03.07.1957

MAO TSE-TUNGDie gelbe Gefahr

Der Führer der chinesischen Kommunisten, der 63jährige Mao Tse-tung, hatte bereits am 27. Februar vor den Mitgliedern seines Staatsrates eine geheime Rede gehalten, in der er sich mit den politischen Fehlern des chinesischen und sowjetischen Kommunismus auseinandersetzte. "Wir können", so hatte Mao damals gefordert. "nur demokratische Methoden anwenden, Methoden der Diskussion der Kritik, der Überzeugung und Erziehung, nicht aber Methoden der Anmaßung und des Zwangs."
Fast vier Monate lang brütete Mao Tse tung dann über seiner Rede. Endlich am 18. Juni - wenige Wochen vor seiner Reise nach Moskau und Warschau - ließ der chinesische Kommunist den Text seiner Ausführungen vom Februar an die in Peking akkreditierten Journalisten verteilen.
Die Sorgfalt mit der Mao Tse-tung seine Rede bearbeitet hatte, und der Zeitpunkt, an dem sie veröffentlicht wurde, lassen vermuten, daß die Maximen chinesischer Lebens- und Staatsweisheit, die sich in jenem merkwürdigen Dokument niederschlugen, zum Gepäck des Pekinger Kommunistenführers gehören werden, wenn er sich demnächst auf die weite Reise nach Osteuropa begibt.
Es gibt noch weitere Indizien, die darauf hindeuten, daß die Veröffentlichung der Mao-Rede und sein Plan, die roten Metropolen Europas zu besuchen, in einem Kausalzusammenhang stehen: Während des "polnischen Oktober" und der Revolte in Ungarn zeigten die Pekinger Kommunisten unverblümt ihre Sympathien für den Aufstand der Satelliten gegen die Moskauer Herrschaft. Als die Ereignisse in Ungarn und der anglo-französische Angriff auf den Suez-Kanal einen internationalen Konflikt auszulösen drohten, schwenkte China zwar wieder auf die Linie der Sowjets ein, aber bereits im Januar reiste der chinesische Ministerpräsident und Außenminister, der welterfahrene und gewandte Tschu En-lai, nach Warschau, um sich dort an Ort und Stelle über die politisch-ideologischen Umwälzungen zu informieren, die das oktoberliche Tauwetter in Polen ausgelöst hatte.
Es kann vermutet werden, daß sich Eindrücke Tschu En-lais aus der polnischen Hauptstadt in der Rede Maos vom 27. Februar niederschlugen. Hinzu kommt, daß an den ideologischen Fronten der Sowjets Verwirrung herrscht, seit Moskau aufgrund der Ereignisse in Ungarn und Polen den auf dem 20. Parteikongreß im Februar 1956 eingeleiteten Prozeß der Entstalinisierung schroff gebremst hat.
* Nach der ungarischen Revolte hatte der Kreml versucht, den jugoslawischen Ketzer Tito, der die ideologische Kettenreaktion im Ostblock ursprünglich ausgelöst hatte, erneut in Acht und Bann zu tun. Neuerdings mußten die Sowjets mit den jugoslawischen Nationalkommunisten eine Art ideologisches Stillhalteabkommen schließen.
* Das Zentralkomitee der Partei hatte die Absicht gehabt, die sowjetischen Schriftsteller, die sich nach dem 20. Parteitag von der Linie des sozialistischen Realismus" entfernt hatten, zur Räson zu bringen. Neuerdings sah sich die Partei gezwungen, mit der starken literarischen Opposition einen Kompromiß zu schließen.
* Um die kommunistischen Parteien der westlichen Länder wieder fester in den Griff zu bekommen, hatte der Kreml versucht, den Zusammenschluß aller kommunistischen Parteien der Welt in einer neuen Kommunistischen Internationale zu betreiben. Der Widerstand gegen dieses Unternehmen bei den westlichen Kommunistenführern ist jedoch so stark, daß der Plan bislang nicht verwirklicht werden konnte.
In dieser reichlich verworrenen Lage erklärte Mao Tse-tung, daß die Anwendung stalinistischer Methoden in China die vorhandenen Schwierigkeiten nicht beseitigt, sondern eher vermehrt habe und daß daher das sowjetische Beispiel für China nicht mehr als verbindlich angesehen werden könne Konsumgüterindustrie und Landwirtschaft würden in Zukunft mehr Investitionsmittel erhalten, und die Kommunistische Partei Chinas strebe ein Bündnis mit allen Nichtkommunisten im Lande an. Die KPC verlange zwar weiterhin ein allgemeines Aufsichtsrecht, aber nicht mehr bedingungslosen Gehorsam.
Von den Kremltürmen aus müssen diese Thesen des Mao Tse-tung als chinesische Herausforderung zum Kampf um die ideologisch-politische Führung im Ostblock erscheinen. China, eine Nation, die noch vor zehn Jahren in das Grab ihrer Geschichte zu stolpern schien, beansprucht jetzt zumindest in der kommunistischen Welt den ersten Platz an der Spitze des Fortschritts.
Prophezeite die Züricher "Tat" "China wird eine geistige und politische Macht in Europa. Gewiß: Es handelt sich dabei ,bloß' um Osteuropa. Aber es ist ein entscheidender Vorgang und ein vollkommen neuartiger dazu ... Dieser Besuch (Maos in Moskau und Warschau) wird eine historische Entwicklung besiegeln, die für China und Europa gleich schicksalhaft ist, weil sie etwas vollkommen Neues darstellt: den Eintritt Chinas in die europäische Politik."
In dieser Krisensituation verlegt sich Moskau nun auf die Hoffnung, daß die Mao-Rede eine ähnlich turbulente Entwicklung in China nach sich ziehen wird wie in der Sowjet-Union die Rede Chruschtschews vor dem 20. Parteikongreß im Februar 1956. Anzeichen hierfür sind tatsächlich vorhanden.
Die These Mao Tse-tungs: "Laßt Hunderte von Blumen blühen, laßt Hunderte von Schulen der Weisheit streiten", hat die Ventile der Kritik in Partei und Armee, aber auch in jenen Kreisen geöffnet, die sich nicht zur Kommunistischen Partei Chinas bekennen.
Den Höhepunkt erreichte jene Welle der Kritik in den Ausführungen des Professors Ko Pei-tschi von der Volksuniversität in Peking, die eine kommunistische Gründung ist und an der die Staats- und Parteikader Chinas erzogen werden. Dozierte Professor Ko vor einer Versammlung des Lehrkörpers und der Studenten:
"Als die Kommunistische Partei im Jahre 1949 in die chinesischen Städte einmarschierte, wurde sie von der ganzen Bevölkerung umjubelt. Heute aber kehrt das Volk der Partei den Rücken China ist ein Land mit 600 Millionen Menschen, einschließlich der Konterrevolutionäre, und es ist kein China der Kommunistischen Partei. Wenn die Kommunistische Partei richtig arbeitet, so wird alles in Ordnung kommen; geschieht es nicht, so werden die Volksmassen die Kommunistische Partei verjagen. Wenn die Kommunistische Partei stirbt, so stirbt China deswegen noch lange nicht."
Ähnlich äußerte sich der Chefredakteur einer Pekinger Zeitung, die das Sprachrohr jener acht politischen Gruppen ist, die zusammen mit den Kommunisten die "Einheitsfront" Chinas bilden. Chefredakteur Tschu An-ping erklärte, die Kommunisten begingen vielfach den Irrtum, zu glauben, daß China der Partei gehöre.
Die Rede des Professors und der Artikel des Chefredakteurs wurden in der "Volkszeitung", dem kommunistischen Zentralorgan in Peking, im vollen Wortlaut veröffentlicht. Das Parteiblatt forderte die Arbeiter auf, sich dem "bösen Wind" der Abenteurer zu widersetzen, erklärte aber gleichzeitig, daß auch weiterhin uneingeschränkt kritisiert Werden dürfe; allerdings werde man gegen die kritischen Stimmen auch die Kräfte der "Konterkritik" mobilisieren.
Inzwischen tobt der "böse Wind" jedoch bereits in den obersten Reihen der Staatsführung. Ernährungsminister Tschang Naitschi mußte einen Tadel einstecken, weil er das Regime, dem er selbst angehört, zu stark krisitiert hatte.
General Lung Yun, stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates, wagte es sogar, die Beziehungen zwischen Peking und Moskau einer Kritik zu unterziehen: "Es kann der Volksrepublik China nicht zugemutet werden, die gesamten Lasten des Korea-Krieges zu übernehmen. Die Vereinigten Staaten haben auf alle Ansprüche an ihre Alliierten des ersten und zweiten Weltkrieges verzichtet. Die Sowjet-Union dagegen besteht darauf, daß China seine Kriegsschulden bezahlen muß."
Die Moskauer "Prawda", das Zentralorgan der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union, hetzte dagegen eilfertig, in China hätten sich "mächtige bürgerliche Elemente" erhoben, um die Kommunisten Chinas zu vernichten. Die arbeitende Klasse Chinas müsse sich zu einem "entscheidenden Gegenschlag" aufraffen.
Daily Mirror, London "Laßt Hunderte von Blumen blühen!"
Ministerpräsident Tschu En-lai China wird eine Macht in Europa

DER SPIEGEL 27/1957
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MAO TSE-TUNG:
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