26.06.1957

KOMMUNISMUSNützliche Gefahrensignale

Eine Frage und eine Antwort fielen dem Stift der roten Zensoren zum Opfer, als die parteiamtliche Moskauer "Prawda" sich daran machte, den Wortlaut jenes Fernseh-Interviews zu veröffentlichen, für das sich Anfang Juni der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union, Nikita Chruschtschew, drei amerikanischen Reportern zur Verfügung gestellt hatte.
Als das Interview für die Veröffentlichung in den chinesischen Zeitungen redigiert wurde, fiel das Auge des gelben Zensors auf eben jene Sätze, die auch den Moskowitern bedenklich erschienen waren. Er kritzelte sie ebenfalls aus.
Die gleichen Streichungen der Zensoren in Moskau und in Peking beweisen jedoch nicht etwa die Geschlossenheit und Einhelligkeit der kommunistischen Denkweisen dort und hier, sondern gerade das Gegenteil. Die Korrektoren versuchten nur, den ideologischen Bruch zu verdecken, der sich in den letzten Monaten zwischen den sowjetischen und den chinesischen Genossen aufgetan hat - einen Bruch, der mitten durch das Herzstück der kommunistischen Weltanschauung geht.
Es handelt sich dabei letztlich um das Problem, ob die "proletarische Diktatur" ihre Macht - legitim vom Volke her bezieht (eine Frage, die bislang von jedem Kommunisten vorbehaltlos bejaht wurde), oder ob etwa in einem kommunistischen Staat Gegensätze zwischen den Massen und ihrer Führung entstehen können (was bislang von jedem Kommunisten strikt verneint wurde).
Das Frage-und-Antwort-Spiel, das den sowjetischen wie den chinesischen Zeitungslesern vorenthalten blieb, verlief so:
Reporter Schorr: "Mister Chruschtschew, nach jüngsten Berichten aus Peking soll man dort die Auffassung vertreten, daß in einem sozialistischen Staat Gegensätze zwischen den Massen und ihrer Führung möglich sind. Ich frage mich, ob die sowjetischen Kommunisten diese Idee akzeptieren könnten?"
Chruschtschew versuchte auszuweichen: "Jeder sozialistische, aber auch kapitalistische Staat hat seinen eigenen Weg und seine eigenen Stufen der Entwicklung. Jedes Volk hat seine eigenen Gewohnheiten und Sitten und seine eigene Geschichte, und die kommunistische Partei des betreffenden Landes muß dies in Rechnung setzen. Unsere chinesischen Freunde haben viele originelle Ideen, um den Sozialismus in ihrem Lande zu verwirklichen. Sie haben auch viele neue Gedanken entwickelt, die Chinas besondere Bedingungen berücksichtigen. Aber es gibt in dieser Beziehung keinen tatsächlichen Gegensatz zu irgendwelchen marxistischleninistischen Grundsätzen."
Reporter Schorr ließ nicht locker: "Sie meinen aber, daß jene Gegensätze (zwischen den Massen und ihrer. Führung) in der heutigen Sowjet-Union nicht existieren?"
Chruschtschew: "Wir glauben, daß wir Gegensätze solcher Art nicht haben."
Über eine sowjetisch-chinesische Meinungsverschiedenheit in dieser plötzlich aufgetauchten Frage, die bislang in der kommunistischen Welt überhaupt nicht zur Diskussion gestanden hatte, waren in der westlichen Welt bis vor kurzem nur Gerüchte, Vermutungen und Kombinationen im Schwange gewesen. In der letzten Woche aber wurde über den Sender Peking der Inhalt zweier Reden des chinesischen Kommunistenführers Mao Tse-tung (sprich: Mau Dsi-tung) bekannt, die er bereits am 27. Februar und am 12. März gehalten hatte und die sich mit eben jenem Problem beschäftigen, das den Zensoren in Moskau und Peking vor drei Wochen so unangenehm gewesen war.
Die Frage, ob der kommunistische Herrschaftsanspruch legitim ist, war seit je die Achillesferse der materialistischen Geschichtsauffassung.
In der Demokratie der westlichen Welt basiert die Regierungsgewalt auf dem Mehrheitswillen der Wähler. Nach den Theorien von Marx und Engels erhält die kommunistische Partei ihre diktatorische Gewalt ebenfalls durch einen Auftrag des Volkes. Die Partei regiert "von unten", und aus dieser Vorstellung ziehen die Kommunisten ihren Anspruch, sich als "Demokraten" oder neuerdings auch als "Volksdemokraten" bezeichnen zu dürfen.
Lenin war jedoch nicht bereit, die Diktatur der Partei von den Massen kontrollieren zu lassen. Als es darauf ankam, den permanenten Machtanspruch der proletarischen Diktatur zu begründen, führten die Meister der kommunistischen Dialektik plötzlich reichlich verworrene, verschwommene und emotionelle Begriffe in die Diskussion ein. Lenin schrieb:. "Um über den Kapitalismus zu siegen, bedarf es richtiger Wechselbeziehungen zwischen der führenden, der kommunistischen Partei . . . und der Masse."
Stalin kommentiert seinen Lenin: "Die Autorität der Partei und die für die Diktatur des Proletariats notwendige eiserne Disziplin in der Arbeiterklasse beruhen nicht auf der Furcht oder den 'unbeschränkten' Rechten der Partei, sondern auf dem Vertrauen der Arbeiterklasse zur Partei."
Dem gebildeten Bauernsohn Mao, der in seiner Muße lyrische Gedichte im Stil der klassischen chinesischen Literatur verfaßt, war eine so grobschlächtige Begründung des kommunistischen Machtanspruchs schon seit je unsympathisch. Bereits in den dreißiger Jahren untersuchte er in einer Schrift "Über die volksdemokratische Diktatur" jene "Wechselbeziehungen" zwischen den Massen und den Funktionären und kam dabei zu folgendem Schluß, der sich zwar noch immer in den Grenzen des traditionellen Parteidenkens hielt, der aber das Problem immerhin bereits konkreter umriß:
'Auf folgendes kommt es an: die Anschauungen der Massen sorgfältig zu studieren, sie systematisch zusammenzufassen und zu formulieren, die daraus resultierenden Ideen zu den Massen zurückzutragen und sie dann solange zu erläutern und zu popularisieren, bis die Massen sie als ihre eigenen ansehen, sich erheben und danach handeln."
Der "polnische Oktober" und die ungarische Tragödie haben Mao nun aber gelehrt, daß die angewandte Massenpsychologie der kommunistischen Funktionäre kläglich versagt hat. In seinen jetzt bekanntgewordenen und auch im Ostblock veröffentlichten Reden vom Februar und März gab der Präsident der Chinesischen Volksrepublik und Vorsitzende des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas unumwunden zu, daß Gegensätze und Konflikte zwischen den Herrschern und den Beherrschten in einem kommunistischen System durchaus möglich und sogar selbstverständlich und natürlich sind.
Mao kritisierte radikal die traditionellen kommunistischen Vorstellungen: "Solche Fragen sind im Marxismus-Leninismus durchaus neu. Marx und Engels konnten aus verschiedenen Gründen diese Probleme noch nicht erkennen. Lenin kannte sie, konnte aber solche inneren Fragen des Kommunismus nicht näher beobachten, weil Rußland damals durch ausländische Interventionen bedroht war. Stalins Haltung in dieser Beziehung war äußerst negativ. Er vernichtete die inneren Schwierigkeiten in der Partei, um mit den äußeren fertig werden zu können. Das Resultat waren Terror und die Liquidation Tausender von Kommunisten.
Die dauernde Anwendung von Terror, so argumentierte der chinesische Partei- und Staatsführer, muß notwendigerweise zu inneren Schwierigkeiten im Staate führen und zu Erscheinungen, wie sie sich bei der ungarischen Revolte zeigten. "Dabei verschwand die Kommunistische Partei Ungarns innerhalb weniger Tage, und der Staat löste sich auf." Die Diktatur des Proletariats könne nur die Feinde, des Volkes unterdrücken; sie dürfe aber nicht auf die Massen des Volkes angewendet werden. Schließlich könne das Volk nicht eine Diktatur über sich selbst ausüben.
"Wir können", so dozierte Mao, "nur demokratische Methoden anwenden, Methoden der Diskussion, der Kritik, der Überzeugung und Erziehung, nicht aber Methoden der Anmaßung und des Zwangs." Er bezeichnete "kleinere Streiks und Demonstrationen" als "nützliche Gefahrensignale", die anzeigen, daß in den Massen Unzufriedenheit grassiert, die beseitigt werden muß.
In der Manier klassischer chinesischer Dichter verfaßte der Präsident der Volksrepublik China jüngst diesen Vers:
Laßt Hunderte von Blumen blühen,
laßt Hunderte von Schulen der Weisheit streiten.
Mao machte auch das fürchterliche Geständnis, daß der "Kampf der Gegensätze" in den Jahren zwischen 1949 und 1954 in China das Leben von 800 000 Menschen gefordert hatte.
Er entschuldigte sich dafür ganz chinesisch und vergaß dabei seinen Karl Marx und seinen Wladimir Iljitsch Lenin, den Deutschen und den Russen, die in ihrem Idealismus beide an ein diesseitiges proletarisches Paradies geglaubt hatten. Sagte der Chinese Mao Tse-tung: "Jedes Problem muß in seiner Ganzheit betrachtet werden. Alles in der Welt hat seine zwei Seiten, eine gute und eine schlechte Seite."
Chinas oberste Führung: "Laßt Hunderte von Schulen der Weisheit streiten!"

DER SPIEGEL 26/1957
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