19.06.1957

ORDENCoudenhoves Verdienste

Mit einem vertraulichen und persönlich gehaltenen Schreiben an den Präsidenten der Paneuropa-Union, den Grafen Richard Coudenhove-Kalergi, hat Bundeskanzler Adenauer dieser Tage versucht, in letzter Minute einen Skandal zu unterdrücken und eine für die Bundesregierung höchst peinliche Angelegenheit aus der Welt zu schaffen.
Zu den zahlreichen Plänen des Paneuropäers Coudenhove-Kalergi - der Graf ist französischer Staatsbürger, Sohn eines österreichischen Diplomaten und einer Japanerin - gehörte schon seit langem der Wunsch, die Abgeordneten des französischen Parlaments und des deutschen Bundestags einander etwas näherzubringen. Dabei war vornehmlich an jene Parlamentarier beider Häuser gedacht, die nicht schon in übernationalen Gremien, wie im Europarat, hinreichend Gelegenheit haben, miteinander in Tuchfühlung zu kommen.
Die Parlamentarier beider Länder fanden an dieser Idee Gefallen: 1956 wurden im französischen Parlament und im Bundestag Interessentengruppen gegründet, und es bedurfte bald nur noch eines formellen Zusammenschlusses und einer konstituierenden Sitzung der überstaatlichen "Freundschaftsgruppe", um das Projekt des Europa-Grafen zu verwirklichen.
Anfang des Jahres 1957 waren schließlich die Vorbereitungen so weit gediehen, daß Franzosen und Deutsche zur Gründungversammlung zusammenkommen konnten. Zur Stätte dieses historischen Aktes parlamentarischer Verbrüderung wurde die provisorische Bundeshauptstadt am Rhein auserkoren:
Freilich fiel diese Wahl auf Bonn nicht von ungefähr: Coudenhove-Kalergi glaubte, dort am ehesten den Betrag von 30 000 Mark loseisen zu können, ohne den sich Reise und Unterbringung der Volksvertreter von hüben und drüben nicht finanzieren ließen. Nachdem einige CDUAbgeordnete bei ihrem Parteifreund von Brentano interveniert hatten, fand sich das Bonner Auswärtige Amt auch bereit, einen Zuschuß in dieser Höhe zuzusagen. So wurde denn für das Wochenende am 18./19. Mai der Taufakt beschlossen.
In letzter Minute jedoch sahen sich die Veranstalter unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber: Das Auswärtige Amt verweigerte plötzlich und ohne Begründung den so gut wie fest zugesagten Zuschuß. Aufgeregt telephonierte Graf Coudenhove -Kalergi zwischen Bonn und Paris, aber vergebens.
In dieser verfahrenen Situation entschloß sich der Wortführer der deutschen Sektion in der geplanten Parlamentariergruppe, der CDU-Abgeordnete Oskar Wacker aus Tauberbischofsheim, noch einmal selbst im Auswärtigen Amt vorzusprechen. Dort erfuhr er, was die Herren im Hause Brentano dazu bewogen hatte,
den Hahn abzudrehen, noch ehe der Spendensegen in Fluß gekommen war: Paneuropa-Union-Präsident Coudenhove -Kalergi war in Bonn unerwünscht - genauer: Er schien dem deutschen Außenminister von Brentano nicht genehm.
Nach langem Hin und Her wurde das Auswärtige Amt dann aber doch zahlungswillig, allerdings nur unter der Bedingung, daß der Graf nicht zur Gründungsversammlung in die Residenzstadt am Rhein komme, um sich - wie beabsichtigt - zum. Präsidenten der "Freundschaftsgruppe deutsch-französischer Parlamentarier" ernennen zu lassen.
Wacker stimmte dem Kuhhandel zu und beeilte sich, den Mitgliedern der deutschen Sektion des Parlamentariervereins die Nachricht von seinem Erfolg zu überbringen: "Das geht alles gut, wir bekommen das Geld. Allerdings nur unter einer Bedingung: Der Coudenhove darf nicht kommen."
Als er berichten sollte, was das Auswärtige Amt denn eigentlich gegen den Paneuropa-Union-Präsidenten vorzubringen habe, blieb Wacker wortkarg: "Da sind bestimmte Dinge in seinem Leben." Nach Ansicht des Auswärtigen Amts sei der Graf eben nicht von jener hohen Lauterkeit, die man beim Präsidenten eines deutsch-französischen Parlamentariervereins voraussetzen müsse. Wacker: "Da muß jemand ganz rein und sauber dastehen."
Offenbar hatte sich das Auswärtige Amt gewisser Dinge erinnert, an denen auch andere Beobachter der ebenso hektischen wie egozentrischen Betriebsamkeit des paneuropäischen Grafen schon Anstoß genommen haben, beispielsweise des Umstandes, das Coudenhove-Kalergi allem Anschein nach keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgeht, sondern mehr oder minder von seiner emsigen politischen Tätigkeit und Scharfsinnigkeit lebt.
Derartige Bedenken hatten allerdings die Bundesregierung vor zwei Jahren nicht davon abgehalten, den Grafen Coudenhove-Kalergi, dem noch vor Adenauer, Churchill und Paul Henry Spaak als erstem der Karlspreis der Stadt Aachen verliehen worden war, mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland zu dekorieren.
Die wenig schöne Aufgabe, Coudenhove -Kalergi vom Erscheinen in Bonn abzuhalten, wurde dem deutschen Botschafter in Paris zuteil. Ambassadeur von Maltzan möge, so lautete der Auftrag des Auswärtigen Amts, den unerwünschten Gast mit beschönigenden Worten abwimmeln.
Noch ehe sich Botschafter von Maltzan seiner heiklen Mission entledigen konnte, war dem Grafen die Hiobsbotschaft jedoch schon hinterbracht worden, und zwar vom geschäftsführenden Sekretär der deutschen Sektion der "Freundschaftsgruppe" - "um ihm einen Schock zu ersparen".
Coudenhove-Kalergi, dem die Verdächtigungen des Auswärtigen Amts so ungeheuerlich schienen, daß er nicht recht daran glauben mochte, fragte bei seinem Informanten bescheiden zurück: Ob man mit seinem Fernbleiben womöglich erreichen wolle, daß sich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten des Bundestags, die sich von dem deutsch-französischen Projekt distanziert hatten, doch noch an der Sache beteiligen? Falls ja, hätte er natürlich volles Verständnis für diese Konzession.
Daraufhin bestätigte ihm der Sekretär der deutschen Sektion noch einmal schriftlich, daß der Außenminister ihn nicht in Bonn zu sehen wünsche, mit dem Erfolg, daß Coudenhove dem deutschen Gesandten in der Schweiz, Dr. Friedrich Holzapfel, unverzüglich sein Großes Bundesverdienstkreuz zurückschickte. Unter den gegebenen Umständen, bemerkte der Graf dazu, sei es ihm unmöglich, weiterhin eine Auszeichnung der Bundesrepublik zu tragen.
In Bonn löste das peinliche Mißgeschick arge Verwirrung aus. Niemand fand sich bereit, den von Holzapfel eilends übersandten abgelegten Orden anzunehmen. Weder im Bundespräsidialamt noch im Kanzleramt wollte man sich durch eine Annahme des zurückgewiesenen Verdienstkreuzes mit der Affäre identifizieren.
Währenddessen fand in Bonn zum vorgesehenen Zeitpunkt die feierliche Gründungsversammlung der "Freundschaftsgruppe" statt, ohne daß Coudenhove-Kalergi anwesend war, geschweige denn zum Vorsitzenden gewählt worden wäre.
Dem Auswärtigen Amt aber schien das Malheur nun doch so bedenklich, daß man sich entschloß, das Ganze als ein "Mißverständnis" zu deklarieren. So erschien der Abgeordnete Wacker beim geschäftsführenden Sekretär der deutschen Sektion und forderte ihn auf, seinen "Hörfehler" zu bekennen. Er, Wacker, habe doch niemals behauptet, daß Brentano die Gewährung der benötigten 30 000 Mark vom Fernbleiben des Grafen Coudenhove-Kalergi abhängig gemacht hatte.
Der Sekretär der deutschen Sektion wußte jedoch sehr genau, was er gehört hatte, und war nicht bereit, sich die neue Version zu eigen zu machen. Auch der Paneuropa-Graf schenkte einem Bescheid des Auswärtigen Amts, in dem von einem "Hörfehler" die Rede war, keinen Glauben. Wütend schickte er die schriftlichen Mitteilungen, die ihm vom Bonner Sekretär des Parlamentariervereins zugegangen waren, den Bonner Außenbeamten zu - als Beweis für deren perfide Praktiken.
Es bedurfte schließlich des Einsatzes eines Mannes, an dessen Lauterkeit selbst Coudenhove-Kalergi nicht zu zweifeln wagt, um dem Paneuropa-Präsidenten die Mär von dem "bedauerlichen Irrtum" einigermaßen glaubhaft zu machen: Namens der Bundesregierung hat sich Bundeskanzler Konrad Adenauer schriftlich für das peinliche "Mißverständnis" entschuldigt und Coudenhove-Kalergi gebeten, sich wieder mit dem Großen Bundesverdienstkreuz zu schmücken.
Europa-Aktivist Wacker
Der Graf ist unerwünscht
Paneuropa-Veteron Graf Coudenhove-Kalergi und Gattin*: Ein Orden kam zurück
* Bei der Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen

DER SPIEGEL 25/1957
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