24.07.1957

UFA-STARTMan denkt nach

Kinder, macht!" rief Arno Hauke, Vorstandsmitglied der kürzlich wiedergegründeten Universum-Film AG (UFA), einigen jungen Leuten aus der Firma zu. Was die auf solche Weise ermunterten Kinder dann wirklich machten, entsprach möglicherweise Haukes Vorstellungen schon weniger - es wurde in der Westberliner Zeitung "Der Tagesspiegel" als "geistlos, witzlos, taktlos und stillos" getadelt.
Der Protest des Blattes galt keineswegs einem Film aus dem Ufa-Atelier, sondern einer Bühnendarbietung: Eine Theatergruppe präsentierte sich unter dem Namen "Junges Ufa-Ensemble" im Berliner Hebbel-Theater und danach bei den Ruhr-Festspielen in Recklinghausen mit einer Inszenierung der Komödie "Der Diener zweier Herren" von Carlo Goldoni. Später wollen die Nachwuchskräfte künftiger Ufa-Filme mit einem anderen Theaterstück auf Reisen gehen.
Daß die Ufa als erstes Produkt ihrer Nachkriegsbemühungen keinen noch so bescheidenen Spielfilm anbietet, sondern eine reisende Theatergruppe, darf als Einfall des Regisseurs Volker von Collande gelten. Collande ist Geschäftsführer der Ufa-Montage- und Fortbildungs-GmbH, der Nachwuchsabteilung des wiederbelebten Filmkonzerns.
Collandes Idee, künftige Ufa-Schauspieler auf einem Umweg über die Wanderbühne dem Film zuzuleiten, basiert auf Überlegungen besonderer Art, die im Programmheft zur Goldoni-Aufführung pädagogisch begründet werden. Der Kritiker Friedrich Luft plädiert dort: "Will man die Leinwand wieder förderlich und verläßlich mit neuen, guten und ausdrucksvollen Gesichtern füllen, soll man sie pfleglich auch über die Bretter führen, die immer noch die ganze Welt bedeuten. Die Zeit, da der deutsche Filmnachwuchs nur von den Laufstegen der Modeschauen, aus den Töchterpensionaten oder - in allen Ehren - von der Straße aufgegriffen wurde, ist längst vorüber.
Von der Bühnentournee erhofft sich Geschäftsführer von Collande nämlich für die Ateliers der Ufa: "Ich habe mich immer bemüht, Personen zu finden - Durchtönte in des Wortes wahrer Bedeutung. Das ist es nämlich, was den Darsteller macht, sowohl auf dem Theater wie auf der Leinwand, das Durchtöntsein von eigenem Ausdruck."
Er wolle, sagt von Collande, "den Schrebergarten der Prominenz" hinter sich lassen und eine "breite Nachwuchsbasis" schaffen. Den Begriff "Nachwuchs" legt er dabei recht großzügig aus: Zum "Jungen Ufa-Ensemble" gehören außer Eleven zum Beispiel auch die seit vielen Jahren in Bühnenrollen erprobte Ursula Lingen und Rudolf Günter Wagner, ein Rundfunksprecher, der als Schauspieler begonnen hat.
Bei ihrem öffentlichen Start durften sich die Nachwuchsdarsteller nun allerdings nicht vom eigenen Ausdruck "durchtönen" lassen, sondern sie mußten sich an einer Stegreif-Komödie von Carlo Goldoni (1707-1793) erproben, die der Münchner Kabarettist Oliver Hassencamp bearbeitet hatte.
Über das Resultat dieser Begegnung - über die Goldoni-Bearbeitung und über deren Darbietung - konnten die Berliner Kritiker freilich ihr Entsetzen kaum verbergen. Was dem Ensemble in den Berliner Zeitungen mit auf die Reise nach Recklinghausen gegeben wurde, klang vernichtend:. "Der Goldoni-Freund sieht Blut tropfen, wo Hassencamp tranchierte..." ("Telegraf"). "Schnulzen können sie beim Film immer noch spielen" ("Der Abend"), "Als positiv ist jedoch zu verzeichnen, daß das Unglück in nur eineinviertel Stunden vorüberging" ("Der Kurier"). "Der Rest ist Schweigen" ("Berliner Morgenpost"). "Saure Früchte als Vorspeise" ("BZ"). Eine ähnliche Meinung vertraten wohl auch diejenigen Zuschauer, die nach der Premiere pfiffen oder mit Zwischenrufen gegen die Vorführung protestierten.
Das Ufa-Ensemble hatte nämlich Carlo Goldonis stegreifartige Komödie "Der Diener zweier Herren" mit musical-Einlagen auf Zeitnähe gequält - "Wir glauben, werkgetreu zu sein, wenn wir unseren Atem mit dem seinen (Goldonis) mischen" - und das Resultat in einer Weise dargeboten, die für künftige Filme nur düstere Aspekte bietet.
"Die Welt", durch das Grundsatzplädoyer ihres Kritikers Luft im Programmheft zur Vorsicht genötigt, formulierte am Tag nach der Premiere allerdings zaghafter: "Fast noch wichtiger als die Aufführung, von der noch zu reden sein wird, ist die Konzeption, auf der die Fortbildungsarbeit der Ufa basiert", schrieb das Blatt sibyllinisch. "Auch das ist eine Seltenheit in der Geschichte des deutschen Nachkriegsfilms. Man denkt nach, bevor man handelt."
Regisseur von Collande
Saure Vorspeise
Ufa-Nachwuchs Hans Clarin, Ursula Lingen: "Kinder macht!"

DER SPIEGEL 30/1957
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