05.09.2005

Konsumschock an der Zapfsäule

Nie zuvor schossen die Benzinpreise derart in die Höhe wie nach dem Hurrikan. Gefährdet „Katrina“ den weltweiten Aufschwung?
Die Bilder bringen Erinnerungen zurück: An den Tankstellen reiht sich Auto hinter Auto, jeder Kunde bekommt nur ein paar Liter Sprit zugeteilt, der Preis schießt binnen Tagen raketengleich nach oben.
So sah es aus, als die Welt die erste Ölpreiskrise im Winter 1973 traf. Und genauso erleben es die Menschen im Süden der USA heute wieder: Benzin und Diesel sind knapp und teuer. Der Ölriese Chevron hat den Treibstoff an seine Großhändler rationiert. Der Sprit kostet teilweise 60 Cent pro Gallone (3,8 Liter) mehr als nur Tage zuvor.
Damals, Mitte der siebziger Jahre, lähmte der Preisschock, den die Staaten am Persischen Golf ausgelöst hatten, die globale Wirtschaft. Ökonomen sprachen von "Stagflation", um die Misere zu umschreiben: stagnierendes Wachstum bei steigender Inflation. Droht der Welt nun durch die Katastrophe am Golf von Mexiko eine ähnlich schlimme Krise?
Immerhin beurteilen so kundige Fachleute wie der amerikanische Öl-Historiker Daniel Yergin die Lage als sehr ernst. Unter Umständen könnte dies "der größte Energieschock seit den siebziger Jahren werden", meint der Pulitzer-Preisträger. Sein Pessimismus gründet darauf, dass nicht nur Förderanlagen, sondern gleichzeitig auch Raffinerien von der Naturgewalt getroffen wurden.
Der Engpass in den Veredelungsanlagen treibt die Preise für Kraftstoff so exorbitant, dass er sich in der vergangenen Woche sogar vom Ölpreis abgekoppelt hat. Rund ein Viertel der US-Produktion ist zwischenzeitlich durch den Hurrikan ausgefallen. Keiner weiß, wie lange es dauert, bis alle Anlagen, insbesondere die Pipelines, wieder reibungslos laufen.
Die reinen Schäden, so verheerend sie sind, werden die US-Konjunktur freilich kaum aus dem Tritt bringen. Die Bundesstaaten Louisiana und Mississippi sind strukturschwache Regionen. Dort werden nicht mal zwei Prozent des amerikanischen Sozialprodukts erwirtschaftet. Die letzten Wirbelstürme hatten jedenfalls keinen nennenswert negativen Einfluss auf das Wachstum. Was den Unternehmen viel mehr zu schaffen macht, ist die Ungewissheit, wie sich die Verbraucher nun verhalten werden.
Nach einem derartigen Schock an der Zapfsäule könnten sich selbst die konsumfiebrigen Amerikaner allmählich fragen, ob sie sich nicht irgendwo einschränken müssen.
Würde Maßhalten aber wieder zur Tugend, hätte dies gravierende Folgen für eine Volkswirtschaft, die ganz und gar darauf eingestellt ist, dass die hochverschuldeten Verbraucher mehr ausgeben als einnehmen: Die Sparquote liegt bei minus 0,6 Prozent.
Schon die Korrektur der jüngsten Jahresprognose von Wal-Mart, dem weltweit größten Handelskonzern, hat die Konsumforscher alarmiert: Konzernchef Lee Scott machte ausdrücklich den Benzinpreis dafür verantwortlich, dass die Ziele nicht erreicht würden. Selten haben die amerikanischen Einzelhändler dem Weihnachtsgeschäft so bange entgegengesehen.
Im zweiten Quartal ist die Gesamtwirtschaft bereits schwächer gewachsen als erwartet, wichtige Indikatoren wie der Einkaufsmanager-Index für die Region Chicago verzeichneten im August einen nie dagewesenen Einbruch: Er spiegelt die tiefe Krise in der US-Autoindustrie.
Und die Warnung von Notenbankchef Alan Greenspan, die Verbraucher dürften sich nicht darauf verlassen, dass der Wert ihrer Immobilien immer weiterwachse, hat wieder bewusst gemacht, wie brüchig die Basis ist, auf der die bislang so robuste US-Wirtschaft steht. Stephen Roach, bekanntermaßen skeptischer Analyst der Investmentbank Morgan Stanley, sieht die ökonomische Weltmacht an einem "Wendepunkt" stehen.
Doch auch in Deutschland beginnen die Volkswirte, ihre Konjunkturprognosen zu korrigieren. Die Einkaufslaune der Verbraucher ist seit Jahren sichtbar getrübt, zumal die Reallöhne schon lange stagnieren. Die Kaufkraft schwindet.
Ein normaler Haushalt gibt in diesem Jahr - die Preise des ersten Halbjahres hochgerechnet - 128 Euro mehr für Kraftstoffe aus als im Vorjahr, hat das Institut der deutschen Wirtschaft ausgerechnet. Die Autofahrer zahlen zähneknirschend, oder - und das ist neu - sie lassen das Fahrzeug stehen. "Das Risiko, dass der private Verbrauch im zweiten Halbjahr stagniert, ist beträchtlich", sagt Deutsche-Bank-Volkswirt Stefan Bielmeier.
Dennoch hüten sich die meisten Ökonomen davor, Parallelen zu den Preisschocks der Vergangenheit zu ziehen. Heute scheint die Inflation unter Kontrolle, Energie als Kostenfaktor spielt dank sparsamer Motoren und Heizkessel sowie
besserer Wärmedämmung zumindest in den Industriestaaten keine so tragende Rolle mehr. Nicht mal zehn Prozent des Haushaltskonsums in Deutschland entfallen auf Benzin, Gas und Heizöl.
Überhaupt ist der hohe Ölpreis ja auch ein Anzeichen dafür, dass der Energiehunger gerade in China nicht nachlässt und die Wirtschaft dort weiterhin expandiert. Und das ist für die Exportnation Deutschland weitaus bedeutsamer als das finanzielle Opfer, das die Bürger an der Tankstelle entrichten.
"Es ist alles nicht so dramatisch wie in den siebziger oder achtziger Jahren", versucht Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, zu beschwichtigen.
Teile der strategischen Reserven auf den Markt zu werfen, wie es Bundeskanzler Gerhard Schröder am Freitag angekündigt hat, ist wohl vertane Mühe. Auf die Preise dürfte dieser Schritt jedenfalls keinen nachhaltigen Einfluss haben. Zudem mangelt es weniger an Öl, sondern an Benzin, Diesel und Heizöl. Wie begehrt raffinierte Ölprodukte sind, zeigt der Aufschlag bei den Spotmarktpreisen in Rotterdam von rund 28 Prozent in nur zwei Wochen, Rohöl ist lediglich 2 Prozent teurer geworden.
Vielmehr zöge die Regierung mit dem Antasten der Ölreserven, diesem psychologisch wichtigen Puffer, schon jetzt den letzten Trumpf - und gäbe dadurch womöglich den Märkten ein Signal, das die Preise eher antreibt als dämpft.
Manche Fachleute sehen ohnehin schon wieder Zeiten sinkender Ölpreise entgegen. Holger Schmieding, Londoner Chefvolkswirt der Bank of America, hält die aktuelle Hausse für übertrieben und rechnet bis zum Jahreswechsel mit einem Niveau von etwa 50 Dollar pro Barrel (159 Liter), bis Ostern fiele es sogar auf 40 Dollar: "Das wäre ein Preis, der fundamental gerechtfertigt wäre."
Dieses optimistische Szenario ändere allerdings nichts daran, dass der aktuelle Ölpreisschock Spuren in der deutschen Wirtschaft hinterlassen werde, sagt der Ökonom. Das Hurrikan-Desaster verzögere die wirtschaftliche Belebung: "In diesem Jahr kostet uns der Ölpreis den Aufschwung."
ALEXANDER JUNG
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 36/2005
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