16.10.1957

BUNDESPOSTBriefe im Parterre

Zornige Briefe von Postkunden zwangen in der vorigen Woche das Bundesministerium für das Post- und Fernmeldewesen zu dem Eingeständnis, daß auch vor der Deutschen Bundespost alle Menschen gleich sind - ob sie nun einen Hausbriefkasten haben oder nicht.
Die Protestbriefe kamen aus Braunschweig, wo die Oberpostdirektion damit begonnen hatte, "dem Briefzustelldienst eine neuzeitlichere und den sozialen Bedürfnissen entsprechende Form zu geben". In der Stadt Braunschweig wurde am Morgen des 1. Oktober eine beschleunigte "Morgenpostzustellung" eingeführt, "die nur die Hausbriefkästen und Abgabestellen zu ebener Erde berührt".
Wer nicht zu ebener Erde wohnt und seinen Briefschlitz an der Büro- oder Wohnungstür im ersten, zweiten, dritten oder vierten Stock oder gar noch höher hat, dem wurde die Morgenpost erst am Nachmittag zugestellt - so etwa dem Braunschweiger Oberbürgermeister Otto Bennemann und dem Braunschweiger Büro der Deutschen Presse - Agentur, das in einem Geschäftshaus untergebracht ist, wo sich aus Platzgründen Hausbriefkästen nicht montieren lassen. Der Präsident der Oberpostdirektion Braunschweig, Dr. Gerhard Randt, hatte in den letzten Septembertagen verkündet: Nachdem mehr als neunzig Prozent der Braunschweiger Haushaltungen nunmehr Hausbriefkästen angebracht hätten, könne die ungünstige Kostenstruktur des Zustelldienstes und die angespannte Personallage durch eine neue Organisation verbessert werden.
Die Oberpostdirektion Braunschweig hatte mit der Aktion "Hausbriefkasten" im Mai 1956 begonnen. Durch Plakate und Postwurfsendungen waren die Hausbesitzer animiert worden, im Parterre Briefkästen für alle Hausbewohner, sogenannte Hausbriefkästen, anzubringen und den Briefträgern dadurch das Treppensteigen zu ersparen.
Neu an dieser Werbung war, daß die Post den Hausbesitzern einen Zuschuß von zehn Mark je "Abgabestelle", das heißt je Familien- oder Firmenbriefkasten, gewährte. Der Erfolg blieb nicht aus. Bis heute sind 90 Prozent der, etwa 70 000 Abgabestellen in Braunschweig mit Hausbriefkästen ausgestattet, was die Post den ansehnlichen Betrag von rund 600 000 Mark an Zuschüssen kostete.
Dem Präsidenten Randt schien dieses Geld gut angelegt. Denn der Zustelldienst ist einer der wenigen Zweige der Deutschen Bundespost, in dem sich Menschen nicht durch Automaten ersetzen lassen, und bei dem deshalb versucht werden muß, dem Personalmangel auf andere Weise abzuhelfen.
Ein Teil der postalischen Leistungen im Brief- und Paketdienst ist im Laufe der Zeit freilich schon von den Postkunden übernommen worden, so etwa durch Selbstabholung aus den Schließfächern, Freistempeln der Sendungen, Selbstbucherverfahren im Postversand und Vorbereitung bei der Beförderung von Massendrucksachen.
Im Fernmeldewesen konnte in den vergangenen Jahren vor allem durch den Ausbau des Selbstwählfernverkehrs schon Personal eingespart werden, so daß die Betriebskosten dieses Postzweiges immer weniger durch künftig etwa steigende Personalausgaben beeinflußt werden können und die Investitionen sich rentieren werden.
Die Ingenieure der Bundespost befassen sich auch bereits seit längerem mit der Frage, wie der Briefverteildienst in den großen Postämtern automatisiert werden kann. Briefsortierwerke, wie sie etwa in Dortmund erprobt wurden, mechanisieren alle Transporte zwischen den Verteilgängen. Erleichtert werden könnte diese Mechanisierung nach Ansicht der Postingenieure durch die Einführung eines "Postnormbriefs" mit einheitlichem Format.
Die Post plant überdies, alle sogenannten "Knotenämter" mit einer Ordnungszahl zu versehen. Das Publikum soll diese Postleitzahlen neuer Art auf den Postsendungen neben dem Zielort vermerken. Durch "technische Vorgänge" will man die Ordnungszahl dann beim Postamt in eine Punktkombination umsetzen. Die Punkte sollen mit einem Lichtstrahl abgetastet und die Postsachen dadurch auf den Postämtern elektronisch in die richtigen Fächer sortiert werden. Bisher muß noch Personal die Postsachen in die Verteilfächer einsortieren; aber der Tag scheint nicht fern zu sein, an dem Apparate diese mühselige und viel Personal erfordernde Arbeit übernehmen.
Nur die Briefzusteller lassen sich durch nichts ersetzen, ehe nicht Roboter die Post austragen können. "Es ist aber niemand mehr bereit", sagt Präsident Randt von der Braunschweiger Post, "für das vorgesehene Tarifgehalt den Posten eines Briefträgers zu übernehmen. Auch die Anstellung als Beamter zieht nicht mehr."
Ein Postbote hat in der niedrigsten Dienstaltersstufe und in der niedrigsten Ortsklasse mit zwei Kindern von vier und fünf Jahren Anspruch auf monatlich 408 Mark. Das Endgehalt eines Postboten, wenn er in der Großstadt wohnt und zwei Kinder im Alter von über vierzehn Jahren hat, beträgt 566 Mark.
Der Präsident der Oberpostdirektion Braunschweig glaubte einen Ausweg gefunden zu haben, als er beschloß, bei der Morgenzustellung nur Empfänger mit Parterre-Briefkästen bedienen zu lassen. Damals waren zudem gerade zwanzig Prozent seiner Briefträger grippekrank und dienstunfähig. Offenbar hatte er aber nicht mit der Aufsässigkeit jener Kundschaft gerechnet, die nicht Parterre-Briefkästen hat.
Schon nach wenigen Tagen sah Randt sich von allen Seiten mit Protesten überhäuft. Schrieb die Handwerkskammer Braunschweig: "Diese Maßnahme ist so diktatorisch von einer Dienststelle bestimmt, daß sie nicht unwidersprochen bleiben kann." Es sei nicht angängig, eine Monopolstellung in dieser Weise auszunutzen.
Und der "Haus- und Grundbesitzer-Verein der Stadt Braunschweig e.V." monierte: "In vorliegenden Fall besteht... keinerlei rechtliche Handhabe, die Anbringung von Hausbriefkästen zu verlangen oder aber Haus- und Etagenbriefkästen bei der Postzustellung verschieden zu bedienen. Wenn das Postamt Braunschweig auf Grund seiner gesetzlich garantierten Monopolstellung glaubt, sich über diese Bedenken hinwegsetzen zu können, kann ein solches Vorgehen nicht scharf genug im Interesse der Wahrung der Rechte des einzelnen Staatsbürgers gegenüber 'staatlicher Allmacht' angeprangert werden."
Morgens keine Treppen mehr
In einigen Protestschreiben, mußte sich das Braunschweiger Postamt darüber belehren lassen, daß noch immer jene "Postordnung" in Kraft sei, die im Amtsblatt des Reichspostministeriums Nr. 13 vom 15. Februar 1929 veröffentlicht worden war. Im Paragraphen 40 dieser "Postordnung" wird bestimmt:
- "Die Sendungen werden an den Empfänger selbst oder an seinen Bevollmächtigten ausgehändigt.
- "Hat der Empfänger oder sein Bevollmächtigter an seiner Wohnung oder an seinen Geschäftsräumen einen Briefkasten, so benutzt ihn der Zusteller für die gewöhnlichen freigemachten, Briefsendungen, soweit es möglich ist."
Aus diesen Bestimmungen, so folgerten die protestierenden Postkunden, gehe eindeutig hervor, daß sämtliche Postsendungen bis in Wohnungen und Geschäftsräume gebracht werden müssen und nicht schon im Erdgeschoß des Hauses abgelegt werden dürfen, in dessen Stockwerken der Empfänger wohnt.
Präsident Randt mußte sich auch sagen lassen, daß die Post verpflichtet ist, alle Sendungen unverzüglich zuzustellen, und daß vom Oberlandesgericht Celle erst am 12. Juni 1957 ein Briefträger wegen Postunterdrückung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden war, der Briefschaften aus Bequemlichkeit erst am nächsten Tage zugestellt hatte.
Alsbald sah Präsident Randt keinen anderen Ausweg, als sich selbst zu dementieren. In einer "Antwort der Oberpostdirektion" auf die zahlreichen Beschwerden ließ Randt verlautbaren: "Im Zusammenhang mit der Umstellung auf die Hausbriefkastenzustellung ist die unrichtige Darstellung verbreitet worden, daß die Postempfänger ohne Hausbriefkästen ihre Post nur nachmittags erhalten sollten. Eine solche Regelung wird nicht geplant. Auch die Postempfänger ohne Hausbriefkästen werden ihre Post im Laufe des Vormittags erhalten."
Keine zwei Wochen vorher hatte es noch überschwenglich geheißen: "Rund hundert Briefträger brauchen morgens keine Treppen mehr zu steigen und nicht mehr vor den Wohnungstüren zu warten. Die Hausbriefkästen werden dadurch ihre gewöhnliche Post schneller erhalten."
Wie Randt das eine tun will, ohne das andere zu lassen, bleibt vorerst sein Geheimnis. Zunächst einmal schloß er stillschweigend alle Postempfänger, ob sie nun einen Parterre-Briefkasten haben oder nicht, wieder in die Morgenzustellung ein, noch bevor er vom Lemmer-Ministerium zurückgepfiffen und darauf aufmerksam gemacht wurde, daß kein Postkunde, der sich keinen Hausbriefkasten anbringen lassen will, deshalb benachteiligt werden dürfe. Dazu sei eine Rechtsgrundlage nicht vorhanden.
Als der rationalisierungsfreudige Oberpostdirektions-Präsident Randt in Braunschweig konstatiert hatte, daß 90 Prozent aller Abgabestellen mit Parterre-Hausbriefkästen ausgerüstet sind, hatte er frohlockt, zum ersten Male sei bei einer Postverwaltung durch Aufklärung der Bevölkerung und durch Zuschußzahlungen ein Ergebnis erzielt worden, "welches den Weg der Gesetzgebung überflüssig macht".
Aber zehn Prozent ohne Hausbriefkästen, die ihn zum Rückzug zwangen, haben die Gesetze auf ihrer Seite, so daß die Postboten-Rationalisierung wohl doch nicht ohne neue Gesetze und Verordnungen auskommen wird.
Briefkasten-Reformer Randt: Illegale Aktionen?

DER SPIEGEL 42/1957
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