16.09.1974

MOCAMBIQUE„Galo, Galo“

Bei ihrer Revolte gegen die Unabhängigkeit von Moçambique hofften die Weißen auf Hilfe der Armee. Doch die Soldaten befolgten die Befehle aus Lissabon.
Der Redner auf dem Balkon des Café Capri in Beira sprach mit stockender Stimme: "Unsere Brüder in Lourenço Marques mußten den Rundfunk aufgeben. In der Hauptstadt rast der Mob. Geht jetzt heim und seid bereit, eure Häuser zu verteidigen!"
Ein letztes Mal hallte Portugals Nationalhymne über den in "Praça Moçambique Libre" umbenannten Markt von Beira. Tina Silva, eine 14jährige Schülerin, die drei Tage und Nächte lang mit einer portugiesischen Fahne herumgelaufen und zu einer lokalen Heldin aufgestiegen war, schluchzte hemmungslos. Der aus Rhodesien nach Hause geeilte Bergmann Jorge Teixeira reckte beschwörend die Fäuste in den Himmel. Viele in der mehrtausendköpfigen Menge weinten.
Die Demonstranten, zu gut vier Fünftel Weiße, riefen noch einmal: "Es lebe das freie Moçambique!" Dann liefen sie langsam auseinander.
Das war am vorigen Dienstag gegen 15 Uhr. In Portugals Ostafrika-Kolonie Moçambique brach der Versuch weißer Siedler zusammen, den Gang der Geschichte aufzuhalten. Rund 200 000 im Lande verbliebene Portugiesen und die wenigen zu ihnen stehenden Assimilados hatten erkannt, daß niemand in der Welt bereit war, sich aktiv für sie einzusetzen.
Die weißen Nachbarn in Südafrika und Rhodesien, mit deren Unterstützung die Moçambique-Portugiesen gerechnet hatten, griffen nicht ein. Die Hoffnung auf Koexistenz mit den bald in Moçambique herrschenden Schwarzen der Frelimo war den Regierungen in Pretoria und Salisbury wichtiger als jede Hilfsaktion für die weißen Brüder.
Und auch Portugals 60 000-Mann-Armee in Moçambique schlug sich nicht -- wie erhofft -- auf die Seite der weißen Rebellen, sondern befolgte peinlich genau die Befehle Lissabons, das seine Kolonie praktisch der Frelimo übergeben hat. Es half nichts, daß Demonstranten immer wieder die Soldaten beschworen: "Reiht euch ein, steht zu uns!" Es nützte nichts, daß die verzweifelten Weißen schließlich die Armee beleidigten: "Gegen die Frelimo zu kämpfen, wart ihr zu feige. Aber gegen Frauen und Kinder geht ihr vor!"
Die Armee errichtete Straßensperren und hinderte Sympathisanten aus den nördlichen Städten daran, sich mit den Rebellen in Beira zu vereinen. Und als sie schließlich den Rundfunksender von Lourenço Marques besetzte, war der Rebellion endgültig das Rückgrat gebrochen. "Seite an Seite mit der portugiesischen Armee", konnte Frelimo-Chef Samora Machel aus Daresssalam verkünden, werde Frelimo die Revolte niederschlagen und die "Bande von Banditen, Rowdies und Reaktionären ... unschädlich machen".
Die Rebellion hatte am vorletzten Samstag begonnen. Kaum hatten sich Portugals Regierung und die Frelimo in der Sambia-Hauptstadt Lusaka darauf geeinigt, Moçambique am 25. Juni 1975 unter Frelimo-Führung die Unabhängigkeit zu gewähren, da übernahmen Gruppen von Weißen den "Radio Clube de Moçambique" in Lourenço Marques. Der Sender -- bis dahin wie alle Massenmedien in Moçambique stramm auf Regierungs- und damit auf Pro-Frelimo-Kurs -- rief nun zum Widerstand gegen das Lusaka-Abkommen auf. Alle Bürger sollten sich einer "Bewegung für ein freies Moçambique" anschließen.
In mehreren Städten rotteten sich daraufhin die Weißen unter portugiesischen Fahnen zusammen. "Warum mußte Außenminister Mario Soares, der nie in Moçambique war, über unser Schicksal entscheiden?" erregte sich auf dem Markt von Beira der angesehene Anwalt Dr. Lúcio Sigalho. "Warum wurde in Algier, Daressalam und Lusaka verhandelt? Weshalb wurde niemand von uns gehört?"
Der Rundfunk spielte Portugals Hymne und sendete verschlüsselte Botschaften an "Papagei", "Löwe" und "Eule". Eine Mutter forderte ihre Söhne bei den Fallschirmjägern auf, sich der Bewegung anzuschließen. Sprecher der Rebellen riefen Landsleute sowie "Freunde" in Südafrika und Rhodesien zu Hilfe. Der Rundfunk spielte aber auch "Grândola, vila morena", das Lied der portugiesischen April-Revolution, und ließ Redner zu Wort kommen, die für eine Regierung mit Frelimo-Beteiligung eintraten.
In Lourenço Marques preschte indessen ein schwerer Kipplaster mit jubelnden Jugendlichen durch das Gefängnistor. Die Rebellen befreiten ehemalige Agenten der gefürchteten Geheimpolizei DOS, aber auch Carlos Ginger Joe" Rocha, einen der bekanntesten Berufsverbrecher des südlichen Afrika, der in Moçambique eine 19-Jahre-Strafe absitzen sollte. Eine wütende Menge setzte die Autos der Zeitung "Noticias" in Brand und versuchte, die von Fallschirmjägern geschützte Redaktion zu stürmen. Durch die berstenden Fenster hagelten Wurfgeschosse auf die belagerten Redakteure.
*Ein Autofahrer wird auf Waffen durchsucht,
Die Proteste in Beira dagegen verliefen zunächst friedlich. Frauen schritten in Jeanne-d'Arc-Haltung mit portugiesischen Fahnen durch die Straßen. Auto-Konvois veranstalteten Hupkonzerte. Dauerdemonstranten auf dem Markt wärmten sich nachts an Lagerfeuern und bei Tee und Kognak" den Anwohner kredenzten.
Streik war allerdings Muß. Als die deutsche Handelsfirma Garlipp & Bene am Montagmorgen das Geschäft öffnete, drohte ein Anrufer: "In drei Minuten ist der Laden dicht, oder er fliegt in die Luft." Es bestand Anlaß, die Drohung ernst zu nehmen.
Denn um neun Uhr explodierten Handgranaten in Beira. Demonstranten warfen sie auf Militär- und Bereitschaftspolizei, die den Marktplatz unter Einsatz von Knüppeln und Tränengas räumen wollten. Ein schwarzer und ein weißer Militärpolizist starben an ihren Verletzungen. Das Hospital nahm acht Zivilisten auf,
"Wir mußten den Platz räumen", erklärte Beiras Militärpolizei-Chef Pinto Pereira die Aktion: Cara Alegre ("Schmunzelgesicht") Tembe, der Frelimo-Kommandant der Gegend. habe ihn wissen lassen, daß sonst er mit seinen Truppen kommen würde.
Zwei Tage vor Beiras "blutigem Montag" hatte Pereira noch Tembes Sicherheit auf einer Kundgebung in Dondo, 30 Kilometer westlich von Beira, garantiert. "Die Zusammenarbeit mit Frelimo", so der Militärpolizist, "klappt gut." Aber die Guerillas seien noch immer sehr mißtrauisch. In Dondo wollten sie mit Waffen auftreten, während die Militärpolizei unbewaffnet erscheinen sollte. Schließlich einigte man sieh darauf, daß jede Seite 40 Bewaffnete mitbrachte.
Die schwarzen Frelimo-Kämpfer beherrschen einstweilen nur das Hinterland um Beira. In der Stadt selbst prangte vorige Woche noch an der Friedhofsmauer die Inschrift: "Für Samora Machel und seine Bande." Nur schüchtern raunen schwarze Passanten ausländischen Journalisten zu: "Wir wollen Frelimo." Die "Kirche Christi in Moçambique", eine afrikanische Protestantenkirche. bat den SPIEGEL-Redakteur Hans Hielscher, der Welt mitzuteilen, daß sie für den Lusaka-Vertrag und Frelimo sei. Offen mochten sie das in Beira noch nicht verkünden.
Und doch herrschten auch unter Bei" ras Weißen Angst und Panik. Denn im Süden hatten nach dem Zusammenbruch der weißen Revolte gefährlichere Schwarze die Macht übernommen als die disziplinierten Frelimo-Kämpfer -- der Mob. SPIEGEL-Korrespondent Paul Schumacher brauchte am Dienstagabend für die 130 Kilometer von der südafrikanischen Grenze bis Lourenço Marques viereinhalb Stunden. Er sah Dutzende von umgestürzten und ausgebrannten Autos. Mit Stöcken, Äxten und Steinen bewaffnete Afrikaner kontrollierten an Straßensperren den Verkehr und raubten Gepäckstücke.
Nach Südafrika flutende Flüchtlinge berichteten von Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden. In Matola brannten zweistöckige Gebäude. Lourengo Marques, vornehmes Polana-Hotel glich einem Flüchtlingslager. Viele Weiße aus der von der Außenwelt praktisch abgeschnittenen Hauptstadt hatten sieh dort einquartiert, weil die Armee das Gebäude notfalls mit Waffengewalt verteidigen wollte.
Frelimo-Sprecher versuchten seit Dienstag abend über den Rundfunk, die Massen zu disziplinieren -- mit Aufrufen und verschlüsselten Botschaften wie: "Gab, Gab (Hahn, Hahn). Die Dämmerung ist angebrochen!" Am Donnerstag beruhigte sich die Lage. Dennoch kündigte Portugals Militärführung eine Verstärkung der Sicherheitskräfte an -- mit der Armee sollen künftig in Lourenço Marques auch Frelimo-Truppen patrouillieren.

DER SPIEGEL 38/1974
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