22.05.1957

GRIECHENLAND-BEZIEHUNGENDie Falle der Fahndung

Seit dem 26. April hat der Berliner Rechtsanwalt Dr. Max Merten, 45, in einer Einzelzelle des Gefängnisses zu Athen Gelegenheit, darüber nachzusinnen, was die griechische Justizbehörde veranlaßt haben könnte, seine Auslieferung, die vom amerikanischen CIC (Counter Intelligence Corps) angeboten worden war, im Jahre 1946 abzulehnen, ihn aber fast genau zwölf Jahre nach Beendigung des Krieges als Kriegsverbrecher zu verhaften.
Die Lösung dieses Rätsels ist, daß Merten das erste Opfer einer Auseinandersetzung wurde, in deren Verlauf die griechische Regierung seit einem Jahr auf balkanische Weise versucht, die Bundesrepublik unter Druck zu setzen und sie zu außerplanmäßigen Reparationsleistungen zu veranlassen.
Auf dem Luftwege hatte sich Merten am Ostermontag nach Griechenland begeben. Seine Reise hatte einen doppelten Zweck. Im Auftrage eines Klienten waren in Athen geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen. Außerdem wollte Merten die Gelegenheit nutzen, um freiwillig als Zeuge in einem privatrechtlichen Verfahren aufzutreten, das gegen seinen ehemaligen Chefdolmetscher Meißner anhängig ist. Meißner, der jetzt in Fürth ansässig ist, lebte bis zur Besetzung Griechenlands durch deutsche Truppen als Auslandsdeutscher in Athen. Nach der Kapitulation wurde sein Vermögen beschlagnahmt. In dem jetzt anhängigen Verfahren sollte über die Enteignung entschieden werden.
Als Meuten zur Zeugenaussage im Gericht erschien, wurde er festgenommen. Er kam zunächst in Polizeigewahrsam, später in eine Einzelzelle. Die einzige Nachricht, die er seiner Frau zukommen lassen konnte, bestand aus einem Drei-Worte-Telegramm: "Seit Freitag inhaftiert."
Merten soll, so teilte das griechische Justizministerium nach der Verhaftung am 14. Mai mit, als ehemaliger Chef der deutschen Militärverwaltung in Mazedonien an der Hinrichtung von über 600 Griechen beteiligt gewesen sein. Außerdem wird ihm "Beteiligung an der Plünderung und gewaltsamen Wegnahme griechischen und insbesondere jüdischen Vermögens im Werte von über eineinhalb Millionen Goldpfund" zur Last gelegt.
Unter Druck gesetzt
Nun hatte sich aber die griechische Regierung im vorigen Jahr bereit erklärt, die Akten über etwa 700 angeblich von Deutschen begangene Kriegsverbrechen und ähnliche Delikte der Bundesregierung zu übergeben, die sich verpflichtete, in allen Fällen das Ermittlungsverfahren einzuleiten, ohne jedoch die Schuld der betroffenen Personen von vornherein anzuerkennen. Die griechische Regierung erklärte sich gleichzeitig bereit, ihrerseits die Fahndung einzustellen.
Die Akten betrafen nach griechischen Angaben nur die schwersten Fälle. Leichtere Fälle, über deren Zahl und Einzelheiten kein Mensch in Deutschland etwas erfahren kann, sollten - so wurde von griechischer Seite in Aussicht gestellt - insgesamt durch eine Amnestie bereinigt werden, sobald die schweren Fälle nach der Übernahme durch die deutschen Gerichte erledigt seien. Dem Abkommen zufolge hätten also Deutsche wegen angeblicher Kriegsdelikte von griechischen Behörden nicht mehr verfolgt werden sollen.
Gleich nachdem die Akten überstellt worden waren, leitete die Bundesregierung die Ermittlungsverfahren ein. Es machten sich dabei erhebliche Schwierigkeiten bemerkbar, weil die in Betracht kommenden Personen nur mühsam ausfindig gemacht werden können, und weil auch gelegentlich noch juristische Zuständigkeiten zu klären sind. Immerhin schien die Entwicklung für die beiden Vertragspartner befriedigend zu verlaufen.
Im Herbst vorigen Jahres wurden dann im griechischen Parlament, offenbar ausgelöst durch die erfolgreichen Verhandlungen Jugoslawiens, Wiedergutmachungsansprüche an die Bundesrepublik erörtert. Wenig später forderte die griechische Regierung offiziell in einer Note Wiedergutmachungsleistungen von der Bundesrepublik. Eine feste Summe war nicht genannt. Der Endbetrag könne ja - so hieß es - noch ausgehandelt werden. Die griechische Regierung in Athen behielt sich jedoch vor, das Geld pauschal In Empfang zu nehmen, um von sich aus etwaige Ansprüche von Einzelpersonen zu befriedigen.
Die Bundesregierung lehnte die Forderung ab und antwortete, für derartige Zahlungen gebe es keine Rechtsgrundlage,
weil Griechenland im Gegensatz zu Jugoslawien schon am Londoner Schuldenabkommen beteiligt sei. Die Regierung in Athen gab sich nicht zufrieden. Sie replizierte: Wenn die Deutschen nicht zahlen wollten, dann werde sie eben die Fahndung nach Kriegsverbrechern wiederaufnehmen. Die Bundesregierung verharrte bei ihrer Weigerung und erklärte, sie denke nicht daran, sich unter Druck setzen zu lassen. Dabei blieb es bis zur Verhaftung des Merten.
Nun erscheint es fraglich, ob ausgerechnet Merten zu den schweren Fällen gehört, die überhaupt nur noch verfolgt werden sollen. Schon als er nach dem Zusammenbruch für ein Jahr bei der amerikanischen Armee im automatischen Arrest in Dachau saß, hatte Merten bei den einschlägigen Vernehmungen nicht
verschwiegen, daß er vor dem Kriege Landgerichtsrat im Reichsjustizministerium war und daß er dann durch günstige Beziehungen, die er als Nicht-Parteigenosse zum Stabe des Admirals Canaris hatte, zum Militärverwaltungsrat Nordgriechenland mit dem Dienstsitz in Saloniki gemacht wurde.
1944 wurde Merten aus Saloniki abberufen, nachdem gegen ihn wegen Begünstigung der Bevölkerung und der nach Nordgriechenland geflüchteten und dort zusammengetriebenen rund 70 000 Juden spanischer, schweizerischer und italienischer Nationalität intrigiert worden war. Sein neuer Vorgesetzter wurde der Verwaltungschef für Serbien, Dr. Neubacher. Er gab dem Merten etliche Sonderaufträge für Montenegro, die aber so ausfielen, daß dem Canaris-Protégé im Herbst 1944 sogar - wie Frau Merten zu erzählen weiß - noch ein Kriegsgerichtsverfahren wegen Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung angehängt wurde. Einzelheiten darüber blieben unbekannt, weil es nicht mehr zur Verhandlung kam.
Aber auch so erschien die Konduite des Merten den Vernehmern vom CIC einwandfrei genug, um ihn ohne weitere Auflagen als automatisch entnazifiziert laufen zu lassen, nachdem eine Offerte an Griechenland, ihn auszuliefern, abgelehnt worden war.
Trotz dieses günstigen Abgangs hielt es Merten aber doch für ratsam, sich vorbeugend eine stattliche Sammlung von Persil-Scheinen zurechtzulegen. Zu den Prunkstücken dieser Sammlung zählt er Schreiben
- des ehemaligen Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes für Mazedonien, Dr. Burkhardt,
- des Heiligen Präsidiums des Heiligen Berges Athos,
- des schwedischen Rot-Kreuz-Delegierten Gyllenram, Stockholm.
Schreibt Burkhardt: "Ganz besonders liegt mir daran, festzustellen, daß es dem Roten Kreuz dank Ihres persönlichen Einschreitens möglich war . . ., das vor der Deportierung der Israeliten beim Bahnhof eingerichtete Ghetto mit Brot und Milch zu versorgen. Ich kann auch beglaubigen, daß diese letzteren, soweit es im Bereich der Möglichkeit lag, den harten Nazi-Gesetzen Anfang 1943 entzogen wurden vor der Ankunft des Sonderkommandos, dem deren Deportierung in die polnischen Todeslager oblag."
Warnung für Reisende
Die Mönche vom Berge Athos bescheinigten Merten, daß er um die Versorgung der Klosterinsassen bemüht war, daß er sie vor den einmarschierenden Bulgaren schützte und die Beauftragten des Stabes Rosenberg durch Militärpolizei daran hinderte, Kunstschätze zu rauben. "Trotzdem er eine leitende Beamtenstellung innehatte, und zweifelsohne entgegen den strengen Befehlen, die er hatte, hat er menschenfreundlich und positiv für unser Heiliges Gebiet gewirkt und größte Milde und Güte gezeigt."
Das schwedische Gutachten ist zwar sehr viel nüchterner als das blumige Betragenszeugnis der Athos-Mönche, aber die Charakterisierungen decken sich. "Was Ihre Arbeit in der Kriegsverwaltung betrifft, kann ich feststellen, daß Sie in den schwierigen und empfindlichen Aufgaben, die ich zu vertreten hatte, immer mit größtem Entgegenkommen versucht haben, dem IRK in jeder Hinsicht zu helfen und daß Sie- sich besonders um die Ernährung der griechischen Kinder die größte Mühe gegeben haben, um dieselbe in der an und für sich schwierigen Lage zu verbessern."
Sowohl der aktenmäßig belegte gute Leumund des Merten als auch die eigenwillige Aktion der Griechen zur Forcierung ihrer finanziellen Wiedergutmachungsansprüche veranlaßten das Auswärtige Amt, sofort schärfsten Protest einzulegen und unmißverständlich wissen zu lassen, man werde sich mit einer Warnung an die Öffentlichkeit wenden, wenn der Fall nicht bereinigt würde. Diese Warnung, nicht nach Griechenland zu fahren, würde für alle die gelten, die sich während des Krieges zu irgendeiner Zeit dort aufhielten und nun nicht wissen, ob sie auch auf den Fahndungslisten stehen. Sie würde aber auch jene Deutschen erreichen, die gerade dabei sind, das Land der Hellenen als Reiseland zu entdecken, und schon entsprechende Urlaubspläne gemacht haben.
Verhafteter Anwalt Merten (mit Familie) Opfer im Wiedergutmachungsstreit

DER SPIEGEL 21/1957
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