21.08.1957

AKADEMIKER / KORPORATIONENDas Wort der Alten Herren

Der Landgerichtsdirektor Dr. Julius Heimann aus Ehringhausen im hessischen Hinterland, weiland Vorsitzender des Altherrenverbandes der Marburger Burschenschaft Germania, hob - angetan mit schwarz-weiß-rotem Bande - kommentmäßig den Bierkrug. Er bat die Gäste und Bundesbrüder, die zum 89. Stiftungsfest der Germania erschienen waren, auf das Wohl "unseres ehrwürdigen Bundes" zu trinken. Der Bund stehe - so sagte er - nach Überwindung gewisser interner Schwierigkeiten fester denn je zusammen.
Was der Landgerichtsdirektor Heimann diskret als interne Schwierigkeit umschrieb, ist ein Ereignis, das es in der über 140jährigen, bewegten Geschichte der Deutschen Burschenschaft noch nicht gegeben hatte. Der Marburger Burschenschaft Germania blieb es, nämlich vorbehalten, zu zeigen, wie man mit einer Aktivitas* verfährt, die nicht willens ist, am Gängelband der Altherrenschaft einherzutrotten.
Es begann damit, daß der Marburger Jung-Germane und Jurastudent Klaus Petri, Jahrgang 1933, im "Nachrichtenblatt der Bonner Studentenschaft" einen Artikel publizierte, der die durch "Besatzungsphrasen" eingeschläferten "völkisch-nationalen Elemente" der Studenten wachzurütteln trachtete. Im Dienste an dieser Aufgabe fiel dem Germanen Petri nichts Besseres ein, als der Taten rühmend zu gedenken, mit denen "der Führer Hitler ... die Firma (Deutschland) zunächst einmal ungemein in die Höhe brachte".
"Ich bin durchaus der Meinung", proklamierte Germane Petri im Bonner Studentenblatt, "daß die nationalsozialistischen Konzentrationslager ... als politische Maßnahme am Platze waren ... Ich akzeptiere die nationalsozialistischen Maßnahmen, weil sie dem heißen Wunsch der damaligen Führung entsprangen, des deutschen Volkes Einigkeit und Recht und Freiheit zurückzugewinnen. Diesem großen Ziel mußte die persönliche individuelle Freiheit einiger weniger untergeordnet werden, denen man dadurch die Möglichkeit nahm, in Versammlungen oder Journaille für ihre ... dem Nationalsozialismus feindlichen Ziele zu werben."
Auch auf die Frage, warum des Führers Werk trotz dergleichen Schutzmaßnahmen mißriet, hatte Germane Petri eine Antwort parat. Schuld seien "jene Widerständler, die zum Kriege triebene und dem Adolf Hitler in den Rücken fielen, als er dabei war, "mit geballter Faust" seines Volkes Lebensrecht durchzusetzen.
Weder vom Rektor noch vom Allgemeinen Studentenausschuß (AStA)** der Universität Bonn wurden dem Jura-Studenten und Jung-Germanen Petri wegen dieses publizistischen Exzesses ernsthafte Schwierigkeiten gemacht. Petris Bundesbrüder dagegen beschlossen, diese unrühmliche Verherrlichung nationalsozialistischer Verbrechen unverzüglich hart zu ahnden.
Schon mehrfach hatte Petri ihren Zorn erregt. So hatte er gegen die Aufnahme eines Studenten in den Bund polemisiert, weil dieser eines "arischen" Großelternteils ermangelte. Nach Ansicht Petris hätte das "bei einer eventuellen Neubelebung der Judenfrage eine potentielle Sprengwirkung für den Bund" bedeuten können.
Die 35 Aktiven der Marburger Burschenschaft Germania fanden, Petris Artikel in dem Bonner Studentenblatt habe das Maß vollgemacht. Einstimmig schlossen sie den Bundesbruder Petri "cum infamia" (mit Schimpf und Schande) aus ihren Reihen aus, das heißt mit einer Formel, die nur dann angewandt wird, wenn für den Ausschluß schwere charakterliche Mängel maßgebend sind.
Der beauftragte Sprecher der Aktiven, Dieter Oldenburg, begründete in einem dreiseitigen Rundschreiben an alle "Lieben Alten Herren" der Burschenschaft, warum man sich von Petri habe trennen müssen: "Wer die KZ-Lager mit all ihren scheußlichen Verbrechen in der Anlage für gerechtfertigt hält, zeigt eine menschlich verwerfliche Haltung ... Solche Behauptungen verstoßen gegen jedes Anstandsgefühl. Derartige Verstöße ... wird niemand mehr mit dem Mantel der freien Meinungsäußerung decken können."
Die derart informierten Alten Herren, von denen es bei der Burschenschaft an die 350 gibt, reagierten jedoch ganz anders, als es die 35 Aktiven erwartet haben mochten. Im Germanen-Haus in der Marburger Lutherstraße kamen Protestbriefe von Alten Herren gegen Petris Ausschluß an. Was die Aktivitas unternommen habe, hieß es da, sei eine "grausame Panne" und ein Verrat an der Tradition des Bundes, nach der die individuelle Meinungsfreiheit in politischen Dingen unangetastet zu bleiben habe.
"Petri", so erregte sich der ehemalige Luftwaffenrichter und jetzige Hamburger Rechtsanwalt Wilhelm Heins ("Die Jahre von 1933 bis 1945 waren teilweise die schönsten unseres Lebens"), "hat in seinem Artikel Gedanken ausgesprochen, die von heute zugelassenen Parteien ... und auch ... von namhaften Vertretern ... der CDU mündlich und schriftlich in aller Öffentlichkeit vertreten werden."
Die Aktivitas, bemängelte Heins, sei "offenbar der Meinung, daß es einen Rechtsstaat erst seit 1945 wieder gibt". Petri habe zwar "stilunschön" formuliert, jedoch die Wahrheit ausgesprochen: "Die Verbrennungsöfen der KZ waren zum Photographieren von den Amerikanern errichtete Attrappen, und die ebenfalls photographierten Leichenhügel stammten aus Dresden." Nicht Verdammnis, sondern ehrenvolle Wiederaufnahme des Petri sei geboten, zumal er Alt-Herren-Sohn sei.
Rechtsanwalt Heins verbreitete diese seine Ansichten durch Rundschreiben unter den Bundesbrüdern. Bei anderen Alt-Germanen, die das Dritte Reich nicht in so guter Erinnerung haben wie der ehemalige Luftwaffenrichter, stieß er indes auf Unverständnis, und so kam es in der Marburger Burschenschaft Germania (Wahlspruch: "Dem Freund die Brust, dem Feind die Stirn") zu allerlei gegenseitigen Anschuldigungen und Streitereien, in deren Verlauf Heins genötigt wurde, "aufrichtig dafür um Entschuldigung" zu bitten, "wenn er in der Hitze des Kampfes den Eindruck erweckte ..., zu verletzen oder gar zu diffamieren".
Dennoch hatte er erreicht, daß das eigentliche Problem, die Majorisierung der aktiven Burschenschaft durch die Alten Herren, mit persönlichen Auseinandersetzungen verquickt und verdeckt wurde.
Ein großer Teil der Alten Herren sah schließlich in den "unruhigen Geistern" der Aktivitas, die den Petri hinausgeworfen hatten, eine "Gefahr für den Bundesfrieden", und statt den "cum infamia"-Ausschluß des Petri gutzuheißen, formierten sich die Alt-Germanen zum Gegenangriff nach der Parole: "Lieber eine kleine sorgsam ausgewählte Aktivitas als eine den neo-demokratischen Massengedanken zum Ausdruck bringende Aktivitas."
Diese rührigen Alten Herren verlangten, daß der Fall Petri auf einem außerordentlichen Bundeskonvent, auf dem sie - entsprechend der Germanen-Satzung und entgegen der strikten Forderung der Deutschen Burschenschaft nach Selbstbestimmung der Aktiven - Sitz und Stimme haben, erneut behandelt werde. Gleichzeitig müsse der Gefahr begegnet werden, "daß unser Bund eine Avantgarde der Neo-Demokratie wird". Meinte Alter Herr Philipp Siedler: "Wir werden die schlechten Elemente und Verräter aus unseren Reihen ausstoßen."
Indes, auch die Jung-Germanen sorgten vor. Sie beschlossen eilends, den Alten Herren vor dem Bundeskonvent das Stimmrecht zu entziehen, um angesichts des Mißverhältnisses von 35 aktiven und 155 zum Bundeskonvent erschienenen philistrierten* Germanen nicht ins Hintertreffen zu geraten.
Eindringlich bat Jung-Germane Hansgünter Kettling für diesen "Akt der reinen Notwehr" um Verständnis: "Es wäre ein unerträglicher Zustand, wenn der aktive Bund als die eigentliche Kernzelle des gesamten Bundeslebens weiterhin nur als ausführendes Organ des Altherrenverbandes behandelt würde ... Am 'Fall Petri' wird sich entscheiden, wie der Bund für die weitere Zukunft marschiert. Würden wir den Bestrebungen eines Teiles der Altherrenschaft nachkommen, gäben wir einer politischen Knochenerweichung Raum, deren Folgen uns geradenwegs in das Jahr 1935** zurückführen würden."
"Nun suspendiert doch endlich"
Kettlings Mahnung war jedoch vergebens. Die Alt-Germanen bezichtigten die Aktiven, den Alten Herren das Mitspracherecht streitig zu machen, das jedem Bundesbruder zustehe. Da lenkten die Jung-Germanen ein. Sie gestanden ihren Alten Herren das Stimmrecht für den Bundeskonvent zu. Dieser Beschluß sollte sich indes für die Aktiven als sehr unvorteilhaft erweisen.
Zunächst setzten die Alten Herren durch, daß der "cum infamia"-Ausschluß des Petri in einen einfachen Ausschluß gemildert wurde. Dann machten sie sich auf zur Säuberung. Die meisten Alten Herren hatten sich bereits bei einem vorausgegangenen Philistertreffen über die Verfahrensweise für den außerordentlichen Konvent geeinigt. Es sollte geprüft werden, wie die "schlagartig zum Vorschein kommende negative geistige Haltung des jungen Bundes" gebrochen werden könne.
Nachdem einige Alt-Germanen beredt die alte -Burschenherrlichkeit beschworen und dabei wehmütig jener Zeiten gedacht hatten, da man sich im Marburger Germanen-Haus nicht mit Politik, sondern vielmehr damit befaßt hatte, wann die nächste Faßpartie zu steigen habe, stellte Alter Herr Otto Dienemann den offenbar verabredeten Antrag, die gesamte Aktivitas zu suspendieren. Schon vorher hatte der Alt-Germane Klaus Dupong aus Hannover in das erinnerungsschwere Palaver eingegriffen mit den Worten: "Nun suspendiert doch endlich."
Der Antrag auf Suspension ging ohne Schwierigkeiten durch. Die Nein-Stimmer wurden aufgefordert, sofort den Sitzungssaal zu räumen. "Wer mit 'Nein' gestimmt hat, soll sich vom Hause scheren." Die Jung-Germanen Kettling, Oldenburg und Walter Wallmann, die nach Ansicht der
Alten Herren Wortführer der unerwünschten Richtung waren, wurden wegen verschiedener "Verfehlungen", wie etwa Geheimbündelei, nach besonderen bundesinternen Strafverfahren hinausgeworfen.
Die Beweise für die Geheimbündelei waren auf eine unter Bundesbrüdern höchst sonderbare Manier beigebracht worden. Zwei Jung-Germanen hatten in einer auf dem Germanen-Haus liegengebliebenen Mappe Briefe gefunden, aus denen hervorging, daß die Aktivitas bei einigen jüngeren Alten Herren Unterstützung suchte zur Bereinigung der "eigentlichen Differenzen im grundsätzlichen und politischen Bereich". Im Einverständnis mit dem damals amtierenden Altherren-Chef Heimann fertigten die beiden Finder Abschriften dieser Briefe an. Die Mappe wurde dann dem Besitzer, der ebenfalls Alt-Germane war, ohne ein Wort der Erklärung zurückgeschickt.
Nachdem der Tagesordnungspunkt der Suspension und der Einzelverfahren programmgemäß abgewickelt war, entledigten sich die Alt-Germanen ihrer zweiten Aufgabe: eine neue Aktivitas zu gründen.
Auch hier klappte die offenbar wohldurchdachte Organisation. Auf einem Tisch am Seiteneingang zum Sitzungssaal lag eine vorbereitete Liste, in die sich jene aktiven Germanen einzutragen hatten, die der Altherrenschaft genehm erschienen. Argwöhnisch wachte Alt-Germane Benno Wolf darüber, daß diese Aktion wunschgemäß vonstatten ging.
Die mit achtzehn Namen bekritzelte Liste wurde sodann der Altherrenschaft hineingereicht und prompt gebilligt. Eilends,legte die so genehmigte neue Aktivitas, die schwarz-weiß-roten Farben an, marschierte in den Sitzungssaal und nahm unter Anleitung der Altherrenschaft die Gründung vor. Anschließend stieg die ausgiebige Siegeskneipe.
Die suspendierten Germanen, unter ihnen die Mehrzahl der Sprecher, Fuchsmajore, und Leiter der Burschenschaftlichen Abende vergangener Semester, zogen indessen unter Protest in die Marburger "Alte Post", hängten dort die schwarz-weiß-rote Fahne heraus, wählten Chargen und bekundeten also, daß sie auch fürderhin "die richtigen" Germanen seien.
Nun oblag es dem übergeordneten Dachverband der 125 Burschenschaften, der "Deutschen Burschenschaft", eindeutig zu entscheiden, welche der beiden Germaniae den wahren Burschengeist verkörpere.
Der Verfassungsausschuß der Burschenschaft ackerte die Satzung der Germania durch und fand, daß dort eine Suspension der Aktivitas überhaupt nicht vorgesehen war. Mithin konnte er erklären: "Der Konventsbeschluß ist rechtsunwirksam mit der Folge, daß beide 'Germaniae' nach wie vor ein Bund in der Deutschen Burschenschaft sind." Die suspendierten und abtrünnigen "Post"-Germanen wurden aufgefordert, ihre Fahne einzurollen und aufs Germanen-Haus zurückzukehren.
Dort hatten die von der Altherrenschaft ausgesiebten Jung-Germanen inzwischen Vorsorge getroffen, den unfreiwilligen Rückkehrern das Bundesleben zu vermiesen. Sie wurden als Geheimbündler geächtet, mit denen kein wahrer Germane sich noch an einen Tisch setzen könne.
Die derart behandelten Ur-Germanen zogen es vor, nunmehr aus freien Stücken das Band niederzulegen. Kommentierte Germanen-Führer Dr. Julius Heimann, Landgerichtsdirektor aus Ehringhausen, nachdem die Petri-Feinde das Feld geräumt hatten: "Es ging wie ein Aufatmen durch unsere Reihen, und uns fiel ein Stein vom Herzen."
* Als "Aktive" werden bei den studentischen Korporationen Jene Mitglieder bezeichnet, die - durchweg für vier Semester - verpflichtet sind, an allen Veranstaltungen der Verbindung teilzunehmen. Bei farbentragenden Korporationen gehört dazu auch das Triagen von Band und Mütze. Für die "Inaktiven" ist nur noch die Beteiligung an wenigen Veranstaltungen verbindlich.
** Der Allgemeine Studentenausschuß (AStA) ist die studentische Selbstverwaltung an jeder westdeutschen Hochschule. Seine Mitglieder werden in freier und geheimer Wahl bestimmt.
* Philister (eigentlich Name eines im Altertum
im Südwesten Palästinas ansässigen Volksstammes) sind im Jargon der studentischen Korporationen die im Berufsleben stehenden und seßhaft gewordenen Alten Herren.
** Am 18. Oktober 1935 löste sich die Deutsche Burschenschaft unter dem Druck der national sozialistischen Regierung auf und übergab "ihre Burschenschaften, Fahne und Tradition dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund".
Kneip-Präside Alter Herr Heimann (Mitte): Zum Wohl des ehrwürdigen Bundes

DER SPIEGEL 34/1957
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