02.09.1974

SÜDKOREAAltes Raubtier

Südkoreas Park Chung Hee ließ seine politischen Gegner bisher einsperren, foltern und hinrichten. Um wirtschaftliche Repressalien des Auslands zu vermeiden, entschloß er sich jetzt, den Gewaltkurs zu mildern.
Die Arme mit Stricken auf den Rücken gefesselt, so stand Kirn Chi Ha, Südkoreas bekanntester Poet, vor einem Militärgericht in Seoul. "Auch ein Sperling", wagte Kirn seinen Richtern zu sagen, "zirpt noch einmal, bevor er stirbt. Mein Vermächtnis Lautet: Nur der Sturz des Diktators Park Chung Hee kann unser Volk retten."
Kirn wurde zum Tode verurteilt, später zu lebenslänglich begnadigt, 54 weitere Angeklagte erhielten gleichfalls Todesurteile oder Gefängnisstrafen. Allesamt hatten sie gewagt, an der Amtsführung des Staatspräsidenten Park Chung Hee Kritik zu äußern -- Grund genug für die Richter, sie wegen "kommunistischer Verschwörung" abzuurteilen. Solche Prozesse sind in Südkorea an der Tagesordnung. Allein seit Beginn des Jahres ließ Park 194 Opponenten in den Kerker oder in den Tod schicken. Tausende warten -- oft unter Foltern -- noch in den Gefängnissen auf ihr Verfahren.
Die Gewaltherrschaft Parks provoziert Gegengewalt. Als am 15. August, dem Tag der Befreiung von japanischer Herrschaft, ein Attentäter mehrere Revolverschüsse auf Park abfeuerte und seine Frau unter den Kugeln starb, breitete sich lähmende Angst vor der Rache Parks aus. Ein koreanischer Park-Gegner: "Nun läßt er seiner alten Raubtier-Natur freien Lauf."
Aus Angst vor dem cholerischen Diktator überboten sich die Koreaner mit Ergebenheitsbeweisen. Premierminister Kirn Jong Pil und sein gesamtes Kabinett übernahmen die "moralische Verantwortung" für den Anschlag und reichten ihre Demissionsgesuche ein. 30 Beamte traten von ihren Posten zurück. Ein Leibwächter Parks beging Selbstmord nach dem Seppuku-Ritus (Bauchaufschlitzen und Herauspressen der Gedärme).
Doch Park tat das Unerwartete. Statt ein schreckliches Strafgericht zu halten, ließ er die Koreaner seine Milde spüren. So nahm er nur den Rücktritt des Innenministers entgegen und überraschte seine Untergebenen mit salbungsvollen Appellen an die nationale Einheit. In der vorletzten Woche hob er sogar zwei Notstandsgesetze auf, nach denen auf Systemkritik der Tod steht.
Parks jähe Milde hat gute Gründe: Die Gewalttätigkeit seines Regimes untergrub sein Ansehen im Ausland und schreckte vor allem westliche und japanische Investoren ab. Auf Geld aus dem Ausland aber ist Südkorea angewiesen, um das bis heute kontinuierliche Wirtschaftswachstum (durchschnittlicher Anstieg des Bruttosozialprodukts von 1962 bis 1973: elf Prozent) nicht zu gefährden.
Während der letzten 25 Jahre steckten allein die USA rund 11,6 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe in das Land. Private Unternehmer aus USA und Japan legten vier Milliarden Dollar in Korea an. Seouls langfristiger Wirtschaftsplan für die Zeit von 1972 bis 1981 setzt aber voraus, daß weitere zehn Milliarden Dollar an Auslandsinvestitionen ins Land strömen. Als sich neuerdings die Bosse zurückhielten, schrumpfte das Wirtschaftswachstum. In der ersten Hälfte dieses Jahres war das Bruttosozialprodukt noch um mehr als 16 Prozent gestiegen, Experten schätzen das Wachstum im zweiten Halbjahr nur noch auf knapp zwei Prozent;
Vor allem amerikanische Großbanken und die Geldhäuser Tokios halten mit Kreditzusagen an Korea spürbar zurück. So stoppte die New Yorker Chase Manhattan Bank einen 50 Millionen-Dollar-Kredit für Korea. Andere Banken erhöhten die Zinsen für Korea-Kredite um 1,5 Prozent. Damit reagierte die internationale Hochfinanz auf die Proteste von Kirchen und Organisationen wie Amnesty International gegen die Diktatur in Südkorea. Das amerikanische Repräsentantenhaus setzte zwei Unterausschüsse zur Untersuchung der Rechtssicherheit in Südkorea ein, einem Land, in dem 33 000 GIs im Namen der Freiheit starben.
Offiziell freilich mochte Washington keinen Druck auf die Koreaner ausüben. "Die Region", erklärte Außenminister Henry Kissinger, "ist strategisch und politisch so wichtig, daß wir auch weiterhin Wirtschaftshilfe gewähren, selbst wenn wir bestimmte Handlungen der Regierung Südkoreas nicht billigen können."
Während Park sich mehr als zuvor hütet, die USA weiter zu verstimmen, glaubt er vorerst gegenüber Japan mit hartem Kurs Erfolg einzuheimsen.
Tatsächlich scheint der Tod von Madame Park japanische Schuldgefühle gegenüber Korea ebenso zu beleben wie die antijapanischen Ressentiments der Koreaner. Denn der Attentäter gehört zu einer nordkoreafreundlichen Exilorganisation in Japan. Überdies feuerte er die tödlichen Schüsse aus einem japanischen Polizeirevolver ab, Grund genug, Koreaner-Empörung gegen Japan zu schüren.
Auch als Tokios Premier Tanaka selbst zur Beisetzung von Madame Park anreiste, ließen sich die Massen
* In Seoul bei der Trauerfeier für Madame Park.
nicht beschwichtigen. Hunderttausende gaben vergangene Woche Japan die Mitschuld an dem Anschlag und forderten, Japan müsse die koreanische Exilorganisation verbieten. Seouls Außenminister Kirn Dong Jo drohte gar, Südkorea werde die Beziehungen zu Tokio abbrechen.
Regierungschef Park: "Das Attentat hat die Nation geeint."

DER SPIEGEL 36/1974
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