27.05.1974

Hans Mayer über Elias Canetti: „Die Provinz des Menschen“Schwarze Wolke, Gift des Grams

Hans Mayer, 66, derzeit Gastprofessor der University of Wisconsin-Milwaukee, veröffentlichte zuletzt das Buch „Goethe. Ein Versuch über den Erfolg“. -- Elias Canetti, 68 entstammt einer jüdischen Familie aus Bulgarien, wuchs in England, der Schweiz, Deutschland und Wien auf und lebt seit 1938 in London. Seine Hauptwerke sind der Roman „Die Blendung“ (1935), der Essay „Masse und Macht“ (1960) und die „Aufzeichnungen“.
Der fatale Doppelsinn des Wortes "besprechen" wird offenkundig beim Versuch, die Aufzeichnungen Canettis, eine Quintessenz des Selbstgedachten aus dreißig Arbeitsjahren" besprechen zu wollen. Besprechen ist bereden, was nicht angeht. Besprechen ist auch Dämonenbeschwörung. Was eher zu einem Buch paßt, das unablässig religiöse Phänomene und Religionen analysiert, jedoch entschieden unchristlich auftritt. Zwar habe das Christentum, so meint Canetti" das Sterben in Form des Kreuzes ins Zentrum gerückt, sei je. doch dem Tode in Ehrfurcht verfallen: was Canettis heftigen Widerspruch, gar Haß hervorruft. Wer die zentrale Thematik dieser Aphorismen, die aufeinander bezogen sind und ein zwar offenes, aber folgerichtiges Denken demonstrieren, verstanden hat, wird sich darüber nicht wundern.
Canetti geht vom Mißerfolg der Weltschöpfung aus. Ein Gott nach seinem Sinne hätte am siebten Schöpfungstag erkannt, "daß es nicht gut war". Seitdem ist die dichterische Einbildungskraft Canettis mit Gegenentwürfen zur Welt beschäftigt. Auch in den Aufzeichnungen wird immer wieder das Konzept einer Lebensform entworfen, die bisweilen absurd erscheinen mag, vergleicht man sie mit unseren Verhaltensweisen, die jedoch denkbar wäre.
Die Erbsünde hat Gott begangen, meint Canetti, als er den Tod in die Welt schickte und zu diesem Zweck die Schlange agieren ließ. Sie habe ihn, den Auftraggeber, bis heute nicht verraten. "Und welches ist die Erbsünde der Tiere? Warum erleiden die Tiere den Tod?" Canettis schroffe Weigerung, dem Tod irgendeine Reverenz zu erweisen, meint mehr als den Vorgang des physischen Sterbens. Stets ist auch der Vorgang des Tötens visiert. "Es gibt keine Tat, es "gibt keinen Gedanken außer einem: Wann ist das Morden zu Ende?" Das ist kein Aufschrei im Bombenkrieg 1942 allein, sondern abermals der spekulative Ansatz eines Gegenentwurfs zur heutigen Welt.
Kurz vor Kriegsende kommt Canetti auf die grundsätzliche Bedeutung seines Reflektierens über Tod, Sterben und Töten zu sprechen. Alles Geschehen bewege sich heute zwischen zwei miteinander unvereinbaren Grund-Urteilen: "1. Jeder ist für den Tod noch immer zu gut. 2. Jeder ist für den Tod gerade gut genug. Zwischen diesen beiden Meinungen gibt es keine Versöhnung. Eine oder die andere wird Siegen. Es ist keineswegs ausgemacht, welche siegen wird. Canettis Grundanschauung liegt in der These, jeder Mensch sei "für den Tod noch immer zu gut". Mit alledem berühren die Aufzeichnungen immer wieder, unvermeidlich, den Komplex "Masse und Macht", also das Hauptwerk dieses Denkers, der im Jahre 1959 (nach elfjähriger Arbeit allein an der Niederschrift) den ersten Teil abschließt, aber auch heute noch am zweiten arbeitet. Der erste Gedanke zu diesem Buch, verrät eine Aufzeichnung, reiche bis ins Jahr 1925 zurück. "Aber der wirkliche Keim dazu war noch früher: eine Arbeiterdemonstration in Frankfurt anläßlich des Todes von Rathenau, ich war siebzehn Jahre alt."
Die Aufzeichnungen in "Die Provinz des Menschen" haben natürlich die Aufgabe, erste Formulierungen und Erkenntnisse zu fixieren. Nicht selten stellen sie sich jedoch, was einen hohen Reiz ausmacht, quer zu den Thesen von "Masse und Macht". Da jenes Hauptwerk eine Gesamtreflexion über Autorität versucht (denn Sterbenlassen ist eine extreme Art von Souveränität, also einer suprema potestas), muß sich der Allesleser Canetti vorzugsweise mit jenen Denkern einlassen, die sich zur Autorität bekannten, zur Macht über Menschen, zum Recht auf Repression. Da ist Aristoteles, den er nicht ausstehen kann, oder Bacons politischer Pragmatismus; da ist vor allem Hobbes im englischen 17. Jahrhundert: zwischen Revolution und Restauration. Hobbes imponiert Canetti, wie er gesteht, schon deshalb, weil es ihm gelang, 91 Jahre alt zu werden.
Sie alle aber, diese Gegendenker, faszinieren ihren Antipoden und Leser Canetti in fast sinnlicher Weise. Auch Canetti könnte den Satz von Paul Valéry formuliert haben: "Die Optimisten schreiben schlecht." Mit optimistischen Gesellschaftslehren hat dieser Aphoristiker kaum etwas im Sinn. Kein Rousseau, auch kein Hegel. Canetti hält nichts von historischen Listen der Idee, weil er nichts von der Geschichte hält.
Hingegen werden jene Denker, die den Menschen gut genug zum Sterben und Töten fanden, nahezu liebevoll und stets sehr kenntnisreich interpretiert. Auch hier macht sich Canetti nichts vor. Ganz ohne Ironie notiert er 1963 in eigener Sache: "Es wäre um ihn geschehen gewesen, hätte er nicht Swift vor Schiller gelesen." Zwei Jahre später wird dann jedoch die Abgrenzung vollzogen. Dies ist vielleicht die eigentliche Selbstaussage: "Allen Denkern, die von der Schlechtigkeit des Menschen ausgehen, eignet eine ungeheure Überzeugungskraft ... Daß es nie die ganze Wirklichkeit ist, merkt man erst später; und daß es noch mutiger wäre, in dieser selben Wirklichkeit, ohne sie zu verfälschen und zu verschönern, den Keim zu einer anderen zu sehen, die unter veränderten Umstanden möglich wäre, gesteht sich nur der, der die Schlechtigkeit noch besser kennt, sie in sich hat ... sie in sich findet, ein Dichter.
Canetti ist ein Möglichkeitsdenker, wie Musils Mann ohne Eigenschaften. Mit hohem Respekt wird Musil genannt. Canetti kennt auch die Hoffnung. Er notiert (1960): "Man muß den Menschen fassen, wie er ist, hart und unerlöst. Man darf ihm aber nicht erlauben, sich an der Hoffnung zu vergreifen. Nur aus der schwärzesten Kenntnis darf diese Hoffnung fließen, sonst wird sie zum höhnischen Aberglauben und beschleunigt den Untergang, der näher und näher droht.
Wie jedoch wäre diese Hoffnung aus der Schwärze zu legitimieren? Canettis Denken steht quer zum "Prinzip Hoffnung" von Ernst Bloch. Auch Bloch kennt die Hoffnung wider alle Hoffnung. Allein er inventarisierte alle Träume vom besseren Leben: von Demokrit (der auch bei Canetti gegen Aristoteles ausgespielt wird) bis zur Utopie von Thomas Morus. In Blochs Einteilung der Utopien in solche der Freiheit und der Ordnung ist keine geheime Sympathie spürbar für die Gegendenker der "Ordnung". Auch hätte er nie, wie Canetti (1950), formuliert: "Ich gäbe viel darum, wenn ich mir die historische Betrachtung der Welt wieder abgewöhnen könnte."
Unter allen Denkern, die sein eigenes Konzept der Hoffnung stützen sollen, fühlt sich Canetti, neben den Chinesen, sowohl Goethe wie Lichtenberg besonders nahe. Es ist Selbstaussage und Sehnsucht in einem, wenn es bei ihm über Lichtenberg heißt: "Seine Neugier ist durch nichts gebunden, sie springt von überall her, auf alles zu. Seine Helligkeit: auch das Dunkelste wird hell, indem er es denkt." Es gibt auch bei Canetti, wie bei Lichtenberg, kurze Prägungen, die man nicht wieder vergißt. Auch hier, um Canettis Formel zu gebrauchen, die "Flohsprünge" des Geistes. Manches in Canettis Aufzeichnung gen könnte, mit veränderter Dekoration, in Lichtenbergs "Sudelbüchern" stehen. Etwa dies: "Ein Chinese stiehlt in Cambridge einen Ödipus-Komplex und führt ihn dann verstohlen in China ein." Oder: "Ein Liebesbrief aus Schweden. Strindberg auf den Briefmarken."
Natürlich sind das, um den herkömmlichen Ausdruck zu gebrauchen, Aufzeichnungen eines Moralisten in der Sache, eines Aphoristikers in der Form. Was aber ist damit gesagt? Canetti liebt den Ausdruck Moralist nicht. Er gemahnt ihn an eine Perversion. Ein Ausdruck in der Reihe: Sadist, Masochist, Fetischist, Moralist ... Solches Denken setzt jedoch, um wirksam zu werden, beim Leser ein Mit- und Gegendenken voraus, denn Canetti liefert nur die Resultate, ohne den Weg zu ihnen aufzuschreiben. Das beginnt bereits mit dem Titel, Warum "Provinz des Menschen"? Eine Provinz ist eine kleinere geschlossene Einheit innerhalb einer größeren Totalität. innerhalb welcher?
Dies ist einer der großen Schriftsteller in deutscher Sprache. Stets meint er auch sich selbst beim Hassen. Ein Gegendenker, dem es mit dem Denken ernst ist. Er schreibt 1963: "Schwarze Wolke, verlaß mich jetzt nicht. Bleib über mir, daß mein Alter nicht schal wird, bleib in mir, "Gift des Grams" daß ich nicht der sterbenden Menschen vergesse." Ihm glaubt man es.

DER SPIEGEL 22/1974
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