03.06.1974

Harter Kampf um das neue Portugal

In London verhandelte Außenminister Soares mit Aufständischen aus der Afrika-Kolonie Guinea-Bissau. In Mocambique fürchten die Weißen, der Fall der Kolonie könne keine Sache von nur 24 Stunden sein“. In Portugal veranlaßten Massenstreiks Staatschef Spinola zur Warnung, die Ordnung müsse „mit allen Mitteln gesichert werden“.
Auf den Schreibtischen des südafrikanischen Generalkonsulats in Mocambiques Hauptstadt Lourenco Marques stapeln sich Berge von Einwanderungsanträgen: Hunderte weißer Bürger der portugiesischen Afrika-Kolonie suchen in diesen Tagen um Übersiedlung in die benachbarte Burenrepublik nach.
Sämtliche Flüge von Mocambique ins Mutterland Portugal sind auf drei Monate hinaus ausgebucht; auf den Schiffen, die von Lourenco Marques auslaufen, ist bis Ende des Jahres auch der letzte Meter Stauraum für Stückgut im voraus belegt.
Die Luxushotels der Kolonialhauptstadt, früher vor allem von Südafrikanern frequentiert, stehen leer. Den Grenzübergang Umtali, an dem noch im Mai vergangenen Jahres täglich rund tausend Wagen mit Besuchern von Rhodesien nach Mocambique rollten, passiert jetzt kaum noch ein Fahrzeug pro Tag in Richtung Mocambique. "Mocambique steht ganz allein", sorgt sich Amaro Monteiro, Direktor der Touristenorganisation von Lourenco Marques. Er fürchtet: Der Fall der Kolonie "wird eine Sache von 24 Stunden sein
Wie er glauben viele Weiße in Portugals afrikanischem Imperium den Anfang vom Ende gekommen, seitdem klar ist, daß die von den Militärs eingesetzte Provisorische Regierung Portugals das koloniale Erbe der gestürzten Diktatur zu liquidieren versucht.
Schon zwei Stunden nach seiner Vereidigung flog der neue portugiesische Außenminister Mário Soares zu einem ersten Gespräch mit dem Generalsekretär der Befreiungsbewegung von Guinea und den Kapverdischen Inseln (PAIGC) nach Dakar.
Der neue Überseeminister Almeida Santos versprach den Kolonien eine Volksabstimmung über ihre Zukunft. Soares nannte die früher stets als "Terroristen" verketzerten Guerrilleros respektvoll "Männer von großem Format" und reiste am Ende vorletzter Woche zu Waffenstillstandsverhandlungen mit der PAIGC nach London.
Doch länger als erwartet hakten sich die Gespräche schon an der Frage fest, ob die PAIGC, wie sie es beansprucht, auch über die Zukunft der 15 Kapverdischen Inseln verhandeln kann. Eines der Eilande, die Insel Sal, ist Militärbasis der Portugiesen und zudem für die Fluglinien des südlichen Afrika, die in keinem der schwarzafrikanischen Länder Überflug- oder Landegenehmigung haben, einzig mögliche Zwischenlandestation nach Europa und USA.
Dabei sind" die Verhandlungen über die Unabhängigkeit von Guinea-~Bissau noch vergleichsweise leicht; das kleine Sumpfland im westlichen Afrika ist Portugals unbedeutendste Besitzung, in der nur eine Handvoll Weiße leben.
Weit wichtiger für Portugals Wirtschaft sind die beiden anderen Kolonien, Angola und Mocambique. Der Transfer von privaten Geldern und Gewinnen zwischen beiden Kolonien und Portugal hat in den vergangenen beiden Jahren ein Plus von rund 100 Millionen Dollar zugunsten Portugals erbracht. Besonders lukrativ ist der Besitz Angolas: Die Kolonie liefert Diamanten, Eisenerz, Kaffee und voriges Jahr rund acht Millionen Tonnen Rohöl.
Anders als etwa in Guinea-Bissau operieren in dieser größten portugiesischen Besitzung drei schwarze, miteinander rivalisierende Befreiungsbewegungen -- MPLA, FNLA und Unita. Selbst wenn die drei Gruppen sich mit Lissabon einigen sollten, ist nicht sicher, daß die rund 600 000 dort ansässigen Weißen nicht auf eigene Faust eine Unabhängigkeit nach rhodesischem Muster suchen.
In Mocambique hingegen können die etwa 200 000 Weißen den Einfluß der Frelimo kaum noch ausschalten, deren Autorität Portugals Überseeminister unumwunden zugab: "Alle Afrikaner, die auch nur ein Minimum an politischem Bewußtsein haben, gehören der Frelimo an oder werden ihr angehören."
Mit Streiks zeigten die afrikanischen Arbeiter ihr neu erwachtes Bewußtsein: Kumpel in den Kohleminen von Moatize legten die Arbeit nieder, ebenso wie Hafenarbeiter in Lourenco Marques. Die ungelernten Arbeiter am Staudamm Cabora Bassa erstreikten Lohnerhöhungen um 100 Prozent.
Selbst Portugals Kolonialsoldaten -- unter ihnen vor allem die schwarzen -- streiken auf ihre Art: Patrouillengänge werden nur noch lax ausgeführt, und die Krankmeldungen, etwa in der Garnison von Vila Pery, lagen Ende vergangenen Monats bei vierzig Prozent.
Die etwa hundert deutschen Farmer, die mi Umkreis von Vila Pery siedeln, suchen ihr Heil denn auch in der Selbsthilfe: Als Mitte Mai der deutsche Generalkonsul in Laurenco Marques, Wilhelm von Keudell, in Vila Pery Visite machte, ließen sie sich von ihm versprechen, bei den portugiesischen Militärs Waffen zu erbitten -- und zwar "nicht nur Maschinenpistolen und Gewehre", sondern "richtige Knaller, Gewehrgranaten und Maschinengewehre".

DER SPIEGEL 23/1974
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