18.09.1957

EMSLAND-ERUPTIONDie Wildkatze stirbt

In den nächsten Tagen wollen die Erdölingenieure der Preußischen Bergwerks- und Hütten AG (Preußag) die "Wildkatze" im Emsland endgültig zur Strecke bringen. Sie verfolgen sie seit zwei Wochen mit langen Bohrgestängen.
Als Wildkatze bezeichnen die Techniker der Mineralölindustrie die Ölfontänen, die - gewöhnlich bei Neuaufschlüssen - mit eruptiver Gewalt aus der Tiefe der Erde emporschießen. Im allgemeinen kommen solche "Wildkatzen" nur in den Ölländern des Nahen Ostens vor. Auf den deutschen Erdölfeldern, wo das Öl weit spärlicher als beispielsweise in der persischen Wüste Kum oder auf den Bahrein-Inseln fließt, war man bis vor kurzem vor solchen ungestümen Entladungen sicher.
Mehr als 85 Prozent der 3,5 Millionen Tonnen Öl, die jährlich in Westdeutschland gefördert werden - die Bundesrepublik deckt damit ihren Bedarf zu etwa 27 Prozent -, müssen mühsam aus der Tiefe emporgepumpt werden, was die Produktion erheblich verteuert. Nur etwa 560 000 Tonnen sprudeln selbsttätig durch, die Einwirkung der Gase, die in den ölführenden Sandsteinschichten enthalten sind, aus den Sonden.
Die eruptiven Bohrstellen liegen vorwiegend im Emsland. Um sie möglichst lange mühelos ausbeuten zu können, wird der Ölausstoß durch enge Düsen am Kopf der Rohrleitung so stark gedrosselt, daß die Sonden täglich kaum mehr als vier Kubikmeter Öl abgeben. So hielten es die Ölgesellschaften, die im Emsland die Ölvorkommen ausbeuten, auch auf dem Erdölfeld Georgsdorf mit, der Sonde G 98, die man schon vor acht Jahren niederbrächte und die nun - vor wenigen Wochen zur Wildkatze wurde. Sie spie eine Woche lang
- statt der üblichen Tagesration von vier Kubikmetern - täglich fast das Tausendfache aus, so daß sich bald ein größer Ölsee bildete.
Die inzwischen niedergekämpfte Eruption kam für die Eingeweihten nicht unerwartet. Das Öl des 12 Quadratkilometer großen Georgsdorfer Feldes lagert 715 Meter tief in einer 40 Meter starken porösen Sandsteinschicht, dem Bentheimer Sandstein, in dessen Poren sich auch Erdgas ansammelte. Über den sogenannten Ölträger zieht, sich eine fest abschließende Kreideschicht, die beim Ölbohren durchstoßen wird, dann entströmt das Gas dem Bohrloch und treibt das Öl in die Höhe.
Im Untergrund der Sonde G 98 sind jedoch durch tektonische Verschiebungen zahlreiche Risse entstanden, die sich nicht nur durch die Isolierschicht, sondern auch durch das ganze Deckgebirge ziehen. Sagt der Geologe der Preußag in Georgsdorf, Dr. rer. nat. Klaus Weggen: "Diese Risse bilden eine Art Steigleitung, in der das Gas unaufhaltsam nach oben strömt. Es sammelt sich dann in den Tertiärsänden der obersten Schichten und entweicht von dort aus dem Boden." Dieser Gasdruck ließ in der Gegend von Georgsdorf auf den Viehkoppeln zahlreiche winzige Krater entstehen, aus denen Miniaturfontänen herausspritzen.
In den letzten Wochen haben sich die Gasschwaden nun einen anderen Ausweg gebahnt: Sie konzentrierten sich auf die aus 715 Meter Tiefe emporsteigende Ölleitung der Sonde G 98 und drangen durch den schmalen Spalt zwischen Rohraußenwand und umgebender Erdschicht ungestüm nach oben. Schon am 24. August zerbarst die Erde in der Nähe der Sonde.
Preußag-Betriebsleiter Fritz Frommeyer ließ um den Krater einen Wall ziehen und das Grundwasser abpumpen. Bald rumorte es erneut unter den Füßen der Preußag-Arbeiter; sie wankten über brodelnde Erde, als sie von der Pipeline, in die das Öl der Sonde G 98 floß, zu ihren Wohnwagen eilten. Plötzlich sahen sie, wie sich der Schwengel einer Wasserpumpe an der Viehtränke - wie von Geisterhand bewegt - hob und senkte und das Pumpenmundstück Wasser spie. Kurz darauf spritzten den Arbeitern Dreckfontänen um die Ohren. Der nächste Eruptionsstoß schleuderte eine vier Tonnen schwere Öltransportpumpe in die Luft; in Sekundenschnelle versank sie dann im Krater.
Von Stunde zu Stunde drückte das Gasgebläse mehr Sand- und Schlamm-Massen empor, so daß rings um den plötzlich entblößten Teil der Steigleitung ein tiefer Trichter entstand, in dem das 20 Zentimeter dicke Rohr hin und her schwankte Betriebschef Frommeyer ließ schwere Salzlauge in die Steigrohrleitung pumpen, um das spezifisch leichtere Öl zurückzudämmen. Er wollte verhindern, daß im Falle eines Rohrbruchs Öl ausströmen und möglicherweise in Brand geraten könnte. Aber bevor das Manöver gelungen war, hatten die revoltierenden Gase die schwankende Rohrleitung in der Tiefe des Kraters eingeknickt. Aus der Bruchstelle schoß nun eine Ölfontäne steil über den Kraterrand.
Mit 70 Atmosphären Druck strömten etwa 18 000 Kubikmeter Öl und Ölschlamm über Weiden und Äcker. In wenigen Tagen wurde eine vier Hektar große Fläche von der schwarzen Brühe überzogen, die dem Berghauptmann. Wunderlich und einem Bergrat bis an die Brust reichte, als die beiden Herren bei der Besichtigung der Wildkatze in den Ölsee fielen. Ein Steg war unter ihnen zerbrochen. Alles, was in der deutschen Erdölwissenschaft Rang und Namen hat, fuhr an den Ölsee, der bis Ende vergangener Woche aber so weit abgesaugt wurde, daß nur noch Schlammspuren übrigblieben.
Der Gasdruck hat inzwischen nachgelassen. Um eine Wiederholung der Eruptionen zu verhindern, bemühen sich die Preußag -Ingenieure seit Tagen, die Sonde G 98 an ihrem tiefsten Punkt - in 715 Meter Tiefe - zu verstopfen. Sie ließen, 100 Meter von der Sonde entfernt, zwei Bohrtürme aufstellen; von dort wird nun mit Schrägbohrungen versucht, den alten Bohrkanal 98 im Bentheimer Sandstein anzuzapfen. Anschließend will man durch die beiden neuen Querkanäle ein zähes Gemisch von Zement und Schwerspat pumpen, das in dem alten Bohrloch zu einem festen Pfropfen erstarren soll. An eine weitere Ölförderung ist an dieser Stelle vorläufig nicht zu denken.
Gelassen beobachteten die acht Emsland-Bauern, deren Weideflächen und Äcker von der Ölflut überspült und für mindestens zwei Jahre unfruchtbar gemacht wurden, die Anstrengungen der Erdölingenieure und Geologen. Die Bauern interessieren sich ausschließlich für die Höhe der Entschädigung, die ihnen die Ölgesellschaften zahlen werden. Die Landbesitzer wollen auf diese Weise von der Ölausbeute profitieren, die ihnen bisher mehr Verdruß als Nutzen brachte; denn nach dem "Gesetz zur Erschließung von Erdöl und anderen Bodenschätzen" aus dem Jahre 1937 sind alle Erdölfunde "vom Verfügungsrecht des Grundeigentümers ausgeschlossen".
Der Grundeigentümer hat keinen Anteil an dem Gewinn, den die Gesellschaften aus seinem Boden ziehen. Das Öl gehört dem Staat, der die Ausbeute den Ölgesellschaften überläßt und dafür Abgaben kassiert. Nur für den geringen Teil der Bodenfläche, der durch die technischen Anlagen der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen wird, bekommen die Bauern eine kleine Entschädigung.
Meßweg am Emsländer Ölsee: Der Berghauptmann fiel vom Steg
Brodelnde Ölfluten über Viehweiden: Acht Bauern fordern Schadenersatz

DER SPIEGEL 38/1957
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