15.04.1974

ATHOSOstern mit Oliven

In der nordgriechischen Mönchs-Republik Athos störte der Aufstand von „Eiferern“ die friedliche Vorbereitung auf das Osterfest.
Vom "Aghion Oros", dem Heiligen Berg auf der Halbinsel Athos in der Ägäis, Sitz der einzigen Mönchsrepublik Europas, drangen kurz vor dem heiligen Osterfest schrille Töne.
Im lauen Frühlingswind flatterten schwarze Fahnen neben dem orthodoxen Doppelkreuz des Klosters Esphigmenou. 70 Klosterbrüder drohten mit Selbstverbrennung und auch damit, sich notfalls samt ihrem Ordenshaus in die Luft zu sprengen. "Nur über unsere Leichen" wollten sie sich ihren geistlichen wie weltlichen Herren beugen.
Ursache der Rebellion auf der Halbinsel Athos, die von Romantikern wegen ihrer himmlischen Zeitentrücktheit gerühmt wird, ist ein nicht gar so neuer Streit. Er hatte schon 1924 zu Unfrieden in der griechisch-orthodoxen Kirche geführt, als nämlich Griechenland aus dem 10. März jenes Jahres den 23. machte und sich damit dem gregorianischen Kalender anschloß.
Ein Teil der griechischen Gläubigen darunter auch die Mönche in 19 von 20 Athos-Klöstern, lebten jedoch nach julianischer Zeitrechnung weiter -- auch noch, als ihr oberster Gebieter, der in Istanbul residierende Ökumenische Patriarch. sich der Umstellung anschloß.
Sie stellten die Machtbefugnisse ihres jeweiligen geistlichen Oberhauptes in Konstantinopel nie ernstlich in Frage -mit Ausnahme der "Zeloten" (Eiferer>, die jetzt den vorösterlichen Frieden auf dem Berg der Klöster störten.
Die Zeloten bezeichnen sich als "echte orthodoxe Christen", sie huldigen dem in Athen residierenden Erzbischof der "Altkalendarier" Avxentios statt dem Patriarchen Dimitrios in Istanbul. den sie wiederum einen Häretiker schimpfen.
Als Dimitrios jüngst auf seine Rechte pochte und den Abt Athanassios mit 12 seiner Mönche wegen "Rebellion gegen das Patriarchat" und "ungehörigen Benehmens" ihrer Klosterheimat Esphigmenou berauben wollte, brach die Rebellion erst richtig los. Der Sympathie zumindest eines Teils ihrer 1000 Athos-Brüder sicher, schlossen sich die siebzig Mönche und ihr Abt von der Außenwelt ab und hefteten ein Transparent mit der Aufschrift "Orthodoxie oder Tod" unter ihre Klosteruhr.
Die Athos-Mönche kämpfen seit Jahrhunderten gegen Eingriffe von außen. Seit sich im neunten Jahrhundert die ersten Mönche auf der 321 Quadratkilometer großen Halbinsel im Norden Griechenlands niederließen. galt es, den Status der Autonomie und. so der Griechenland-Schriftsteller Erhart Kästner. eine "uralte griechische Demokratie" zu verteidigen.
Kaisern und Sultanen haben die bärtigen Brüder mit derselben Hartnäckigkeit getrotzt wie Griechenlands zahlreichen Diktatoren des 20. Jahrhunderts. welche die Souveränität der Mönchsrepublik weitgehend unangetastet ließen. Lediglich ein dem Außenministerium in Athen unterstellter Gouverneur hat für öffentliche Ordnung und Sicherheit zu sorgen, während andererseits nur schwerwiegende kirchenrechtliche Delikte von Istanbul behandelt werden.
Ansonsten waltet auf Athos die "Hiera Koinotes", die "Heilige Gemeinde", eine Art Parlament mit Vertretern sämtlicher Klöster. sowie eine vierköpfige Regierung, die "Heilige Aufsicht". Verstöße gegen ziviles und Kirchenrecht werden von
Klostergerichten zusammen mit der Heiligen Gemeinde abgeurteilt.
Das letzte Unabhängigkeitsgerangel der Athos-Mönche liegt erst fünf Jahre zurück. Damals beschnitt der -- inzwischen gestürzte -- Junta-Chef Papadopoulos die Selbstverwaltungsrechte der Mönche, erklärte ihre" Kirchenschätze zum "nationalen Eigentum" und versuchte, ein uraltes Privileg zu kippen: die Steuerfreiheit.
Die frommen Brüder erklärten jedoch alle Papadopoulos- Dekrete für ungültig. Mit bockbeiniger Mißachtung widersetzten sie sich den staatlichen Kontrolleuren, und ihre Steuerfreiheit erlangten sie praktisch nach der Drohung zurück, eine ihrer schönsten Traditionen abzuschaffen: die freie Bewirtung von Athos-Besuchern.
Denn am legendären Ruf der klösterlichen Gastgeber hatten die Obristen ein spezielles Interesse: Sie wollten den Heiligen Berg zum Spitzenerlebnis der Griechenland-Reisenden machen. Elf
* Transparent am Esphigmenou-Kloster mit der Aufschrift: "Orthodoxie oder Tod".
Ministerien prüften bereits die Möglichkeit touristischer Erschließung sowie künftiger Einnahmen aus diesem "riesigen und in der Welt einzigartigen byzantinischen Museum" ("Akropolis"). Doch obwohl Junta-Mitglied Pattakos den München ein Krankenhaus mit 600 Betten und eine Asphaltstraße versprach. stellten sie sich taub.
Komfort und Zivilisation, die eine touristische Infrastruktur notgedrungen mit sich brächte, sind den frommen Männern zuwider: Sie müßten von uralten Traditionen und Tabus lassen.
Die einzige Holperstraße der Halbinsel -- 1963 für einen Besuch des griechischen Königs anläßlich der Tausendjahrfeier auf Athos gebaut -- ist nur vom Landrover der Gendarmerie befahrbar. Petroleumlampen leuchten den Brüdern beim abendlichen Schriftenstudium" illustrierte Zeitschriften sind verpönt. batteriebetriebene Fernsehgeräte gelten als nicht nachahmenswerte Unsitte "päpstlicher Klöster".
Vor allem aber müßten sie gegen ein auf das Jahr 1060 zurückgehendes Dekret verzichten, das ihnen seither einen
wenn auch nicht ganz vollkommen -- unbefleckten Lebenswandel garantiert hatte: das "Ahaton", ein Gebot, das Frauen, bartlosen Knaben, Eunuchen und weiblichen Tieren das Betreten der Klosterrepublik verwehrt.
Nur ein gutes halbes Dutzend Frauen haben, meist getarnt in Männerkleidung, das Abaton bislang durchbrochen -- im 14. Jahrhundert gelang es der Königin Helene von Serbien, 1920 der Königin Maria von Rumänien, 1905 einer 25jährigen Russin (die das Herz des Bruders Theodossius gebrochen hatte), 1953 der holländischen Archäologin Lindenburg (die einen Bootsmann bestochen hatte, sie von einem Musikdampfer aus an die Gestade des Mönchsberges zu schippern).
Ihre Landung war Anlaß für ein griechisches Gesetz, das Verstöße gegen das Abaton mit Gefängnis bis zu einem Jahr bedroht. Doch das Gesetz wird nicht allzu streng gehandhabt: Viehhändler, die 1954 bei dem Versuch ertappt wurden, den Mönchen Mutterschafe zu bringen, kamen "wegen Zweifels" frei; vier Frauen, die sich 1956 zwecks Bedürfnis-Pause an der einsamen Athos-Küste hatten absetzen lassen, kamen mit einem Ersuchen an die Heilige Gemeinde um Vergebung ihrer Sünden davon.
"Der Athos-Staat", glaubt der ehemalige Gouverneur Stavros Papadatos. "steht und fällt mit der Erhaltung des Abaton." Doch er fällt wohl mehr damit, denn der Männerstaat, in dem nur gestorben, nie jemand geboren wird, droht wegen Bevölkerungsmangels einzugehen.
In ihrer Blütezeit unter den Byzanzkaisern bevölkerten 10 000 Mönche und Einsiedler die Klosterrepublik. 1926 waren es noch 4868 Mönche. Bei der griechischen Volkszählung von 1971 hatten nur noch 1732 Männer, davon 1145 überwiegend alte Mönche, ihren ständigen Wohnsitz beim Heiligen Berg.
Nur 20 Griechen pro Jahr zieht es zur Zeit in diese klösterliche Einsamkeit
-- bis zum Jahr 2000 würde das Athos-Volk bei solchem Neuzugang um 90 Prozent schrumpfen. Noch schlimmer bestellt ist es um die nichtgriechischen Nationalklöster der Bulgaren, Serben und Russen.
Im russischen Kloster Panteleimon etwa betet Abt Gabriel, den es schon im vergangenen Jahrhundert an die ägäischen Gestade verschlagen hat, immer noch für den Zaren und dessen Familie. Und seit Griechenland vor zwei Jahren die Bitte des Moskauer Patriarchen Pimen abschlug, das Panteleimon-Kloster mit Sowjet-Mönchen aufzufrischen, werden wohl auch weiterhin nur zehn russisch-orthodoxe Brüder durch die 2999 Zellen geistern und über die Kloster-Schätze wachen.
Die sind seit einem Feuer vor sechs Jahren stark reduziert: Der Brand zerstörte den berühmten Zarensaal und Wertgegenstände von über drei Millionen Mark. Schuld daran war angeblich der Mönch Floros, 72. Er soll die Aufsicht über seinen Heizofen in der Zelle vernachlässigt haben. Ein Gericht in Saloniki verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis mit Bewährung.
Der Fall Floros wäre freilich Sache der Klostergerichte gewesen, hätte nicht Papadopoulos die Kontrolle und Konservierung der Reliquien, Kodices, Ikonen, Bücher, Dokumente und sonstiger Reichtümer zur Domäne der Schutzmacht Griechenland erhoben. Das war keine reine Schikane, denn neben solchen Gesetzeswidrigkeiten wie etwa allzu handgreifliche Zusammenstöße zwischen Mönchen im Bösen -- aber auch im Lieben -- ließen sich den Athos-Brüdern neuerdings immer häufiger Kunstraub und -schmuggel nachweisen.
Antiquitätenhändler, Privatsammler und Kunsträuber, zuweilen getarnt als Novizen oder Mönche auf Zeit, hatten sich mit Klosterbrüdern arrangiert, und in der Folge gelangten Ikonen, Manuskripte von Byzanz-Kaisern oder seltene Folianten aus Athos zu hohen Preisen auf ausländische Märkte.
Die Athos Brüder, an sich der Askese verschrieben, machen gute Geschäfte. Bruder Theoklitos, Mitglied einer Gruppe von Bestraften, die auf Geheiß des Istanbuler Patriarchen Dimitrios in der vorletzten Woche Athos verlassen mußte, klagte weinend um seine hinterlassenen 300 000 Mark Privatvermögen. Ein anderer Verbannter, Abt Evdokimos vom Xenophontos-Kloster, hatte 54 Quadratkilometer Land auf der benachbarten Halbinsel Sithonia zum Spottpreis von zwölf Pfennig pro Quadratmeter an den Reeder Vardinojannis verkauft. Weil er übersehen hatte, daß dieses Land längst nicht mehr dem Kloster, sondern griechischen Bauern gehört, jagte ihn Dimitrios aus seiner Abtwürde.
Abt Athanassios von den Zeloten und 12 seiner Getreuen sollten am selben Tag wie Theoklitos und Abt Evdokimos die Mönchsrepublik verlassen.
Doch Athos-Gouverneur General a. D. Dimitrios Krekoukias, der die Sanktionen des Dimitrios vollstrecken sollte, hatte nach bangen Minuten im Esphigmenou-Kloster, wo ihm die aufgebrachten Eiferer Geiselnahme androhten, ein Ultimatum stillschweigend über Ostern hinaus verlängert. Bei Wasser und Brot, Oliven und Gemüse bereiteten sich die Rebellen auf die Auferstehung des Herrn vor -- hinter Barrikaden.

DER SPIEGEL 16/1974
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ATHOS:
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