04.11.1974

„Der Rundschlag hat uns getroffen“

SPIEGEL: Die SPD in München hat es geschafft, sich auf Null zu bringen. Alle elf Direkt-Mandate sind bei den Landtagswahlen an die CSU gegangen. Was nun?
SCHÖFBERGER: Ich will mich nicht aus der Verantwortung stehlen. Aber der Vorwurf, daß wir dies geschafft haben, ist ungerecht. Alle haben verloren, alle bayrischen Sozialdemokraten: von Hans-Jochen Vogel bis Hans Kolo und von Hedi Westphal bis Rudi Schöfberger. Der Rundschlag hat uns getroffen. Wir haben die Konsequenzen zu ziehen.
SPIEGEL: Welche Konsequenzen?
SCHÖFBERGER: Wir müssen Grundsätze und Arbeitsprogramm der Münchner SPD überdenken. Wir haben aber keinen Kurswechsel im Sinne, wir wollen nicht abschwören. Politische Ideen und Inh alte, die weder beim Mitbürger umsetzbar, noch parlamentarisch durchsetzbar sind, nur Verwirrung stiften und Widerstände provozieren, widersprechen jedoch dem Selbstverständnis der Münchner SPD. Das soll es in Zukunft nicht mehr geben, sonst schrumpfen wir zu einer Sekte.
SPIEGEL: Sie haben die politischen Verhältnisse in München auf den Kopf gestellt. Vor vier Jahren führte Ihre Partei mit 48 Prozent gegenüber der CSU mit 38 Prozent. Nun ist es beinahe umgekehrt. Wer ist schuld?
SCHÖFBERGER: Die ganze bayrische SPD ist betroffen.
SPIEGEL: Die bayrische SPD ist hauptsächlich durch das Desaster in München betroffen. Von insgesamt rund 335 000 verlorenen (Erst- und Zweit-) Stimmen entfallen auf München rund 120 000. Das sind knapp zwei Fünftel, obschon die Landeshauptstadt nur ein Zehntel der bayrischen Wähler stellt.
SCHÖFBERGER: Ich will mich nicht etwa in anderer Leute Verlusten aalen. Aber es ist doch nicht so, daß nur wir verloren haben. Augsburg-West minus 5,0; Neu-Ulm minus 6,5; Hof-Ost minus 6,7; München-Land minus 7,1. Ich nehme an, daß der Einfluß des Münchner SPD-Vorstandes nicht unbedingt bis Hof reicht. Ich muß Versuchen vorbeugen, das ganze Desaster der bayrischen SPD den Münchner Genossen anzulasten.
SPIEGEL: Die Münchner SPD ist ein Torso. Je nach Schattierung sollen die Köpfe der jeweiligen Gegengruppe rollen. Vogel soll weg -- das wollen nach dem Debakel fast alle. Münchens Oberbürgermeister Kronawitter ist fällig -- das meint die Münchner Basis. Der Vorstand soll en bloc zurücktreten -- das fordert die SPD-Rathausfraktion. Der Vorsitzende Schöfberger ist nicht mehr tragbar -- das sagen Genossen aus der Provinz.
SCHÖFBERGER: Ja, wenn wir alle zurücktreten würden, dann wäre die bayrische SPD kopflos. Aber wir sind ja kein Schönwetter-Vorstand, der desertiert, wenn es mal dreckig hergeht. Und zum zweiten, wir wollen nicht ohne Licht weiterfahren, sondern auf dem Parteitag in drei Wochen ein Arbeitsprogramm vorlegen. Und dann werden wir die Vertrauensfrage stellen. Wenn die Mehrheit meint, wir sollen gehen, dann sagen wir: Wählt einen anderen Vorstand.
SPIEGEL: Soll auch der bayrische SPD-Chef Vogel gehen?
SCHÖFBERGER: Wir haben gerade jetzt nach dem Wahl-Sonntag nicht den politischen Stand, solche Forderungen aufzustellen. Wir sind zu sehr mit uns selbst beschäftigt, damit meine ich die Münchner SPD ...
SPIEGEL: ... deren Mitglied Vogel Ist
SCHÖFBERGER: ... so daß wir uns dem Landesvorsitzenden jetzt nicht zuwenden können. Wir werden allerdings versuchen, abermals auf Vogel einzuwirken, daß er mehr Integrationskraft zeigt als bisher. Der Ausspruch "Links von mir ist nur der Abgrund", geht in einer Volkspartei einfach nicht. die braucht auch einen linken Flügel.
SPIEGEL: Parteichef Vogel hat landauf, landab verbreitet, daß die linken Doktrinäre in der Münchner SPD die Wähler abstoßen, sogar Stammwähler, und für CSU-Strauß den Steigbügel halten. Hat Vogel doch recht gehabt?
SCHÖFBERGER: Es ist so: Unter den 15 000 Münchner Sozialdemokraten, die Reformen sehr konkreter und durchaus auch strukturverändernder Natur wollen, etwa im Bodenrecht, auf dem Wohnungsmarkt, bei der Stadtentwicklung, gibt es nur an die hundert, die mit überspitzten theoretischen Aussagen und radikalen Forderungen die Bürger verschrecken. Und diese hundert werden von konservativen Genossen immer wieder als Weißmacher benutzt. Beispiel: Jedesmal, wenn wir vor einer entscheidenden Wahl stehen, nimmt Vogel es mit dem jeweiligen Landesvorsitzenden der Jungsozialisten auf. Damit will er urbi et orbi beweisen, daß er die Jusos noch im Griff hat, ungeachtet dessen, daß auf diese Weise die Polemik des politischen Gegners gegen die SPD noch an Glaubwürdigkeit gewinnt.
SPIEGEL: Ihnen sind in hellen Scharen Stammwähler davongelaufen, darunter erkennbar viele Arbeiter.
SCHÖFBERGER: In Eigenheim-Vierteln, die zugleich Arbeiterviertel sind, das gibt es ja in München, haben wir tiefe Einbrüche hinnehmen müssen. Am Hart verloren wir 30 bis 35 Prozent. Das ist tragisch, und das gibt uns Zu denken und sollte auch den Jungsozialisten zu denken geben. Als selbsternannte Bevollmächtigte der Arbeitnehmerschaft, die nach Gutdünken Arbeitnehmerinteressen wahrnehmen, die von den Arbeitnehmern nicht als ihre Interessen erkannt werden, kommen wir nicht weiter.
SPIEGEL: Was hat die Arbeiter am meisten verschreckt? Die Theoriediskussion, die Furcht ums eigene Häuschen?
SCHÖFBERGER: Vom Zwist in der Münchner SPD ist eigentlich nur die Tatsache in den Köpfen, daß wir streiten. Worum es im einzelnen geht, kriegt kaum einer mit.
SPIEGEL: Wenn der führende Genosse und SPD-Stadtrat Geiselberger die Enteignung des Haus- und Grundbesitzes fordert, das kriegen die Münchner schon mit.
SCHÖFBERGER: Wer Geiselbergers unsinniges Bodenrechtpapier für bare Münze nimmt, müßte schon ein Selbstverleugner sein, wenn er sagt: Die wähle ich trotzdem. So werden natürlich Ängste mobilisiert. Aber eigentlich sollte es sich herumgesprochen haben, daß die braven Sozialdemokraten in ihrer 112jährigen Geschichte noch niemandem irgendein Häuschen weggenommen haben. Doch die Angst, sie könnten es im 113. tun, wird dummerweise von manchen Genossen geschürt.
SPIEGEL: In Ihrem Versuch, das Debakel zu erklären, rangiert die politische Großwetterlage ganz vorn: Arbeitslosigkeit, Inflation, Rezession. Ist der Schmidt-Bonus erschöpft?
SCHÖFBERGER: Offenbar nicht. Ich mag in Einzelfällen andere Vorstellungen haben als Bundeskanzler Schmidt, aber ich bin überzeugt, daß er in der SPD eine entscheidende motorische Kraft darstellt. Doch ist es auch dem Bundeskanzler noch nicht gelungen, Energie- und Rohstoffkrise, Geldverfall und Rezession als weltweiten Vorgang deutlich zu machen, für den nicht die Bundesregierung die Verantwortung zu übernehmen hat.
SPIEGEL: Wenn man Ihrer Analyse folgt, so flüchten die Wähler in wirtschaftlichen Krisenzeiten zur Union; fühlen sie sich da geborgener? Wäre die Einsicht, daß sich Arbeiter von der Arbeiterpartei nicht mehr ausreichend geschützt fühlen, nicht noch deprimierender als die Verlust-Prozente?
SCHÖFBERGER: Das wäre in der Tat fatal, aber das ist nicht geschehen. Denken Sie an die Rezession von 1966/67, danach gab es auch einen Umschlag im Wählerverhalten. In solchen Zeiten suchen die Bürger halt ihr Heil bei der jeweiligen Opposition.
SPIEGEL: War damals also die SPD gar nicht gemeint, sondern nur die Opposition?
SCHÖFBERGER: Mag sein.
SPIEGEL: Wie ist nach dem Rundschlag die Wählerschaft der SPD beschaffen -- Intellektuelle aus Schwabing, Facharbeiter von Krauss-Maffei, Kommunisten, die nicht DKP wählen, weil die ohne Einfluß ist, antiklerikale Protestwähler, mehr junge Leute oder mehr Rentner?
SCHÖFBERGER: Das alles können wir näher ergründen, wenn wir genauere Untersuchungen haben. Jetzt kann ich nur aus der Hüfte schießen. Ich bin der Meinung, daß diese 40,3 Prozent, die wir ja immerhin noch bekommen haben, eine treue Stammwählerschaft sind. Wer uns in dieser Situation seine Stimme gegeben hat, der hat es aus einer gewissen Festigkeit getan. Der Flugsand ist mit Sicherheit weg.
SPIEGEL: Lieber reine Lehre als unreine Mehrheit?
SCHÖFBERGER: Nein, keinesfalls. Ich bin für Mehrheitsstrategie in der SPD. Die Andreas-Hofer-Pose Brust auf und schiaßt's nur, das ist nicht meine Sache.

DER SPIEGEL 45/1974
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