04.11.1974

SPD/MÜNCHENZweimal klingeln

Bei den Wahlen in Bayern verlor die SPD ihre stolze Hochburg München. Der katastrophale Verfall ist Folge eines endlosen wie erbitterten Genossenzanks.
Am Tag danach war der "rote Rudi", Münchens SPD-Vorsitzender Rudolf Schöfberger, 39, nicht mehr zu erreichen -- es sei denn mit einem Trick, den nur seine engste Genossenschaft kennt: Das Telephon zweimal klingeln lassen, einhängen, kurze Pause, dann noch mal wählen.
Am fernen Rhein war der Münchner Klüngel-Trick nicht geläufig. Als der SPD-Vorsitzende Willy Brandt den Kollegen von der Isar fernsprechen wollte, mußten erst eingeweihte Genossen vermitteln. Eile war geboten: Brandt untersagte den für Dienstag nach der bayrischen Landtagswahl anberaumten Parteitag der Münchner SPD und kündigte an, in Kürze in Schöfbergers Unterbezirk persönlich einzugreifen.
Die Visite des Ex-Kanzlers gilt einer Parteiniederung, der es am Wahlsonntag rund 120 000 (Erst- und Zweit-) Stimmen verschlagen hat und die nun zu dem geworden ist, was manche Münchner Genossen bewußt in Kauf genommen, wenn nicht sogar herbeigesehnt hatten -- eine radikale Minderheit.
München galt mindestens seit Kriegsende als uneinnehmbare Domäne der Sozialdemokraten. Nicht einmal dem legendären CSU-Führer Dr. Josef ("Ochsensepp") Müller, der Ende der fünfziger Jahre als OB-Kandidat "antrat, war es gelungen, das rote München anzuschwärzen -- nun gingen auf einen Schlag alle elf Direktmandate an die CSU verloren.
In der Weltstadt mit Herz, wo sich die Leute in den Biergärten ohne Ansehen des Standes mit "Herr Nachbar" anreden und die Kunstmaler in Schwabing wie die Gemüsehändler in der Au nahezu unbeirrbar die SPD wählten, liefen nun in manchen Vierteln ein Drittel der Kleinsiedler und Arbeiter weg.
In der heimlichen Hauptstadt, wo sich die CSU manchmal mit einem Fünftel der Stimmen begnügen mußte und über die erfolgreiche Konkurrenz stöhnte: "Die können einen Besenstiel aufstellen, dann wird auch der noch gewählt" -- da unterlagen nun prominente Sozialdemokraten wie der frühere Landeschef Volkmar Gabert oder der Münchner DGB-Chef Alois Mittermüller.
Die Wende ist Folge und Ausdruck einer jahrelangen Zerrüttung der Münchner Partei, wo der Streit um reine Lehre oder praktische Politik, marxistische Rigorismen oder reale Reformen, Volkspartei oder Klassenpartei die Organisation zerklüftete und die Genossen entzweite. Und manche Sozialdemokraten waren nicht mehr gemeinsam in einen Saal, geschweige denn an einen Tisch zu kriegen. Andere * Beim Schminken am Wahltag vor den Fernsehkameras.
blieben ganz aus. Eine Genossin legte Amt, Mandat und Mitgliedschaft nieder: "Der Ton wurde immer verletzender", der "Haß gegen Andersdenkende immer größer".
Und der Mann, der alles wieder kitten, die Eintracht wieder herstellen und den Haß beseitigen wollte, erwies Stärke, die keine Hilfe war: Dr. Hans-Jochen Vogel, der vom Münchner OB zum Bonner Justizminister avancierte, steigerte eher die Zwietracht, schürte den Haß -- und darüber kam die Partei noch mehr zu Schanden, die in den sechziger Jahren durch absolute Mehrheiten verwöhnt worden war.
Damals sangen im Unterbezirk München die Genossen in den Sektionsversammlungen bei Bier und Brezeln noch einträchtig: "Brüder zur Sonne, zur Freiheit ..." Der Parteinachwuchs, von SPD-Nestor Wilhelm Hoegner als "vorlaute Greenhorns" und "junge Dachse" in Schach gehalten, machte in Wahlkämpfen öffentlich Klimmzüge in bunten SPD-Trikots (so der jetzt als Münchner Direktkandidat durchgefallene Hans Kolo) oder schwamm mit korporierten CSU-Studenten um die Wette (so der inzwischen abtrünnig gewordene Ex-Juso-Chef Günther Müller).
In den mit Traditionsemblemen geschmückten SPD-Wirtshäusern machte sich die behäbige Lebensart einer königlich-bayrischen Sozialdemokratie breit. Am Ende verschwendete das verspießerte Münchner SPD-Bürgertum ganze Partei-Abende auf die Frage, ob denn das genossenschaftliche "Du" überhaupt noch zeitgemäß sei.
Selbst ein parteiamtlicher Kommissionsbericht registrierte in den sechziger Jahren den "faden Beigeschmack" der Versammlungsreden und den "liebgewordenen, bequemen Trott" bei den Sektionstreffen. Vergeblich versuchte der damalige Landesvorsitzende Waldemar von Knoeringen, der oft in Utopien schwelgende "rote Baron", den müden Haufen durch eine Kampagne zur "Mobilisierung der Demokratie" aufzuscheuchen.
Wie gerufen kam da der träge gewordenen Partei eine schier weltweite Rebellion der Jugend, die sich zwischen Berkeley und Prag puristisch und theoriebesessen gegen Hunger, Krieg und Knechtschaft zu erheben schien. Bereitwillig öffnete sich die Münchner SPD diesem Zeitgeist, der sich in Gestalt von lärmenden Demonstrations-Zügen durch die Straßen wälzte.
Insbesondere die "Greenhorns", die sich bald von den Alten in ihrer Karriere behindert wähnten, verbündeten sich mit dem lauten Jungvolk. Der jetzt gescheiterte Kandidat Kolo etwa wetterte zusammen mit seinen neuen Freunden in einem 1968 zunächst geheimgehaltenen Juso-Manifest, das in dem bayrischen Bergwerksort Hausham entstand, gegen die eigene Partei, die sich "beseelt von dem Wunsche, beim Spießbürger salonfähig zu werden, immer mehr der vorherrschenden Bewußtseinslage angepaßt" habe.
Das falsche Bewußtsein und die brave Behäbigkeit in der Partei wurden nun von tatendurstigen, oft akademisch gebildeten Neulingen traktiert, die ihr Vokabular bei Vietnam-Protesten und Hochschul-Krawallen scharfgemacht hatten. Die Diskussionen in den Sektionsversammlungen pflegten sich nun bis weit nach Mitternacht hinzuziehen. Jede Rücksicht auf Arbeiter und Berufstätige wurde zynisch abgetan als "Werkbankfetischismus", so der damalige Münchner Juso-Chef Siegmar Geiselberger. Die Senioren, die zur Disziplin ermahnten, wurden als "alte Deppen" beschimpft. Der damalige Juso-Landeschef Rudolf Schöfberger proklamierte gelassen das Ende einer Ära: "Die Altgenossen müssen lernen, daß es nun nicht mehr so gemütlich ist."
Dann kam er, der Doktor, der Einserjurist, der nach dem Urteil seiner Mutter "schon in der Wiege ausgesehen hat wie ein Professor", der Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der sich als Trambahnpassagier mit der alten, abgewetzten Aktentasche und durch regelmäßiges Bieranzapfen auf dem Oktoberfest soviel Publikumsgunst erworben hatte, daß er bei Kommunalwahlen bis zu 80 Prozent der Stimmen einheimsen konnte, 30 Punkte mehr als seine Partei, die SPD.
Der als "Karajan der Kommunalpolitiker" hochgelobte Vogel, der seine Stadträte im neugotischen Rathaus am Münchner Marienplatz mit einer Glocke (Aufschrift: "Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht") zu dirigieren pflegte, wollte nun auch die Partei disziplinieren, die vor allem in ihren kommunalpolitischen Beschlüssen immer mehr aus dem rechten Ruder lief.
Doch noch mehr als die neuen Linken in der Partei spalteten die Disziplinierungsversuche des Oberbürgermeisters die Partei in zwei Lager. Die alten, besonnenen, rechten Genossen scharten sich um den Münchner DGB-Vorsitzenden und Stadtrat Ludwig Koch, der unter den Nazis jahrelang im Zuchthaus gesessen hatte und der nun "mit Unbehagen das schon ins Krankhafte gesteigerte Hetzspiel junger Genossen und Genossinnen" beobachtete.
Die tatendurstigen Jungen brüteten in einem abgelegenen Keller-Klub namens "Wahrer Jakob" über radikalen Thesen wie die Kommunalisierung von Grund und Boden und die Sozialisierung der medizinischen Versorgung. Vogel, der die Theorieflut aus dem Juso-Keller als "maßlose Programme" abtat, die allenfalls zum "finanziellen Ruin der Stadt" führen könnten, wurde von den Jakobinern als "Statthalter der Kapitalherrschaft", als "Zampano maxismus urbi et orbi" und schließlich sogar als ein Drache "Dra Dra" beschimpft, dessen physische Vernichtung in einem Theaterstück in den Städtischen Kammerspielen vorgeführt werden sollte.
Zampano Vogel suchte nun die Entscheidung in der Partei. Unterstützt von Senior Ludwig Koch und Alt-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner, der mit Pathos seinen Schüler verteidigte ("Wer einem solchen Mann Prügel zwischen die Beine wirft, wer ihn verkrüppeln und abwürgen will, der begeht ein politisches Verbrechen an der Partei"), belastete Vogel den linken Münchner Parteivorstand mit dem unerhörten Vorwurf, der habe "den Rechtsstaat ins Zwielicht" gebracht.
Auf einem Sonderparteitag der Münchner SPD im Hofbräuhaus statuierte Vogel ein in der lokalen Parteigeschichte einmaliges Exempel. Er stürzte den gesamten Unterbezirksvorstand per Mißtrauensantrag.
Doch die Entscheidung hielt nur ein Jahr. Dann hatte der frühere Juso-Chef Rudolf Schöfberger den Vorsitz für die Linken zurückerobert. Der rundliche Rechtsanwalt, der gern lange schläft, in der Badewanne Zeitung liest und dem Tabakschnupfen frönt, hatte die Basis gegen Vogel mobilisiert: "Wir brauchen keinen zweiten Franz Josef, wir werden keinen zweiten Franz Josef haben."
Seinen gescheiterten Favoriten für den Münchner Parteivorsitz, den Agrarexperten Georg Kronawitter, hatte Vogel schon vorher als neuen Oberbürgermeister lanciert. Damit hatten sich die zerstrittenen Flügel geradezu institutionalisiert: Der "Wahre Jakob" hauste nun in der Parteizentrale am Oberanger, und die Vogel-Freunde nisteten im Rathaus.
Verwundert betrachteten erfahrene Genossen aus der Ferne die Münchner Szene. Willy Brandt urteilte milde und achselzuckend: "In Bayern gehen die Uhren anders." Herbert Wehner urteilte über den Vogel-Kurs schärfer: "Er hat gesagt, warum er das macht; der will was werden."
Vogel ("I wuil nix werd'n") wurde SPD-Landesvorsitzender in Bayern und Minister in Bonn. Am Ende war es dann soweit, daß Vogel-Freund und Mitglied des SPD-Landespräsidiums Willi Rothe, DGB-Chef im Freistaat, die bayrischen Gewerkschaftsmitglieder mit der Erwägung irritierte" auch ein CSU-Kandidat könne mancherorts "mehr Garant für die Durchsetzung gewerkschaftlicher Forderungen" sein als jene "selbsternannten Propheten der Arbeitnehmer". Und Partei-Ideologe Siegmar Geiselberger, der noch kurz vor der Wahl mit Enteignungsparolen Stammwähler verschreckte, war schließlich die eigene Partei auch ziemlich Wurscht: "Es ist mir scheißegal, ob die SPD die Mehrheit hat, wenn sie CSU-Politik macht."
Die Münchner Wähler hielten sich daran. Die Wahlen sind verloren -- die Münchner Schlachtordnung ist geblieben.
Die Rathaus-Rechten, die erst bei den Kommunalwahlen 1978 wieder zur Wahl stehen, forderten schon einen Tag nach der Wahl den Rücktritt des gesamten Unterbezirksvorstandes. Und die Parteilinke ist sich ihrer Basis sicherer denn je, denn "der Vogel von 1974 ist nicht mehr der von "68", SO der frühere Juso-Landeschef Klaus-Ulrich Spiegel. Selbst "alte Genossen schwingen jetzt ihre Krückstöcke" wenn sie Vogel sehen". In der Tat hat sich beispielsweise inzwischen Vogel-Freund Hoegner von seinem Schützling distanziert: "Als Widerspruch auftauchte, hat er sich festgebissen."
Konsequenterweise fordert denn auch der linke Flügel in München, wenn auch vorerst nur leise: "Die SPD hat erst dann wieder eine Chance, wenn der Vogel weg ist." Jede halbherzige Lösung, so Spiegel, wäre "eine Perpetuierung der jetzigen Scheiße".

DER SPIEGEL 45/1974
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