16.09.1974

BÜCHERAllzu kluges Kind

Gabriele Wohmann: „Paulinchen war allein zu Haus“. Luchterhand; 236 Seiten; 24 Mark.
Na, endlich kriegen mal die Spießer neuer Form ihr Fett: die fortschrittlichen Eltern, die den Kindern Kommunikation und Diskussion und Praxis nach den Vorschriften der Psychologen aufbrummen, die Antiprüden, die niemals die Badezimmertür abschließen, aus Prinzip, die Wohnbewußten, die mit hochwertiger Kargheit prunken, aber, zum Kontrast, auch mit belustigendem Kitsch.
Gabriele Wohmann hat hier also ein modernes Schreckenspaar am Wickel, Kurt und Christa, seit 16 Jahren verheiratet, Beide schreiben, beide, wie es scheint, mit viel Erfolg: Bücher, Rundfunksendungen, Zeitungsbeiträge. Kinder wollten sie nicht, dann haben sie aber doch die jäh verwaiste Paula adoptiert, der sie nun mit ihren unermüdlich hergebeteten Erziehungsgrundsätzen, mit ihrer aufdringlichen Toleranz, eigentlich mit allen Lebensäußerungen böse zusetzen.
Frau Wohmann sieht und hört scharf hin, das tut sie immer. Für diesmal hat sie aber nun ihr Wahrnehmungsvermögen, ihre Reizbarkeit und ihre bessere Einsicht auf ein achtjähriges Mädchen übertragen, auf ein dann doch allzu kluges Kind. Paulinchen macht, für sich, sehr geistreiche und tiefe Anmerkungen zur Natur des Leidens und des Glücks, kommt beim Vergleich des Denkens mit dem Schreiben auf bedeutsame und feine Unterschiede. Als Lektüre bevorzugt sie Kindergeschichten von Gabriele Wohmann.
Das überkluge Kind hegt viele Ängste und Hoffnungen, die nicht in den Fachbüchern stehen, die Kurt und Christa so heilig sind. Die dort vielleicht auch deswegen nicht stehen, weil sie von der Autorin ein bißchen sehr polemisch hergerichtet worden sind. Sie dienen hier ja dazu, die fesche Verstocktheit der Eltern, ihren Gesinnungsschick, noch rigoroser bloßzustellen. Da tritt Frau Wohmann überhaupt beträchtlich auf der Stelle. Die öde Lehrbuch-Weisheit des Paares und seine affige Heimkultur werden immer noch einmal sarkastisch angegangen. So läßt sich mit Geduld aus einem amüsanten Sittenbild ein zäher Roman gewinnen. C. R.

DER SPIEGEL 38/1974
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