10.09.1958

CSUWas ein Christ nicht kann

Voller Unruhe haben CSU-Funktionäre mittlerer Qualität in den letzten Tagen beobachtet, daß sich die beiden einzigen wirklich profilierten Persönlichkeiten der Christlich-Sozialen Union, Dr. Dr. Alois Hundhammer und Dr. Josef Müller, nach jahrelangem persönlichem Hickhack einander wieder nähern.
Diese neue Konstellation, die durchaus zu personellen Veränderungen in den christsozialen Spitzengremien führen könnte, ist nicht etwa damit zu erklären, daß der Ritter Hundhammer vom Heiligen Grabe und der Müller-Ochsensepp von ihren angestammten konservativen beziehungsweise liberalen Glaubenssätzen abgelassen hätten, einer zugunsten des anderen. Der Grund für den überraschenden Akkord der beiden alten Erzfeinde ist vielmehr in dem Umstand zu erkennen, daß sie
beide zu Adolf Hitlers Zeiten Konzentrationslager kennengelernt haben, und zwar von innen: als Häftlinge.
Die Erfahrungen, die sie dort sammeln durften - Hundhammer in Dachau, Mül]er in Buchenwald, Dachau und Flossenbürg -, lassen es ihren Parteifreunden zwar menschlich verständlich erscheinen, daß die zwei schlicht dagegen sind, im Bayrischen Landtag demnächst neben einem leibhaftigen KZ-Wachmann zu sitzen. Doch mußten Alois Hundhammer und Josef Müller zu ihrem Schmerz feststellen, daß ihre Ansichten über die Würde des Parlaments und den Geschmack in der Politik dem großen Haufen der christsozialen Funktionäre veraltet scheinen.
Der Öffentlichkeit war eben der Mauthausener Häftlingsbewacher Peter Prücklmayer - Josef Müller., "KZ-Scherge" als CSU-Landtagskandidat vorgestellt worden, als Alois Hundhammer sich in einem Schreiben an den CSU-Chef Dr. Hanns Seidel auf diese Information des SPIEGEL bezog und mahnte: Solch eine Anwartschaft solle doch ernstlich überprüft werden; dem Prucklmayer möge man einen Verzicht nahelegen. Heftiger noch äußerte sich der Ochsensepp, der unverblümt von einer NS-Infiltration der CSU redete.
Hundhammers und Müllers Erklärungen regten auch einige sonst friedfertige Zeitungen zu bissigen Kommentaren an. Schrieb der "Donau-Kurier": "Die These, es läge nichts gegen Prücklmayer vor... schlägt jedem normalen politischen Sauberkeitsempfinden ins Gesicht. Aber... man vergißt, weil Erinnern in unangenehme Situationen bringen könnte. Man verzeiht, nicht weil man wirklich vergeben möchte, sondern weil ein Marschierer Hitlers inzwischen wieder salonfähig geworden ist und einmal von Nutzen sein könnte."
Indes, CSU-Pressechef Hans Wüst blies namens der Landesleitung den Alarm wieder ab: Seine Partei sehe keinen Grund, dem Prücklmayer von seiner Kandidatur abzuraten. "Für die CSU ist der Fall erledigt." Und während Hundhammer und Müller noch einträchtig verlangten, der geschäftsführende Landesvorstand müsse zu einer Sondersitzung über das Thema Prücklmayer einberufen werden, forschten subalterne CSU-Chargen schon nach anderen Möglichkeiten, um die Prücklmayer -Affäre möglichst rasch mit einer anderen zu verdecken.
Nach dem Grundsatz, daß Angriff die beste Verteidigung ist, und nach der Erkenntnis, daß Emigranten weniger populär als Nationalsozialisten sind, beschäftigten sie sich mit den Landtagskandidaten jener Partei, auf die sie demnächst im Landtags-Wahlkampf ihre Attacken konzentrieren wollen, der SPD. Alsbald kursierte die Frage: "Hat Ali Reitzner Bomben auf Deutschland geschmissen?"
Ali Reitzner, dessen voller Vorname Almar lautet, ist ein Sohn des SPDBundestagsabgeordneten Richard Reitzner. Vater Reitzner, seinerzeit Vorstandsmitglied der Deutschen Sozialdemokratischen Partei in der Tschechoslowakei, emigrierte Ende 1938 mit seiner Sippe nach England und wurde im Lager Holmhurst bei London interniert.
Kaum war der Krieg da, als sich auch schon Agenten der "Tschechoslowakischen Auslandsarmee" in Holmhurst - wie auch in anderen Lagern, in denen Sudetendeutsche tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit saßen - einfanden und Rekruten für ihre Legionen warben. Aber Wenzel Jaksch, der Führer der sudetendeutschen Sozialdemokraten, erreichte schließlich, daß seine Leute, soweit sie nach den britischen Gesetzen dienstpflichtig waren, in die Armee Seiner Majestät des Königs eintreten durften.
So kam Ali Reitzner zur Royal Air Force, bei der er es mit 21 Jahren zum Captain und zu fünf Tapferkeitsauszeichnungen brachte. Nach dem Kriege flog Captain a.D. Reitzner in einer britischen Maschine heimlich nach Prag, testete dort die Stimmung der Einheimischen, verfaßte in London einen Bericht darüber, der in einer Unterhausdebatte diskutiert wurde, und schrieb außerdem noch eine Broschüre über sein Abenteuer.
Während Vater Reitzner sich 1949 im Bonner Bundestag niederließ, lernte Sohn
Reitzner die Anfangsgründe der Politik in
München. Das Bundesvertriebenengesetz hatte die Familie Reitzner zu deutschen Staatsangehörigen gemacht, und Ali, den es auch in ein Parlament zog, wurde im heurigen Sommer von der SPD als Landtagskandidat für den oberbayrischen Stimmkreis Landsberg-Schongau nominiert.
Die Prücklmayer-Affäre war es nun, die das CSU-Interesse auf Ali Reitzner und seine Broschüre lenkte, aus der immerhin
hervorgeht, daß Ali RAF-Captain gewesen war. Beteuert Ali: "Ich war Transportflieger, und zwar nach Afrika und Indien. Bomben habe ich nie befördert, geschweige denn abgeworfen. Da können die lange suchen."
In der Tat blieb allen Anstrengungen der Christsozialen, den SPD-Landtagskandidaten Reitzner als Bombenterroristen zu entlarven, bislang der Erfolg versagt - so daß der geschäftsführende CSU-Landesvorstand, dem unermüdlichen Drängen Alois Hundhammers und Josef Müllers ausgesetzt, am letzten Mittwoch ziemlich bedripst zusammentrat. Unmittelbar vorher hatte Dr. Hans Kapfinger, Chefredakteur der größten Zeitung Niederbayerns, in seiner sonst durchaus nicht CSU-feindlichen "Passauer Neuen Presse" geschrieben:
"Die CSU-Landesleitung möge es zur Kenntnis nehmen, daß wir in Niederbayern keinen ehemaligen KZ-Bewacher als Landtagskandidaten haben wollen, auch wenn ihn die Hopfenbauern im Landkreis Kelheim vorgeschlagen haben: Die Ehre unserer herrschenden Partei verlangt es einfach, daß sie in der Auswahl der politischen Kandidaten sauber ist... Wir fragen uns und fragen die CSU und ihren Generalsekretär: Habt ihr wirklich keinen anderen?"
Kapfingers Frage blieb unbeantwortet. Ministerpräsident Seidel und dessen engste Vertraute brachten es nicht über sich, dem Prücklmayer von der Landtagskandidatur abzuraten. Alles, wozu sich die CSU-Spitze nach intensiver Diskussion aufzuraffen vermochte, war ein Appell, die zuständigen Lokaldelegierten der Partei möchten "angesichts der besonderen Problematik dieser Kandidatur" die Kandidatenwahl noch einmal wiederholen.
Nicht zur Sprache kam bei diesem Palaver eine andere Kandidatur, über die in CSU-Kreisen ebenfalls nur ungern etwas gesagt wird. Im Stimmkreis Traunstein; der vor 1933 Alois Hundhammer für die Bayrische Volkspartei in den Landtag entsandt hatte, kandidiert jetzt ein CSU-Mann für den Landtag, der immerhin zum Sicherheitsdienst der SS gehörte.
Dieser SD-Mann namens Leonhard Schmucker, Jahrgang 19 und heute Gemeindeamtmann in Ruhpolding, hatte sich 1940 mit Erfolg um den Posten des Kreiskassenverwalters in Bergeichenstein beworben. Bergeichenstein liegt im Böhmerwald und war im Herbst 1938 zu Bayern geschlagen worden, ebenso wie die bis dahin tschechischen Landkreise Prachatitz und Markt Eisenstein. Der SD-Abschnitt Bayreuth richtete in Bergeichenstein eine Außenstelle für diesen Rayon ein, deren Leiter im Frühjahr 1942 versetzt wurde. Zu seinem Nachfolger avancierte der Jungbeamte Leonhard Schmucker.
Der 23jährige SD-Außenstellenchef verfügte, wie er sich heute erinnert, über 20 V-Leute, deren Nachrichten er nach Bayreuth weiterreichte. Schmucker ließ Deutsche und Tschechen beobachten und lieferte Situationsberichte sowie Beurteilungen über Einzelpersonen. Nach anderthalb Jahren verlor er seinen SD-Posten, nicht weil er untüchtig war, sondern weil die Stelle hinfort mit einem hauptamtlichen SD-Funktionär besetzt sein sollte. Kreiskassenverwalter Schmucker blieb aber dem SD treu: als Konfident.
Nach dem die Amerikaner den SD -Schmucker für 30 Monate eingebuchtet hatten, wußte er vor der Spruchkammer Traunstein außer mit obligaten Persilscheinen auch mit einer Entlastungszeugin aufzuwarten. In Bergeichenstein hatte er ein Fräulein Olga Tutschku aus Prachatitz kennengelernt, das mit einem jüdischen Arzt verlobt war. Der Arzt verscholl, und Fräulein Olga Tutschku ehelichte den zehn Jahre jüngeren SD-Außenstellenchef Leonhard Schmucker.
Ehefrau Schmucker bekundete vor der Spruchkammer manche Widerstandstat ihres Gatten: Mitunter habe Leonhard sogar unzutreffende Nachrichten nach Bayreuth geschickt. Die Kammer befand, daß Schmucker "nicht zur Gruppe derer gehört, die in Nürnberg als verbrecherisch bezeichnet wurden". Außerdem gelte für ihn die Jugendamnestie.
Auf die Frage, warum der Widerständler Schmucker gleich nach seinem 18. Geburtstag der NSDAP, der NSV, dem Reichsbund Deutscher Beamter, dem Reichsluftschutzbund und dem Reichskolonialbund (Ortskassierer) beigetreten sei, gibt der CSU - Landtagskandidat Schmucker die kraftvolle Antwort: "Mei,
wenn man damals net dabei war, kam man ja nie zum Zug."
In der CSU kam Schmucker mühelos zum Zug. Sein einziger partei-interner Konkurrent um den Landtagssitz war ein gewisser Dr. Hugo Decker, weiland Fraktionsführer der Bayernpartei im Bundestag. Münchner CSU-Funktionäre hatten ihn aus der politischen Führerreserve herausgeholt, "weil er so große Verdienste daran hat, daß die BP damals dem Kurs des Kanzlers folgte". Die Traunsteiner Lokal-Delegierten der CSU achteten solche Verdienste gering; sie ließen Decker links liegen.
Schließlich empfindet der Landtagskandidat Schmucker ebensowenig Skrupel wie der CSU-Landtagskandidat Prücklmayer. Beide halten sich für seelen-geläuterte Bürger, die mit gutem Recht darauf bestehen, das CSU-Volk im Parlament zu vertreten.
Wohingegen der CSU-Ochsensepp für seine neue Antifa-Einheitsfront mit dem CSU-Hundhammer nicht ohne Seitenblick auf den Ritter vom Heiligen Grabe die Parole ausgegeben hat: "Als gläubiger Christ kann man wohl verzeihen, deswegen aber nicht vergessen."
SPD-Landtags-Kandidat Reitzner
Verleumdungen
Landtags-Kandidat Schmucker
Vom SD zur CSU

DER SPIEGEL 37/1958
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