11.03.1974

Abtreibung: Aufstand der Schwestern

Sechs Wochen vor der zweiten und dritten Lesung der Abtreibungsreform in Bonn rufen Ärzte und Frauengruppen zum letzten Gefecht. Wie vor drei Jahren Frauen zugaben, sie hätten abgetrieben, so bekennen nun -- durch Unterschrift -- 329 Mediziner, daß sie den verbotenen Eingriff vorgenommen oder Frauen dazu verholfen haben,
"Letzter Versuch" nennt sich eine Initiativgruppe zum § 218 aus dem "Frauenzentrum" in Berlin-Kreuzberg, und letzte Versuche, die Öffentlichkeit für eine radikale Reform des Abtreibungsparagraphen zu mobilisieren, werden in diesen Wochen noch einmal von zahlreichen Frauengruppen unternommen.
Neu ist an dieser Kampagne gegenüber den 218-Aktionen des Jahres 1971, daß -- erstmals in der Bundesrepublik -- Frauen und Ärzte mit vereinten Kräften gegen das Abtreibungsverbot vorgehen, das in Bonn nun schon seit vier Jahren zur Reform ansteht:
* Frauen aus rund 80 bundesdeutschen Frauengruppen werden in den Großstädten mit Umzügen, Informationsveranstaltungen und Vorführungen einfacher Abtreibungsmethoden auf ihre "Interessen hinweisen", damit nicht nur die Aktivitäten der Katholiken Schlagzeilen machen" ("Letzter Versuch").
* 14 Mediziner, unter ihnen neun Frauen, kündigten am letzten Donnerstag in West-Berlin öffentlich ("um endlich mit der Heuchelei zu brechen") für das Wochenende eine Schwangerschaftsunterbrechung an ("Eine von 2000 bis 3000 Abtreibungen ... die an jedem Samstag in der Bundesrepublik und West-Berlin illegal durchgeführt werden ... werden wir hier anwesenden Ärzte und Ärztinnen machen").
* 329 Ärzte, Ärztinnen und Medizinalassistenten erklären -- in dieser SPIEGEL-Ausgabe -- erstmals öffentlich, daß sie "Abtreibungen vorgenommen oder Frauen zur Abtreibung verholfen haben und das weiterhin tun werden" (siehe Seiten 30 und 31).
Die 329 Unterschriften kamen auf Initiative einiger engagierter Frauen nach dem Schneeballsystem in nur vier Tagen zusammen. Die Frauengruppen ebenso wie manche progressive Ärzte plädieren für ersatzlose Streichung des Paragraphen 218, der eine Abtreibung noch immer mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe ahndet; alle unterzeichnenden Mediziner aber fordern -- solidarisch mit den Frauen -- "mindestens die Fristenlösung.
In der Tat ist ein Votum zugunsten der Fristenlösung -- sie sieht straffreien Schwangerschaftsabbruch generell bis zum Ende des dritten Schwangerschaftsmonats vor -- in Bonn noch nicht sicher, obwohl sie von einer Mehrheit der SPD/FDP-Koalition gestützt wird. Massiver Dauerdruck aus katholischen Pfarreien und bischöflichen Ordinariaten, Boykottdrohungen von Frauenärzten und konfessionellen Krankenhäusern und nicht zuletzt der 1973 wieder erhebliche Geburtenrückgang in der Bundesrepublik haben in Bonn ein eher fristenfeindliches Klima geschaffen.
Rund 60 SPD-Abgeordnete treten statt für das Fristen- für ein Indikationsmodell ein, wonach ein legaler Eingriff nur aus medizinischen, ethischen, eugenischen oder sozialen Gründen zulässig sein soll. Bei diesem Modell blieben die betroffenen Frauen auch weiterhin der Willkür ärztlicher Gutachter ausgesetzt.
Bei der auf den 25. April terminierten zweiten und dritten Lesung des Reformparagraphen steht nun zu befürchten, daß eine genügend große Zahl von CDU/CSU-Parlamentariern am Ende für dieses konservative SPD-Modell stimmt -- dann nämlich, wenn sie zuvor mit den beiden enger gefaßten Indikationsvorschlägen aus ihren eigenen Reihen in der Abstimmung unterlegen sind. Kurz vor Ostern möchte deshalb die SPD, gegen die allgemeine Konfusion, in einer Klausurtagung wieder Klarheit in die eigenen Reihen bringen.
Die Frauengruppen der Republik planen unterdes das Ihre, um die Bundesbürger noch einmal aufzurütteln. Der 16. März, der Samstag dieser Woche, wurde zum "Nationalen Protesttag gegen den Paragraphen 218" ausgerufen. In Hamburg und Frankfurt wollen Frauen mit zugepflasterten Mündern, gefesselten Händen und schwarzen Gefängniskugeln am Bein durch die Innenstadt ziehen. In Berlin sollen mitgeführte Masken, Ärztepuppen. Särge und Wäscheleinen mit Männer-Unterhosen die aus dem Paragraphen 218 resultierende Unterdrückung der Frauen symbolisieren.
Beim Amtsgericht nahe Frankfurts Zeil wollen hessische Frauen gesammelt ihren Kirchenaustritt erklären, in München gibt es "Frauen-Power" als Straßentheater. Auch in Provinzstädten soll die Parole "Frauen, jetzt reicht's" sinnfällig gemacht werden. Im frommen Trier freilich muß der Protesttag nachgeholt werden. Örtliche Behörden untersagten für den 16. einen Informationsstand auf dem Hauptmarkt, weil der Platz für die am 17. März stattfindenden Kommunalwahlen gebraucht werde. Dorothea Braun von der "Frauengruppe Trier/Bitburg": "Die haben wohl krampfhaft nach einer Partei gesucht, die da auf den Markt geht."
Überall wollen die Frauen auch auf die "Karman-Methode" hinweisen, die als "schonungsvolle" Abtreibungsart auch von den 329 jetzt an die Öffentlichkeit tretenden Ärzten und Medizinalassistenten propagiert wird. Bei diesem Absaug-Verfahren wird eine biegsame Kanüle (Durchmesser: vier Millimeter) in die Gebärmutter eingeführt. In 30 Sekunden bis 15 Minuten, je nach Stadium der Schwangerschaft, werden fötales Gewebe und Plazenta abgesaugt. Verletzungen der Gebärmutter oder Infektionen sind bei dem Absaugverfahren, das in den USA schon in mehr als 20 000 Fällen erprobt wurde, viel seltener beobachtet worden als bei der herkömmlichen Ausschabung.
Auch ist die inzwischen von Ärzten und amerikanischen Frauen weiterentwickelte Methode so einfach zu handhaben, daß medizinische Laien sie anwenden können, sofern sfr ausreichend angelernt worden sind.
Der amerikanische Psychologe Dr. Harvey Karman selbst berichtete 1972 in einer Fachzeitschrift über 560 Abtreibungen, vorgenommen von 45 Frauen, die eine mehrwöchige "medizinische Ausbildung erhielten und speziell gemeinsam mit den Patientinnen entwickelte Instrumente benutzten". Nur bei 17 Patientinnen wurde eine gynäkologische Nachbehandlung erforderlich.
Der Laienaspekt bei der Methode ist für die Frauen von besonderer Bedeutung, denn zum Konzept vieler militanter Frauenbewegungen gehört die Ablehnung männlicher Hilfe bei der Abtreibung. In Paris etwa existieren seit März 1973 in vielen Bezirken Stadtteilgruppen, in denen angelernte Frauen ihre "Schwestern" auf den Eingriff behutsam durch Gespräche und Informationen vorbereiten, um dann selbst an ihnen die "Mini-Abtreibung" (bis zur achten Schwangerschaftswoche) zu praktizieren. Obwohl die Rechtslage in Frankreich der deutschen gleicht, arbeiten die Gruppen halböffentlich, ohne daß es zu Strafanzeigen kam.
Andererseits warnen Mediziner auch vor einem "Trend zum Selbermachen", denn die Gefahr der Einschleppung von Keimen in die Gebärmutter bei ungenügender Sterilisation des Plastik-Geräts sei nicht zu unterschätzen. Doch auch unter der fachmännischen Aufsicht westdeutscher Mediziner ist das Absaugverfahren -- außer an großen Kliniken und bei legalen Aborten -- bisher kaum angewendet worden. Konrad Tidow, einer der 14 West-Berliner 21 8-Provokateure, will "den Gründen" dafür, daß diese "sehr billigen, einfachen Verfahren bisher bei uns kaum genannt und wenig durchgeführt werden", fürs erste "nicht nachgehen".
Vermutungen, jedenfalls über seine US-Kollegen, äußerte kürzlich der New Yorker Gynäkologe Dr. Edgar Stim: "Ein Chirurg ist im Grunde für das Verfahren überqualifiziert. Eine Krankenschwester kann den Eingriff genausogut machen -- und das verletzt die Eitelkeit der Ärzte."
Wie undramatisch nach der neuen Methode ein Abort sein kann, sollen Deutschlands Frauen jedenfalls schon bald erfahren.
Im Fernsehmagazin "Panorama" wird -- falls der NDR nicht noch Bauchweh bekommt -- am Montagabend dieser Woche ein Dokumentarfilm vorgeführt, den die in Paris lebende Journalistin Alice Schwarzer, 31, besorgt hat. Der Film zeigt eine Schwangerschaftsunterbrechung nach der Absaugmethode.

DER SPIEGEL 11/1974
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