23.09.1974

FERNSEHENKampf gegen Keller

Der ARD-„Tatort“ ist zur beliebtesten Serie im deutschen Fernsehen aufgestiegen. Die Krimireihe ist auch im Ausland gefragt.
Im Herbst 1970 hetzte die ARD acht Schnüffler auf ein Idol der Deutschen -- auf den ZDF-",Kommissar" Keller. Dieser kleine, joviale Spürhund war damals der beliebteste Serienheld im deutschen Fernsehen. Er war ein IV-Monument, das die ARD demontieren wollte. Kellers Rivalen versammelten sich am "Tatort".
42mal hat das Erste Programm seither seine Detektive zum "Tatort" geschickt: Trimmel, den Bärbeißigen von der Waterkant, Kressin, den liebestollen Bonvivant vom Kölner Zoll, Finke, den spröden Holsteiner, und Veigl, den bayerischen Schlawiner. Sie und ihre Kollegen aus Frankfurt, Saarbrücken, Stuttgart und Berlin haben inzwischen den Kampf gegen Keller gewonnen: Der "Kommissar" ist gestürzt, "Tatort" zur populärsten TV-Serie aufgerückt.
Wenn sonntags, zwölfmal jährlich, das blaue "Tatort"-Fadenkreuz aufblinkt, wenn die Jagd auf Mörder und Kidnapper, Schmuggler und Erpresser beginnt, blickt das Fernsehvolk fast vollzählig in den ersten Kanal (Rekord: 76 Prozent). Nur ein Häuflein Versprengter zeigt dann noch Interesse für Hollywood-Musicals oder "Madame Butterfly" im ZDF. Sogar zu Reprisen, freitags um Mitternacht, schalten sich rund elf Millionen "Tatort"-Fans ein.
Der Durchbruch zum Top-Hit hat auch Experten überrascht. Denn die
* Mit Gracia-Maria Kaus, Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp.
"Tatort"-Macher hatten -- gegen einschlägige Erfolgsrezepte -- auf einen Serien-Star und damit auf eine einprägsame Identifikationsfigur verzichtet. Am "Tatort" drängen sich acht Kriminalisten verschiedener ARD-Stationen (auch der raunzende Inspektor Marek vom angeschlossenen Wiener ORF), die in fest umrissenen Revier-Grenzen operieren. Bei bundesweiter Ganovenjagd leisten, als "Gastkommissare", Kollegen anderer "Tatort"-Dependancen Amtshilfe. Am kommenden Sonntag etwa (20.15 Uhr) assistiert Hamburgs Trimmel dem Stuttgarter Lutz bei der Fahndung nach "Gefährlichen Wanzen" -- einem (Mord-)Fall von Industrie-Spionage mit Mini-Abhörgeräten.
Der verwirrende "Kopf-Salat" schien den Mißerfolg vorzuprogrammieren. Prompt tadelte die Zeitschrift "Fernsehen und Film". die Serie. sei ganz "falsch konzipiert", weil "niemals jene heimelige Medien-Intimität entstehen kann, wie sie der "Kommissar' verbreitet". Vorlaut höhnte auch "Bild am Sonntag": "Die scharfen Schüsse auf Kommissar Ode gingen nach hinten los."
Sicher, etliche Rohrkrepierer waren schon dabei: Flops, mit dem flapsigen Kressin etwa, den Autor Wolfgang Menge mit dem Darsteller Sieghart Rupp für unterbesetzt hielt. Als Menge ausstieg, andere Szenaristen nur Stümperhaftes vorlegten, ließ der WDR den eitlen Bruder Leichtfuß sterben. Ein Reinfall (auf höherem Niveau) war auch die vom Publikum als "größter Käse des Jahrhunderts" verfluchte "Tote Taube in der Beethovenstraße" des amerikanischen Action-Spezialisten Samuel Fuller.
* Mit Walter Richter (l.) als Trimmel. Klaus Schwarzkopf als Finke:
Doch je lustloser der in Dienst und Image verschlissene Mainzer "Kommissar" zum Tatort schritt, desto vorteilhafter setzte sich die "Tatort"-Riege ins Bild. Realismus, Aktualität und ein Schuß Sozialkritik verschafften der Serie eigenes Profil.
Zeitnahe Sujets wie Computer-Mißbrauch, Profitgier auf Kosten von Altbau-Mietern" Flugzeug-Entführung und Umweltverschmutzung wurden in den Serien-Krimis mitunter triftig, fast immer spannend und routiniert verfilmt. Zu den "Tugenden dieser Reihe" so lobte die Fach-Korrespondenz "Kirche und Fernsehen", gehöre die "enge Verbindung zur Wirklichkeit. "Tatort" verpflichtet".
Manchmal, wie im Fall der Fußball-Korruptions-Story "Platzverweis für Trimmel", war der "Tatort" dem Zeitgeist sogar ein Stück voraus. Regisseur Peter Schulze-Rohr: "Wir haben uns, lange vor dem Bundesliga-Skandal. gesagt: Warum soll beim Fußball keine Schiebung möglich sein?"
Ihre Absicht, die "Tatorte" mit "tatsächlichen Kriminalfällen aus den Sendegebieten der einzelnen Anstalten" zu bestreiten (Südfunk-Programmchef Horst Jaedicke), mußten die Redakteure indes -- wegen juristischer Querelen -- bald aufgeben. Als beispielsweise der Südfunk einen Mannheimer Messer-Mord "Auf offener Straße" (Sendungstitel) nacherzählte, legte der einsitzende Täter (am Ende erfolglos) Klage ein. Die Witwe des Erstochenen mußte, per Vergleich, mit 1000 Mark abgefunden werden.
Ärger bekam der Hessische Rundfunk mit der "Tatort"-Komödie "Frankfurter Gold", die auf Tonband-Gesprächen mit einem Goldfälscher basierte und noch vor dem Prozeß ausgestrahlt worden war -- für Juristen eine "Fernseh-Hinrichtung".
Doch auch mit erfundenen Geschichten hat der "Tatort" schon oft Anstoß erregt. So stellt beispielsweise die "Welt", wenn im Film mal ein Reicher, ein Unternehmer Strafbares tut, gern die strenge Frage, "wie lange das Fernsehen sein allmählich schon hetzerisch wirkendes Krimi-Strickmuster noch beibehalten wird".
Ähnlich allergisch reagierte die Ärzteschaft auf standeskritische "Tatorte". Nach dem Film "Richter in Weiß" um einen bestechlichen Gerichtspsychiater meldeten sich gekränkte Mediziner "bestürzt und entrüstet" beim NDR. Das "Tatort"-Drama "Rechnen Sie mit dem Schlimmsten" über Computer-Manipulationen mit Nieren-Transplantaten veranlaßte "Bild" zu einer Anfrage bei Urologen ("Ersatzniere nur für reiche Leute?"); im Dritten NDR-Fernsehen debattierte das "Tatort"-Team mit dem Hamburger Urologie-Professor Klosterhalfen, der den Krimifilmern vorher die Drehgenehmigung in der Eppendorfer Uni-Klinik verweigert hatte.
Aber gerade Empörung, kritische Resonanz, die -- so Regisseur Schulze-Rohr -- "eine Art Vor-Problembewußtsein" schafft, empfinden die "Tatort"-Redakteure und ihre Dienstherren als Erfolgserlebnis. Erst kürzlich haben die ARD-Direktoren die Verlängerung des Serials bis 1976 beschlossen -- ohne Etatkürzungen. "Tatort" gehört "zu den letzten Sendungen", sagt der NDR-Fernsehspielchef Dieter Meichsner, "bei denen wir die Sparschere ansetzen würden".
Immerhin fließt ein Teil der Produktionskosten ("Tatort"-Stückpreis: rund 300 000 Mark) über den Export in die Senderkassen zurück. Italien, Holland
* Mit Werner Schumacher (2. v. l.) als Kommissar Lutz.
und Schweden sind regelmäßige, die Ungarn gelegentliche Abnehmer. Die Trimmel-verliebten Niederländer planen sogar eine Koproduktion mit dem NDR. Ein Absatz-Schlager dürfte vor allem der beim TV-Festival in Monte Carlo als "bester Serienfilm" prämiierte WDR-Beitrag "Zweikampf" (mit Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp) werden.
Eine ungewöhnliche Ehre ist dem "Tatort" in Schweden zuteil geworden: Im Lehrbuch "tyska für gymnasie skolan" ist das Drehbuch zur Sendung "Taxi nach Leipzig" abgedruckt -- als Lesestoff im Deutschunterricht.

DER SPIEGEL 39/1974
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