17.09.1958

WIEDERVEREINIGUNGDie Reise zum Mond

Bundeskanzler Adenauer, der - wie er 13 kürzlich bekundete - das Umlernen-Können für eine staatsmännische Tugend hält, hat an den Ufern des Comer Sees eine These von der deutschen Wiedervereinigungs-Politik, die ihm vor einigen Monaten noch abscheulich schien, zu billigen und zu vertreten gelernt. Bis dahin wurde diese These vornehmlich von Sozialdemokraten und Freien Demokraten angepriesen.
Vor rund 15 Monaten - am 28. Mai 1957 - war Adenauer mit US-Präsident Eisenhower übereingekommen, daß "ein umfassendes (Welt-)Abrüstungsabkommen ... die vorhergehende Lösung der Wiedervereinigungsfrage notwendigerweise voraussetzt". Das war die seit Genf 1955 klassische Formulierung des sogenannten Junktims zwischen deutscher Wiedervereinigung und Weltabrüstung.
In Cadenabbia hingegen bezeichnete Adenauer jetzt die Auffassung, er habe jemals diese Junktim-Konzeption vertreten, schlicht als einen "Irrtum". Er erklärte italienischen Journalisten: "Es ist ein Irrtum anzunehmen, wir seien der Auffassung, daß man kein Abkommen über eine kontrollierte Abrüstung schließen solle, ohne gleichzeitig die deutsche Frage zu lösen." Ohne jeden Respekt vor archivierten und jedermann zugänglichen Dokumenten fügte er hinzu: "Ich habe niemals etwas Derartiges gesagt. Vielleicht haben die Amerikaner das geäußert, aber nicht ich."
Adenauers erstaunlicher, wenn auch keineswegs überraschender Salto mortale -Andeutungen von dem Gesinnungswechsel des Kanzlers sind schon seit Monaten erkennbar- hat der westdeutschen Öffentlichkeit den seltenen Genuß eines harmonischen Bonner Wiedervereinigungs-Balletts verschafft, bei dem nur Außenminister von Brentano, ein treuer Anhänger der Junktim-Theorie, schmollend abseits steht - was aber in Bonn und anderswo nicht für sonderlich wichtig erachtet wird.
Bis zu des Kanzlers Wandlung gab es zwei Theorien über die Lösung der deutschen Frage,
- die der Wiedervereinigung durch Rüstung und
- die der Wiedervereinigung durch Entspannung.
Zumindest die erste ist nun ad acta gelegt. Wieweit die zweite reale Aussichten hat, wird die Zukunft erweisen müssen. Ollenhauer und seine Genossen setzen seit je große Stücke auf sie. Adenauer pflichtete ihnen jetzt bei - so in Cadenabbia: "Wenn es zu diesem (Weltabrüstungs-) Abkommen kommt, wird die Frage der Wiedervereinigung Deutschlands sich schnell lösen lassen."
Den ersten Schritt auf der neuen Wiedervereinigungs-Bahn tat die Bundesregierung am Dienstag letzter Woche: AA-Ministerialdirektor Dittmann überreichte den Vertretern der USA, der UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs eine Note, in der die Großmächte gebeten werden, auf einer internationalen (Gipfel-)Konferenz öder in einem sonstigen Vier-Mächte-Gremium Vorschläge, zur Lösung der deutschen Frage zu erarbeiten.
Die Art freilich, in der dieser Schritt ausgeführt wurde, ließ wenig Zuversicht erkennen. Der Beschluß des Bundestages; durch den die Bundesregierung mit der Abfassung einer solchen Note beauftragt wurde, war am Dienstag letzter Woche immerhin über zwei Monate alt. Erst hatte man im AA die Ausführung des Auftrags wegen der Nahost-Krise zurückgestellt, dann hatte man ihn aber schlechthin vergessen.
Die Opposition kritisierte auch, daß die Note den Geschäftsträgern der Großmächte nicht vom Außenminister, sondern nur von einem Ministerialbeamten überreicht wurde.
Tatsächlich sind die Hoffnungen, die Wiedervereinigung in irgendeiner Weise fördern zu können, weder im Regierungslager noch in der Opposition sonderlich groß. Das Äußerste, was die Bonner Politik nicht nur nach Ansicht der Regierung, sondern auch der Opposition zur Zeit in der deutschen Frage erreichen kann, ist eine Milderung des Gewaltregimes in der Zone und damit ein Zurückgehen des Flüchtlingsstroms aus der sogenannten DDR nach Westdeutschland.
Das zeigte sich denn auch bei einer interfraktionellen Konferenz, die am Mittwoch der letzten Woche im Bonner Bundeshaus stattfand. Man war sich einig, den Sowjets demonstrieren zu müssen, daß die guten Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjet-Union durch die Unterdrückung in der Zone gefährdet werden.
Diese Planungen, in denen die Resignation des westdeutschen Wiedervereinigungs-Eifers unverkennbar ist, werden überschattet von dem Wettbewerb zwischen Regierungs- und Oppositionsparteien, möglichst viel für die Weltabrüstung zu tun.
Bundeskanzler Adenauer entwickelte in Cadenabbia vor seinen italienischen Besuchern, was nach seiner Auffassung zu einem Weltabrüstungs-Abkommen gehört. Neben einem ausgedehnten Kontrollsystem für Atomwaffen müsse auch die konventionelle Rüstung beaufsichtigt werden. Diese Aufsicht müsse sich auf die Zahl der Panzer, der schweren Geschütze, der "schweren Flugzeuge" und auf die Rüstungsindustrie erstrecken. Auch die Einrichtung einer Uno-Polizei sei unerläßlich.
Der südländischen Skepsis in den Gesichtern seiner Hörer begegnete der Kanzler mit einem Einwand, den er seinem literarischen Erfahrungsschatz entnahm: "Ich sehe Ihnen an, meine Herren, daß Sie glauben, das wäre etwas à la Jules Verne gedacht. Aber seine Gedanken waren doch sehr richtig. Er hat die Reise nach dem Mond, Nautilus und die V 2 vorausgesehen."
Urlauber Adenauer: Erkenntnisse à la Jules Verne

DER SPIEGEL 38/1958
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/1958
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WIEDERVEREINIGUNG:
Die Reise zum Mond

Video 02:47

Unternehmer im Klimastreik "Ich kann das einfach nicht mehr"

  • Video "Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer" Video 00:46
    Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer
  • Video "Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen" Video 00:48
    Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen
  • Video "Grenzmauer: Trump droht Mexiko mit neuen Zöllen" Video 01:19
    Grenzmauer: Trump droht Mexiko mit neuen Zöllen
  • Video "Helmkamera-Video: Motorradfahrer filmt Klippensturz" Video 00:57
    Helmkamera-Video: Motorradfahrer filmt Klippensturz
  • Video "Seltene Aufnahmen: Video zeigt Zebra mit Punkten" Video 01:00
    Seltene Aufnahmen: Video zeigt Zebra mit Punkten
  • Video "Rambo 5: Last Blood: Blutiger Abschied" Video 01:37
    "Rambo 5: Last Blood": Blutiger Abschied
  • Video "Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke" Video 01:07
    Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Video "Verirrte Meeressäuger: Menschenkette rettet Delfine" Video 01:01
    Verirrte Meeressäuger: Menschenkette rettet Delfine
  • Video "Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video" Video 02:47
    Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Video "Wilde Flüsse in Patagonien: Mit dem Kajak ins Unbekannte" Video 01:40
    Wilde Flüsse in Patagonien: Mit dem Kajak ins Unbekannte
  • Video "Klimawandel in Spitzbergen: Wo die Winter immer wärmer werden" Video 02:54
    Klimawandel in Spitzbergen: Wo die Winter immer wärmer werden
  • Video "SUV: Wie schädlich sind SUV?" Video 02:11
    SUV: Wie schädlich sind SUV?
  • Video "Video aus Brasilien: Taucher treffen auf große Anakonda" Video 01:16
    Video aus Brasilien: Taucher treffen auf große Anakonda
  • Video "Greta Thunberg trifft Barack Obama: Fist Bumping mit dem Ex-Präsidenten" Video 01:22
    Greta Thunberg trifft Barack Obama: "Fist Bumping" mit dem Ex-Präsidenten
  • Video "Unternehmer im Klimastreik: Ich kann das einfach nicht mehr" Video 02:47
    Unternehmer im Klimastreik: "Ich kann das einfach nicht mehr"