22.05.1957

UFAExerzierplatz Fernsehen

Seit einigen Tagen ist es den deutschen Filmproduzenten zur bösen Gewißheit geworden: Die wiedererstandene "Universum-Film AG" - besser bekannt unter dem Namen "Ufa" - hat, noch ehe sie überhaupt wieder richtig in den Kino-Konkurrenzkampf eingreifen konnte, mindestens auf einem Gebiet sämtliche anderen Filmhersteller in der Bundesrepublik überrundet. Als erste und einzige Filmfirma hat die Ufa mit der Produktion von Spielfilmen für das "Deutsche Fernsehen" begonnen.
In der vorletzten Woche haben Vertreter der deutschen Fernsehanstalten in Baden-Baden endgültig festgelegt, in welchem Rahmen die Ufa künftig als Lieferant des Fernsehens arbeiten wird. Die "Fernseh -Programm-Konferenz", die darüber bestimmt, was den 865 871 deutschen Fernsehern (Stand am 1. Mai 1957) geboten werden soll, stimmte einem Mustervertrag zu, der die "Auftragsproduktion" der Ufa regelt.
In den Tempelhofer Ateliers der Ufa haben unterdessen die Vorarbeiten zu den ersten zwölf Ufa-Fernsehfilmen begonnen, mit denen das Fernsehen sein Programm beträchtlich zu verbessern hofft. Fünf 30 bis 50 Minuten lange Fernsehfilme sind dort bereits in der Produktion:
- "Schatten der Vergangenheit" - ein
Fernseh-Film-Feature über deutsch französische Zusammenarbeit bei einer Grubenkatastrophe;
- "Ali, der Meisterdieb" - ein Märchen für Erwachsene nach "Tausendundeine Nacht";
- "Das Verbrechen des Mister Savile" - ein Kurzfilm nach einer Novelle von Oscar Wilde;
- "Cardillac" - eine Kriminalgeschichte nach E. T. A. Hoffmanns "Fräulein von Scuderi" und
- "Lauter Engel um Monsieur Jacques" die Fernsehfassung eines Hörspiels von Johannes Hendrich.
Die Aktivität der Ufa auf dem geschäftlichen Neuland der Fernsehfilm-Produktion wird von den übrigen Filmherstellern mit einiger Besorgnis registriert. Bisher hatte es nämlich kein Filmproduzent gewagt, eine Bindung mit dem Fernsehen einzugehen. Die Filmtheater-Besitzer und Verleiher, von denen die Produzenten beim Verkauf ihrer Ware abhängen, hatten mehrfach erkennen lassen, daß sie nicht einverstanden sein würden, wenn ein Produzent gemeinsame Sache mit dem großen Konkurrenten mache.
Obwohl das deutsche Fernsehen zur Zeit dem Kinogeschäft noch keinen ruinösen Abbruch tun kann, fürchtet die Filmindustrie, daß eine Mitarbeit der Produzenten beim Fernsehen sich schon bald an verringerten Besucherziffern ablesen lassen könnte. Die Tatsache, daß die Filmindustrie dem Fernsehen nur uralte und abgespielte Filme zur Verfügung stellte, so meinen die Filmleute, hätte die Fernsehentwicklung gebremst und dem Kino Besucher erhalten.
Das "Deutsche Fernsehen" ist in der Tat schon lange bemüht, sein Programm durch neue Filme aufzupolieren. Aber die Filmhersteller zeigten sich wenig geneigt, ihre Abwehrhaltung gegenüber dem Fernsehen aufzugeben.
Wie verhärtet die Fronten noch vor einem Jahr waren, erwiesen einige Aufrufe, mit denen einzelne Filmleute damals ihren Branchenkollegen Korsettstangen in Sachen Fernsehen einziehen wollten. "Keinen Meter Film dem Fernsehen" hatte Rolf Theile, der Sprecher des Kinobesitzer-Verbandes, den versammelten Mitgliedern der "Spitzenorganisation der Filmwirtschaft" (Spio) zugerufen. Walter Koppel, Chef der Hamburger Real Film nannte bei anderer Gelegenheit das Fernsehen schlicht "eine Belästigung der deutschen Filmwirtschaft".
Andere Filmleute allerdings hatten bereits damals einer "friedlichen Zusammenarbeit der feindlichen Brüder Film und Fernsehen" das Wort geredet. Ihre Argumente waren etwa: Die Filmproduzenten könnten die Verluste der mit Sicherheit herannahenden Kinoflaute nur ausgleichen, wenn sie Filme für das Fernsehen drehen würden. Zudem sei auch in Amerika, wo sich die Rivalen Film und Fernsehen anfangs bis aufs Messer bekämpften, aus der offenen Konkurrenzschlacht längst eine fruchtbare Zusammenarbeit erwachsen: Zahlreiche amerikanische Filmfirmen existierten heute, überhaupt nur noch, weil sie für das Fernsehen arbeiten.
So hatten sich schließlich doch einige deutsche Produktionsfirmen mit dem "Deutschen Fernsehen" an den Verhandlungstisch gesetzt, um zu versuchen, wenigstens für ihren Teil den neuen Absatzmarkt Fernsehen zu erschließen.
Bei den Verhandlungen zwischen den Filmproduzenten und dem Fernseh-Programm-Koordinator Dr. Clemens Münster zeigte sich freilich bald, daß die Filmhersteller die Möglichkeiten einer Ehe mit dem Fernsehen nicht so recht einzuschätzen wußten. Während die Filmhersteller für ihre Produkte, die für den Masseneinsatz in den Kinos bestimmt sind, meistens 800 000 bis eine Million Mark Herstellungskosten aufwenden, kann das Fernsehen für einen Fernsehfilm, der im besten Falle zweimal auf das Programm gesetzt wird, nur einen Bruchteil solcher Summen ausgeben: Ein Fernsehfilm darf nicht viel mehr kosten als ein in Direktsendung ausgestrahltes Fernsehspiel, dessen Herstellung beim "Deutschen Fernsehen" in der Regel mit fünfzig- bis achtzigtausend Mark veranschlagt wird.
Bereits an diesem Punkt zerschlugen sich die Hoffnungen der Filmproduzenten, mit dem Fernsehen ins Geschäft zu kommen. Die Ufa jedoch hatte eine andere Geschäftsgrundlage, auf der es ihr gelang, mit dem "Deutschen Fernsehen" handelseinig zu werden. Die ehemals für den deutschen Filmbetrieb repräsentative Firma möchte in den nächsten zwei Jahren wieder mit der Produktion von Kino-Spielfilmen beginnen und braucht für diesen Start nach über zwölfjähriger Unterbrechung eine Art Exerziergelände.
Die Ufa sucht daher in der Fernsehfilm-Produktion weniger ein gewinnbringendes Geschäft als vielmehr ein Übungsfeld für Nachwuchskräfte: Das Anfang dieses Jahres gegründete Ufa-Nachwuchs-Studio, das sich mit Talentsuche, Nachwuchsförderung und dem Probeeinsatz filmneuer Darsteller, Regisseure und Autoren beschäftigt, ist nahezu identisch mit der Ufa-Fernsehfilm-Produktion. Beide Aufgaben leitet der Regisseur Volker von Collande, der schon früher einmal Nachwuchs-Ausbilder bei der Ufa war.
Mit dieser Koppelung will die Ufa nicht nur durch den Verkauf der Fernseh-Filme einen Teil ihrer Kosten für die Nachwuchsförderung wieder hereinholen. Sie will sich zudem auf diese Weise einen Darsteller- und Techniker-Stamm heranbilden und zum Beispiel bei der Produktion von Fernseh-Filmen auch bühnenbewährte Kräfte, die noch nicht beim Film gearbeitet haben, für die spätere Ufa-Spielfilm -Produktion ausprobieren. Mit jedem Film, den sie an einen deutschen Fernsehsender verkauft, entlastet die Ufa das Konto ihres Nachkriegs-Starts.
Regisseur von Collande
Ufa-Filme fürs Fernsehprogramm

DER SPIEGEL 21/1957
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