05.09.2005

TERRORDinner für den Dschihad

Die Bundesanwaltschaft will demnächst drei Männer anklagen, die ein Attentat auf den irakischen Premier in Berlin geplant haben sollen. Die Islamisten agierten allerdings ziemlich chaotisch.
Der Morgen, von dem es heute heißt, er hätte den Terror nach Berlin bringen können, rückte näher. Es war der 2. Dezember des vergangenen Jahres, nachmittags gegen halb vier. Rafik Y. ging zum Friseur.
Seit Tagen observierten Fahnder den Exil-Iraker. Sie hörten seine Telefonate ab, sie beobachteten seine Freunde. Sie wollten bald zugreifen, aber davon wusste Rafik Y. nichts.
17 Stunden waren es noch, bis der damalige irakische Premier Ijad Alawi in den Räumen der Deutschen Bank in Berlin-Mitte auftreten sollte. Die Fahnder gingen davon aus, dass Rafik Y. ein Attentat auf den verhassten Staatsmann plante, der auch Bundeskanzler Gerhard Schröder besuche wollte. Doch der Exil-Iraker hatte die Details noch gar nicht geregelt: Sollte er eine Bombe werfen? Einen Fernzünder bauen? Einen Selbstmordattentäter losschicken?
Die Zeit drängte. Dennoch ließ er sich an jenem Donnerstagnachmittag 40 Minuten lang die Haare schneiden, in einem Laden an der Sonnenallee. Draußen vertrat sich ein Observationskommando die Beine.
Wenige Stunden später war von Ruhe nichts mehr zu spüren. In letzter Minute suchte Rafik Y. offenbar nach Helfern und einer Tatwaffe. Derweil bereitete eine Spezialeinheit den Sturm auf seine Wohnung vor: Nachts um drei Uhr nahmen Fahnder schließlich ihn und zwei mutmaßliche Komplizen in Süddeutschland fest.
Die Bundesanwaltschaft glaubt, sie habe dadurch das erste islamistische Attentat auf deutschem Boden verhindert. Demnächst will sie das Trio anklagen. Sicher scheint den Ermittlern inzwischen, dass der Plan der Islamisten ebenso chaotisch wie spontan reifte. Und so dilettantisch sich viele der Einzelheiten ausnehmen - gerade diese Art Dschihad ohne Anlaufzeit fürchten die Sicherheitsbehörden besonders: Was, wenn sie eine derartige "Ad-hoc-Entscheidung" (Generalbundesanwalt Kay Nehm) einmal nicht mitbekommen?
Mindestens einer der mutmaßlichen Terroristen pflegte zwar beste Verbindungen in den irakischen Untergrund, aber Stümperei, Meinungsverschiedenheiten und Zweifel behinderten die Islamisten in viel größerem Ausmaß als bisher bekannt - genau dieses Chaos könnte eine Verurteilung jetzt gefährden. Denn ob es an jenem Morgen wirklich zu einem Mordversuch gekommen wäre, ist fraglich; die Ankläger hoffen, die Beschuldigten zumindest der Mitgliedschaft in der irakischen Terrorgruppe Ansar-e Islam überführen zu können.
Bei dem Vorwurf, die Männer hätten ein Attentat vorbereitet, muss sich die Bundesanwaltschaft jedoch auf einen anonymen Belastungszeugen stützen, einen V-Mann des Verfassungsschutzes in Mecklenburg-Vorpommern. Um ihn zu schützen, hält der Nachrichtendienst dessen Identität geheim. Vor Gericht soll er nur als "Zeuge 1" auftreten. Aber Richter sehen es gar nicht gern, wenn sie Vita und Motive ihres Gegenübers nicht durchleuchten können. In Berlin ist im April ein Terrorverfahren gescheitert, weil das Gericht sich nicht auf verworrene Aussagen zweier anonymer Spitzel verlassen mochte.
Stimmt die Vermutung der Ankläger, entstand der Mordplan vom 28. November bis zum 2. Dezember 2004. Vor allem Rafik Y., Spitzname "Mullah Rafik", drängte demnach, die Gelegenheit des Alawi-Besuchs kurzfristig zu nutzen. Es sollte ein Zeichen sein: Der irakische Widerstand ist überall, auch in Berlin.
Rafik Y., 31, lebt seit 1996 in Deutschland. Bekannte beschreiben ihn als einen "verrückten und gehetzten" Menschen. Weil er schnell in Rage gerate und dann gefährliche Sprüche klopfe, habe ihm eine Berliner Moschee sogar Hausverbot angedroht.
Seine mutmaßlichen Komplizen, die Iraker Ata R., 31, und Mazen H., 23, die ebenfalls in Untersuchungshaft sitzen, leben in Süddeutschland. Sie gelten als Geldbeschaffer für den Widerstand im Irak.
Der Augsburger Mazen H. kam mit Hilfe eines Schleusers für rund 6000 Dollar nach Deutschland, in seiner Freizeit schreibt der gelernte Sattler Predigten für Glaubensbrüder. "Spätestens seit März 2004", so Ermittler, sei er Mitglied der Gruppe Ansar-e Islam.
Ata R., ein Gebäudereiniger aus Stuttgart mit stressbedingten Magenproblemen, ist von den dreien am längsten im Visier der Fahnder. Seine Freunde nennen ihn "den Blauäugigen", weil er so strahlende Augen hat. Einst bekriegte Ata R. an der Seite kurdischer Peschmerga Saddam Hussein, ihnen verdankt er eine Nahkampfausbildung. "Heute leben wir in einem so globalen Leben, dass jeder, der sich selbst verteidigt, als Terrorist bezeichnet wird", erklärt er seine Haltung.
Dass der angebliche Mordplan gegen Alawi auflog, war ein Zufall. Nur weil Mazen H. und Ata R. als mutmaßliche Ansar-e-Islam-Mitglieder ohnehin unter Beobachtung standen, belauschten Fahnder ein besonders verdächtiges Telefonat am
28. November - das eine enorme verdeckte Ermittlung auslöste. Die Bundesregierung wurde alarmiert, mehrere Nachrichtendienste und Polizeibehörden. Es war Sonntagmittag, zehn vor zwölf. In der kommenden Woche sollte Alawi Berlin besuchen. Rafik Y. telefonierte mit Mazen H. in Augsburg. Der Name Alawis fiel nicht, aber die Islamisten umschrieben ihn: "Am Freitag kommt er nach Berlin", sagte Rafik Y.
Mazen H. rief tags drauf bei Ata R. an: "Ein sehr beliebter Gast wird wahrscheinlich kommen, verstehst du, wenn du möchtest, können wir ihn einladen." Ata R. klang interessiert. "Ich küsse deine Augen", antwortete er. Man werde beisammensitzen, am Ende werde der Gast "betrunken" sein, konkretisierte Mazen H. später das Vorhaben: "Wenn sie gemeinsam durch das Trinken dahinsiechen, ist es auch kein Problem."
Was die Männer mit "Essen" und "betrunken" meinten, konnten die Fahnder nur ahnen: Es ging, vermuteten sie, um einen Anschlag. Alarmiert durch die Telefonate, begannen die Ermittler, die Verdächtigen zu beschatten.
Um Gewissheit zu erlangen, setzten sie auf den Zeugen 1. Dessen V-Mann-Führer, die sich "Nadine" und "Frank" nennen, trafen ihren Schützling am Mittwoch, dem 1. Dezember. Die Beamten baten ihn um einen raschen Einsatz am Folgetag.
Zeuge 1 ist ein anerkannter Asylbewerber, seit 2002 steht er in Diensten des mecklenburg-vorpommerischen Verfassungsschutzes. 2003 hatte er Rafik Y. bei einer Beerdigung kennen gelernt. Schnell freundeten sich V-Mann und "Zielperson" an. Etwa alle zwei Wochen besuchte der
falsche Freund seinen Kumpel in Berlin und übernachtete sogar in dessen Wohnung. Später berichtete er dann offenbar "Frank" und "Nadine" über die Treffen.
Schon früher soll Rafik Y. den V-Mann bedrängt haben, als Attentäter in den Irak zu reisen. Einmal habe er sogar davon gesprochen, auf ein Karnevalsfest im Februar 2005 in Berlin einen Anschlag verüben zu wollen.
Der Spitzel kündigte jetzt seinen Besuch unter dem Vorwand an, er müsse ohnehin einen Freund zum Flughafen Berlin-Tegel bringen. Um 17 Uhr traf er Rafik Y. in dessen Wohnung. Zeuge 1 lenkte das Gespräch rasch auf Alawi, der Premier komme übrigens morgen in die Hauptstadt. Rafik Y. antwortete, er wisse das seit vier Tagen, deshalb habe er "in München" angerufen und gefragt, ob er einen Anschlag "machen" könne: "Ich will - aber in Deutschland und Frankreich dürfen wir nicht", habe sich der Islamist beklagt. Denn diese Länder hätten sich nicht am Irak-Krieg beteiligt.
Gegen 19 Uhr telefonierte Rafik Y. trotz des Verbots noch einmal mit Mazen H. Ob er nicht das Essen vorbereiten müsse, fragte der Exil-Iraker und meinte offenbar die besondere Form des Dschihad-Dinners, eine Bombe: "Ich habe bislang nichts eingekauft."
Rafik Y. wurde immer unruhiger. Er rief Bekannte an und sprach davon, er müsse schnell jemanden finden, der einen "Lammkopf" zubereiten könne - Fahndern zufolge war damit ein Sprengsatz gemeint. Er bedrängte seinen Freund Mohammed F., sich mit ihm zu treffen. Gegen 21 Uhr holte F., ein Veteran einer militanten Palästinensergruppe, seinen Kumpel in einem roten Ford Fiesta ab. Sie kurvten durch Berlin-Mitte, dort steht die Hauptstadt-Dependance der Deutschen Bank, es gibt einen großen Lichthof, es war der Ort, an dem Alawi auftreten sollte.
Kurz vor 22 Uhr berichtete Rafik Y. seinem Komplizen Mazen H. in Augsburg, er habe die "Baustelle" besichtigt. Doch der wollte die Aktion nun gern stoppen: "Pass mal auf, mein Lieber, wir meinen, dass wir es lassen, oder?"
"So eine Gelegenheit wird nie wieder kommen", entgegnete Rafik Y.
Mazen H. blieb hart: Die Sache sei "zu schnell". Offenbar hatte er sich mit Komplizen beraten: Sie hätten lange beisammengesessen, aber es dann für sinnvoller erachtet, "etwas anderes mit dem Geld zu machen".
Der V-Mann lieferte den Geheimen die Übersetzung jener Codeworte, deren Sinn sich andernfalls immerhin erahnen ließe: Sprächen die Islamisten von "Hochzeit" oder "Essenseinladungen", meinten sie Anschläge. "Gewinn" stehe für einen geglückten, "Verlust" für einen missglückten Anschlag, so Zeuge 1. Froh sind die Bundesanwälte auch über die Aussage eines Knastbruders von Mazen H., dem der Islamist den gesamten Tatplan gebeichtet haben soll.
Bisher haben die drei Iraker aber jeden Vorwurf von sich gewiesen. Er sei kein Terrorist, sagt Ata R.: "Ich kann mir nur vorstellen, dass mich Leute denunziert haben, die ich versucht habe zu bekehren."
Rafik Y. behauptet, er habe mit Mazen H. am Telefon nur über "Bau,- Auto- und Telefongeschäfte" gesprochen und vorgehabt, im Irak Handys zu verkaufen. Strafbar habe er sich nicht gemacht.
Mazen H. sagt, er teile die Ansichten von Terroristen nicht: "Ich hatte sogar einmal die Idee, hier in Augsburg eine Demonstration gegen die Ansar-e Islam zu organisieren, es hatte mich aber keiner unterstützt."
Inzwischen schweigen die drei. Mazen H.s Hamburger Strafverteidigerin Gül Pinar will sich frühestens äußern, wenn die Bundesanwaltschaft die Anklage vorgelegt hat. Ata R.s Anwalt Roland Kugler meint, das Trio habe zwar "unheimlich viel palavert, aber ein Anschlag ohne Waffen oder Sprengstoff ist schwerlich möglich. Da ist die Grenze zwischen Reden und dem Beginn der Ausführung nie überschritten worden." Die Frage, ob Ansar-e Islam als terroristische Vereinigung oder als Widerstandsbewegung einzustufen ist, sei "gänzlich offen".
Unbeantwortet ist noch immer die Frage, woher Rafik Y. überhaupt von dem geplanten Besuch Alawis in der Bank wusste. Zwar ging die Einladung an Unternehmerverbände und ihre Mitglieder. Aber die Presse erreichte sie nicht.
Aktuell waren Rafik Y.s Informationen allerdings nicht. Während er durch Berlin hetzte, telefonierte, Fahnder ihn observierten und belauschten, war der Termin in der Bank längst abgesagt worden - aus Sicherheitsgründen. DOMINIK CZIESCHE,
HOLGER STARK
* Im Berliner Kanzleramt am 3. Dezember vergangenen Jahres.
Von Dominik Cziesche und Holger Stark

DER SPIEGEL 36/2005
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TERROR:
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