20.05.1974

GESTORBENFritz Baade

Fritz Baade, 81. Der einstige Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (1948 bis 1961) und SPD-Bundestagsabgeordnete (1949 bis 1965) galt in Politik und Wissenschaft der Adenauer-Ära als Individualist mit Sinn für das Utopische. Bald nach dem Zweiten Weltkrieg verkündete Nationalökonom Baade einen rauschenden Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft. In seinem Buch "Der Wettlauf zum Jahre 2000" ließ Agrarspezialist Baade wenig Zweifel, daß die Welternährungsprobleme elegant gelöst werden können. 1965 schlug Parlamentarier Baade westdeutsche Ausgleichszahlungen an die DDR vor, um den gesamtdeutschen Lebensstandard zu vereinheitlichen und der Wiedervereinigung näher zu kommen. Altsozialist Baade, bis zuletzt für Verstaatlichung der Grundstoff-Industrie, zog seine Meinungsvielfalt aus einem vielfältigen Berufsweg: Theologiestudent mit Fabrikerfahrung, Soldatenratsvorsitzender, Ökonomie-Dozent, Agrarberater der türkischen Regierung, Publizist in den USA. Gelegentlich bot Baade dem Land Sonderservice: Über amerikanische Freunde ließ er 1948 alliierte Demontagen stoppen, und in den zwanziger Jahren beglückte er die Bauern mit einer "Schweinefibel" in Versform. Fritz Baade starb vergangenen Mittwoch in Kiel.
Carlos Mugica, 44. Der streitbare Pater gehörte zu jenen lateinamerikanischen Geistlichen, die auf der Seite der Armen "gegen die institutionalisierte Gewalt, die Wurzel allen Übels" (Mugica) kämpften. Sein Vater war Großgrundbesitzer und einst Argentiniens Außenminister, der Sohn wurde einer der Anführer der "Priesterbewegung der Dritten Welt". In einem der Elendsviertel von Buenos Aires predigte er, organisierte er die Selbsthilfe der Armen und hielt in einer Baracke politische Diskussionen ab. Als vor einem Jahr Juan Domingo Perón aus dem Madrider Exil heimkehrte, sah der Pater darin einen "bedeutenden Beitrag zur Befreiung" des Volkes. Zwar mißbilligte er die Schwenkung nach rechts, die Perón inzwischen vollzog, doch distanzierte er sich auch von jenen Links-Peronisten, die ihre Ideen mit Guerilla-Aktionen durchsetzen wollen. Im Argentinien von heute, so glaubte Pater Mugica, habe "die Gewalt keinerlei politische oder moralische Rechtfertigung mehr". Am vorletzten Wochenende wurde er auf offener Straße erschossen.
Maud von Ossietzky, 86. Sie stammte aus einer alten englischen Soldatenfamilie, kämpfte zusammen mit der englischen Ober-Suffragette Emmeline Pankhurst um die Emanzipierung der Frau und heiratete den Herausgeber der Berliner "Weltbühne", Carl von Ossietzky. Der Pazifist und spätere Friedensnobelpreisträger starb 1938, seine Witwe war bis zuletzt Mitherausgeberin der in der DDR nach. dem Krieg wieder erschienenen "Weltbühne". Am vergangenen Montag starb sie in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 21/1974
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