußfolgerung gelangen läßt, daß es die Frau im Lager leichter hat weil sie eben mit einer kleineren Ration satt wird und eben jenen Weg betreten kann, der sie aus Hunger und Tod hinausführt.
Tatsächlich gibt es Frauen, die sich schon von ihrer Natur her und schon draußen leichter, will sagen, ohne sonderlich wählerisch zu sein, mit Männern einließen. Dieser Sorte Frauen stehen im Lager natürlich allemal die leichten Wege offen. Persönliche Eigenschaften lassen sich nicht einfach nach Strafparagraphen aufgliedern, dennoch gehen wir kaum fehl, wenn wir sagen, daß sich das Gros der nach § 58 Verurteilten nicht aus solchen Frauen zusammensetzte.
Manch einer ist dieser Schritt vom ersten bis zum letzten Tag unerträglicher als das Sterben. Andere schaudern und zaudern (auch die Scham vor den Gefährtinnen hält sie zurück) und merken später, falls sie sich trotzdem dazu entschlossen, trotzdem sich ergeben dareingefügt haben, daß es zu spät ist: Sie sind im Lager nicht mehr gefragt. Denn das "Angebot" ergeht nicht an jede.
So geben denn viele schon am ersten Tag nach. Zu grausam erscheint ihnen die Zukunft -- und ohne jegliche Hoffnung. Neben Ehefrauen, neben Familienmüttern treffen auch kaum erwachsene Mädchen diese Wahl. Und gerade sie, halbe Kinder noch, legen, von der nackten Grobheit des Lagerlebens betäubt, bald alle Hemmungen ab.
Du willst nicht? Na, bitte! Ziehe Wattehosen und Joppe an. Und mach dich, außen unförmig und dick, innen schwach und gebrechlich, auf den Weg in den Wald. Wirst noch von selbst zurückgekrochen kommen, auf den Knien um Vergebung betteln.
Wenn du noch bei Kräften warst, als du im Lager ankamst, und dann gleich in den ersten Tagen den "klugen" Schritt getan hast, kannst du deines Postens in der Sanitätsstelle, der Küche, Buchhaltung, Schneiderei oder Wäscherei für lange Zeit sicher sein wohlversorgt wirst du Jahr um Jahr hinter dich bringen, ähnlich beinahe wie draußen in der Freiheit. Kommt ein Abtransport über dich, wirst du auch den neuen Ort in voller Blüte erreichen und vom ersten Tag an wissen, wie es weiterzugeben hat.
Dienstmädchen bei einem Natschalnik zu werden, ist von den günstigsten Wendungen eine. Als die stattliche und gepflegt wirkende I. N., viele Jahre lang wohlbestallte Gattin eines hohen Armeeoffiziers, ins Lager kam, stach sie sogleich dem URTsch-Chef [Leiter der Erfassungs- und Verteilungsstelle) ins Auge: Er erteilte ihr den ehrenvollen Auftrag, die Fußböden im Chefzimmer zu schrubben. So trat sie ihre Haftzeit auf die sanfteste Tour an, war sich völlig bewußt, daß ihr ein glückliches Los zugefallen.
liebt und irgendwem die Treue geschworen hast! Was würde ihm die Treue eines vermodernden Gerippes nützen? "Wer wird dich noch haben wollen, wenn du rauskommst?" Dies ist der ewige Refrain eines jeden Gesprächs in der Frauenbaracke. Bald bist du alt und reizlos, traurig und leer werden deine letzten Frauenjahre verrinnen. Beeil dich lieber, auch diesem wüsten Leben etwas abzugewinnen. Ob das nicht vernünftiger ist?
Wer nicht sogleich nachgegeben hat, wird von selbst zur Einsicht gelangen oder dazu gezwungen werden. Auch den Standhaftesten steht einmal das Wasser bis zum Hals, und sie geben. wenn sie hübsch sind, klein bei, ja, sie geben klein bei.
Ein stolzes Mädchen namens M. hatten wir in unserem Lager an der Kaluga-Einfahrt von Moskau, eine Scharfschützin von der Front, wo sie Leutnant war. Als Märchenprinzessin mußte man sie beschreiben: rot die Lippen, rabenschwarz das Haar, schwanenschlank die Gestalt. Und es hatte sich der alte, schmuddelige, fette Magazineur Isaak Berschader in den Kopf gesetzt, sie zu kaufen. Er sah für uns schon abscheulich aus, wie mußte er erst ihr erscheinen, der prangenden Schönheit, die noch vor kurzem solch ein wagemutiges Leben geführt hatte. Er -- ein faulender Baumstumpf, sie eine schlanke Pappel.
Und doch hatte er sie so fest im Griff, daß sie nicht einmal Luft schnappen konnte. Er schickte sie in die "Allgemeinen" (alle Pridurki spielten ihm in die Hand und halfen bei der Hatz), ließ sie von den Wachen schikanieren (die ebenfalls nach seiner Pfeife tanzten) und drohte ihr obendrein mit dem unvermeidlichen Abtransport in ein schlimmes, fernes Lager. Und so sah ich eines Abends, als in der Zone das Licht erlosch, mit eigenen Augen, wie sich das Mädchen M. als dunkler Schatten über den blassen Schnee aus der Frauenbaracke davonschlich und mit gesenktem Kopf an die Kammer des lüsternen Berschader klopfte. Danach hatte sie es im Lager gut.
M. N., eine Frau in mittleren Jahren. die ihren Mann im Gefängnis verloren hatte, Mutter von zwei Kindern und draußen vormals technische Zeichnerin, war beim Holzeinschlagen nahe am Verrecken -- und wehrte sich immer noch. Ihr Zustand schien bald hoffnungslos, die Beine waren angeschwollen; als letzte in der Reihe trottete sie von der Arbeit heim, die Soldaten trieben sie mit dem Gewehrkolben vorwärts.
Eines Tages blieb sie in der Wohnzone zurück. Der Koch kam herangeschlichen: "Besuch mich in der Kabine, ich setze dir einen vollen Napf Essen vor." Sie besuchte ihn. Er tischte ihr eine große Bratpfanne mit Kartoffeln und Schweinefleisch auf. Sie aß alles. Und erbrach sich -- nach der "Bezahlung". Die Kartoffeln waren futsch. Der Koch schimpfte: "Hat man schon so eine Prinzessin gesehen!"
Danach aber gewöhnte sie sich allmählich daran. Konnte ihre Lage verbessern. Suchte sich während der Filmvorführungen im Lagerklub bereits selbst den Mann für die Nacht aus.
Wer länger wartet, muß schließlich in die Männerbaracke trotten, nicht mehr zu den Pridurki in die Kabinen, sondern zu den Arbeitsleuten auf ihren Bretterliegen; da wandert sie dann zwischen den Reihen auf und ab und murmelt vor sich hin: "Ein halbes Kilo. . ein halbes Kilo Sobald sich ein Erlöser gefunden hat, der ihr mit seiner Ration nachschleicht, braucht nur noch ihre Pritsche von drei Seiten mit Leintüchern verhängt zu werden, auf daß sie sich in diesem Zelt, dieser "trauten Hütte" ihr Brot verdienen kann.
Die mit Lumpen abgeschirmte Liege ist ein klassisches Attribut aller Lager. Es geht indes auch einfacher. Wir berichten über den 1. Lagerpunkt von Kriwoschtschokowo; es war zwischen 1947 und 1949. (Dieser OLP ist uns bekannt, aber wie viele andere gab es von der Art?) Kriminelle, Minderjährige, Invaliden, Frauen und "Mainkas" (im Lager entbundene, stillende Mütter) hausen dort auf einem Fleck.
Die einzige Frauenbaracke beherbergte immerhin fünfhundert Personen Sie ist unbeschreiblich verdreckt, vernachlässigt und verstunken. Keine Bettwäsche auf den Liegen. Den Männern war der Eintritt von Amts wegen verboten, aber niemand hielt sich daran, und keiner prüfte nach. Nicht nur Männer kamen in Scharen, sondern auch Minderjährige, zwölf- und dreizehnjährige Jungen, die etwas lernen wollten.
Die Unterweisung begann beim simplen Zuschauen: Dort gab es keine falsche Scham. ob aus Mangel an Fetzen oder an Zeit, wie auch immer: Die Liegen wurden nicht verhängt, und das Licht, versteht sich, niemals gelöscht. Es vollzog sich alles mit naturhafter Selbstverständlichkeit, vor aller Augen und an mehreren Stellen zugleich. Nur offensichtliches Alter oder offensichtliche Häßlichkeit boten einer Frau Schutz -- nichts anderes.
Ein hübsches Gesicht war ein Fluch, alleweil zog es Kunden an; stets bedrängt sah sich eine Hübsche und bedroht: mit dem Stock, mit dem Messer. Nicht darin lag die Hoffnung einer Frau, daß sie standhaft bliebe, sondern darin, daß sie mit Bedacht nachgab, sich unter den vielen den einen heraussuchte, der sie später durch die abschreckende Kraft seines Rufs oder seines Messers zu beschützen imstande wäre: vor den andern, vor den nächsten, vor dem ganzen gierigen Reigen und vor den aufgestachelten "Frischlingen" [Minderjährigen], die über dem, was sie sahen und einatmeten, bald in wilde Erregung gerieten.
Aber nicht nur um die Abwehr der Männer ging es, nicht nur um die aufgepeitschten Jungen -- auch um diejenigen Frauen, die tagein, tagaus zusehen mußten und selbst nicht gefragt waren; am Ende gerieten sie ebenfalls außer Rand und Band fielen über die glücklicheren Nachbarinnen her, um sie zu verprügeln.
In Windeseile breiteten sich Geschlechtskrankheiten über das Kriwoschtschokowo-Lager aus. Schon wollte ein Gerücht wissen, daß die Hälfte der Frauen krank sei, aber was tun? Wie früher drängten sich die Scharen der Gebietenden und Bettelnden durch dieselbe Tür. Nur wer so vorsichtig war wie der Akkordeonspieler. der Beziehungen zur Sanitätsstelle hatte, studierte jedesmal die geheime Krankenliste, um nicht an eine Falsche zu geraten
Und die Frau an der Kolyma? Dort hat sie ja vollends Seltenheitswert, ein Rangeln und Zerren, wo mal eine auftaucht. Dort ist eine Frau auf der Baustelle vollends ausgeliefert an die Wachen, an die Freien, an die Seki (Strafgefangenen), egal. An der Kolyma wurde der Ausdruck "Trambahn" für Gruppenvergewaltigung geboren.
K. 0. berichtet, wie ein ganzer Lastwagen voll Frauen, die abtransportiert werden sollten, dem Fahrer beim Kartenspiel als Einsatz diente; nachdem er verloren hatte, bog er von der Straße ab und lieferte die Fuhre ins Quartier der unbewachten Bauarbeiter. Nächsten Morgen ging es nach Elgen weiter.
Und die Arbeit? In einer gemischten Brigade kann eine Frau noch mit so was wie Nachsicht und leichter Arbeit rechnen. Keine Gnade aber gibt es, wo die Brigade nur aus Frauen besteht, da heißt es, Festmeter liefern und basta! Mitunter richten sie durchweg weibliche Lagerpunkte ein, wo dann auch die Holzfäller und Erdschipper und Ziegelbrenner Frauen sind. Lediglich in die Kupfer- und Wolframminen wurden keine Frauen geschickt.
Hier der 29. "Punkt" des Kar-Lag. Wie viele Frauen sind an diesem Punkt versammelt? Nicht mehr und nicht weniger als sechstausend! Auf welchen Posten stehen die Frauen'? Jelena 0. arbeitete als Lastenträgerin, sie schleppte Säcke zu achtzig und sogar hundert Kilo! Allerdings half ihr jemand beim Aufladen. außerdem war sie in ihrer Jugend eine gute Turnerin.
In den Frauenlagerpunkten herrschen rauhe unweibliche Sitten, ewig wird geflucht, ewig gerangelt und böser Unfug getrieben, anders stehst du die Frist nicht durch. Indes werden dieselben Frauen, so vermerkt der unbewachte Ingenieur Postower- Prochorow, sofort wieder zu stillen und arbeitsamen Wesen, sobald sie aus der Masse herausgetreten und als Dienstboten oder sonstwo auf angemessenem Posten untergeschlüpft sind. Weibliche Häftlingsgruppen konnte er in den dreißiger Jahren beim Bau am zweiten Gleis der Transsibirischen Eisenbahn beobachten.
Hier eine seiner Schilderungen: An einem heißen Tag baten dreihundert Frauen um Badeerlaubnis in einer mit Wasser gefüllten Schlucht. Die Wachmannschaft schlug es ihnen ab. Also legten die Frauen in voller Einmütigkeit die Kleider ab und streckten sich nackend dicht am Bahndamm auf der Erde aus. Solange lokale sowjetische Züge die Stelle passierten, war die Sache nicht schlimm, sie wurde erst unstatthaft, als der internationale Schnelzug mit lauter Ausländern nahte. Die Frauen ließen sich das Sonnenbad nicht nehmen und schlugen die Befehle in den Wind. Schließlich wurde ein Feuerwehrauto herbeibefohlen, die Wasserwerfer brachten die Frauen auf die Beine.
Hier ein Beispiel von Frauenarbeit in Kriwoschtschokowo. Im Ziegelwerk, genauer: in der dazugehörigen Lehmgrube, wird nach Abschluß des Aushubs die Abdeckung gehoben, die vor dem Beginn der Arbeiten über die Erdoberfläche geschichtet worden war. Schwere, feuchte Stämme sind aus der Grube herauszuheben, die zehn bis zwölf Meter tief ist. Wie es bewerkstelligen? Der Leser meint: mit Hilfe der Technik.
Natürlich. Eine Frauenbrigade wirft zwei Seile über die beiden Enden eines Stammes. Nun legen sie sich wie weiland die Wolgaschlepper ins Zeug und ziehen in zwei Reihen an je einem Ende des Seiles. (Das Ziehen erfordert Geschick, damit der Stamm zwischen den Seilen nicht durchrutscht, sonst müßten sie von vorn beginnen.) Dann heben sie -zwanzig Frauen -- den herausgefischten Baumstamm auf die Schultern und tragen ihn, vom herrischen Gefluche ihrer gefürchteten Brigadierin begleitet, zur befohlenen Stelle.
Wie meinen Sie? Einen Traktor? Na, machen Sie sich nicht lächerlich, wo denn einen Traktor hernehmen, im Jahre 1948? Sie meinen-einen Kran? Haben Sie vergessen, was (Generalstaatsanwalt) Wyschinski über den "Zauberer Arbeit' sagte, "der die Menschen aus ihrer Nichtigkeit und Nichtexistenz zu Helden emporhebt"? Wo bliebe der Zauber, wenn es einen Kran gäbe? Käme ihnen ein Kran zu Hilfe, blieben die Frauen im Sumpf ihrer Nichtigkeit stecken!
Der Körper verzehrt sich bei solch einer Arbeit, und alles, was in der Frau das Frauliche ausmacht, beständig oder einmal im Monat, versiegt. Wenn sie bis zur nächsten Musterung durchhält, wird sich eine ganz andere vor den Ärzten entblößen als jene, die den Pridurki im Vorraum der Banja den Mund wässerig gemacht hat.
Sie ist alterslos; ihre Schultern ragen spitz
in die Höh, ihre Brüste sind ausgedörrte Säcke, an den flachen Hinterbacken hängt die überschüssige Haut in Falten herab, oberhalb der Knie ist so wenig Fleisch geblieben, daß der Kopf eines Schafes, wenn nicht gar ein Fußball durch die entstandene Aushöhlung hindurchginge; ganz rauh ist ihre Stimme und heiser; von der Pellagrabräune angehaucht ihr Gesicht. (Nach den Worten des Gynäkologen folgt auf einige Monate beim Holzschlagen die Senkung und der Vorfall des wichtigsten Organs.)
Der Zauberer Arbeit!
Im Leben ist ja ohnehin nichts mit nichts gleichzusetzen, aber fürs Lager gilt das um so mehr. Und auch die Arbeit setzte gewiß nicht jedem gleich hoffnungslos zu. Je jünger eine Frau war, desto leichter fand sie sich zurecht.
Ich sehe sie noch wie lebendig vor mir, die neunzehnjährige Napolnaja, ein wie nach Maß gezimmertes Mädchen, mit roten Backen sozusagen übers ganze Bauerngesicht. In unserem Lager an der Moskauer Kaluga-Einfahrt war sie Kranführerin auf einem Turmkran. Wie ein Affe kletterte sie in ihr Häuschen, schwang sich manchmal ohne sichtbaren Anlaß sogar auf den Ausleger, ließ von droben die ganze Baustelle ihr "A-hoi!" vernehmen, führte, weil kein Telephon in der Kabine war, lautstarke Wechselgespräche mit dem freien Bauführer und den Vorarbeitern unten.
Es schien ihr alles Spaß zu machen, grad als
wäre das Lager kein Lager. Hätte ihr auch das Komsomolabzeichen. nicht schlecht zu Gesicht gestanden. Für jeden hatte sie ein Lächeln, ganz und gar unüblich war solche Freundlichkeit im Lager. In ihren Arbeitspapieren standen stets 140 Prozent der Norm eingetragen, sie bekam die höchste Lagerration und hatte keinen Feind zu fürchten -- der Bauführer hätte sie niemals im Stich gelassen.
Was ich nicht weiß, ist lediglich dieses: wie es ihr im Lager gelungen war, sich als Kranführerin anlernen zu lassen und ob sie ganz uneigennützig dazu ausgewählt worden war. Sie saß übrigens wegen eines harmlosen Alltagsvergehens. Sie strotzte nur so vor Gesundheit und Kraft und konnte es sich dank der eroberten Position leisten, in der Liebe nicht der Not, sondern dem Herzen zu gehorchen ...
Und natürlich: Deine erste Liebe, die erlebst du im Lager, wo denn sonst, wenn sie dich (aufgrund eines politischen Strafparagraphen!) mit fünfzehn einsperrten, als Schülerin der 8. Klasse, wie Nina Peregud. Was Wunder, daß du dich in den feschen Wassilij Kosmin verliebst, den Jazzmusiker, dem draußen noch vor kurzem die ganze Stadt zu Füßen lag? Ein Gedicht schreibt sie, "Weißer Flieder" heißt es, und er, der ihr gestern im Glanz seines Ruhmes ganz und gar unerreichbar schien, macht die Melodie dazu und summt sie ihr über den Stacheldraht hinüber (man hat sie getrennt. wieder ist er unerreichbar).
Auch die Mädchen in der Kriwoschtschokowo-Baracke steckten sieh Blumen ins Haar, äußeres Zeichen einer Lagerehe, aber vielleicht auch -- einer erlebten Liebe?
Die außer-gulagische Gesetzgebung schien die Lagerliebe zu fördern. Dem am 8. Juli 1944 auf Unionsebene ergangenen Ukas über die Festigung der Ehebande folgte ein unveröffentlichter Regierungsbeschluß samt Instruktion des Justizministeriums vom 27. November 1944, in welchem die Gerichte angewiesen wurden, jedem freien Bürger auf dessen Verlangen unverzuglich die Scheidung von der in Haft (oder im Irrenhaus) befindlichen Ehehälfte zu gewähren und dieses Verlangen auch noch durch den Verzicht auf die Gerichtsgebühren zu unterstützen. (Und niemand ward hierbei vom Gesetzgeber dazu angehalten. die andere Hälfte von der Scheidung in Kenntnis zu setzen!)
Bürger und Bürgerinnen, laßt eure verhafteten Frauen und Männer im Stich! Und der Häftling vergesse für lange, daß er mal verheiratet war. Nicht nur dumm und unsozialistisch, nein, gesetzwidrig verhielt sich fortan eine Frau, wenn sie sieh nach ihrem daheimgebliebenen Mann verzehrte.
im Falle der Soja Jakuschewa, die als Familienmitglied wegen ihres Mannes saß, spielte es sich so ab: Der Mann wurde nach drei Jahren als wichtiger Fachmann entlassen. Er hätte die Freilassung seiner Frau als Grundbedingung verlangen können, unterließ es jedoch: also saß sie ihre ganzen acht Jahre für ihn ah.
Daß sie draußen verheiratet gewesen, hatte
eine Gefangene zu vergessen, gewiß, aber auch innerhalb des GULAG der Liebe zu pflegen, verwehrten ihr die Instruktionen. die solches Tun als Schädigung des Produktionsplans qualifizierten. Wie sollte es auch keine Sabotage sein, wenn sieh diese gewissenlosen, pflichtvergessenen Frauen in allen Winkeln des Betriebs verkrochen, sich einfach hinlegten -- auf nackter Erde. auf Holzspänen. auf Schotter. auf Schlacke, auf Eisenspänen?
Und der Monatsplan. der geriet ins Wanken! Und der Fünfjahresplan, der kam zum Stillstand! Und die GULAG-Größen hatten mit ihren Prämien das Nachsehen! Obendrein hegten manche Sek-Weiber die schändliche Absicht. schwanger zu werden und sich mittels Schwangerschaft für einige Monate zu drücken, dem Staat und dem Archipel durch Ausnutzung unserer humanitären Gesetze einige Arbeitsmonate von der Haftzeit zu stehlen, welche bisweilen mit drei oder fünf Jahren ohnedies nur kurz bemessen war. Darum war es im GULAG Vorschrift, die des Beischlafs verdächtigen Personen sofort zu trennen und den minder wertvollen Partner aus dem Lager zu expedieren.
Auch die Wachen bekamen das ganze romantische Getue satt, das sich da unter den Lagerjoppen breitmachte. Statt in der Wachstube auf dem Ohr zu liegen, mußte der Natschalnik nachts mit der Laterne die Runde machen und die bloßfüßigen losen Frauenzimmer von den Männerpritschen herunterjagen, die Männer aus den Frauenbaracken schmeißen.
Ganz abgesehen von den eventuell vorhandenen eigenen Gelüsten (ist ja auch der Bürger Natschalnik nicht aus Holz), hatte er auch noch mit der Delinquentin seine liebe Mühe: Falls sie nicht geradewegs in den Karzer kam, mußte er sich die liebe lange Nacht hinstellen, ihr ins Gewissen reden ob des schlimmen Tuns und danach einen Bericht verfassen (eine wahre Qual bei fehlender Hochschulbildung).
Was das Leben einer Frau und eines Menschen schlechthin ausmacht, hat man ihr geraubt: die Familie, die Mutterschaft, den freundschaftlichen Umgang. die gewohnte und vielleicht interessante Arbeit. bei der einen oder anderen wohl auch auf künstlerischem Gebiet oder mit Büchern, und als sie nun dastand in ihrer Angst und Verlassenheit, inmitten des Hungers und der Verrohung, wo hätte sie denn Zuflucht suchen sollen, die Lagergefangene, wenn nicht in der Liebe?
Mit Gottes Segen erstand eine vom Körperlichen beinahe schon losgelöste Liebe, denn im Gebüsch, in der Männerbaracke vor aller Augen brachte es nicht jede über sich, und nicht jeder Mann war bei Kräften, aber auf jedes entdeckte "Liebesnest" stand als Strafe der Karzer. Um so tiefer aber, so erinnern sich heute die Frauen, war die seelische Verbundenheit zweier Liebender im Lager.
Gerade weil sie des Fleischlichen beraubt war, wurde solch eine Liebe brennender empfunden als draußen in der freien Welt. Ein zufälliges Lächeln, eine flüchtige Aufmerksamkeit ließen auch ältere Frauen nächtelang nicht schlafen. Ein heller Strahl war die Liebe in der schmutziggrauen Düsterkeit des Lagerdaseins.
Eine "Verschwörung des Glücks" nannte Natalja Stoljarowa, was sie auf dem Gesicht ihrer Freundin, einer Moskauer Schauspielerin, und dem ihres analphabetischen Arbeitspartners lesen konnte. Bei der Heumahd im Lager hatte die Schauspielerin entdeckt, daß sie niemals zuvor so geliebt worden war, weder von ihrem Mann, einem Filmregisseur, noch von einem ihrer vielen früheren Verehrer. Ihrem Freund zuliebe blieb sie beim Heuen, versuchte nicht, von den "Allgemeinen" loszukommen.
Dazu dieses Risiko, fast wie im Krieg ein Spiel mit dem Tod: Denn wenn sie euch bei einem Rendezvous überraschen, heißt es Abschied nehmen vom gewohnten Lager, wo es sich immerhin noch leben ließ. Wie soll man sie anders als heroisch nennen, die Liebe am Abgrund der Gefahr, jeder Zoll mit Opfern bezahlt, und jeder Charakter in seiner ganzen Tiefe und Breite ausgelotet? (Anja Lechtonen wurde in Ortau mit ihrem Geliebten in den Karzer abgeführt; zwanzig Minuten lang bat der Junge den Wachtposten erbärmlich flennend um Gnade -- und am Ende des Weges war Anjas Liebe gestorben.)
Die einen verdingten sich als Bettgenossinnen der Pridurki, um zu überleben, andere aber entschieden sich für die "Allgemeinen" und gingen -- um der Liebe willen -- zugrunde.
Zum Staunen sogar der Aufseher fanden sich auch recht betagte Frauen in solche Affären verstrickt: Wie hätte man ihr draußen so etwas ansehen können? Aber nicht die Leidenschaft suchten diese Frauen, sie wollten bloß ihr Bedürfnis stillen, sich um jemanden zu kümmern, jemanden zu umsorgen, sich den Bissen vom eigenen Mund für einen anderen abzusparen, für einen andern zu waschen und zu flicken. Der gemeinsame Eßnapf war ihnen wie ein geheiligter Ehering.
"Es geht mir nicht drum, mit ihm zu schlafen, aber wenn in der Baracke in aller Früh das Gekeife losgeht, hier um ein Stück Brot, dort um einen Lumpen, dann tut es einem wohl in diesem tierischen Leben, auch mal zu denken: Heute muß ich ihm das Hemd ausbessern, und am Abend kochen wir uns Kartoffeln", so erklärte es eine dem Doktor Subow. Aber die Kerle wollen manchmal auch mehr, da legst du dich eben hin -- und wirst prompt vom Aufseher ertappt.
So geschah es im Krankenrevier des Unsch-Lag der dort als Wäscherin arbeitenden Tante Polja; früh verwitwet, blieb sie ihr ganzes Leben allein, diente als Putzfrau in der Kirche und war nun im Lager knapp vor Ablauf ihrer Frist mit einem Mann überrascht worden. "Wie konntest du nur, Tante Polja?" staunten die Ärzte. "Bist doch immer unsere Stütze gewesen! Und jetzt schicken sie dich zu den Allgemeinen."
"Ach, ich weiß", seufzte bekümmert die Alte. "Hab mich versündigt. Im Evangelium heißt es Dirne
Doch auch bei der Bestrafung von ertappten Liebhabern war der GULAG -- wie allen seinen Geboten -- mitnichten unvoreingenommen. Falls der eine Partner zu den Pridurki gehörte, der Obrigkeit nahestand oder bei der Arbeit unersetzlich war, konnte sein Treiben jahrelang geduldet werden. Waren aber die Sünder unwichtige oder schlecht angeschriebene Seki, folgte die harte Strafe auf dem Fuß.
Im Eisenbahn-Lager in der Mongolei (wo unsere Seki 1947-50 eine Strecke bauten) wurden zwei nicht unter Bewachung stehende Sek-Mädchen dabei ertappt, wie sie ihre Freunde im Männertrupp besuchtem der Wachsoldat band sie mit Stricken an sein Pferd und schleifte sie, im Sattel sitzend, über die Steppe. Bei den wüstesten Gutsherrinnen kam derlei nicht vor. Wohl aber auf den Solowki.
Ständig verfolgt, ertappt und auseinandergerissen, konnten die Ehen der Eingeborenen scheinbar nicht von Dauer sein. Und doch sind Fälle bekannt, da die Liebenden, auch getrennt, einander nicht aus den Augen verloren und nach der Entlassung wieder zusammenfanden.
Zum Beispiel dieser Fall: Ein Arzt. B. Ja. Sch., Dozent an einer Provinzhochschule, hatte es im Lager längst aufgegeben, seine Liebschaften zu zählen, alle Krankenschwestern waren durch seine Hände gegangen und sonst noch etliche, als er in dieser Reihe der 5. begegnete und sieh, bei der 5. war die Reihe zu Ende. Als sie schwanger wurde, ließ sie sich das Kind nicht wegmachen.
B. Sch. wurde bald entlassen und hätte, da ihm keine Beschränkungen auferlegt wurden, in seine Heimatstadt fahren können. Um jedoch der 5. und dem Kind nahe zu sein, blieb er als Freiverpflichteter im Lager; nun riß aber seiner richtigen Ehefrau die Geduld, höchstpersönlich kam sie ihn abholen. B. Sch. versteckte sich in der Wohnzone hinterm Stacheldraht (unerreichbar für die Gattin!), lebte dort mit der 5. zusammen und teilte der Gattin, sooft es ging, mit, er habe sich scheiden lassen und sie möge nach Hause fahren.
Indes ist es nicht allein den Wachen und der Obrigkeit gegeben, ein Lagerehepaar zu trennen. Der Archipel ist ein derart vertracktes Land, daß dort einen Mann und eine Frau zu trennen vermag, was sie Rechtens eigentlich verbinden sollte: die Geburt eines Kindes. Einen Monat vor der Entbindung wird die Schwangere zu einem anderen Lagerpunkt expediert; ein Krankenrevier mit einer Entbindungsabteilung muß es dort geben, wo frische Stimmchen ihren Anspruch in die Welt brüllen, nicht für die Sünden der Eltern zum Sek-Dasein verurteilt zu sein. Nach der Geburt wird die Mutter in einen eigens für "Mamkas" eingerichteten nahen Lagerpunkt gebracht.
Doch halt, wir unterbrechen! Darüber sollten wir nicht hinweggehen: Hören Sie den Hohn und die Selbstverleugnung in diesem Wort: Mamka? Wir sind nicht "richtige" Mamas -- will es besagen. Die Sprache der Seki legt viel Wert darauf, alles herabzumindern, und hält unnachgiebig an jeder Art Pejorativbildung fest, wozu sich im Russischen die Nachsilbe -ka besonders eignet: Nicht Mama heißt es also, sondern Mamka, nicht einfach Krankenhaus, sondern "Bolnitschka".
Dort also, in diesem Lagerpunkt, leben und arbeiten die Mamkas, solange man sie unter Bewachung zum Stillen der neugeborenen Insulaner führt, Das Kind befindet sich zu dieser Zeit nicht mehr im Krankenhaus, sondern im "Kinderstädtchen" oder im "Babyheim" -- die Bezeichnungen variieren je nach Ort. Hat die Mutter das Kind abgestillt, darf sie es nicht mehr besuchen, es sei denn, sie bekäme "bei mustergültiger Arbeit und Führung" eine Sondergenehmigung.
An ihren früheren Haftort allerdings und zu
ihrem "Lagermann" wird die Frau in den meisten Fällen nicht zurückkehren. Und der Vater wird sein Kind, solange er im Lager ist, überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Die Kinder bleiben nach dem Abstillen noch rund ein Jahr im "Städtchen". Da sie nach den für freigeborene Kinder festgelegten Normen ernährt werden, fällt fürs dortige Personal allemal eine Kostverbesserung ab. Manche Babys können die Umstellung auf Normalkost ohne die Mutter nicht verkraften und sterben.
Die Überlebenden werden nach einem Jahr in ein gewöhnliches Kinderheim überwiesen. So verläßt also der Sohn eines Eingeborenenpaares vorerst den Archipel -- nicht ohne Aussicht, dereinst als minderjähriger Verbrecher dahin zurückzukehren: Ein Fluch liegt über vielen dieser Kinder, die mit dem ersten Atemzug ihrer kleinen Lungen einen Schluck verseuchte GULAG-Luft mitbekommen haben. Es geschehe nicht gerade oft, berichten Leute, die sich damit beschäftigt haben, daß eine Mutter nach der Entlassung ihr Kind zu sich nach Hause nimmt (die Kriminellen tun es nie).
Andere werden abgeholt: Da schickt die Mutter sogar noch vor der Entlassung irgendeine einfältige (vielleicht religiöse) Großmutter nach ihrem Kind ins Heim. Und der GULAG, sieh da, verzichtet auf die staatsgemäße Erziehung, schreibt das Geld ab, das er in die Entbindung, in den Urlaub der Mutter und den Unterhalt der Babys investiert hat -- und läßt diese seine Kinder ziehen.
In all den Jahren vor und während des Krieges, da eine Schwangerschaft die Ehepaare auseinanderriß und oft genug das Ende einer schwer errungenen, krampfhaft geheimgehaltenen, von allen Seiten bedrohten und an sich schon unbeständigen Verbindung bedeutete, bemühten sich die Frauen, keine Kinder zu bekommen.
Wieder war alles auf dem Archipel anders als draußen: Als draußen die Schwangerschaftsunterbrechung bei Strafe verboten war und es die Frauen große Mühe kostete, das Gesetz zu umgehen, zeigte sich die Lagerobrigkeit durchaus nachsichtig gegenüber den Abtreibungen, die im Krankenrevier gang und gäbe waren: Für das Lager war es besser so.
Was jeder Frau ohnedies zu entscheiden schwerfällt, erwies sich für eine Lagergefangene als um so quälender: Soll ich es austragen oder nicht? Und was geschieht danach mit dem Kind? Wenn dich das launische Lagergeschick vom geliebten Mann schwanger werden ließ, wie solltest du dich für die Abtreibung entscheiden? Aber es zur Welt bringen? Das würde jetzt die sichere Trennung bedeuten -- und ob er sich nach deinem Abtransport nicht im selben Lagerpunkt mit einer anderen einläßt?
Und das Kind -- wie wird es werden? (Kinder von ernährungsgestörten Eltern kommen oft mit Schäden zur Welt.) Und wenn du es von der Brust genommen hast und fortgeschickt wirst, um die vielen weiteren Jahre abzusitzen -- ob es in gute Hände gerät, dein Kind?
Ist doch echt, ist nicht zweitrangig, dieses lebendige Wesen, das an deiner Brust saugt. (Eine Ljalja aus Charbin brachte ihr zweites Kind nur zur Welt, damit sie ins Kinderstädtchen zurückkehren und ihr erstes Kind besuchen konnte! Und hielt es mit dem dritten genauso, um die ersten zwei zu sehen. Und verstand es, in den fünf Jahren ihrer Haft alle drei durchzubringen, fuhr dann mit ihnen gemeinsam heim.) Durch die Mutterschaft suchten die Lagerfrauen ihre Würde zu behaupten, sie, die unwiderruflich Erniedrigten, wurden für eine kurze Weile gleichsam in den Stand von freien Frauen erhoben.
Oder sie sagten sich: "Ich bin zwar eine Gefangene, aber mein Kind ist frei!" -- und wachten eifersüchtig darüber, daß ihr Kind wie ein wahrhaft freies versorgt und verpflegt wurde.
Die dritten wieder, für gewöhnlich hartgesottene Ganz- oder Halbunterweltlerinnen, betrachteten die Mutterschaft als beste Möglichkeit, sich für ein Jahr lang von der Arbeit zu drücken, vielleicht auch -- vorzeitig entlassen zu werden. Ihr Kind aber sahen sie nicht als das ihre an, wollten es auch nicht gezeigt bekommen, erkundigten sich nicht einmal, ob es lebte.
Die Mütter, die aus der Westukraine stammten, auch Russinnen bisweilen, halt einfachere Frauen, setzten alles dran, ihre Kinder unbedingt zu "taufen" (dies in den Nachkriegsjahren bereits). Ein Brustkreuz wurde entweder, sorgfältig versteckt, in einem Paket von draußen hereingeschmuggelt (die Kontrolle hätte ein derartiges konterrevolutionäres Attribut niemals durchgelassen) oder gegen Brot bei einem geschickten Lagerbastler bestellt.
Dann wurde ein Band für das Kreuz aufgetrieben, auch ein festliches Kleidchen und Häubchen genäht. Den Zucker sparte man sich von der Ration zusammen, backte aus weiß Gott was einen winzigen Kuchen und lud die allernächsten Freundinnen zur Feier ein. Immer fand sich eine Frau, die ein Gebet vorsprach (irgendeines, egal), das Kind wurde in warmes Wasser getaucht und bekreuzigt, worauf die strahlende Mutter die Festgäste zu Tisch bat.
Manchmal gab es für Mamkas mit Säuglingen (aber natürlich nicht für Achtundfünfzigerinnen) Teilamnestien oder einfach Verfügungen über eine vorzeitige Entlassung. Meist fielen kleine Diebinnen und "Halbbunte" darunter, die dieses Privileg vorweg ja schon ins Auge gefaßt hatten. Sobald eine solche Mamka im nächsten Bezirkszentrum ihre Papiere samt Fahrkarte in Empfang genommen hatte, ließ sie -- wie oft geschah das! -- ihr Kind, das sie nun zu nichts mehr gebrauchen konnte, auf einer Bahnhofsbank oder vor dem erstbesten Hauseingang liegen.
1954 mußte ich auf dem Bahnhof von Taschkent eine Nacht neben einer Gruppe von Seki verbringen, die, aufgrund irgendeiner Sonderorder entlassen, aus dem Lager nach Hause fuhren. Es waren ihrer etwa drei Dutzend in der mit Beschlag belegten Ecke des Wartesaals. Sie gebärdeten sich nach Ganovenart lärmend und ungeniert, wie echte Kinder des GULAG, die sich kein X für ein U vormachen ließen und für die Freien ringsum nur Verachtung übrig hatten.
Die Männer spielten Karten, die Mamkas unterhielten sich lautstark über irgend etwas -- da sprang plötzlich eine wie besessen auf, wollte die anderen überbrüllen, packte ihr Kind an den Beinen und knallte es mit dem Kopf auf den Steinboden. Der ganze "freie" Saal schrie entsetzt auf: Eine Mutter! War's möglich -- eine Mutter?!
Sie begriffen nicht, daß es keine Mutter, sondern eine Mamka war. Alles bisher Gesagte bezieht sich auf die gemeinsamen Lager, wie sie von den ersten Jahren der Revolution bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs üblich waren. Als jedoch der "Lehrer und Gründer" (Stalin) glücklich aus den Trümmern des Krieges emporstieg, den er beinahe verloren hätte, schickte er sich an, über das Wohl seiner Untertanen nachzusinnen.
Da er seine Gedanken nun dem Ordnen ihres Lebens widmen konnte, erfand er eine Menge Nützliches, gar Sittliches, und darunter -- die Trennung von männlichem und weiblichem Geschlecht: fürs erste in den Schulen und Lagern (und wollte sich später vielleicht das ganze freie Draußen vorknöpfen, hatten ja die Chinesen schon breitere Erfahrung damit).
So begann auf dem Archipel im Jahre 1946 das 1948 vollendete große Werk der lückenlosen Geschlechtertrennung. Männlein und Weiblein kamen auf verschiedene Inseln; wo aber eine Insel nicht zu teilen war, schob sich der erprobte Freund, der Stacheldraht, zwischen die Männer- und Frauenzone.
Doch wie so viele andere wissenschaftlich vorweggenommene und wissenschaftlich durchdachte Aktionen, zog diese Maßnahme unerwartete und sogar entgegengesetzte Folgen nach sich.
Mit der Abtrennung der Frauen verschlechterte sich jäh ihre allgemeine Arbeitslage. Früher, in den gemischten Lagerpunkten. arbeiteten viele Frauen als Wäscherinnen, Sanitäterinnen, Köchinnen, Magazinverwalterinnen oder Rechnungsführerinnen; diesen Posten hieß es nun ade sagen, in den Frauenlagerpunkten aber gab es der warmen Plätzchen nicht genug und der Anwärter immer zu viele,
Also jagte man die Frauen zu den "Allgemeinen" hinaus, in reine Frauenbrigaden zusammengefaßt, was ihnen das Arbeiten besonders schwer machte. Jetzt war es zur Frage des Überlebens geworden, ob es einer gelang, sich zumindest für eine Weile vor den "Allgemeinen" zu retten. Jetzt waren die Frauen darauf erpicht, schwanger zu werden, von jeder flüchtigen Begegnung, von jeder Zärtlichkeit erhofften sie sich das gewünschte Resultat.
Die Schwangerschaft bedeutete nicht mehr wie früher den Abschied vom Ehemann, alles Abschiednehmen lag seit dem weisen Ukas über die Geschlechtertrennung bereits hinter ihnen. Die Folge war, daß sich die Zahl der in den Babyheimen abgelieferten Kinder in einem Jahr verdoppelte (Unsch-Lag 1948: 300 statt 150), obwohl die Zahl der einsitzenden Frauen unverändert blieb.
"Wie willst du deine Tochter nennen?" -- "Olympiade. Bin bei der Olympiade des Laienschaffens schwanger geworden." Noch blieb ja die Kulturarbeit im alten Trott, all diese Olympiaden. die Besuche von männlichen "Kulturbrigaden" in Frauenlagern, die gemeinsamen Stoßarbeitertreffen. Auch gemeinsame Krankenreviere waren erhalten geblieben und dienten jetzt ebenfalls als Liebesnester.
Man erfährt, daß im Solikamsker Lager 1946 der Drahtzaun zwischen den Zonen nur einreihig, recht schütter gezogen war und keine Feuerdeckung hatte. Also drängten sich die unersättlichen Insulaner von beiden Seiten an den Stacheldraht heran, die Frauen hockten sich wie zum Bodenschrubben nieder, und die Männer gelangten, ohne den Trennungsstrich zu überschreiten, an ihr Ziel. Wo es vor der Trennung ein festes Zusammenleben, Lagerehen und sogar Liebe gab, da trat nun unverhüllte Unzucht an ihre Stelle.
Die Obrigkeit schlief selbstverständlieb nicht und machte sich stehenden Fußes daran, die wissenschaftlich vorausgesagte Entwicklung ins rechte Lot zu rücken. "Vorzonen" wurden beiderseits des Stacheldrahtes angelegt, bald aber als unzureichend befunden und zwei Meter hohe Zäune statt des Drahts aufgerichtet, mit ebensolchen Vorzonen zur Linken und zur Rechten.
In Kengir half auch eine Mauer nichts: Die Brautjäger sprangen drüber. Da setzten die Natschalniks für die Sonntage Freischichten an -- und zwangen die Leute, die Mauer auf vier Meter zu erhöhen. Doch welch ein Hohn: Die Seki gingen tatsächlich mit Freuden zum Mauerbau! Konnte man doch vor dem Abschied wen kennenlernen von der anderen Seite, eine Weile plaudern und sich miteinander übers Briefeschreiben absprechen.
Später wurde die Trennmauer im Kengir-Lager bis zu fünf Meter Höhe ausgebaut und oberhalb der fünf Meter auch noch Stacheldraht gezogen. Danach Hochspannungsstrom durch den Draht geleitet (ließ sich nicht leicht unterkriegen, der verfluchte Gott Amor!). Schließlich Wachttürme an beiden Enden aufgestellt. Ein in der Geschichte des ganzen Archipels besonderes Schicksal sollte die Mauer von Kengir erfahren. In anderen Sonderlagern wurden ähnliche Bauten errichtet.
Die Mauern wuchsen -- und Gott Eros sah sich in der Falle sitzen. Aus allen anderen Sphären vertrieben, stieg er entweder allzu hoch empor -- zum platonischen Briefwechsel -- oder fiel allzu tief hinab -- in die gleichgeschlechtliche Liebe.
Liebesbriefe wurden über den Stacheldrahtverhau geworfen, im Betrieb an einem vereinbarten Versteck zurückgelassen. Verschlüsselte Adressen schrieben die Liebenden auf den Umschlag: damit der Aufseher, falls ihm ein Brief in die Finger kam, nicht erraten konnte, von wem an wen. (Aufs Briefeschreiben stand nunmehr das Lagergefängnis.)
Galja Wenediktowa erinnert sich, daß manche Bekanntschaft aus der Ferne geschlossen wurde; man schrieb Briefe, ohne einander gesehen zu haben, und nahm Abschied, ohne einander begegnet zu sein. (Wer solche Briefe geschrieben hat, kennt die verzweifelte Glückseligkeit, die sie spenden. auch ihre Hoffnungslosigkeit, auch die Blindheit der Schreibenden.)
Im selben Kengir saßen Litauerinnen, die über die Mauer hinweg einen ihnen unbekannten Landsmann "heirateten": Der Pfarrer (gleich ihnen in der Lagerjoppe, gleich ihnen ein Sträfling) legte schriftliches Zeugnis ab, daß sich der und die für ewig vor Gott miteinander verbunden hatten.
Die Frauen selber (und die sie behandelnden
Ärzte in den getrennten Wohnzonen) bestätigten, daß sie an der Trennung schwerer litten als die Männer. Sie waren auf besondere Art erregt und nervös. Schnell kam es zu lesbischen Beziehungen. Die Zarten und sehr Jungen wandelten mit eingefallenen Wangen und schwarzen Ringen unter den Augen umher. Robuster gebaute Frauen wurden zu "Männern".
So hart die Aufseher gegen solche Paare auch vorgingen, man fand sie wieder und wieder im selben Bett. Jetzt wurden diese "Ehepaare" auseinandergerissen, an andere Orte gebracht. Verzweifelte Tragödien spielten sich ab; manch eine warf sich in den Stacheldraht, den Kugeln der Wachen entgegen.
In der Karaganda-Abteilung des Spe-Lag, wo ausschließlich Achtundfünfzigerinnen versammelt waren, warteten viele, so erzählt N. W., mit Herzklopfen auf die Vorladung zum "Gevatter". Nicht Angst oder Haß zog ihnen vor dem schändlichen politischen Verhör das Herz zusammen, sondern die Erwartung: einem Mann gegenüberzustehen, der sich mit ihr allein in seinem Zimmer einsperren wird. Die abgesonderten Frauenlager hatten die unveränderte Last der "Allgemeinen" zu tragen. Zwar wurde das Holzfällen 1951 für Frauen offiziell verboten (wohl kaum deswegen, weil die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts angebrochen war). Aber es kamen die Lagerpunkte der Männer im Unsch-Lag beispielsweise mit dem Plan nicht zu Rande. Also suchte und fand man Mittel, um die Männer anzuspornen. um die Eingeborenen dazu zu bringen, daß sie sich mit ihrer Arbeit erkauften, was jedem freien Lebewesen auf Erden kostenlos zuteil wird. Es wurden nun auch die Frauen in den Holzschlag getrieben und gemeinsam mit den Männern von ein und derselben Mannschaft bewacht; nur eine ausgetretene Skispur lag zwischen ihnen. Das gemeinsam geschlagene Holz wurde später dem Lagerpunkt der Männer zugeschrieben, aber die Norm galt für Männer und Frauen in gleicher Weise. Der Natschalnik mit zwei Streifen auf den Achserstücken nahm kein Blatt vor den Mund: "Wenn du mit deinen Weibern die Norm erfüllst", sprach er zu Ljuba Berjosina, einer "Meisterin des Waldes", "schicke ich dir den Belenki in die Kabine!"
Aber auch die Arbeitsleute, die kräftigeren unter ihnen und besonders die zahlungsfähigen Produktions-Pridurki, bestachen die Wachen (die mit ihrem Lohn ja auch keine großen Sprünge machen konnten) und schlichen sich für anderthalb Stunden -- bis zur Ablösung des Bestochenen -- in die Frauenkolonne ein. Da hatte man im verschneiten frostigen Wald während dieser anderthalb Stunden zu wählen, anzubändeln (falls kein Briefwechsel vorausgegangen war), einen Platz zu finden, sich zu lieben.
Doch wozu an all dies sich erinnern? Wozu die Wunden aufrühren bei jenen, die dazumal in Moskau oder außerhalb in einem Sommerhäuschen lebten, Zeitungsartikel schrieben, zündende Reden hielten, Kur- und Auslandsreisen unternahmen?
Wozu sieh daran erinnern, wenn es auch heute noch so ist? Darf doch nur beschrieben werden. was sich "niemals wiederholen" wird ... Im nächsten Heft
Ex-Kapitalist Frenkel, der Schöpfer der sowjetischen Zwangsarbeit -- Das erste Projekt der Sträflingsarmeen: der Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals.

DER SPIEGEL 44/1974
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