10.09.1958

HITLER-JUGENDDer Trick

Im Jahre 1937 empfing der Vater des damals 12jährigen Knaben Günter Wagner in Braunschweig einen Brief vom Rektor der Volksschule, die sein Sohn besuchte: "Wie Sie, sehr geehrter Volksgenosse, wissen, scheut unser nationalsozialistischer Staat keine Mittel und Ausgaben, wenn es um die Erziehung unserer Kinder geht, die ja in Zukunft das große Werk der völkischen und staatlichen Erneuerung Deutschlands im Sinne unserer nationalen Revolution fortzuführen haben werden."
Der Junge, so teilte der Rektor mit, zeige in der Schule überdurchschnittliche Leistungen, er scheine ihm aber auch charakterlich geeignet, zur Aufnahme in die Reichsschule der NSDAP in Feldafing bei München vorgeschlagen zu werden. Der verheißungsvolle Brief schloß generös: "Die Ausbildung ist selbstverständlich völlig kostenfrei, ganz gleich, ob der Vater eines Kindes Hilfsarbeiter oder Generaldirektor ist."
Günter Wagners Vater war nicht Generaldirektor, sondern Werkmeister in einer Fabrik. Er nahm das Angebot an, das der Staat ihm für die Ausbildung des Sohnes machte. Zudem hatte der Blick des Rektors nicht getrogen: Arbeiterkind Günter Wagner durchlief die NS-Eliteschule mit gutem Erfolg. 1943 war er Offiziersbewerber der großdeutschen Wehrmacht und versuchte bis Kriegsende immer noch,an die Genialität seines Führers und an Wunderwaffen zu glauben, die den Endsieg herbeizwingen würden.
In den ersten Jahren nach der Kapitulation arbeitete der NS-Musterzögling in einem Depot der englischen Besatzer, 1952 hatte er es zum Volksschullehrer gebracht. Damals begann er, einen Bericht über seine Jugendzeit zu schreiben, den der Claassen Verlag Mitte September unter dem Titel "Die Fahne ist mehr als der Tod"* herausbringen will.
Pädagoge Wagner, dessen Buch den Untertitel "Roman einer verratenen Generation" trägt, beschreibt die "Erziehung zur Unmenschlichkeit", der er mit so nachhaltigem Erfolg unterworfen worden war. Der inzwischen 33jährige Volksschullehrer Wagner glaubt, durch sein Buch sollten sich alle belehren lassen, die meinen, daß am Nationalsozialismus "doch was dran" gewesen sei. "Die lasse ich gar nicht weiterreden", ereifert sich der Autor, "denen sage ich: 'Nehmen Sie dieses Buch, danach wollen wir weitersprechen'." Denn: "Keiner will daran erinnert werden, und darum bricht sie (die Unmenschlichkeit) immer wieder durch."
Aus Dokumenten und Presseberichten, vornehmlich aber aus seinen Tagebuchaufzeichnungen, die er über die Katastrophe von 1945 hinwegrettete, rekonstruiert Wagner vor allem eine Grundvoraussetzung für den Erfolg der nationalsozialistischen - wie jeder anderen totalitären -Pädagogik: Die Erziehung zur Unmenschlichkeit vollzieht sich, ohne das gute Gewissen der Erzogenen zu beeinträchtigen. Der totalitäre Staat erzieht die Jugend zu traditionellen Idealen - beim NS-Staat etwa Ehre, Volk, Treue -, die er freilich für seine Zwecke korrumpiert hat. Er verlangt von der Jugend selbstlosen Dienst an den Idealen, der gern geleistet wird, ohne daß die Erzogenen von diesen Begriffen irgendwelche konkreten Vorstellungen haben.
So wurden auch Wagner und seine Kameraden fortwährend mit Problemen konfrontiert, die außerhalb ihres Horizonts lagen. Ehe sie sich eine eigene Meinung bilden konnten, war ihnen die von Staats wegen herrschende bereits systematisch und beharrlich eingehämmert worden - wobei das mißverstandene Nietzsche-Wort "Gelobt sei, was hart macht" als oberste Maxime rangierte. Erzieher und Jungmannen hatten den Glauben gemeinsam: "Es ist die nationalsozialistische Idee, in der durch die Genialität unseres Führers das Deutschtum seine letztgültige Ausformung erfahren hat."
Volksschullehrer Wagner hat seine Erfahrungen und Erlebnisse zu einem Roman verarbeitet, in dem ein Arbeitersohn namens Rolf den autobiographischen Part des Autors übernimmt: Die Qualität des Buches liegt weit weniger in der Form, die ihm der als Romancier unerfahrene Wagner gab, als in der Genauigkeit der Details und des Jargons. Da Wagner auf die Tagebücher zurückgreifen konnte, die er in der Parteischule führen mußte, kann er die Argumentation der hitlergläubigen Jugend unverfälscht und in überzeugender Breite wiedergeben.
Dabei wird deutlich, bei wie vielen Gelegenheiten dieser Hitlerglaube zumindest der jungen Leute nicht nur auf schlichtem Unverständnis beruhte, sondern durch solches Nicht-Verstehen auch noch gestärkt wurde. Wagners Romangestalt Rolf Lüdecke zum Beispiel "holt jetzt oft, das Buch des Führers ,Mein Kampf' heraus und liest darin. Aber er muß sich anstrengen, um wirklich zu verstehen, was gemeint ist. Trotzdem - oder gerade deswegen - ist es ein 'gewaltiges Buch'!"
Der Mangel an Erfahrung wird auf der Elite-Schule mit raffinierten dialektischen Unterweisungen ausgenutzt, so daß die eingelernten Phrasen plötzlich wie Kenntnisse aussehen. "Das ist klar", eröffnet ein Erzieher - eine politische Schulungsstunde, "ein Nationalsozialist muß nicht nur schießen, er muß auch denken können. Wenn man es so betrachtet, gibt es allerdings weniger Nationalsozialisten, als die Mitgliederlisten der Partei ausweisen. Ich bin also jetzt euer Gegner. Ich behaupte: Die Juden sind auch Menschen."
Die jungen Zöglinge haben nun die Aufgabe, ihm diese Einstellung auszureden.
Indem sie mit Nachdruck jene Phrasen verwenden, die sie soeben erst hatten auswendig lernen müssen, verwandelt sich unbemerkt in ihrem Hirn das Unverdaut-Angelernte zu scheinbarer Kenntnis.
Wagner glaubt, daß der fortwährende Zwang, etwas zu formulieren und in der Diskussion zu vertreten, wovon man keine Ahnung hat, die Erziehung zur Unmenschlichkeit gefördert habe. Den Zöglingen wurde zwar unbedingter Glaube an das abverlangt, was die Erzieher - und erst recht die nationalsozialistischen Führer - formulierten, doch durfte das auf diese Weise produzierte Inferioritätsgefühl gelegentlich - je nach Wunsch der Erzieher - auch in Anmaßung umschlagen, etwa bei
der Scheindiskussion über die Judenfrage oder im Umgang mit jüngeren Eleven.
Die Besten der Jungmannen wurden nämlich, nachdem sie einige Zeit auf der Reichsschule der NSDAP - im Roman ist sie in "Schule des Führers" umbenannt - zugebracht und "sich schnell in die Gemeinschaft und ihre Aufgaben eingefügt" hatten, zu Truppführern befördert - zu Vorgesetzten ihrer jüngeren Kameraden.
In dieser Position setzten sie den Zwang von oben unmittelbar nach unten fort. "Es macht ihnen Spaß", weiß Autor Wagner aus dieser Epoche seiner Jugend zu berichten, "die Kleinen durch den Schnee zu jagen, um den Platz zu hetzen, sie anzuschreien und fertigzumachen, daß sie ,in keinen Sarg mehr passen'. Rolf schiebt, wenn er seine paar Jungen'über den Platz jagt, die rechte Hand in die Uniformjacke, wie es (der Erzieher der Reichsschule) Gelb immer getan hat, und verwendet Gelbs unflätige Schimpfworte."
An einer anderen Episode weist Wagner nach, daß es nicht eine verbrecherisch-brutale Gesinnung ist, die den Romanhelden Rolf dazu treibt, seinen früheren, verehrten Lehrer bei der Partei zu denunzieren, sondern ein für echt empfundener Gewissenskonflikt.
"Herr Hohgiebel hat in dem sich entwickelnden Gespräch versucht, meine nationalsozialistische Weltanschauung zu erschüttern. Unter anderem nannte er den Führer einen Mörder. Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen von diesem Vorfall Meldung zu machen." Der Erfolg: Herr Hohgiebel wird von der Gestapo verhaftet. "So geht es allen Feinden unseres Führers", kommentiert der Eliteschüler.
Erst in der Wirklichkeit des Krieges darf Wagners Held Rolf - im Gegensatz zum Autor, der dazu länger brauchte - erkennen, daß er auf Phrasen gedrillt worden war: "Unser Tod kommt nicht mehr mit Lorbeerkränzen und Sonnenblumen. Es ist wie ein Schmelzofen. Du gehst hinein und rufst: ,Deutschland, Vaterland, wir kommen schon', und dann kichert der Tod, rülpst, bespritzt dich mit dem Hirn der Krepierten, schlägt dir ein abgerissenes Bein über den Schädel, duckt dich in ein Meer von Blut, hetzt dich durch Eis und Feuer... und wenn du wirklich herauskommst, dann kannst du gerade noch ,Scheiße' sagen."
Dieser Krieg, glaubt Wagner heute, sei von vornherein der eigentliche Zweck seiner Ausbildung an der NS-Schule gewesen: "Das Positive war rein äußerlich." Weil er in seinem Buch aber auch das Äußerliche, etwa die Jugendförderung während der NS-Zeit, "dokumentiert" - so der Kommentar des Hamburger Claassen Verlags -, sind beim Verlag inzwischen Befürchtungen laut geworden, daß flüchtige Leser des Romans "Die Fahne ist mehr als der Tod" den falschen Eindruck bekommen könnten, Wagner habe nachträglich das Dritte Reich rechtfertigen wollen. Der Verlag plant deswegen, den Roman mit einem Streifband-Hinweis auszustatten wie etwa: "Dies ist kein Buch für Unverbesserliche!"
* Günter Wagner: "Die Fahne ist mehr als der Tod": Claassen Verlag, Hamburg; 302 Seiten; 14,80 Mark.
HJ-Analytiker Wagner
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DER SPIEGEL 37/1958
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