29.04.1974

AFFÄRENZinsen von der Mafia

In der größten Geldanlegerpleite seit IOS mehren sich die Beweise, daß der Hamburger Trustee-Chef Jörn Grimmsmann -- und etliche westdeutsche Millionäre -- von amerikanischen Gangstern hereingelegt worden sind.
In vielen Bungalows amerikanischer Finanzmänner zwischen Miami und Las Vegas sprach in den letzten Wochen eine seltsame Gruppe vor: Wenn die Hausherren, häufig aber auch ihre Leibwächter öffneten, zückten FBI-Beamte eine Sondervollmacht für drei sie begleitende Herren aus Deutschland: den Hamburger Staatsanwalt Wolfgang Arnold und zwei Spezialisten des Wiesbadener Bundeskriminalamtes.
Die westdeutschen Strafverfolger waren nach Amerika gereist, um für den im Herbst dieses Jahres beginnenden Prozeß gegen den Hamburger Finanz- und Steuerhelfer Jörn Grimmsmann neue Spuren zu sichern. In dem nach Ansicht des Bundeskriminalamtes "größten Fall nach IOS" sind deutsche Geldanleger um mindestens 60 Millionen Mark gebracht worden.
Schon beim Zusammenbruch des von Grimmsmann beherrschten Trustee-Firmenverbandes im Sommer vergangenen Jahres war Branchenkennern manches nicht geheuer erschienen. Dem angesehenen Steuerhelfer -- so ihr Zweifel -- fehle für den großen Coup jedes Motiv, weil seine Hamburger Steuerberatungsgesellschaft Confida jährlich Reingewinne bis zu 500 000 Mark verbuchte. Die Reise des Staatsanwalts bestätigte jetzt, daß Grimmsmann von professionellen Mafiosi hereingelegt worden ist. Arnold: "Der ist da mehr oder weniger reingeschlittert."
Begonnen hatte das große Geldabenteuer des gelernten Steuerinspektors Mitte 1968, als er den Wertpapier-Händler Arie Leo From kennenlernte. Der Amerikaner mit dem israelischen Paß schlug Grimmsmann vor, deutschen Geldanlegern lukrative Aktiengeschäfte zu vermitteln. Durch gute Beziehungen zu US-Brokern sollten dabei Kapitalgewinne von fünf bis acht Prozent pro Monat herausspringen.
Der in Wertpapier-Geschäften noch wenig erfahrene Grimmsmann willigte ein, machte zunächst aber eine Probe aufs Exempel. Aus seiner Privatschatulle ließ er From 100 000 Mark auszahlen und erhielt auch prompt die versprochenen Verzinsungsraten. Nacheinander organisierte er dann gemeinsam mit anderen Geschäftsleuten eine Firmengemeinschaft, die deutschen Anlegern die steuersichere Abwicklung ihrer Geldanlage gewährleistete. So entstand in Zürich eine Trustee AG, im Steuerparadies Vaduz die Establishment for International Values und in Panama die Consolidated Value S.A.
Hätte Grimmsmann über From gründlichere Erkundigungen eingezogen, wäre er vermutlich vorsichtiger geworden. Staatsanwälte und Detektive sagten seinem Kompagnon nämlich "Verbindungen zum organisierten Verbrechertum" nach. Zwischen Nizza und Las Vegas galt From zudem als passionierter Spieler, der im Londoner White Elephant Club selbst den Emir von Kuwait herausforderte.
Freilich hatte Grimmsmann zu intensiven Nachforschungen kaum noch Zeit, denn als seine überaus fetten Gewinnausschüttungen bekannt wurden, trugen ihm wohlhabende Bundesbürger das Geld zum Teil kofferweise ins Haus. Grimmsmann-Kunden wurden unter anderem der Hamburger Verleger John Jahr sen., der CDU-Abgeordnete Dietrich Rollmann und die Schlagersängerin Dunja Rajter.
Im Frühjahr 1972 war From jedoch plötzlich mit 8,8 Millionen Dollar Kundengeldern verschwunden. Gleichzeitig stellte sich heraus, daß die von From ausgezahlten oder gutgeschriebenen Monatsgewinne von 1,8 bis 5,2 Prozent falsch waren. Das Geld stammte nämlich fast ausnahmslos aus neuen Kundenanlagen.
Während der geneppte Gewinnbastler noch überlegte, wie er sich aus der Affäre ziehen sollte, tauchte From nach mehrmonatiger Abwesenheit unerwartet wieder auf und versprach Schadenersatz: Für 2,7 Millionen Dollar wollte er "einen besonders günstigen Wertpaperposten im Gesamtwert von 14 Millionen Dollar" heranschaffen. Wie sich später herausstellte, stammten die Papiere aus einer Mafia-Aktion auf dem New Yorker Kennedy-Flughafen, bei der amerikanischen Gangstern für 48 Millionen Dollar Aktien der ACF Industries Inc. in die Hände fielen.
Leichtfertig ließ sich Grimmsmann auf Froms Empfehlung bald auch in andere Halbwelt-Geschäfte ein. Einer in St. Pauli wohlbekannten Monika Kasparek zum Beispiel finanzierte er über seinen Europäischen Gemeinsamen Handelsmarkt Vaduz (EGH) den "Erwerb und Betrieb" der Hamburger Tanzbar Marina (später Caesar-Palace) und den London Pub. Als der Palast durch Brandstiftung in Flammen aufging und Grimmsmann die dem EGH zustehende Versicherungssumme (1,6 Millionen Mark) kassieren wollte, gab es allerdings Schwierigkeiten. Laut Protokoll wurde der Steuerbevollmächtigte mehrfach zusammengeschlagen und mit Enthüllungen über Liquiditätsschwierigkeiten seiner Gesellschaften bedroht. Höhepunkt der Auseinandersetzung: Im London Pub wurde auf ihn "dreimal am rechten und zweimal am linken Ohr vorbei" geschossen.
Zuletzt sollte Grimmsmann seinen Partnern sogar eine Spielbank finanzieren, für die From und der ehemalige Gauverneurstellvertreter von Nevada" Clifford Jones, eine gemeinsame Konzession besaßen. Pate stand diesmal Oetkers Bankhaus Hermann Lampe KG, die dem Trustee-Chef einen 1,3-Millionen-Dollar-Kredit "zugunsten der Herren Clifford Jones und Leo From" einräumte. Geschäftszweck: "Die in Nizza, Promenade des Anglais Nr. 1 gelegenen Räumlichkeiten für den Gebrauch von Glücksspielen und ein Luxuspalast der internationalen Klasse".
Das Geschäft platzte, als die Lampe-Bank Anfang Mai 1973 feststellte, daß die von Grimmsmann zur Sicherheit des Spielbank-Kredits verpfändeten ACF-Papiere in Amerika gestohlen waren. Zwar gelang es dem zum zweitenmal hereingelegten Makler noch einmal. über From 651 441 Mark zur Regulierung des Schadens aufzutreiben. Dann aber war es auch mit Froms Künsten vorbei. From und Grimmsmann wurden verhaftet.
Inzwischen setzte bei den Geschädigten die Jagd auf die Reste des einstigen Grimmsmann-Reiches ein. So mußte Konkursverwalter Hinnerk Müller "zahlreiche Forderungen bestreiten, weil gegenwärtig nicht erkennbar ist, in welchem Umfang Doppelanmeldungen erfolgt sind". Von den bisher eingegangenen 167 Millionen Mark Kundenansprüchen werden sich nach Müllers Schätzungen höchstens 70 Millionen als echt erweisen.
Dem Rektor der Fachhochschule für Gestaltung (Fachrichtung Schmuck, Industrie- und Modedesign) in Pforzheim, Professor Eckart Mosny, etwa ging die Grimmsmann-Pleite "so hart an meine Existenz, daß dabei die Gesundheit hopsgehen kann". Zur Zeit führt die erbitterte Magnifizenz, laut Konkurstabelle mit 543 428 Mark bei den Hamburgern dabei, wegen "gesetzlicher Ungleichheit durch das Landesbesoldungsgesetz" einen Prozeß gegen das Land Baden-Württemberg, um eine Bessereinstufung von A 16 nach B 2 zu erzwingen.
Um den Geschädigten wenigstens zu einem Teil ihres verlorenen Geldes zurückzuverhelfen, wollen sich Konkursverwalter und Gläubigerausschuß mittels Anfechtungsklagen an den nach ihrer Ansicht zu Unrecht ausgezahlten Gewinnen anderer Anleger schadlos halten. In der Akte John Jahr sen. entdeckten die Nachlaßjäger zum Beispiel Beweise für einen von dem Hamburger Verleger gewährten 1,4-Millionen-Mark-Kredit, der ihm in sechs Monaten immerhin 267 000 Mark Zinsgewinn einbrachte. Als Sicherheit für fünf Kredite über 4,5 Millionen Mark an die Grimmsmann-Gruppe hatte sich Jahr außerdem Rechte an der Ferria-Immobilien-Anstalt Vaduz und dem Europäischen Gemeinsamen Handelsmarkt abtreten lassen. Beide Gesellschaften verfügen über ein Vermögen von 800 000 Mark.
Grimmsmann selbst gibt dem Konkursverwalter aus seiner Zelle im Hamburger Untersuchungsgefängnis für die inzwischen auf 807 368 Mark angewachsene Konkursmasse laufend neue Tips. Im Nachlaß des Trustee-Chefs wurden unlängst sogar 600 Kopien eines von Grimmsmann finanzierten Pornofilms (Titel: Le Voyeur) gefunden. Als der Staatsanwalt das Werk konfiszieren wollte, meldete der Konkursverwalter: "Wir behalten uns vor, den Absatz einzuleiten, sobald die Strafbestimmungen gelockert sind."

DER SPIEGEL 18/1974
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