02.10.1957

STADTPLANUNGOhne Kreuzungen

Auf dem kargen Sandboden der Senne, einer Heidelandschaft in der Nähe von Bielefeld, winden sich zwischen den Baustellen der Stadtneugründung "Sennestadt" die ersten 26 Kilometer eines seltsam verschlungenen Straßennetzes. Die Fertigstellung dieses Straßennetzes soll nach dem Willen seines Erbauers, des Hamburger Architekten Dr.-Ing. Hans Bernhard Reichow, eine neue Epoche des Städtebaues einleiten: In der "Sennestadt", einer Industrie- und Wohnstadt, die schon in den nächsten Jahren rund 20 000 Einwohner aufnehmen wird, soll es keine Straßenkreuzungen und keine Verkehrsschilder geben.
Als der Hamburger Architekt vor einiger Zeit mit der Generalplanung der neu zu errichtenden Heidestadt beauftragt worden war, hatte er den Senne-Landrat Franz Specht davon überzeugt, daß die Entwicklung eines neuen Straßensystems ("Unser bisheriges stammt ja noch aus der Zeit der Sänften und Pferdegespanne") das "vordringliche uns gestellte Pensum des Städtebaus" sei.
Reichows Konzeption brach radikal mit dem herkömmlichen Schema der großstädtischen Straßengliederung, an dem sich praktisch wenig geändert hat, seit der griechische Baumeister Hippodamos (um 500 vor Christus) die Straßen der Stadt Piräus nach dem sogenannten Rastersystem anlegte: Schnurgerade Straßen verlaufen parallel zueinander und werden von anderen, ebenfalls parallel verlaufenden Straßen im rechten Winkel gekreuzt.
Obwohl die Stadtplaner der heutigen Großstädte den anschwellenden Verkehr durch Batterien von Ampeln, durch Richtungs-, Vorfahrts- und Achtungsschilder, durch Fahrbahn-Markierungen und Zebrastreifen zu kanalisieren versuchten, wurden die rechtwinkligen Kreuzungen in den letzten Jahren immer häufiger zu Todesfallen. Allein im vergangenen Jahr ereigneten sich 196 400 von den insgesamt 625 400 Verkehrsunfällen, die Deutschlands Statistiker registrierten, auf Kreuzungen.
Bei Diskussionen über Städtebau empörte sich Dr. Reichow darüber, daß die beamteten Straßenbauer aus der Verkehrsmisere nichts anderes gelernt hätten, als noch breitere Straßen und noch gewaltigere Kreuzungen zu bauen. Vor den Herren des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums in Düsseldorf monierte er, man setze die Baumittel "statt zur Beseitigung von Verkehrskalamitäten offenbar zur Häufung schlimmster Unfallherde" ein. Man könne sich vorstellen, welch "verheerende Wirkung" der Neubau der 1114 Ortsumgehungs-Straßen des Seebohmschen Zehnjahresplans für den Straßenbau haben werde, "wenn nicht eine völlige Umstellung auf Kreuzungsfreiheit erfolgt". Da man die Straßenkreuzung eindeutig als prominentesten Unfallherd diagnostiziert habe, dürfe man einfach keine Kreuzungen mehr bauen.
Dreißig Jahre hatte sich der enthusiastische Automobilist Reichow damit beschäftigt, ein Verkehrssystem zu entwickeln, "das dem Auto und dem Verhalten des es lenkenden Menschen gleichermaßen auf den Leib gepaßt" ist. Nach diesem "zeitgemäßen System" entwarf er den Generalplan für die Stadtneugründung in Westfalen:
- An Stelle von Straßenkreuzungen gibt es in der Sennestadt nur noch sogenannte Straßeneinfädelungen (siehe Zeichnung).
Keine Nebenstraße mündet im rechten Winkel in eine Hauptstraße, vielmehr schmiegt sie sich mit einer sanften Krümmung in die Hauptverkehrsader ein. Dadurch verringert sich die Zahl der Spurüberschneidungen (Reichow: "Jede Spurüberschneidung ist ein Gefahrenpunkt") entscheidend. Während es bei einer normalen rechtwinkligen Kreuzung insgesamt 16 Spurüberschneidungen gibt, schneiden sich die Spuren bei zwei Einfädelungen, die den Verkehr einer normalen Kreuzung aufnehmen, nur sechsmal.
Der Krümmungsradius jeder Einfädelung ist überdies so bemessen, daß die sanft einschwingende Kurve mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern je Stunde durchfahren werden kann. Prophezeit Reichow: "In der Sennestadt können die Autofahrer wieder lustvoll fahren, genau wie auf der Autobahn. Wir erreichen einen dauernden reibungslosen Verkehrsfluß wie bei natürlichen Kreislauforganen, in denen es ja auch keine Stauungen und Zusammenstöße gibt."
Die meisten Besucher des Baugeländes, die es sich nicht verkneifen können, die Behauptung des Sennestadt-Planers zu überprüfen, bestätigen dem Dr. Reichow, daß sie noch in keiner Stadt so wenig ohne Kupplung und Bremse gefahren seien wie in der Sennestadt.
Reichow vergleicht sein Straßensystem mit dem Feldwegenetz In der Natur, das Menschen und Tiere sich selbst getreten haben: "In der Natur gibt es keine rechten Winkel. In der freien Landschaft kennzeichnet sich ein bedeutender Weg dadurch, daß er breiter ist und andere - weniger bedeutungsvolle - Wege in ihn einmünden. Wer diesem Netz mit natürlichem Bewegungs- und Richtungssinn nachgeht, kommt stets zu einer Ansiedlung."
So münden in der Sennestadt alle Nebenstraßen in Richtung zur Stadtmitte in die Hauptverkehrsadern ein. Man kann vom kleinsten Nebenweg am Stadtrand - ohne nach Hinweisschildern zu suchen oder sich zu erkundigen - den stets breiter werdenden Straßen nachfahren und gelangt mit Sicherheit in die Stadtmitte.
Diese "organische Verkehrslenkung" führt zwangsläufig zu einer Konsequenz, vor der weder der Stadtplaner Reichow noch der Senne-Landrat Specht zurückgeschreckt sind:
- In der Sennestadt gibt es keine Verkehrsschilder. Sie werden ersetzt "durch sinnfällige, an den menschlichen Instinkt appellierende Regulative".
Diese "Regulative" bedürfen nach Reichows Auffassung keinerlei Erläuterungen durch Verkehrsschilder. "Die Hauptstraßen sind breiter als die Nebenstraßen, die sich in die Hauptstraßen einfädeln", sagt Reichow. "Schon dadurch wird die Nebenstraße auch rein optisch zur Nebenstraße gestempelt. Überdies wird der Verkehrsteilnehmer durch folgende Tatsachen instinktiv geleitet: Der Fahrer auf einer Hauptstraße fährt auf einer durchgehenden Fahrbahn - das bedeutet naturgemäß, daß er Vorfahrt hat. Der Fahrer, der aus einer Nebenstraße in die Hauptstraße einbiegt, erblickt vor sich die gegenüberliegende Bordschwelle der Hauptstraße, was ihm klarmacht, daß er sich in einen anderen Verkehrsstrom einordnen muß. Er wird instinktiv die Vorfahrt der anderen auf der breiteren Straße beachten."
Auf einen Schlag, argumentierte Reichow, ersetzten die "Regulative" drei der gebräuchlichsten Verkehrsschilder: das "Halt"-, das "Achtung"- und das "Hauptverkehrsstraße"-Schild. Auch auf Parkverbots- und Halteverbotsschilder glaubt Reichow verzichten zu können, da in der Sennestadt alle Verkehrsadern breit genug angelegt und mit einer Parkspur ausgestattet werden sollen.
Ob sich die "organische Verkehrsführung" des Dr. Reichow bewährt und die Autofahrer die verkehrslenkenden "Regulative" stets rechtzeitig erfassen können, wird sich freilich erst in einigen Jahren erweisen, wenn die Sennestadt mit dem Verkehr einer mittelgroßen deutschen Stadt angefüllt ist. Reichow selbst gesteht ein, daß sein System mit den praktischen Ergebnissen in der Sennestadt "stehen und fallen wird".
Stadtplaner Reichow "Verkehrsschilder sind überflüssig"

DER SPIEGEL 40/1957
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