08.07.1974

Schulentlassung: „Noch viele hängen rum“

Zehntausende von Jungbürgern, die in diesen Wochen die Schule verlassen, sind noch immer ohne Lehrstelle. Viele andere müssen einen Berufsweg einschlagen, den sie nicht gehen wollten. Bonner Versäumnisse und Versagen der westdeutschen Bildungspolitiker, Protesthaltungen und Strukturwandlungen in der Wirtschaft trugen bei zu einer Situation, in der längst Vergessenes plötzlich wieder möglich erscheint: Jugendarbeitslosigkeit.
Roland Wallisch, Rektor und Lehrer einer Abschlußklasse an der Hauptschule "on München- Ramersdorf, versteht die Berufswelt nicht mehr. "So "war es noch nie", staunte er letzte Woche. "früher war schon zu Ostern alles unter Dach und Fach. Jetzt hängen immer noch viele rum.
In Frankfurt sieht Schulleiter Erich Voigt eine Art Zeitenwende heraufziehen: "Früher liefen uns die Handwerksmeister das Haus ein. Jetzt plötzlich müssen die Schüler selber auf die Suche, und das oft erfolglos."
"Noch vor einem Jahr", so erinnert sich der Dortmunder Schulrektor Haus Joachim Ihnenfeld, "da waren Lehrlingsanwärter kleine Könige. Heute können sie froh sein. wenn sie überhaupt noch etwas bekommen."
Der Umsturz trifft mehr als 400 000 junge Deutsche, die in diesen Wochen die Haupt- und Realschulen verlassen Allenfalls 350 000 Lehrstellen haben Handel, Industrie und Handwerk diesen Abgängern anzubieten: mindestens 50 000 zuwenig, und bis zum Herbst wird sich das Defizit, wie Bildungsforscher warnen, noch verdoppelt haben. Und wo nicht Fachschulen oder Bundeswehr einen Ausweichplatz bieten, droht den Entthronten Schlangestehen, oft Schlimmeres: Jugendarbeitsloskeit. Das mutet gespenstisch an, und ist doch mehr als ein Phantasma.
Realität ist es in der Provinz. "Wir vermitteln -- ach du lieber Gott -- schon seit Weihnachten", sagt der Amtsvorstand Krellner vom Arbeitsamt Hof, das vorwiegend Klein- und Mittelbetriebe zu bieten hat. Dort hatten vergangene Woche rund zehn Prozent der Schulentlassenen noch keinen Arbeitsplatz. Und Tatsache ist es in den Metropolen. Die Daimler-Benz-Niederlassung Düsseldorf nimmt 20 Prozent Lehrlinge über den Bedarf hinaus, um, so Ausbildungsleiter Theiss, wenigstens "die Jugendlichen von der Straße wegzubekommen". Bürostellen für Mädchen etwa sind in der Hauptstadt von Rhein und Ruhr kaum noch zu haben. Viele versuchen es immer noch einmal, beim Start ins Leben vom Fleck zu kommen: "Jetzt tauchen schon wieder die auf, die schon ein paarmal abgewiesen wurden", heißt es im Arbeitsamt München. Zehntausende anderer nehmen einen neuen Kurs. Um überhaupt unterzukommen, muß ihnen -- so Rolf Raddatz, Ausbildungsexperte des Deutschen Industrie- und Handelstages -- "statt des gewünschten der weniger gewollte Platz" genügen. Das Dilemma -- das nicht allein Abertausende junger Bürger berührt, sondern letztlich auch die Basis westdeutschen Wirtschaftslebens -- ist die Folge staatlicher Lässigkeit und privater Planlosigkeit. Es ist Resultat eines ehrgeizig überzogenen Bonner Reformversuchs, mit dem das allzulange Versäumte mal eben so aufgeholt werden sollte. Und Ergebnis von Abwehrreflexen der Arbeitgeberseite, die ministeriales Wortgetöse als Sturm auf ihr Weltbild verstand. Immerhin scheint nun Bewußtsein frei zu werden für einen Bildungsnotstand, der zwar zwei Drittel aller Jungdeutschen angeht, aber jahrzehntelang von den Bildungsplanern verdrängt worden war. Stets hatte das Stichwort auf Schulen und Hochschulen gezielt, waren Mittel und Ideen den Hörsälen oder Klassenzimmern zugekommen. Deutschlands Lehrlinge, sagt der Bonner Bildungsforscher Wolfgang Dietrich Winterhaber, waren eine "vergessene Majorität". Erstes energisches Zeichen der Aufmerksamkeit setzte Bonn im vergangenen Herbst: die Koalition verabredete "Markierungspunkte" zur Berufsbildungsreform, und der damals amtierende Bildungsminister Klaus von Dohnanyi kündigte gesetzliche Remedur an: Der staatliche Einfluß auf die Betriebsausbildung sollte vergrößert, Lernqualität und Mobilität sollten angeboten werden. Der dann im Februar folgende Referentenentwurf des Hauses Dohnanyi deutete jedoch nicht nur die partielle Entmachtung privatwirtschaftlicher Ausbilder an, indem er etwa in Fragen der Lehr-Richtlinien und Prüfungen die bislang tonangebenden Handels- und Handwerkskammern auf den Rang von Konsultationsstellen zurückstufte; er bot auch Mängel an Wirklichkeitsnähe und Präzision. Einerseits wären nach Dohnanyis Intentionen beispielsweise ein weitgehender Umbau und Ausbau des gesamten Berufsschulsystems sowie ein geradezu
gigantischer Aufsichts-Apparat fällig gewesen, beides verbunden mit immensen Kosten; andererseits blieb weithin unklar, wie denn nun jene Kontrolle eigentlich ausgestaltet sein sollte.
Die Einheitsfront großer wie kleiner Gewerbetreibender formierte sich rasch. Die Wirtschaft insgesamt wehrte sich gegen die zu erwartende Kostenlast, Kammern und Ausbilder bangten um ihre Kompetenzen. Unisono schallte Kritik an "Verschulung" und "Verstaatlichung" der betrieblichen Berufsausbildung. Westdeutschlands Lehrherren -- die sich nun gern an Lehrlings-Lamento aus Apo-Zeiten erinnerten, an Spruchbänder gegen "Ausbeutung" und "Privatsklaverei" lassen sich seither bitten.
Doch nicht nur Verdruß über "Verteufelung" oder "Staatsdiktat" drosselten das Stellenangebot. Der Reformplan traf zudem auf einen Veränderungsprozeß in der Arbeitswelt: Strukturwandel vieler Berufe und erhöhte Anforderungen an die Ausbildungsqualität, die gleichermaßen die Lernplätze siebten. Einen Rest besorgte die Konjunkturflaute -- und dabei zeigte sich zugleich ein entscheidender Konstruktionsfehler des gegenwärtigen Berufsbildungssystems. Es hat keine Antwort darauf, daß sich bei gedämpfter Nachfrage und unsicherer Zukunft viele Betriebe an die Gesetze der Marktwirtschaft halten: Ausbildungsaufwendungen sind Investitionen ohne Ertragsgarantie.
Und während Dohnanyi noch sein "pragmatisches, aber konsequentes Reformkonzept" lobte, bildete sich gegen ihn eine zweite Front. Genossen wie Freie Demokraten rügten den "Perfektionismus" des Entwurfs. Schließlich stapelte der Minister sein Papier zum "Vorentwurf" herab, zog es dann ganz zurück, und Gustav Heinemann, noch Bundespräsident, schleuderte einen knappen Nachruf hinterher: "Irre".
Dohnanyi-Nachfolger Helmut Rohde scheint nun damit beschäftigt, die Trümmer der Bonner Lehrlingspolitik zu ordnen, und äußert sich vorerst behutsam: "Ich will keine Erwartungen wecken, sondern Notwendigkeiten darlegen." Dringend scheint auch diesem Minister, die "Bildungspolitik am Interesse der Arbeitnehmer zu orientieren" und sie, soweit nötig, von den Kultusbehörden auf "andere Politiken" wie Sozial- und Wirtschaftsfach zu verlagern.
Zwar will Rohde noch in dieser Legislaturperiode das Bundesausbildungsgesetz novellieren. Dohnanyis Vorentwurf wird erst einmal "kritisch begutachtet". Durch geduldige Gespräche mit allen an der Lehrlingsausbildung Beteiligten möchte der Sozialdemokrat die bislang bösartige Diskussion "versachlichen" und so die "völlig verknotete Situation" bereinigen. Zumindest in den eigenen Reihen hat der Minister eine bessere Startposition als sein Vorgänger: Während seiner Zeit als Parlamentarischer Staatssekretär beim Arbeitsminister Walter Arendt verschaffte sich Rohde Respekt bei Partei, Parlament und Gewerkschaften.
In jedem Fall will der Kabinetts-Novize, anders als Dohnanyi, die Gesetzesnovelle mit einem Finanzierungsvorschlag koppeln, der Kosten betrieblicher Ausbildung auf alle Unternehmen verteilt und damit Wettbewerbsverzerrungen verhindert. "Im Gestrüpp verwirrender Zuständigkeiten" von Schulbürokratie, Kammern und Ministerien soll gar Kahlschlag anstehen. Rohde: "Es muß zu abgestimmten Planungsprozessen von Wirtschaft und Schulverwaltung kommen." Dieses Ziel freilich peilten bislang fast alle Rohde-Vorgänger an. Und ob der Neuling Regularien findet, die breite Zustimmung haben könnten, ist nicht abzusehen.
So herrscht denn weiter Unsicherheit in Amtsstuben und bei Bildungsplanern, unter Eltern und in den Ausbildungsbetrieben. Betroffen sind vorweg die Schulabgänger, die Wunsch und Wirklichkeit auf keinen Bonner Nenner bringen können.

DER SPIEGEL 28/1974
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